Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 117 Dienstag, den 30. September 1924
— Die ü eutsche Delegation zur BePaöu«>g der deutsch-französischen Honbe1-svertr<»H^s trW E Dienstag in Paris ein.
Gegen den österreichischen B«nki-er Tast i g l i o n i - Wien ist ein Ha-ftbefehl erlassen worden.
Der gauzcKaukasars steht i»heliem Aufruhr.
— In Duisburg sind seitens der fremdlandis chen Besatzung von neuem Wohn«u«en befch-lagnahMt worden.
Die Militartonirolle.
Der Äölterbundrat, der in seiner Geheimsitzung vom Sonnabend einstimmig die Richtlinien für die Mi! ir» kontrolle in Deutsch! a n d, Oesterreich, Ungarn und ^ nl- garien festlegte, hat sich im wesentlichen den Entwurf der Ständigen Militärkommission m eigen gemacht. Obgleich das Interesse für den Entwurf besonders groß in Deutschland ist, hat das Völkerbundsekretariat diesen zuerst durch die Havas-Agentur verbreiten lassen. Die vorgesehene Kontrolle wird sowohl in Deutschland wie auch in Oesterreich, Ungarn und Bulgarien nach der Beendigung der Kontrolle durch die Allierten beginnen. Das Verfahren wird sich folgendernmßen abspielen: ....
Der Rat beschließt die Kontrolle, die Ständige Milttar- kommission bereitet sie vor, die Kommission der Sachverständigen führt sie aus. Die Aufsicht der Ständigen Militär- kommission ist dauernd.' Jedes Jahr wird sie für das kommende Jahr dem Rat einen Plan derjenigen Untersuchungen vorlegen, die die Kommission empfiehlt. Zu der Militär- kommission gehören die militärischen Sachverständigen der Staaten, die im Rat vertreten sind. Ein jeder Staat, der nicht Mitglied des Rates, aber Grenznachbar eines Staates ist, der sich ihm gegenüber durch einen Friedensvertrag gebunden yar, mrro «t ver oeratenoen nommlsiwn Derrreten >ern. ahe Liste der Sachverständigen, die die Kontrolle vornehmen, wird vom Rat festgesetzt. Je nach der Art der Untersuchung werden andere Sachverständigen hinzugezogen werden. Die Mitglieder der Kontrollkommission genießen das Vorrecht der Diplomaten. Jede örtliche Untersuchung muß von mindestens drei Sachverständigen verschiedener Nationalität ausgeführt werden. Jeder Staat, der Mitglied des Völkerbundes ist, kann dem Generaftekretariat Mitteilung über Vorgänge, die seiner Meinung nach eine Untersuchung erfordern, machen: Bei der Ausübung der Kontrolle sind folgende Richtlinien maßgebend: Um sie wirksam zu gestalten, erstreckt sich die Kontrolle auf ein sehr weites Gebiet. Diese bezieht sich auf alle militärischen Lust- und Flottenfragen, auf Gesetzgebung .und militärisches Budget, auf die Bestände an vorhandenen Truppen, auf das Kriegsmaterial und seine Herstellung, auf den Bau von Kriegsschiffen und die Ausbildung und den Unterricht der Truppen für den Krieg. Die Kontrolle muß überraschend für den zu kontrollierenden Staat erfolgen. Die Abnahme des Kontrollprojekts wird durch den Rat in öffentliche: Sitzung erfolgen.
Die nunmehr offizielle Bestätigung der Nachrichten, wonach im Völkerbundrat die Militärcoutrolle in der Werfe ge- regelt worden ist, daß Deutschland von der aktiven Teilnahme daran auch nach seinem Eintritt m den Völkerbund ausgeschlossen bloibt, hat in Berliner politischen Kreisen tiefe Verstimmuna erregt. Von feiten der Reichsregierung wird darauf hingewiesen, daß sie schon seit langem einen solchen Beschluß befürchtete und sich deshalb tu dem Memorandum «her die Frage des Eintritts von vornherein dagegen ver- wahrt habe, weiterhin lediglich Objekt einer MUitärKontrolle durch den Völkerbund zu sein. Diese Verwahrung bleibt natürlich auch gegenüber dem neuerlichen Beschluß in Kraft, und es werde von einem Eintritt DeutMands nur dann d.e Rede sein können, wenn diese Frage in zufriedenstellender Weise geregelt werde. Allerdings lauten die bisherigen Nachrichten aus Genf ziemlich pessimistisch, und es ist m,t großen Schwierigkeiten zu rechnen, bevor dur^ .gedacht werden kann, die Hindernisse zu beseitigen, die ^h^ e ner gleichberechtigten Teilnahme Deutschlands. an der Militarkontrolle im Wege stehen.
