Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 112 Donnerstag, den 18. September . 1924
— Der von den Franzosen zum Tode verurteilte, dann begnadigte Landwirtschaftslehrer ©oerges, her zweit« Fall Schlageter, ist nunmehr aus dem Gefängnis entlassen worden.
— In Georgien hausen die Bolschewisten in Nie» derdrückung des Aufstandes in der unmenschlichsten Weise.
— Die griechischen aufständischen General«! sollen vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
In Brasilien flammt die Revolution wie»' der auf.
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Die lässige Ruhrräumung und Amnestierung.
Amnestierung und sofortige Ruhrräumung der sogenannten' MaicheulM wweit sie in den Londoner Abmachungen von ^carirrerch, wenn auch recht widerstrebend, zuerkannt worden sind, werden von Frankreich in einer markant in die Augen springenden Weise überaus lässig und unvollkommen durch geführt. Wenn jetzt recht behutsam, so nach und naas das teilweise erfüllt wird, was nach den Londoner Ab- maccungen schon vor 14 Tagen und drei Wochen gewisser- ,maßen Zug'um Zug hätte in Erscheinung treten müssen, so hat die deutsche Oessentlichkeit wahrlich keinen Grund, über üiei es Berhalten Frankreichs eine gewisse Befriedigung aus- zu drucken, wie dies leider im Unücrftänbnis der ™ i n g e Wieder einmal von einem gewissen Teif der deutschen -presse ge-chieht. Frankreich ist noch heute im offenen B e r z u g der geringen Gegenleistungen, zu denen es nach den Londoner Abmachungen verpflichtet ist. Ganz abgesehen von dem skandalösen Treiben, das sich Frankreich an Ruhr MLWWWWMWWMW emmal seinen ganzen satanischen Barbarismus austoben ließ.
Uebrigens stehen die stark frankophil gefärb - Berichte in einem gewissen Teil der deutschen Presse über den recht mäßigen Erfüllungswillen Frank- recchs in Sachen der Amnestierung und Räumung der Flaschenhälse — leider haben sie auch teilweise durch Wolffs Telegraphen-Bureau Verbreitung gefunden — in krassem Gegen! atz zu dem wahren Volksempfinden, das in den bedrückten deutschen Landstrichen an Ruhr und Rhein herrscht. Ruhr und Rhein stehen heute noch ebenso wie ehedem unter b er Fuchtel des unerhörten französischen Scyreckensregiments. Noch heute ist, gerade so wie ehedem, jede Regung bewußten Deutschtums, jede Regung überquellender deutscher Vaterlandsliebe mit den schwersten Gefahren für Gut und persönliche Freiheit bedroht. Die infolge der unerhörten Bedrückung und Einschüchterung dieser LanbesteHe allerdings nur spärlich zu uns gelangenden ungeschminkten Berichte über die gegenwärtige'Stimmung an Rhein und Ruhr bestätigen dies um so eindring- ncher. Es ist angesichts dieser offenen Bedrückung und Ver- schuchterung der Deutschen an Rhein und Ruhr ein recht dtlliges Unterfangen gewisser frankophil angehauchter Kreise, ihre verderbliche und verhängnisvolle Stimmungsmache an den Mann zu bringen, da ihnen ja, von Ort und Stelle aus, Zug um Zug nicht mit der ein- heutigen Deutlichkeit geantwortet werden kann, wie ihnen eigentlich geantwortet werden müßte.
