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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag and Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1. Golbmart / / Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 10 Ma., für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Vfg., Reklamezeile 50. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld.

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Nr. 105 Dienstag, den 2. September 1924

Die fünfte Volkerbundsversammlung wnrü- in ®enf durch den belgischen Außenminister Hy man, eröffnet.

Der früher« Reichskanzler Dr. dun? wird wahr scheinlich Botschafter in Washington werden.

®s besteht Aussicht, daß die M a r i n e * j? e n t ? o 11 kommission demnächst Deutschland verläßt.

Hindenburg und Ludendorff wohnten & ß # henstein der Grundsteinlegung de» Noti ? nai - denk mal« für die Schlacht von Tannen d e: bei.

Nach London.

Die Abmachungen der Londoner Konferenz- sind am Sonnabend in London von den Vertretern der betciim^n Mächte fang- und klanglos unterschrieben worden. Die erste Vorbedingung für die Inkraftsetzung des Dawes» Planes, die Finanzierung des kranken europäischen Wirt- schaftskörpers zum größten Teil auf Deutschlands Kosten, ist

Ä Nun bleibt das weitere, nämlich pie Tatsäch lichte ii zes-Planes in natura, abzuwarten. Deutschland bat wenn auch unter schwersten Bedenken und emter schließlicher Durchdrückung immerhin recht wesentlicher Vorbehalte, diesen Vorbedingungen des Dawes-Planes gegenüber seine Pflicht getan. Wir wollen nun in den Fehler des Prophezeiens und Philosophierens nicht verfallen; wir wollen abwarten. Die allernächste Zeit wird und muß uns ja lehren, ob die Schaffung der Vorbedingungen des Dawes-Planes nun Europa, nicht einmal allein Deutschland, die Durchführung des Dawes-Planes bringen wird.

Sen wir einen Blick rückwärts auf diese Londoner ungen und ihre Gutheißung in den Parlamentes sven wir finden, daß diese Londoner Konferenz im Grun-'e genommen keinen, bis vielleicht auf einen, befriedigt hat, «er bittere Rest der Schale scheint noch größer und nach­haltiger zu sein wie nach Cannes und Genua. Ueber die Einzelheiten der Stimmungen und Gefühle, die die Lon- doner Konferenz und ihr Ergebnis in Deutschland ans- aelöst hat, wollen wir uns hier nicht auslassen. Darüber haben die soeben zu Ende gegangenen parlamentarischen, Kämpfe eine allzu beredete Sprache geführt. Aber nicht nur 'ln Deutschland, sondern auch in E n g l a n d ist man nun, wo

die Vorbedingungen des Dawes-Planes gewissermaßen perfekt lind, recht ungehalten über das ungeschminkte Ergebnis der Londoner Konferenz. Es ist wahrlich nicht zu viel gesagt, wenn man als äußerlich recht scharf zutage tretendes Er- Hebnis dieser Londoner Konferenz eine recht erhebliche Erschütterung MacDonalds als englischen Premier bucht. Es würde in politischen Kreisen nicht wesentlich überraschen, wenn in absehbarer Zeit diese Lon­doner Konferenz den Rücktritt MacDonalds herbeiführen, Mindestens recht charakteristisch beschleunigen würde. Die pn dieser Stelle noch während der Tagung der Londoner Konferenz zum Ausdruck gebrachte Anschauung, daß als vor- jnehmstes Ergebnis dieser Konferenz die Verschärfung und Vertiefung des englisch-französischen Gegensatzes anzusprechen jst, hat sich vollauf bestätigt. Aber auch in Belgien, das jes so überraschend eilig mit der parlamentarischen Ratifi- Sierung der Londoner Abmachungen hatte, ist bei näherem tzuschauen die Uebereinstimmung des belgischen Volkes mit dem, was in London gesprochen worden ist, durchaus keine einheitliche, vollbefriedigende.