Die deutsche Delegation zur Beratung des deutsch- framiWen Handelsvertrages
trifft Dienstag in Paris ein. An ihrer Spitze steht bekanntlich Staatssekretär von T ren d elend u rg, und ferner gehören ihr an der frühere Staatssekretär v. Srm ; o n, als Vertreter der Landwirtschaft Herr v. Dallwi g I, Vertreter bet Grenzstaaten (also Preußens, Badens und Bayerns sowie eine ganze Reihe von Mnisterialbeamten und Sachver- kändigen. Die Verhandlungen werden, wie man annimmt, iuehrereWochenin Anspruch nehmen. Für die deutiche Delegation ist eine ganze Etage eines Hotels im SüntLlpuntt 'Jet Stadt Paris reserviert worden. Die einzelnen Sutßhc» der der Delegation wohnen im Bontroyal-Hotel.
Die Preisabbau-Maßnahmen«
Aus Kreisen der Verbraucher sind an die Reichsregrening und an die Landesregierungen mannigfache Klagen gerichtet
worden, daß die Preisabbau-Maßnahmen bisher keinerlei Ergebnisse gezeitigt haben. Vielmehr seien die Preise gerade der notwendigen Lebensrnittel in fort- währendem Steigen begriffen. Die preußische Regierung hat darauf bei der Reichsregierung angeregt, demnächst in den beteiligten Ressorts über eine durch- greifende Maßnahme gegen die Teuerung 3 u beraten. Die Vorarbeiten zu dieser Besprechung sind noch nicht abgeschlossen, jedoch verlautet bereits aus unter- richteten Kreisen, daß die Reichsregierung mehr als bisher beabsichtigt, ben Ländern vorzuschlagen, eine Aenderung ihrer Kreditpolitik in der Weise vor- zunehmen, daß die R e i ch s b a n k k r e d i t e mehr als bisher denjenigen Kreisen zugewandt werden sollen, die in erster Linie für die (Erzeugung in Frage kommen. Weiterhin sind im Reichsfinanzministerium Vorarbeiten über eine Re- form der Steuerpolitik im Gange, die ebenfalls die Erzeugung entlasten soll und damit zur Erleichterung des Lebensrnittel- niarktes beitragen dürfte. Don preußischer Seite wird ins- besondere darauf hingewiesen werden, daß es unbedingt nötig sei, die Spanne zwischen dem Erzeugerpreis und dem Kleinhandelspreis zu vermindern und Mittel ausfindig zu machen, um insbesondere der großstädtischen Bevölkerung die notwendigen Erzeugnisse unter Ausschaltung der zahlreichen Zwischenhandelsgewinne zugängig zu macherr. ---------■ >
Französische Hetze.
' Der Pariser Senator Dausset veröffentlicht im „Matin" einen Leitartikel über das deutsche Budget unter folgenden Leitsätzen: Jeder deutsche Steuerzahler zahlt durchschnittlich jährlich 380 Franken, jeder französische dagegen 621. Die Eisenbahntarife werden m Deutschland herabge- setzt, die Umsatz- und Grundsteuer ermäßigt. Die Bezüge der Beamten und deutschen Offiziere sind um 50 bis 100 Prozent höher als die der französischen. Für soziale Gesetzgebung Wund den Bau von Arveirerwoynunge» pno gcvpe emtme». ausgesetzt. Dausset schließt mit dem Satz: Die Militärkon- trolle in Deutschland hat seit dem 8. September wieder be- gönnen. Wann wird die Finanzkontrolle beginnen?"
Der Zentrumsparteitag.
Wie numehr endgültig feststeht, findet der ‘Parteitag der deutschen Zentrumspartei am 28. und 29. Oktober in Frankfurt a. M. statt. Vorher geht der preußische Parteitag. Die Tagesordnung für den Reichsparteitag ist folgende: 1. Bericht über das innere und äußere Leben der Partei; 2. Bericht über die Tätigkeit der Reichstagsfraktion; 3. Die Politik der Zen- trumspartei für die Zukunft. Es gilt als sicher, daß der Reichskanzler selbst das politische Referat erstatten wird.
