Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 113
Sonnabend, den 20. September
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— 3m Untersuchungsausschuß des Preu ßi. schen Landtages für die Porzellanmanufaktur wurde der preußische Handelsminister Siering scharf angegriffen.
— Der deutsche Botschafter in Paris hat endlich Regierungsinftruktionen über die lässige Ruhr- räumungs- und Amnestierungspolitik Frank, r e i ch s erhalten.
— Sowjet-Rußland scheint den Aufstand in Georgien niedergeschlagen zu haben.
v. Hoesch erhält Instruktionen.
Der deutsche Botschafter in Paris, v. Hoesch, weilt dieser Tage in Berlin, um der Reichsregierung Bericht zu erstatten über die Schritte, die er bei der ftanzösischen Regierung in der Frage der Befreiung der Gefangenen und der R ückkehr der Ausgewiesenen unternommen hat. Die Fortschritte, die bei den Koblenzer Verhandlungen in dieser Frage gemacht werden, sind immer noch sehr gering. Die französischen Delegierten machen offenbar ihr Entgegenkommen in der Befreiung der Gefangenen uon deutschen Zugeständnissen in wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Maßnahmen abhängig. Jedes- mal, wenn von deutscher Seite ein Zugeständnis in bezug auf den Räumungstermin der Regiebahn und in bezug auf Zoll- ^ fragen gemacht worden ist, werden einige Gefangene frei- gelassen. Hebet die genaue Zahl der Gefangenen und Aus- gewiesenen ist Sicherheit nicht zu erlangen. Die Reichsregierung hat nun den Botschafter von Hoesch angewiesen, in Paris dringlich zu betonen, daß Deutschland die Personen der Gefangenen und der Ausgewiesenen nicht zum Gegen- stand von Kuhhandelsgeschäften machen könne, und daß man Frage reiner Tisch gemacht werde. Man hatte in Paris dem Bc^chafter erwidert, daß erst nähere Berichte aus Koblenz abgewartet werden müßten, bevor weitere Schritte getan werden könnten. Der Botschafter hat nun von der Reichs- Legierung die Unterlagen bekommen, die ihn in Stand setzen, in Paris die Sabotage der französischen Delegierten in Koblenz nachzuweisen. Der Botschafter wird demnächst wieder nach Paris gehen und von dem Erfolg seines Schrittes wird u. a. auch die Stellungnahme der Reichsregierung zur Sölkerbundftage abhängen.
Die Räumungskomödie.
Wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, haben die französischen Besatzungstruppen mit der Räumung des Limburger Flaschenhalses begonnen. Die Orte des sogenannten Goldenen Grundes, namentlich Niederselters, Kamberg und Oberbrechen, sind bereits verlassen worden. Dagegen wurde der Stadtverwaltung Oberhausen von französischer Seite mitgeteilt, daß mit Neueinquar- Lierungen von ftanzösischen Truppen in der Stadt Ober- Hausen gerechnet werden müsse.
Wie weiterhin behauptet wird, soll von französischer Seite von der deutschen Reichsregierung die Zahlung von 80 Millionen Goldmark Besatzuugskosten gefordert werden, bevor die Räumung des Ruhrgebietes erfolgt.
Der Personalabbau.
Die von den verschiedenen Seiten eingebrachten Anträge, den Personal-Abbau zu beendigen, konnten in der letzten Reichstagssitzung wegen der fozialdemokratischen Obstruktion nicht mehr verabschiedet werden. Der Reichstag wird sich nun sehr bald nach seinem Zusammentritt aufs neue mit diesem Anträge beschäftigen. Es wird allgemein damit gerechnet, daß die Anträge eine große Mehrheit finden und daß dem. nach das Ende des'Personalabbaues unmittelbar bevorsteht.
young# Verhandlungen.
Die Verhandlungen der Reparationskommission mit Poung, dem Generalzahlungsagenten des Dawes-Planes, sowie mit den Kommissären für die Verbündeten-Einkommen- quellen dauern fort. Sie werden vermutlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Obwohl die Reparationskommission keinerlei Kommuniques herausgibt und auch sonst alle maßgebenden Stellen sich bezüglich des Inhalts der Derhandlun- gen außerordentlich schweigsam verhalten, kann der gegen- wärtige Stand der Angelegenheiten ungefähr folgender- maßen zusammen gefaßt werden:
Die wichtigste Aufgabe ist derzeit, die deutsche Anleihe von 800 Mllionen Goldmark sicherzu stellen. Eine Emission der Eisenbahn obligati o n e n ist für die nächste Zeit nicht in Aussicht genommen. Da es ^ich um fünfprozentige Schuldverschreibungen handelt und
da auf den amerikanischen Märkten erste Papiere sich mit 7 Proz. verzinsen, könnten derartige fünfprozentige Schuldverschreibungen höchstens mit einem Emissionskurse von 65 bis 70 aufgelegt werden. Unter diesen Umständen will man zunächst die 800-Millionen-Goldanleihe auflegen, welche mit achtProzent verzinslich sein soll und zum Kurse von 90 aufgelegt wird. Man glaubt, daß Deutschland diese Anleihe bald vollständig oder teilweise zurückkaufen wird. Es werden dann nach der Ansicht Poungs einige kleinere deutsche Anleihen unter günstigeren Bedingungen plaziert werden können. Erst wenn die Bedingungen, die der deutsche Kredit auf den internationalen Märkten erzielen kann, sich ungefähr sechs Prozent nähern, kann man zu einer Emission der deutschen Eisenbahnobliga, tionen schreiten.
