Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 108 Dienstag, den 9. September 1924
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— Der französische Botschafter in Berlin ;pM5 am Sonntag im Auswärtigen Amt wegen der bevor- stehenden Notifizierung der amtlichen deutschen Erklärung zur Kriegsschuldfrage vor.
— Die Grundlagen zu den bevorstehenden Be» sprechungen über einen d«utsch-französischea Handelsvertrag sind mit den einzelnen Wirl» schaftsverbänden bereits in grobenUmrissendurch. besprochen worden.
— Deutscherseits ist das formelle Ausliefe- rungsverfahre» gegen die Erzbergermörder bei Ungarn offiziell eingebeitet worden.»
Deuffchland und Genf
Nach einer Genfer Hanas-Meldung war ursprünglich beabsichtigt, daß MacDonald und Herriot auf der Genfer Völkerbundtagung nicht mehr sprechen werden. Sie haben nun bei den Annahme der englisch-französischen Resolution über Ab- rüstung und Sicherung doch noch einmal das Wort ergriffen. Die „Einigungsresolution" in Genf ist für denjenigen, der die diplomatische Sprache zu lesen versteht, ein recht fadenscheiniges Machwerk, das die Künstlichkeit dieser Einigung unschwer' erkennen läßt. Die große Hoffnung wird auf die komm. de internationale Abrüstungskonferenz durch Vermittlung des Völkerbundes gefetzt. Im übrigen werden die dritte und die erste Kommission des Völkerbundes eigentlich beauftragt, die Vorarbeiten für eine Einigung herzustellen, die bisher noch nicht erzielt worden ist. Herriot und MacDonald find vor den Augen der Welt brüderlich vereint gemeinsam bis nach Paris in einem Salonwagen gefahren, ihre Schlußreden in Genf ließen aber für das kundige und aufmerksame Ohr die A nt er töne einer tiefen Resignation — '^JR^ÄM^^^ ' WM^W^-kM. - «MMMM»
sprach mit temperamentvoller Entrüstung von der „Schande der miliiaristischeu Zustände in der Welt", und Herriot war sogar so deutlich, Belgien und Italien direkt zu. apostrophieren.
Mit der einstimmigen Annahme dieser englisch-fianzösischen Eini g ungsres olution ist der H a u p t t e i l der fünften Völkerbund »versammlung in Genf eigentlich erledigt, wenn man nicht etwa den Ruf nach bem Beitritt Amerikas und Deutschlands zum Völkerbund als dorr Wesens» kern dieser fünften Völkevbundversammlrmg in Genf an- tzrrechen will. Nicht uninteressant ist die von einem bekannten politis Blatte Deutschlands recht sensationell auf- Lesart über das nicht erwartete nochmalige Er- MacDonalds und Herriots auf der Genfer Redner-
chkibüne. Hiernach sollte ursprünglich englischerseits nicht MacDonald, sondern der englische Arbeiterführer H e n d e r - "^ung nut einer aus»
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s-rüMchen Unterstreichung der unbedingten Notwendigkeit -des Beitritts Deutschlands in den Völkerbund sprechen. Silber fort sei aber durch die Gerüchte über die bevorstehende
r in der Lage gewesen, einen derartigen Appell von lassen „angesichts der Erregung, die über diese ‘ * --“V. Weiter leistet sich bei
Stapel zu lassen „angesichts der ( Aktion Deutschlands in Genf besteh!