Am meisten befriedigt mit dem Ergebnis der Konferenz ist ohne jeden Zweifel Frankreich Das, was sich in Paris in Kammer und Senat bei der parlamentarischen Gut­heißung der Londoner Beschlüsse abgespielt, ist als nichts «anderes wie französischer Theaterdonner zu bewerten. Ohne diese Reklame, ohne diese Geste kann nun einmal dieses Volk an der Seine nicht existieren. Allein das in die Augen springende Ergebnis einer klaren innerpolitischen Festigung Herriots gegenüber Poincars ist Beweis genug, für eine im munde genommene Beftiedigung Frankreichs mit den Er- Zebnissen der Londoner Konferenz. Wenn man vom kurz- sichtigen Standpunkt des Augenblickserfolges aus die Lon- boner Beschlüsse bewerten will, so bat auch Frankreich allen Grund zu einer vorläufigen Befriedigung. Herriot ist ohne Hot Zweifel MacDonald gegenüber in London auf der ganzen Linie der Sieger geblieben. Es ist ihm bei den Redereien in London gelungen, ohn« besonder» tief ein­schneidende Zugeständnisse dem Poineareschen glatten Völker- rechtsbruch an der Ruhr so eine AS wi« ein legales Mäntelchen umzuhängen. Der Zufriedenheü Frankreichs mit den Londoner Beschlüssen auf der einen Seite stehen die De. denken Englands und der englisch-amerikanischen Hochfinanz auf der ankeren Seite gegenüber, von Deutschland ganz zu ichiveigem^^E joH^ hat keine Harmonie, son- üern «ineDissonanz ausgelöst. Das ist ein vollkominen logisch« Schluß, wenn man sich den durchaus unehrlichen Wesenszug dieser Konftrenz vor Augen hält. Die spätere objektto« Geschichtschreibung wird nicht umhin rönnen, die grundlos unehrliche Tendenz dieser Londoner konävea» äst 6« MMt «mdWSrkW. &« ^BfMns

trat mit vielem phrasenhaften Geplänkel zusammen, um einen skandalösen Völkerrechtsbruch wieder gutzumachen, in Welt- Ordnung und Weltgewissen einzuordnen, sie endete mit einer Legalisierung dieses Völkerrechtsbruches, mit einem Tanz um das goldene Kalb, das da heißt: Gewalt geht vor Recht. Das ist das klare, nicht wegzuleugnende Ergebnis der Lon­doner Konferenz. Und als bitterer Bodensatz dieses (Ergeb­nisses zeigt sich nun der Streit oder besser gesagt der Neid der beiden Hauptkomparentizn um den fettesten Bis­sen. Realpolitisch ausgedrückt: die Verschärfung und Vertiefung des englisch-französischen Gegensatzes. . )

Deutschland, der durchaus leidende Teil bei diesem Geschäft", steht nach diesen Ergebnissen der Londoner Konferenz vor einer durchaus neuen Entwicklung der Dinge, ganz gleichgültig, welchen einzelnen Gang die Durchführung , des Dawes-Gutachtens nehmen wird. Der in London ein gut Stück weiter getriebene englisch-französische Gegensatz drängt mit Riesenschritten zur Katastrophe. Das ist der sich anbahnende zweite Akt des großen Welten-^ dramas von 1914. Und bei diesem zweiten Akt wird; Deutschland, falls es durch eigene Kraft seine inneren fatalen Nachkriegswehen zu meistern imstande ist, eine entscheidende, ausschlaggebende Rolle spielen müssen. Kr.

Deutschland und die VölkerbundS- verhandlungen.

Wie von unterrichteter Seite verlautet, nimmt die Reichsregierung an den Verhandlungen des Völkerbundes über die S i ch e r u n g s f r a g e und die G a r a n t i e v e r - träge ein lebhaftes'Interesse. Man beabsichtigt, aus der .bisher geübten Reserve herauszutreten und eigene Vorschläge zu machen. Besonderes Interesse wird nach Ansicht der Regierung der Vorschlag MacDonalds in dieser aber'Eb z-Zeiten bisher nicht bekannt geworden sind. Nach Informationen der unterrichteten Kreise hat die englische Re- zierung nebst ihren Plänen die Absicht einer Internat!o- nalisierung des Rheinlandes fallen gelassen und wird sich mit einer zeitweisen Kontrolle der deutschen Abrüstung durch den Völkerbund begnügen. Die Reichsr^ierung wird voraussichtlich, falls in dieser Frage, wie zu erwarten steht, an sie herangetreten wird, auf die Vorschläge zurückgreifen, die bereits der Reichskanzler L u n o der französischen Regierung gemalt hat. Ein engeres Zusammengehen Englands und Deutschlands in dieser Frage wird für wahrscheinlich gehalten.