Das • HmWer Sägeblatt | welches Dom 1. Oktober ab erscheint, unterrichtet ■ täglich auf Grund neuster Nachrichten seine Leser ■ über alles Wissenswerte, was in der Welt vorgeht. j Wer das Hersfelder Tageblatt liest, wird mit 5 seinem vielseitigen Inhalt zufrieden sein.
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Schluß der Völkerbundiagung am 27. September.
Der Vorsitzende des Völkerbundes, Motta, hat an die Vorsitzenden der einzelnen Kommissionen die Bitte gerichtet, ihre Arbeiten so zu beschleunigen, daß d i e Völkerbundiagung am 2 7. September geschlossen werden kann.
Amerika will über 65 Millionen Dollar KriegSschadener satz.
Aus Washington wird gemeldet: Die deutsch-anrerika- nische Schadensersatzkomnnssion hat Entscheidungen über einen Gesamtbetrag von über 65 Millionen Dollar veröffentlicht. Darunter befinden sich ungefähr 34 Millionen 700 000 Dollar für 61 amerikanische Versicherungsgesellschaften und 24 Millionen 300 000 Dollar an das Deteranenbureau. Die Kommission hat ferner entschieden, daß 12 amerikanische LebeiVversicherungsgesellsHaften Deutschlandnichtfür die Verluste verantwortlich machen können, die sie durch 18 Versicherungspolicen für 11 beim Untergang der „Lusitania" ums Äben gekommene Personen erlitten haben. Der Schiedsrichter Parker verkündete die Entscheid bung im Falle der „Lusitania", nachdem die Komnnssions- mitglieder zu keiner Uebereinstimmung hatten gelangen können. Er erklärte dabei, er lehne die Ansprüche gegen Deutschland ab, da die Verluste, auf die sich die Ansprüche gründen, vom Rechtsstandpunkt aus nicht einer Kriegshandlung Deutschlands als unmittelbarer Ursache zuzuschreiben seien. — Die Entscheidungen betreffend das Deteranenbureau und 61 Versicherungsgesellschaften decken den Schaden, den amerikanische Versicherer durch den Verlust von Schiffen und Ladungen infolge von Kriegshandlungen erlitten haben.
Die deutsch-englischen Handelsvertrags- Verhandlungen.
Englischerfeits wird amtlich gemeldet: Die Verhand- lungen zwischen der englischen und deutschen Regierung über den Abschluß eines Handelsvertrages sind in vollem Gange. Nach den Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles genossen England ebenso wie die übrigen "alliierten Staaten für fünf Jahre vom Datum der Jnkmft- setzung des Vertrages an die deutsche Meistbegünstigung. Der Vertrag ist von England am 10. Juli 1919 und von Deutschland am 10. Januar 1920 ratifiziert worden. In- folgedessen ist es für England notwendig, vom 10. Januar des nächsten Jahres an in einem neuen Handelsvertrags- Verhältnis mit Deutschland zu stehen. Vorläufige Vorschläge in dieser Beziehung sind inzwischen bereits zwischen der englischen Botschaft in Berlin und der deutschen Regierung aus
gewechselt worden. Nunmehr hat die deutsche Regierung zwei Sachverständige ernannt, und Sachverständige des englischen Handelsamtes werden in der nächsten Woche London verlassen, um sich nach Berlin zu begeben und dort die technischen Einzelheiten des vorgeschlagenen Vertrages zu prüfen. i
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Die französische Presse verfolgt mit besonderer Aufmerksamkeit die deutsch-englischen Handelsabmachnngen. Dem englischen Botschafter in Berlin wird nachgesagt, daß er an diesen Verhandlungen schon seit Monaten sehr starken Anteil genommen habe und daß seine Handelssachverstänoi- gen mit den Vertretern des deutschen Reichsw irtschaftsm. nt« sceriums bereits seit längerer Zeit verhandeln. Den Eng ändern komme es nur auf die Verbesserung ihrer Produkt an und Steigerung ihres Exportes an. Indessen nimmt man an, daß eine Einigung zwischen Deutschland und England sehr wohl möglich sei, da gewisse englische Artikel auf dem deutschen Markte sehr gesucht seien, so besonders Wollwaren, Baumwolle und Zinnwaren und a. m. Deutschland, so heißt es weiter in der ftanzösischen Presse, befinde sich England gegenüber in einer vorteilhaften Position, und England werde sich wohl zu politischen und finanziellen Konzessionen bequemen müssen.