Hier Wiedergccke dieser Wandelgangslesart jenes „ouchdeutsche" politische Matt noch folgende recht bezeichriende «Märung: „Der als ein warmer Freund Deutschlands be« tannte Delegierte eines der führenden neutralen Staaten er- Sorte dem Chefredakteur dieses Blattes im Laufe eines Ge» Grüches, das er mit ihm in den Wandelgängen des Versamlungssaales hatte: „Von der Handlungsweise Deutsch» Hands selbst hangt geradezu das Schicksal (Europas für die
Meser M der ganzen Raffinesse einer politischen Sen» ssMan curfgenmchte Sab otierun g»versuch der be- Worstehen den Notifizierung der deutschen L^iegsschulderklärung ist wieder einmal eine Handlungsweise, die geeignet ist, jedem Deutschen, der sein Vaterland liebt, dem deutsche Ehre kein leerer Schall und Rauch ist, gleichviel, ime er sich sonst innen- wie außenpolitisch die deutschen Geschicke ausmalt, die helle Zornes- und Schain. röte ins Gesicht zu jagen. Bei einer Beurteilung dieser un» KUKKKr ÄÄÄ,f* Ä^ das journalistische Ungeschick j«» „fithrenden Politikers", diesen mit allen Mitteln der p-lttischen Sensatlon aufge» machten unerhörten Vorstoß geg-« ^ amtliche teutsche Kriegsschulderklärung selbst «L MaudePadachprach"d. h. mit anderen Worten als ^»lttischen Klatsch" zu , eine KennzeichnrmZ, die «m so überzeugender .. wirken muß, als der „warme Freund Deutschführenden neutralen Staates" schünng nicht mit
aufge.
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treten Mac Donalds unb Herriots auf de «Er» lediglich veranlaßt wurde von dem Var zeigende Muft zwischen englischer mrd
* “ Woqe nach Tätlichkeit, wenn m
auch Amerika und England, die durch das Wirken Wilfons und Lloyd Georges W dcP Versailler Vertrag imanerhin nicht unerheblich vorbelastet die amtliche deutsche Kriegsschulderklärung nicht in Gen Kram paßt, ist so erklärlich, daß es weder eine politische Neuigkeit, noch etwa gar eine politische Sensation ist.
Es ist aber ein geradezu unerhörtes Benehmen eines angeblich führenden „d e u t s ch e n" Journalisten, bei der augenblicklichen nationalen Notlage Deutschlands durchs sensationelle Ausschlachtlmg und Verbreitung derartigen, recht wenig beweisbaren K u l i s f e n t r a t s ch e s die Position des ?lus- landes zu stärken und die Deutschlands zu schädigen, mindestens zu lahmen. Die amtliche Erklärung der deutschen Reichsregierung gegen die Kriegsschuldlüge ist der frei« willig von der deutschen Regierung dem deutschen Volke dargebrachte Gegenpreis für die Uebernahme der recht empfindlichen Dawes-Lasten durch das deutsche Volk, sie soll ferner ein Sicherheitsventil dafür fein, ferneren Völker- rechtsbrüchen und Bedrückungen nicht wieder seitens der Völkerrechtsbrecher und Bedrücker ein fadenscheiniges Män- telchen des Rechtes umhängen zu können. Dieser skandalöse Vorstoß eines „deutschen" Journalisten in Genf muß umso schärfer gebrandmarkt werden, weil nach Lage der Sache der begründete.Verdacht nicht von der Hand zu weisen ist, daß dieser Ritt gegen die amtliche deutsche Kriegsschulderklärung aus niederen rein parteipoliti»' scheu M a ch t g e l ü st e n heraus erfolgte. Wir bedauern dieses undeutsche Berrehmen eines deutschen Journalisten auf das tiefste und wollen nur hoffen, daß nunmehr die deutsche Reichsregierung um so nachdrücklicher u n d e n e r g i s ch e r die angekündigte Notifizierung der amtlichen deutschen Kriegsscharl-erklärrmg vollzieht. R—r.
Um die AoiWewng her deutsche« KnegMMeMmW.
