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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1. Goldmark / / Anzeigenpreis für die einspaltige Vetltzetle oder deren Raum to %fg fit amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Vfg-, Reklamezeile 50 Vsg. / / Druck a. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in SseSfelb,

Mitglied des Vereins Deutscher Aeitungs-Werleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. S.

Nr. 110

Sonnabend, den 13. September

1924

ÄÜÄ

Die deutsche Wirtschaft nach den Londoner Beschlüssen.

Bekanntlich schweben seit längerer Zeit Erwägungen in­nerhalb der Reichsregierung, die R e i ch s bahngüter- tarife demnächst herabzufetzen und auch andere Erleichte­rungen für den Frachtverkehr zu gewähren. Diese Absichten haben in französischen und besonders in e n g l i s ch e u Wirtschaftskreisen starkes Befremden hervorgerufen, da man in den Kreisen der englischen Industrie, die ohnehin den Londoner Vereinbarungen mit starker Reserve gegenüber« stehen, eine erhebliche Konkurrenz der deutschen Wirtschaft befürchtet. Zwar haben sich die Bedenken der englischen Wirtschaftskreise noch nicht so weit verdichtet, daß sie einen förmlichen Schritt bei der englischen Regierung unternommen haben, aber man ist in den maßgebenden Kreisen der Reichs« regierung davon unterrichtet, daß die englische Industrie einen stetig wachsenden Druck auf ihre Regierung ausübt, um sie zu einem Vorgehen in dieser Frage zu veranlassen. Neuerdings hat es nun den Anschein, als ob die englischen und franzö^ fischen Wirtschaftskreise eine unmittelbare Einwir« kung auf den künftigen Verwaltungsrat des deutschen Eisenbahnen versuchen würden, um auf diesem Wege Einfluß auf die deutsche Tarifpolitik zu ge­winnen.

Demgegenüber wird von unterrichteter Seite betont, dass die Reichsbahn vorläufig noch Eigeirtnm des Deutschen- Reiches ist und bis zu der förmlichen Uebergabe an das Inter­nationale Konsortium die Tarifpolitik noch völlig selbständig von der Reichsregierung geregelt werden kann. Es ist daher auch nicht zu erwarten, daß sich die Reichsregierung durch solche Bestrebungen in ihren Absicht«: irgendwie beirren läßt. Es ist mit der Veröffentlichung der neuen Frachtsätze in ab­sehbarer Zeit zu rechnen. Weiter wird darauf hingewiesen, es bestehe wenig Wahrscheinlichkeit, daß sich der künftige Ver- waltnugsrat der deutsch«: Eisenbahn den Wünschen der eng­lischen Wirtschaftskreise fügen werde, da auch ihm daran ge- lsaen sein muß, nicht nur aus den Eisenbahnen einen mög- . m^^,^. -,-".- »y - -^istrE-'-HW>MMMW^ sche Wirtschaftsleben nicht durch überspannte Tarifpolitik zu gefährden, zumal das ganze Gelingen des Sachverstano -r-n- vjlanes davon abhängt, daß die deutsche Wirtschaft lebenssuhig erhalten und damit die Zahlungsfähigkeit Deutschlands er­halten bleibt.

Um die Räumung Dortmunds.

An eine sofortige und vollständige Räumung Dortmunds, so erfahren wir an zuständiger Stelle, glaubt man deutscherseits nicht. Die Stadt Dortmund wird wohl endgültig erst Mitte Oktober; (die französischen Zeitungen sprachen vom 20. Oktober) von oen fremden Truppen befreit fein. Aus den vor­liegenden Meldungen scheint bisher nur das eine her» Vorzugehen, daß man von einer Verminderung ver B c j n tz u n g reden kann. Oberhausen war np« sprnngkich, als das Ruhrgebiet besetzt wurde, nicht Gar­nison. Es wurde erst später belegt. Wenn jetzt die Garnison aus Oberhaufen wieder sortgenommeg. wird, wird nur der ursprüngliche Zustand wieder her- gestellt. Das Gebiet von Oberhausen wird durch die Räumung nicht betroffen. Vielleicht gehört das Heraus- «ehmen der Truppen aus Oberhausen in das Gebiet der sogenantenu n sichtbaren Besetzung". Es steht nicht fest, ob die Truppen, die bisher im Einbrnchs- gebiet standen, in ihre Heimat geschafft oder ob sie im altbesetzten Gebiet weiter verwendet werden. Die Belgier haben erklärt, sie würden Truppenteile direkt nach Belgien zurückverlegeu. Ob dafür andere Regimenter ins besetzte Gebiet kommen, st e h t d a h i n.