Der Kaukasus in Aufruhr.
Die Ehieago-Tribune meldet, daß der ganze Kaukasus bis Rostoff und Asttachan sich im Aufruhr gegen die Sowjets befindet. Nach den letzten Meldungen haben die Aufständischen in Kuban mit Hilfe der Donkosaken die Herrschaft in Slafropol an sich gerissen. Außerdem haben sie Jekate- tinobar besetzt und beschießen die Kriegsschiffe der Sowjet- flotte Ein großer Teil von Aserbeidschan revoltiert ebenfalls Die Eisenbahnbrücke zwischen Grosny und Serbent wurde zerstört. Die revolutionären Verbände im Kaukasus haben die Generalmobilmachung angeordnet.
Die tschechischen Zollpläne gegen Deutschland.
In deutschen Wirtschaftskreisen hat eine gewisse Beunruhigung Platz gegriffen wegen der Zollpläne, die von dem tschechischen Außenminister vr. Benesch wahrichemlich auf Anregung französischer Wirtschaftskräfte betrieben werden. Die tschechische Regierurrg will die Staaten, die zu dem früheren Oesterreich-Ungarn gehörten, neuerdings zu einer Zollunion vereinigen, angeblich aus Furcht vor der deut, chen Ausftthrkonkurrenz. Wenn diese Pläne gelingen seihen, 1» mürbe sich Deutschland einer geschlossenen Front gegenüber- sehen, die aus der Tschechoslowakei, Deutsch-Oesterreich, Ungarn und Jugoslawien bestände, und es wäre unmöglich, mit jeden, dieser Staaten gesonderte HandelsverträM ab- zutchließen. Man war in deuftchen Wirtschaftskreisen bereits <m Begriff, einen Handelsvertrag mit Oestreich vorzubereiten, und man hoffte, auch mit Ungarn und mit Jugoslawien in bezug auf Meistbegünstigung und Wirtschaftsbeziehungen zu einem guten Einvernehmen zu kommen. - —
Haftbefehl gegen Eastiglioni.
Wegen betrügerischer Manipulationen.
Der Sonntag brächte alarnlierende Gerüchte über f e n - sationelle Enthüllungen in der Wiener Bank- affäre der z u s a m m e n g e b r o ch e n e n Depositenbank. Die Polizei hatte vor ungefähr 14 Tagen festestem, daß das im Dankgebäude befindliche Bureau des Rechts- anwalts Jakob, der mit der Untersuchung der Depositenbank- angelegenheit betraut war, heimlich besucht worden war, daß Akten entwendet und wieder zurückgestellt waren. Es wurde ferner festgestellt, daß aus dem Zimmer eine utw
verschlossene Tapetentür führte und daß man durch bie)e tu die Fabrik Orion gelangte. Die Eindringlinge haben diese« Geheimweg benutzt. Diese Entdeckungen hatten die Verhaftung zweier Personen zur Folge, und es foS auch gelungen sein, auf die Spur der Auftraggeber dieses Einbruchs zu kommen. Man spricht bereits von Verhaftungen! und steckbrieflichen Verfolgungen. Diese Sensationsnochrick :en erhalten dadurch kräftige Nahrung, daß bekannt wurde, daß Präsident Eastiglioni sich aus seiner Villa nach Mailand zu einer geschäftlichen Sitzung begeben hat.
Die Sonn- und Montagszeitung berichtet im Zusammenhang mit den: Verschwinden der Akten, daß der Direktor der Allgemeinen Depositenbank, Hilbert Pick, gestern in fein« Badener Villa .
Selbstmord
durch Erhängen verübte. Die bisher unaufgeklärte Angelegenheit des Aktendiebstahls in der Depositenbank vernalaßte die Untersuchungsbehörde, im Untersuchungsverfahren gegen die Bank ein beschleunigtes Tempo einzuschlagen. Auf Grund eines Beschlusses der Ratskammer ergingen Vorladungen an Camillo Eastiglioni, Paul Goldstein und Gabor N e u m a n n. Die drei Genannten waren aber in ihren Wiener Wohnungen nicht anzutreffen, so daß Vorladungen nicht erfolgen konnten. Es wurden aber H a u s d u r ch« f u^ungen vor genommen und hierbei geringe Beträge an Bargeld, ferner Schmucksachen und andere Wevtobjekte beschlagnahmt. Die Verfolgung gegen Eastiglioni, Goldsteiü und Neumaml wurde nunnrehr wegen Betruges, Vertrauensbruchs und betrügerischer Manipulationen aufgenommen.