Es ist vornehmste deutsche Pflicht, angesichts der bitteren Leiden und schweren Opfer, die unsere deutschen Brüder und Schwestern an Rhein und Ruhr erduldet haben und heute zur Stunde noch erdulden, vor aller Oeffentlichkeit immer und immer wieder festzustellen, daß noch jetzt, drei Wochen nach der Inkraftsetzung des Dawes-Gutachtens^ eine große Anzahl Deutscher in französischen Gefängnissen schmachtet, während doch alle nach den Londoner Abmachungen schon vor drei Wochen entlassen sein mußten. Deutsche Pfsicht in dieser Stunde ist es, mit dem Finger darauf hinzuweisen, daß Frankreich, der Hauptspvecher in der Hetze um „deutsche - Verfehlungen", sich hier in rxffenbar bewußtem und gewolltem Vertragsvierzug gegenüber den Lon- doner Mmachungen befindet. Muß uns dies zur gegenwärtigen Stunde als Pflicht erscheinen, so ist es aber auch deutsche Pflichtvergessenheit gegen deutsche Ehre, ge- gen deutsches Land die saloppe, lässige Art der nur teil- weisen, weniger als halben französischen Vertragserfüllung an der Ruhr als Derständigungszeichen hinzustellen. Es ist im höchsten Grade bedauerlich, daß bei der skandalösen fron- zösischen Amnestierungspolitik die deutsche Reichsregierung offiziellbis jetzt zu den Ausnahmen geschwiegen hat. Unter denjenigen, die von der Amnestierung vom fra n z ö - fischen Sadismus ausgeschaltet wurden, finden wir auch die Namen des früheren Düsseldorfer Negierungsurüsi. deuten Dr. Grützner und des Stadtbaurates und Be- ssatzungskommissars Dieffenbach in Bochum, ehcen- werte,' zielsichere Deutschfthrer in dieser Sturmzeit, deren .einziges „Verbrechen" wohl darin bestanden haben kann, in dieser Notzeit als Führer ihre deutschen Brüder und Schwestern geschützt und bewahrt zu haben. Das vorbildliche, unerschrockene Wirken vr. Grützners ist allseitig bekannt,
weniger das ebenso mutige, unerschrockene und opferreiche Dieffenbachs, der selbst lange Monate im Kerker schmachten mußte. Reichsfinanzminister Dr. Luther, der als Oberbürgermeister von Essen so würdig und mutvoll den französischen Zentralen an der Ruhr die Stirn tu bieten wußte, wird am besten wissen, was für dre Sturmtage des „passiven Widerstandes" Grützners und Dieffenbachs würdiges und mutvolles Draufgängertum bedeutete.
Am Montag hat in Berlin über die innere Krise eine Kabinettssitzung 'stattgefunden. Weite deutsche Kreise hatten erwartet, daß in dieser Kabinettssitzung neben der innerpolr- rischen Klärung auch eine deutsche Stellungnahme zum französischen Vertragsverzug an der Ruhr erfolgen würde. Diese Stellungnahme ist a u s g e - blieben, und weite deutsche Kreise sind mit Recht v e r - stimmt darüber. Ebenso verstimmt wie die Vorläufer des Ruhrkampfes, die Kämpfer in der Ostmark, in Posen, West- Preußen und Oberschlesien, die sich den „Dank des Zaster- landes" und die Auswertung ihrer vaterlan- discheu Opfer auch anders vorgestellt haben. R—r.
Die Abfindung der Hohenzollern.
Seit Jahren schwebt der Streit zwischen dem preußischen Staat und dem Hohenzolleruhaus über die Regelung der Ansprüche, die das vormalige preußische Königshaus an den Staat stellt. Nunmehr hat die preußische Regierung dem Landtag die eingeforderte
Denkschrift über den Stand der Vermögensauseinander- fetzung
mit den Hohenzollern vorgelegt, so daß in nicht allzu langer
" - ■ ™ ' ^ ze fallen werden,
mit den Hohenzollern vorgelegt, so daß in n Zeit entscheidende Beschlüsse in dieser Frag! die immer mehr das Interesse der politische
die immer mehr das Interesse der politischen und privaten Oeffentlichkeit in Anspruch nimmt. Aus den Ausführungen der preußischen Denks chrift gcht hervor, daß gegen- wärtig alle Möglichkeiten zur friedlichen Beilegung des Ab- und letzten Endes die Gefahr besteht, daß der preußische Staat in langwierige und kostspielige Prozesse mit den Hohenzollern verwickelt wird. Aus diesem Grunde sind neuerdings Bestre- bungen im Gange, um ein Schiedsgerichtsverfahren durchzusetzen, das einen Ausgleich schafft und den Prozeßweg erübrigt, der ungeheure Summen zu verschlingen droht.' Das Hohenzolleruhaus hat bisher ausschließlich diesen Prozeßweg beschriften, der stets für den preußischen Staat sehr nachteilig verlaufen ist unb bereits außerordentlich hohe Kosten verursacht hat. $