Amnestie hin Amnestie her.

Die Franzosen verhafteten in Wittlich bei Trier den Rektor Olk, weil bei der Verfassungsfeier in der Schule das LiedDeutschland über alles" gesungen wor­den war. Der Verhaftete wurde sofort nach Trier über­geführt.

Der Kampf um die Zotlvorlage.

Die Mißernte, die in vielen Gegenden Deutschlands in­folge des ungünstigen Wetters vorhanden ist, hat dazu ge­führt, daß von feiten der Landwirtschaft und insbesondere des Reichslandbundes weitgehende Forderungen an die Re- gierung hinsichtlich langfristiger' Kredite, Steuer st undungen und ZinserMäßigungen gestellt worden sind. In linksgerichteten Kreisen besteht durch- aus die Neigung, diesen: Wunsche soweit entgegenzukommen, wie es die Finanzlage des Reiches und Preußen irgendwie gestattet. Es ist auch damit zu rechnen, daß das P r e u ß i f ch e Landwirtschaftsmini st erium für ein möglichst weites Entgegenkommen der Landwirtschaft gegenüber em« tritt. Dagegen dürste es wohl bei der ZollUrlage sehr ernsten Kämpfen zwischen der rechten und linken'Seite des Hauses kommen. Von der Reichsregierung wird d in- gegenüber schon heute betont, daß es sich bei der Zollvorlaae nicht nur um die Lebensfähigkeit der deutschen Wirtschaft E die nächste Zeit handle, sondern daß man vor allem eine brauchbare Waffe in die Hand bekommen wolle, um in den bevorstehenden Handelsvertrags-Verhaudlungen mit F^nk» reich, Belgien und den Oststaaten eine gesicherte ©runbieg? zu haben, damit man nicht Atmungen ist, sich den Wünschen bet

fremden Maaten ohne weiteres fügen zu müssen, sondern bei mangelndem Entgegenkommen zu Gegenmaßnahmen schreiten kann.

Der Bürgerkrieg in Georgien.

Telegramme aus Moskau deuten an, daß der Bür­gerkrieg in Georgien seinen Fortgang nimmt. Aus Konstanti­nopel wird gemeldet, die georginischen Patrioten hätten T i f - lis eingenommen und greifen jetzt Datum an. Die Sowjets verfolgen eine Politik des Schrecke u s. Jeder georginische Patriot, der ihnen in die Hände fällt, wird hingerichtet.

Vom f. Oktober ab wird das Hersfelder J

Kreisblatt wieder unter dem Titel Hersselder Sägeblatt |

an jedem Wochentage erscheinen. Wir kommen = hiermit einen: oft üus unserem Leserkreise ge- äußerten Wunsche nach und geben uns dabei der Hoffnung hin, daß sich zu unserem alten treuen Leserstamm noch recht viele neue Bezieher finden werden.

Das Hersfelder Tageblatt wird über alle J wichtigen politischen und unpolitischen Ereignisse J in schneller übersichtlicher Weise berichten unter £ Benutzung eines hervorragenden Nachrichtendienstes 2 und wird sich die Pflege des lokalen Teiles ganz 2 besonders angelegen sein lassen. Von keiner Partei £ oder bestimmten politischen "Michtung gptz^M wird Einsendungen, die ein öffentlichen Interesse £ zu beanspruchen haben, weitgehendst kostenlose £ Aufnahme gewährt.