Die Schlacht bei Sh»«shai.
Marschall Lou, der Führer der Tschekiangtruppen, leitet persönlich seine Armee westlich von Schanghai, um den Versuch zu machen, die gefährliche Einbuchtung der Front aus« zugleichen. Die Verteidigung vonKiangsu hatsich als uhr widerstandsfähig erwiesen. Auf beiden Seiten sind nach Berichten aus Schanghai die Verluste schwer. Die Truppen Laus
Gouverneur von Fukien ist im Besitz von Hangtschou; e# beabsichtigt, den Vormarsch gegen Lou anzutreten.
Mekka erobert?
Nachrichten aus Kairo und Alexandrien melden die Eroberung Mekkas und Mahads (?) durch die Aufständischen. Die Nachrichten sind aber bisher noch unbestätigt,
Erneute Wohnungsbeschiagnahme in Duisburg.
Ein Teil der kürzlich fertiggestellten und noch nicht bezogenen städtischen Neubauten Duisburgs ist von der Besatzung beschlagnahmt worden. Es handelt sich um etwa 40 Wohnungen.
Danzig und Polen.
'' Nach seiner Rückkehr aus Senf erstattete der Danziger Seuatspräsident Sahm dem Hauptausschuß des Dolkstages Dcrichi über den Verlauf der Derhandlungen. Es handelt« sich diesmal hauptsächlich um zwei Differenzpunkte: 1z in* den Schutz der Danziger Interessen in Polen und 2. um bit Ausweisungen. Präsident Sahm ging bei seinen Ausführungen auch auf ein Interview ein, das in der ©attische« ©reife mit dem polnischen Vertreter in Danzig, Ministee Strnßburger, über das gleiche Thema veröffentlicht worden ist.
g ----- ---' ‘ Danzig
Darin hat Minister Straßbuvger geltend gemacht, picl rücksichtsloser Polen ausweise als Polen i ziger, denn während aus Polen bisher nur vier _ _ . aus cwiefen wurden, feien aus Danzig bis jetzt 152 Pole» au . wiesen worden. Demgegenüber hat Präsident Sahm in Senf ausdrücklich festgestellt, daß die meisten Polen au* gewiesen wurden, weil es sich um schwer Vorbestraft« handelte. Von diesen waren 44 wegen Betrugs und Hehlerei, 49 wegen Bankdiebstahls und Hehlerei unb 15 wegen ander«
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In einer von den Landesverbänden Groß-Berlin und der Provinz Brandenburg des Reichsverbandes der Hypolhe- cken- und Spargläubiger und des deutschen Rentnerbundes ein berufenem öffentlichen Versammlung in Berlin hielten Dbcw andesgerichtsvrüsident Dr. B e st -Darmstadt und Land- ihr:. bgeordneter Hackenberg -Berlin eingehende Referate über das große Unrecht der dritten Steuer- m o l ver o r d n u ng. Vor den beiden Referaten berichtete fixn ehemalige Zweckverbandsdirektor von Groß-Berlin, ffRe Vstagsabgeordneter Dr. Steiniger über die bisher fgc: ?enen Verhandlungen im Aufwertungsausschuß des M lages. Er stellte sich auf ben grundsätzlichen Stand- pu daß die dritte Steuernotverordnung unter allen Um- sti den beseitigt werden müsse und an ihrer Stelle eine ge siehe Regelung- zu erfolgen habe, die den Grundsätzen ;® ju Recht und Gerechtigkeit,entspricht. U. a. nahm auch das -Mast der der Deutschen Völkspartei ungehörige Reichstags- ab ; ordnete Admiral u. D. Brüninghaus. Er stattete ?u i)st namens der Deutschen Völkspartei deren Dank für die Einladung der Partei ab und verband damit gleichzeitig K eu Dank für den ehrenden Nachruf, den der Vorsitzende Le „Hypothekenglaubiger- und Sparer-Schutzverbandes