Von der
preußischen Regierung
werden in dem VermögensstrÄt mit den Hohenzollern nicht nur die rechtlichen, sondern mich die historischen und politischen Zusammenhänge geltend gemacht Die preußische Regierung behauptet, daß die von dem preußischen Königshaus als Privateigentum beanspruchten Güter einen Bestandteil der nationalen Kultur darstellen, der ohne ungeheure Schä- digung der Bevölkerung und dem Staat, mit dem er untrennbar verknüpft ist, gar nicht weggenommen werden kann. Man erinnert dabei an die Kundgebung der Generaldirek- koren und Intendanten der staatlichen Museen, Bibliotheken und Staatstheater, die darauf hingewiesen haben, daß es sich bei den Ansprüchen des Königshauses auf die künstlerischen und kunsthistorischen Schöpfungen um unersetzliche historische Monumente und kulturelle Vermächtnisse handele. Aus bie- fem Grunde behauptet die preußische Regierung, daß es un- möglich sei, die Auseinandersetzungen mit dem preußischen Königshaus lediglich nach dem Grundsatz Vermögensrecht- sicher Urteilssprüche zu führen. Das gelte besonders für die von den Hohenzollern als Privateigentum beanspruchten Bilder des Kaiser-Friedrich-Museums, über 3000 Gemälde, die vier Fünftel des Bilderbestandes darstellen, darunter die wertvollsten Stücke, unter denen sich Bilder von Rem- brandt und Watteau befinden. Wenn man diese künstleri- chhen Reichtümer dem Hohenzollernhause als Privateigentum zurück gebe, so würde damit der deutschen Bevölkerung ein Stück wertvollsten Kulturgutes entrissen.
Weiter behauptet die preußische Regierung, daß auch die
von Wen Ho^nzollern beanspruchten Güter
und Gegenstände für den preußischen Staat eine Belastung darstellen, die eine unerhörte Verschuldung des Staates zur Folge haben müßten. Die von den Hohenzollern beanspruch- ien Privateigentünwr stellen einen Wert von mehreren hun- dert Millionen Goldmark dar. Das seien Summen, die der preußische Staat nicht aufbringen könne, ohne sich zu Minieren.
Für die Mitglieder des Hoheuzollernhauses
Besteht dagegen der Grundsatz, daß es sich bei der Herausgabe »er Dermögensobjekte lediglich um eine Rechtsfrage handelt, zlnd daß die Zurückbchaltung eine widerrechtliche Enteignung ♦atiteKen würde, die mit den Grundsätzen der Reichsverfas- jung nicht zu vereinbaren ist. Das preußische Königshaus •oerfügt über zahlreiche Gutachten von juristischer Seite, die übereinstimmend die Ansprüche der Hohenzollern vom recht- tichen Standpunkt aus als unbedingt unanfechtbar bezei chnen.
Es bleibt nunmehr abzuwarten, ob es der preußischen Regierung gelingen wird, ein Schiedsgerichtsverfahren her-
beizuführen. Auch in den Kreisen der Rechtsparteien des -preußischen Landtages steht man auf dem Standpunkt, daß dies der einzige richtige Ausweg sei, den Streit mit dem Hohenzolleruhaus zu beenden.
Der späte Wiederzusammentritt des Reichstages.
Die halbamtlichen Mitteilungen, wonach mit dem Wiederzusammentritt des Reichstages nicht vor Mitte Oktober zu rechnen ist, hat in den parlamentarischen Kreisen einige Beunruhigung hervorgerufen. Wie wir hören, beabsichtigen die maßgebenden Führer der Regierungsparteien, insbesondere des Zentrums, darauf hinzuwirken, daß der Wiederzusammentritt des Reichstages spätestens am 5. oder 6. Oktober erfolgt, da die ungeklärte außenpolitische Lage das baldige Beisamurenfein des Parlaments erforderlich nmcht. Man hat den Eindruck, daß gegenwärtig starke Kräfte am Werke sind, die auf eine möglichst lange Hinausschiebung des Parlaments hinzielen, um die Regelung der Re- gierungsfrage, insbesondere die Frage der Hinzuziehung der Deutschnationalen zur Regierungskoalition, außerhalb des Parlaments zu erledigen; dadurch würde jedoch nach Meinung der führenden Politiker die polittsche Verworrenheit nur noch erhöht werden. Die Umbildung der Reichsregier.ung könne nur durch die Reichstags- parteien selbst betrieben werden, die zu prüfen hätten, unter welchen Voraussetzungen eine Regierung des Bürge r b l o ck s überhaupt gebildet werden kann.