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jKreisblatt).

Kampfesruhe an der chinesischen Ironi.

Keine Intervention Japans.

An der chinesischen Front herrscht Ruhe. Die Auf­regung der fremden Bevölkerung in Schanghai ist einet ge­wissen Beruhigung. gewichen. Aus Portung wurden ;>' 00 Kilogramm (fünfzigtausend) Dynamit entfernt. Die he Regierung hat der Forderung der Bereinigten Staaten, ng* lands, Frankreichs und Japans auf N e u t r a l i f i e r u n g einer Zone um Schanghai nun doch z uge - st i m m t. Der Verkehr auf der Bahn nach Tientsien und Puntaw ist völlig in Unordnug geraten. Nach einer Meldung aus Schanghai sind dort weitere fünf amerikani­sche Zerstörer eingetroffen. Nach einer Meldung aus Tokio hat die japanische Regierung erklärt, sie beabsichtige nicht, sich der Vermittlungsaktion der Mächte in Ehina anzu schließen. Ein möglicher Meinungs­austausch der Großmächte wird aber von dieser Msicht nicht berührt.

Die MacOonald-Knse in England.,

Die Londoner Presse veröffentlicht eine aufsehenerregende Mitteilung über eine Kapitalbeteiligung des Ministerpräsidenten MacDonald an einer schottischen Zwiebackfabrik. Am 12. März b. I. wurde im Bureau der Handelsgesellschaft in Edinbum ein Dokument registriert, wonach MacDonald, Downing-Sd et 10, London, Mitglied des Geheimen Rates, 30 000 Borzu s- aktien zu einem Pfund per Stück erhalten l>at, und zwar von der Firma Mc. Bitte an Prior, einer der grösstes V's- kuit und Zwiebackfabriken des Landes, mit einem V .vital über eine Million Pfund. Darüber ist eine große Erve urg entstanden. In der Wohnung des Premierministers hagelt es von Anfragen, und da keinerlei befriedigende Erklärung

weder von feiten der Arbeiterpartei, noch von feiten der Re. gierungsümter zu erhalten war, ist ein Telegramm nach Schottland geschickt worden mit der Bitte um Aufklärung des Tatbestandes. Das veröffentlichte Vorwort MacDonalds xu feinem bekannten Buch hat ebenfalls eine gewisse Sen- fation hervorgerufen und wird von feiten seiner guten Freunde, besonders von Lansbury, in einem Artikel im Evening Standard" scharf kritisiert, worin der bekannte Arbeiterführer seinevollkommeneUeberraschung rusdrückt und sagt, er könne diese Ausführungen AtacDo- .mlds nicht verstehen. Heide Nachrichten, sowohl das Vor­wort zu seinem Buch wie die Nachricht über die Kapital­beteiligung an der schottischen Zwiebackfabrik, sind kennzeich­nend dafür, daß die politische Schonzeit für den englischen Ministerpräsidenten ihr Ende erreicht hat, und daß man of­fenbar der Meinung ist, daß die Zeit ausreichend war, um ihm Gelegenheit zu geben, seine Fähigkeiten zu beweisen. Bislang sind alle persönlichen Angriffe auf ihn unterblieben.

Ein italienischer Börfenskandal.

k Die römische Polizei hat im Zusammenhang mit sensatio­nellen Baissemanövern einer Finanzgruppe mehrere Haus- suchungen in Rom vorgenommen, darunter auch bei einer in römischen Börsenkreisen bekannten Persönlichkeit. Wie die Tribuna" berichtet, hatte die Baissebewegung am 2. Sep­tember eingesetzt, indem die falsche Nachricht verbreitet wurde, die Banoa Agricola Jtaliana in Turin, deren Hauptaktionär der Großindustrielle Gualino ist, befinde sich ^Zahlungs­schwierigkeiten, weshalb die Banca Commerciale ein­gegriffen habe. Dieses Börsengerücht wurde dann de­mentiert, hatte aber bereits seine Wirkung getan. Am gleichen Tage wurde das Gerücht von einem Attentat auf Mussolini verbreitet, so daß besonders die Staatspapiere weiter zurückgingen. Zur allgemeinen Unsicherheit der Börsenkreife wurde noch die Nachricht von dem Die b sta h l in der staatlichen Werttiteldrucke­rei in Turin weit übertrieben. Man vermutet ein Ueber-