Ueber die von der Reichsregierung bezüglich der Noti- Werrmg der Deutschen Kriegsschulderklärung einzuleii enden Schritte befindet sich Staatssekretär Freiherr von ■ltell^M<»^^^WilWWfe^Mäm
GedankenaUstaüsch mit der französischen, der englischen und der italienischen Botschaft sowie mit der belgischen Gesandtschaft. Von den Bevollmächtigten der fremden Staaten wurde hervorgehoben, daß der Zeitpunkt für eine sofortige Notifizierung der deutschen Note über die Kriegsschuldfiage im Augenblick ungünstig sei. Am Sonntag war der franzöfis cheBot- schafter bei Herrn von Maltzan. Man kann diese« Besuch als offizielle Demarch auffassen. Die anderen Staaten haben aber keinen solchen Schritt unter« nommen. Die Nachrichten, die über einen Brief des Reichskanzlers an die Oeffentlichkeit gekommen sind, find nicht richtig. Sie sind zurückzuführen auf die Sondierungen aus dem Kreise der Entente. Anderseits ist man aber, wie aus der Meldung hervorgeht, in direkte Fühlungnahme getreten. Ein Brief des Reichskanzlers, um die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zu erreichen, liegt nicht vor. Der Reichskanzler wird Ende dieser Woche oder Anfang nächster Woche erwartet. Es ist anzunehmen, daß der Außenminister im Laufe dieser Woche in Berlin ankommen wird. Dann wird sofort eine Kabinettssitzung anberaumt werden, um über die Fragen zu beraten, die mit der Absenkung der Rote über die Kriegsschuldfrage in Zusammenhang steht.
Ueber den Schritt des französischen Botschafters wird iroch berichtet: Der französische Botschafter in Berlin, Herr de Steigerte, hat am Sonntag dem Statssekretär Frhrn.
v. Maltzan als dem Vertreter des zurzeit beurlaubten Außen» Ministers im Auswärtigen Amt einen Besuch abgestattet. Herr de Margerie gab die ErMrung ab, daß es die französische RegiMtag für außerordentlich inopportun er» at^e, wenn Deutschland jetzt die angekündigte Kriegsschuldnote absenden würde, da die Notifizierung in Frankreich auf die Regierung wie auf die Oeffentlichkeit einen peinlichen Eindruck hervsrrufen »Srde. Weiter machte der Botschafter darauf aufmerksam, daß eine schwereBehinde- r u n g der in London und Genf eingeletteten Friedenspoliti entstehen müßte, wenn «die Absicht der Avfrollung der Kriegsschuldfrage j^t verwirklicht würde. Herr v. Maltzan soll, wie verlautet, dem französischen Botschafter zu verstehen gegeben haben, daß die deutsche Regierung nichtohne weiteres von der Absendung der Rote adsehen könne, da sie sich an die Zusage, die die Absenkung der Rote zur Bedingung für die Annahme der Dawes-Gefetze gemacht habe, gebunden fühle.
Die Enttvickelung der außenpolitischen Lage in den letzten Tagen wird voraussichtlich den Reichskanzler und bot Reich sau ßenminister zu einer Unterbrechung ihres Urlaubs nötigen, um in einer Besprechung das weitere Verhalten der Reichsregierung festzulegem Der Termin dieser Besprechung steht noch nicht genau fest, mmn rechnet jedoch damit, daß noch Ende dieser Woche der Reimsaußenminister den Reichskanzler in seinem Sommer- »Mjenthalt am Bodenfee aufsuchen wird, um sich bann nach «der Schwerz zu begeben, wo er mit merhreren ausländischen Sioäksinännewt Fühlung zu nehmen gedenkt. Die Besprechung
mit dem Reichskanzler dürfte auch Klarheit darüber bringen, ob und wann die U e b e r m i t i l u n g der deuts che n K r i e g s s ch u l d n c erfolgen soll. In Kreisen der bürgerlichen ; e ien find in den letzten Sagen Bestrebungen hervorgerceten, die Beratung der sozial- denrokratischen Interpellation über den Eintritt Deutschlands in den Böl^rbund auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Das Auswärtige Arnt steht diesen Bestrebungen nicht fern, da es den Zeitpunkt zu einer solchen Erörterung für sehr ungeeignet hält. Es ist der Ansicht, daß eine sofortige Meldung zwecks Eintritts in den Völkerbund ein sehr zweifelhaftes Experiment fei, mei ibte Aufnahme in den Völkerbundrat eine Menge Schwierigkeiten aufrollen müsse und weil andererseits nichts geschehen oürfe, was in den Vereinigten Staaten und Rußland verstimen könnte. In An^rika sei die zurzeit herrschende republttanische Partei beut Völkerbund sehr abgeneigt, und es sei fraglich, ob die amertfia« nischen Wahlen darin eine Aenderung bringen würden.