Deutschland und Rußland.
Seit der Beilegung des deutsch-russischen diplomatischen Konflikts sind auch die wirtschaftlichen Bezichungen mit Rußland wieder ausgenommen worden. Jedoch haben nur diejenigen deutschen Wirtschaftskreise eine gewisse Befriedigung darin gefunden, die es vor allem darauf absehen, innerhalb iTOSlantrg'TenHV ^MWffkönen zu erwirken unö' die russischen Bodenschätze auszubeuten, vor allem also die Gesellschaften, die an der Erschließung der russischen Oel» selber interessiert sind. Eine lebhafte Enttäuschung hat dagegen die wirtschaftliche Errtwicklung Rußlands der deutschen Exportindusttie bereitet. Es wird in diesen Kreisen lebhaft darüber geklagt, daß die beginnende Hungersnot und die zu- nehmende Verarmung in Rußland es dahin gebracht haben, daß von einer Ausfuhr insbesondere landwirtschaftlicher Ma- schinen und anderer Bedarfsartikel der Landwirtschaft zurzeit kaum noch die Rede sein kaum Von russischer Seite wird immer wieder darauf hingewiesen, daß man erst großzügiger Kredite bedürfe, die vor allem von England angesttebt werden, bevor an eine Reubelebung der Einfuhr gedacht werden könne. Jedoch erscheinen diese Aussichten dem deutschen Außenhandel als sehr schwankend und unsicher, und man muß deshalb damit rechnen, daß das Wiederaufblühen der deutschen Maschinenindustrie von russischer Seite in absehbarer Zett eine ins Gewicht fallende Förderung nicht erfahren kann. Die betreffenden Industriezweige sind deshalb schon im Begriff, sich umzustellen und sich nach neuen Absatzgebieten umzusehen.
Dr Schacht, Präsident der neuen Reichsbant?
Bekanntlich sieht der Sachverstündigenbericht vor, daß in den Aufsichtsrat der neuen Emissionsbank 14 Mitglieder, sieben Deutsche, sechs Vertreter der Ententeländer und ein Neuttaler, eintreten. Nach dem „Temps" ist als neutrales Mitglied der Professor B r u i n s aus Amsterdam ausersehen worden. Der Präsident des Direktionsausschusses und des Aufsichtsvates der Bank wird Dr. Schacht sein.
Der Reparationskohlenpreis.
Die Reparationskommission hat im Verlauf der Sitzung, der Owen Boung beiwohnte, den Preis der deutschen Reparattonskohle festgesetzt. Er beträgt ungefähr 18 Goldmark für eine Tonne; Er tritt vom 1. Ottober ab in Kraft und wurde festgesetzt, um die glatte Mwicklung der Sach- lieferungen zu ermöglichen.
Die Reparationskommission hat Owen Poung ferner mit-, geteilt, daß Frankreich und Belgien den Betrag von dreieinhalb Millionen Goldmark auf seinen Namen bei den Banken des Ruhrgebiets hinterlegt haben. Dieser Bettaq stellt die franko-belgische Ruhreinnahme ht der Zeit vom i. bis 10. September dar, ausschließlich der zehn MA- lionen Goldmark für Bestreitung der Besatzungsunkosten.
Die schleppende Räumung.
Sie Befreiung der zum Tode Verurteilten.
Im Ruhrgebiet hat man die Meldungen der Presse des unbesetzten Gebietes in den letzten acht Tagen, die den Eindruck erwecken, mußten, als wenn die, Räumung schon zu einem großen Teil durchgeführt sei, mit großem Er st au-, neu verfolgt, da die Wirklichkeit diesen Nachrichten leider in. keiner Weise entsprach. Wohl haben sich die Be-,. sotzungsverhültnisse im allgemeinen etwas lockerer gestaltet; Das stand aber in gar keinem Verhältnis zu den aufge< bauschten Meldungen, die schon beinahe den <hin», druck machten, als wenn sie von mner Seite verbreitet würden,^