Englands Furcht vor einem deutsch-französischen Handelsvertrag.

Der Rheinlandkorrespondent derTimes" lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit in England auf die Gefahr einer deutsch-französischen Interessengemeinschaft auf industriellem Gebiet und weist auf die Ausnutzung der Micumverträge für Handelsspionage für Frankreich hin. Darauf- hin erhielten die Franzosen die vollständigen Informationen über die Ruhrindustrie.

Frankreich und die deutsche KriegSschulderklärung.

Das französische Ministerium des Aeußeren gibt bekannt, daß es noch keine offizielle Mitteilung von der öffentlichen Erklärung erhalten habe, die der deutsche Reichskanzler über die Verantwortlichkeit am Kriege abgegeben hat. Die ftan- zösische Regierung kündigt bei offizieller Bekanntgabe der deutschen Erklärung sofort eine amtliche Antwort an B e rl i n an. In einer halboffiziösen amtlichen Pariser Mit- teilunq operiert man mit demAngriff Deutschlands" auf Belgien. Die Sprache der französischen Presse ist nicht nur ablehnend, sondern auch angreifend.Matin" schreibt: Selbst nach alledem, was sich ereignet habe, bestehe zwischen Deutschen und Franzosen die Möglichkeit der Verständigung, : aber nur unter der Bedingung, daß manvonTat- suchen und vom Morgen, nicht aber von Ge­fühlen von Geschichte und vom Gestern rede" Immerhin rechnet man in politischen Kreisen mit einem ernsten diplomatischen Konflikt. In diesem Zuge ist bezeichnend eine Aeußerung des früheren französischen Ministerpräsidenten

Millerand über das Sicherheitsproblem.

Gr sagt imEcho de Paris":In Wirklichkeit hat die An- ' Wesenheit der Franzosen im Ruhrgebiet schr merklich den französischen SicherMskoeffizienten vermehrt, wie der Jimf. zug aus dem Ruhrgebiet ihn vermindern würde. Das ist unbestreitbar, und darum ist die Räumungsfrist auf ein Jahr estgesetzt worden. Er, Millerand, sei der erste gewesen, der m Februar 1920 den französischen Standpunkt formuliert habe, daß die Räumungsftisten noch nicht zu laufen begonnen hätten. Alle späteren französischen Regierungen hatten di en Standpunkt geteilt. Auch Herriot hatte aus der Senats- tribüne kürzlich diesen Standpunkt zu seinem eigene« gemacht." .'

Eröffnung der Völkerbundstagung.

Den Auftakt für die Verhandlungen des Völkerbundes in Genf bildeten zwei F e st g o t t e s d i e n st e,. an denen zahlreiche Vertreter der auswärtigen Delegationen, teil- nahmen. Der erste Tag ist einer Reihe von, Formalitäten gewidmet. Die Sitzung wird durch den belgischen Außen­minister H y m a n s eröffnet. Der erste Punkt der Tages- Ordnung ist die Wahl des Präsidenten, zu dem bei den früheren Versammlungen meist ein Südameri-s lauer bestellt wurde. Allgemein wird angenommen, daß i der frühere schweizeris che Bundespräsident den Vorsitz führen werde. Am Dienstag wird der General­sekretär Sir Eric Drummond den Bericht über die Tätigkeit des Völkerbundes seit der letzten Ver- sammlung vorlegen. Am Mittwoch erwartet man die große, Generaldebatte, an der sich Herriot und Mac»! Donald beteiligen werden.

An der Montagsitzung nahmen allein 14 Außen-^ minister teil. Zahlreiche offiziöse Beobachter aus Deutsch-: land, Amerika, der Türkei und Rußland haben auf der Diplo-: matentribüne Platz genommen. Vertreter von 50 Na- Honen sind anwesend. Hymans drückte in seiner Eröff-^ nungsrede seine Beftiedigung über den Londoner Vertrag aus, deren Geist internationaler Zusammenarbeit sich noch weiter entwickeln müsse, erwähnte sodann die bevorstehende Ankunft MacDonalds und Herriots und schloß mit der Hoffnung, daß die Erörterung des Entwaffnungs- und Sicherheitsproblems ftiedliche Lösungen bringen möge.