Der Erzbergermörder Schulz.
Der Auslieferungssenat des Budapester Strafgerichtshofes befaßte sich mit der Angelegenheit des verhafteten Förster- Schulz. Auf Grund der Beweise, die der Budapester Behörde zur Verfügung gestellt worden sind, und auf Grund _ der Konfrontierung des angeblichen Förster mit den deutschen Kriminalbeamten stellt der Auslieferungssenat die Identität des Angeklagten mit dem Erzbergermörder Heinrich Schulz fest. Wie verlautet, wird die Staatsanwaltschaft die Aus- lieferuirg Schulz' beantragen. Dieser Antrag wird schon in den allernächsten Tagen dem Auslieferungssenat unterbreitet werden, so daß dessen Beschlüsse binnen kurzem W <$•
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Die Autonomie Memels.
Nach einer Kownoer Meldung ist das Memeler Abkommen am 14. September durch Sonderknrier nach Paris geschickt, wo es im französischen Außenministe- rium deponiert wird. Die endlich« Durchführung des Abkommens und die bisher vergeblich erhoffte Autonomie scheint den Memelländern nun in greifbar« Nähe gerückt.
Der Aufstaus in Georgien
scheint nunmehr niedergeschlagen zu sein. Jedenfalls liegen aus Trapezunt Rachrickften vor, wonach die Sowjetarmee nach einem erbitterten Kampfe sich der Hauptstadt Georgiens, Tiflis, wieder bemächtigt hat. Mindestens 600 hervorragende Bürger wurden von der Tscheka hingerichtet. Mehrere hundert Personen wurden ins Gefängnis geworfen. Die Telegimphenlinie K on stantinopel — Tiflis — Moskau, dw drei Wochen unterbrochen war, ist wiederhergestellt worden. Die Bolschewisten ziehen sehr große TruPPenverstärkun- gen mit Flugzeugen, Panzerwagen und Tanks heran, um die Verfolgung der Georgier aufzunehme«, di« sich in die Berge zurückziehen.
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Das georgische Pressebureau in Genf verbreitet einen Appell, in dem die Kulturnationen und die Welt- presse aufgefordert werden, Georgien in seinem Kampf für seine Freiheit und seine Kultur ihre Hilfe zu leihen. Das Schriftstück beschuldigt die Sowjetregierung, daß sie in Georgien dreiundvierzig politische Persönlichkeiten erschießen ließ und im Auslande Verleumdungen über Georgien verbreitete. Als Ursache der Ausstandsbewegung werden übertriebene Steuererhebungen, religiöse Verfolgungen usw. unter der Bauernschaft, Ver- bai hingen von zahlreichen Bauern angegeben. Inzwischen habe sich der Aufstand allgemein ausgebreitet. Jetzt aber bereite Moskau großzügige militärische Vorbereitungen vor, umGeorgienzuerobern, undzweiblutgierige Tschekabeamte seien mit unbeschränkten Vollmachten zu Diktatoren in Georgien und den; ganzen Kaukasus ernannt worden.
Schanghai vor dem Fall.
Aus Schanghai wird gemeldet: Die Ereignisse habe« eine überaus srnsationelleWendung genommen. Der General Pei-Ko-Kan der Cbe-Kiang-Truppen hat sich mit seine Armee dem General Sun-Chnan-Fang ergeben. Fn Hangrhow hat der Zivilgouverneur der Provinz Cho-Kiang eine Unabhängsgkeitsprokla- motion erlassen. Lu-Nung-Hsiang hat nch nach S na-ghai geflüchtet. Die Streitkräfte an der Liu-Ho- unö Wang-Do-Front bei Schanghai halten noch stand. V. an rechnet aber damit, daß sie jeden Augenblick zu- r ü -'flute n, unb Schanghai in die Hände der Kkang- 1» Trupien »allen wird. Das Fremden Viertel ist in Be- ! ru Zustand vcrfeüt. Die Ehe-Kiang-TruPPe« h : -n verschiedene Schlappen erlitten. Schanghai ist um Flürüllinaen überfüllt; ihre Zahl betrgst