einkommen zwischen 7 bis 8 Spekulanten an verschiedenen Börsenplätzen. Schließlich beteiligte sich auch das Publikum an der Baissebewequng, so daß die Staatstitel ginge n. Die Verkaufsorders kamen vorwiegend aus Tu- rin, wo die Börse am schwächsten war. Die Polizei nahm nun zahlreiche Verhöre vor von Wechselagenten und Spekulanten. In der Bank Max B o n d i inRom wurde eine genaue Untersuchung vorgenommen. Im Kassenschrank wurden viele Bücher und Dott:mente beschlagnahmt. Auf Grund der Er- gebniffe dieser Untersuchung hat der Staatsanwalt dann die Verhaftung des Direktors der Bank, Olindo Fiorani, angeordnet, der in Bank- und Börsenkreisen der Hauptstadt sehr bekannt ist. Der Haftbefehl wird mit Spe­kulation und Verbreitung falfcher Nachrichten begründet.

Die Auslieferungsverhandlungen mit Ungarn.

Der verhaftete Erzberger-Mörder Schulz hat ange­geben, daß er mit einem wegen der Bombenaffäre verhaft, teten Mitglied der VereinigungErwachende Ungarn" im Verbindung gestanden habe. Die deutsche Regierung bal; Hren Wunsch zu erkennen gegeben, mit Ungarn einen Gcgerv» seitigkeitsvertrag zur Auslieferung von Verbrechern vPu* schließen. Die ungarische Regierung vertritt hierbei bert Standpunkt, daß dem Vertrag eine rückwirkende Kraft zu-i erkannt werden müsse; die deuffche Regierung ist dagegen^ der Ansicht, daß es triefe für politische Verbrechen nicht gÄe,«

Polen sichert feine Ostgrenze.

An der polnischlitauischen Grenze haben sich triebe» zahlreiche Freischärler zusammengetan, die bewaffneten mehtz als 1000 Mann starken Banden das Grenzgebiet beu big* ten. Angesichts der Gärung unter den Ukrainern unk geig, rüsten in den Ostprovinzen wird ein neues polnisches e nz* schntzkorps gebildet, das aus fünf Brigaden zu je vic Ba* taiHonen Infanterie und vier Schwadronen Kavallerie be* steht. Weiter sind seitens Polens zwei Generale nach Dem Osten entsandt worden, was auf eine Militarisierung! der Verwaltung im Osten hindeutet.

Unruhen in Znören

DerMattn" meldet aus S: mla in Indien, daß in Kohat große Unruhen zwischen Hindus und Mo­hammedanern ausgebrochen sind. Man zcchlt 10 Tote und über 20 Verwundete. Die Hindus, die am meisten gelitten hatten, verließen die Stadt.

Die Schwierigkeiten der Spanier in Marokko.

Durch die anhaltend schlechte Witterung ist die Lage der spanischen Truppen wesentlich erschwert. Die Verbindung zwischen E e u t a und dem U ad - E I - L a u ist unterbrochen, so daß man außerstande ist, den dort kämpfenden Truvpenl Des Generals Serrai: o sowohl Lebensmittel zuzuführer^t als auch die zahlreichen Verwundeten aus den letzten Kampfeq absufransportieten. Da die Kämpfe auf dem Gebiete be» Beni-Hizmar, Bein-Said und Beni-Hassan an Heftigkeit zu-, nehmen und diese Stänime unmittelbar auch das nächste Vcn>! derland von Ceuta bedrohen, ist es auch nicht möglich, SBew stärkungen nach dem Uad-Ed Lau zu bringen. Die E ry 1 chöpfung d er Truppen im Tale des El-Lau ist a^F