Die Grundlagen des deutsch-französischen Handelsvertrages.
Die Besprechungen der Reichsregierung mit den Vertretern der deutschen Mrtschaftsoerbände über die Grundlagen des deutsch-französfichen Handelsvertrages kommen in den nächsten Tagen zum Abschluß. Es ist eine Einmütigkett erzielt worden über die Mindestforderungen, die Deutschland dabei zu stellen hätte, besonders sollen die Interessen der badischen Industrie berück- sichtigt werden. In Frage kommt rm großen und ganzen der Schutz der deutschen Industrie für die französische Sinführkon- kurrenz, insbesondere rvas Luxuswaren anbetrifft, als die Forderung dcnctscher Ausfuhr nach Frankreich. Im Laufe der Woche wird auch die Zusamacenfetzm^g der deutschen Dele- dje sich,in der ersten Oktoberhälfie
Von den beteiligten Ministern wird voraussichtlich keiner nach Paris gehen. In unterrichteten Kreisen wird im Ztrsammen- Hang damit noch betont, daß von irgendwelchen Sonder- abmachungen mit bett deutschen und französischen Wirtschasts- geuppen vorläufig nicht die Rede sein kann. , .
Die, die mchi zurückkeh; en dürfen. . . .
Nach Düfselborser Meldungen sind die sechs Beamten, die nicht zurückkehren dürfen, folgende:
Regierungspräsident von Düsseldorf Dr. Grützner, Landrat Schoene von Essen,
Polizeipräsident Riedermeyer von Essen, der Bürgermeister von Recklinghausen, die Polizeiinspettoren von Kerne und Wanne.
In Durchführung des Londoner Paktes hat der Ober- kommandierende in DnffÄdorf die Entscheidung getroffen, daß alle aus dem Ruhrgebiet mrd aus dem Brücken- köpf von Düsseldorf ausgewiefenen Personen das Recht haben, zur ü ckz u k ehren, mit Ausnahme der oben angeführten 6 Personen, ferner fyit der Oberkommandierende eine Anweisung erlassen, daß im Ruhrgeb'et gemäß 8 7 des Londoner Paktes alle schwebenden Ausweis« ngsverfahren eingestellt und die nochrttcht verbüßten Strafen im Gnadenwege erlassenwerocn.
Gchon wieder ein französischer AnfVanschwindel.
Wir berichteten neulich von einem großen Reparation», ftanbal in Lilie. Nun verzeichnet der Pariser „Quotidien" einen neuen noch weit größeren Skandal aus der Gegend von A r r a s. Dort hatte kurz vor dem Kriege ein Kaufmann eine Zuckerfabrik bei Boyelles für 120 000 Franken getauft, die zum Teil im Krieg zerstört wurde. Der Inhaber meldete Schadens ersatzausprüche in Höhe von 5,7 Millionen Franken. Erst jetzt wurde die Angelegen- Hett untersucht und von Sachverständigen festgestellt, daß die Schadensersatzansprüche in Wirklichkeit sich nur auf 185000 Franken beliefen. Endlich befaßt sich das Ge» richt mit der Angelegenheit.
Eine Konferenz der Arbeitsmimster.
In Bern findet eine Arbeitsmintsterkonferenz statt. Es ist zum erstenmal gelungen, die Ressortminister bet vier beteiligten Länder England, Frankreich, Belgien und Deutschland zu vereinigen. Me Konferenz wird den Ehcrrakier einer vertrau! ichen Besprechung habe». Zur Debatte stcht der Achtstund entag.
Der Bürgerkrieg in Eftma.
Der Times-Korrespondent meldet aus Schanghat,,- daß scharfe Zusammenstöße stattgefunden hätten, bet welche« j der Vorteil im allgemeinen auf Seiten der Sckekiarlgrrur««»! lag, die im großen und ganzen bessere Soldaten p seb»! WW, W» sie auch weniger zahjvM Wd. Das HmeKM-i