0r. Euno amerikanischer Botschafter?

Die Meldungen, wonach der Botschafter in London, Dr. Sthamer, demnächst von diesem Amte zurücktreten ollte, sind »ach Mitteilung von zuständiger Seite unzutref- end. Man erklärt, daß im Gegenteil die Stellung des Bot- chafters im Verlaufe der Londoner Konferenz sich gefestigt jabe und die Hoffnungen der zahlreichen Bewerber um diesen Posten dürften sich vorläufig nicht erfüllen. Was die Wieder- uc» ... u , y i ^*-A*^4

wirb der Botschafter Wiedfeld bekäuntlkch Ende Septem­ber nach Deutschland znrückkehren. Ueber seine Nachfolger- schast wird zurzeit von der Reichsregierung noch verhandelt, und zwar in erster Linie mit dem früheren Reichs­kanzler vr. E u n o. Diese Verhandlungen dürsten sicher zum Ziele führen.

Um denBürgn block".

' Die Verhandlungen' zwischen den Parteien und der Reichsregierung über die Beteiligung der Deut s ch. nationalen an der Regierung sind vorläufig bis zum Wiederzusammentritt des Reichstages vertagt worden. Der Reichstag wird infolge der sozialdeniokratifchen Obstruktion wahrfcheinlich schon in der letzten Septemberwoche zusammengerufen werden. Me Mittelparteien wer­den ihre Stellung zur Bürgerblockbildung wahr­scheinlich davon abhängig machen, wie sich die Sozialdemo- kratte im weiteren Verlaufe der Verhandlungen über die Zollvorlage stellen wird, denn ein großer Teil der Demokraten besteht auf ablehnender Haltung gegen die Zollvorlage. Die Parteileitung äußert ihre Bedenken dagegen, weil sie sich sagt, daß auf diesem Wege das Zentrum und die Deuffche Volks- partei zu einem engeren Anschluß an die Deutschnationale Volkspartei bewogen werden. Jedenfalls ist damit zu rechnen, daß bei h a r t e n K ä m p f e n um die Zollvorlage die Mittel- parteien auf die Deutschnationalen zurückgreifen und alsdann auch zu einer engeren Zusammenarbeit gneigt sein werden.

Houghlon über die Anleibe.

Der amerikanische Botschafter in Berlin, Sough. 1 o n, der auf seiner Ferienreise in New York eintraf, begab sich auf Wua.'ch der Regierung $unndnt nach Washington, um an einer Anleihebesprechung teilzuneh- mc». Houghton erklärte Pressevertretern, da« die deutsche Anleihe von 800 Millionen Goldmark be,,ere Sicherheiten habe, als jede bisher aufgelegte internatio- nate Anleihe, da hinter ihr die ganze deutsche Natron stehe. ______

Um den Achtstundentag.

r Reichsarbeitsminister Dr. Braun, wird sich, zu einer Konferenz über die Arbeitszeitftage nach Genf begeben und dort mit den Ministern der anderen Länder zusammentreten. Vorher finden noch Besprechungen mit den Arbeitsvertretern der Epitzengewerkschaften statt, worin der Arbeitsminister Er­klärungen abgeben wird über die Haltung, die er in dieser Sache einzunehmen gedenkt. Wie aus unterrichteten Kreisen verlautet, steht das Reichsarbeitsministerium einer inter» nationalen Vereinbarung über dieArbeits, z e i t f r a g e nicht unbedingt ablehnend gegenüber, wenn es sich auch durchaus vorbehält, einer solchen Vereinbarung nur dann beizutreten, wenn die Souveränität DeutschlandsdadurchinkeinerWeisebeein- ,t r ä ch t i g t wird. Die Gewerkschaften werden von dem dieser Verhandlungen voraussichtlich ihre weitere« in der Frage von der Dolksentscheidung abhängig

Ergebnis