Hersfelöer Tageblatt
Anzeigenpreis für die einspaltige Petttzelle 10 Pfg. : tt^^^^
für amtliche. und auswärtige Anzeigen 15 Pfg., :
die Reklamezelle 50 Pfg. Bei Wiederholungen • Z f
Franz Funk In Bersfeld. + Fernsprecher Dr. 8. ; Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Der Bezugspreis beträgt durch die Post bezogen monatlich L— MK.. aussdilleSl. Bestellgeld, für Bersfeld 1.— MK. bei freier Zustellung, 'Abholer —.80 MK. * Druck und Verlag von budwfg Funks Buchdruckerei in Bersfeld, (Bitglied des VDZV.
Nr. 130
Mittwoch, den 15. Oktober
1924
Das Wichtigste.
— Die Bestrebungen zur Umbildung der Reichsregierung stehen jetzt unmittelbar vor ihrer natürlichen Erledigung: Reichstagsauslösung und Neuwah len.
— 8- R. III wird Mitternacht zwischen Dienstag und Mittwoch in Amerika erwartet. j
— Frankreich entfaltet nunmehr eine energische Propaganda für den Abbruch der Friedrichs» hafgner geppe l inw erke. ^
— Mekka ist von den Wahabilen umzingelt.
Vorgllnwefenun-DarlehnsWwmdel
Anleihen, Kredite, Zahlungsfristen und wie alle die schönen Ausdrücke für die verschiedenen Formen des Borgens heißen, beherrschen heute das wirtschaftliche und politische Leben. Wir Deutschen haben gelernt, was Kreditnot eigentlich bedeutet, aber viele von uns haben leider noch nicht einsehen gelernt, daß Kreditnot in erster Linie daraus entsteht, daß eben nicht nur kein flüssiges Geld, sondern überhaupt kein Kapital da ist und daß Geld nicht einfach beschafft oder hergestellt werden kann. Nach letzterer Richtung war uns die Inflationszeit mit den rasenden Notenpressen ein guter Lehrmeister. Aber die Weisheiten und Lehren dieser Zeit und die Erkenntnis unserer Armut sind so bitter, daß man nur zu gern die Augen davor verschließt, daß man gern Kredit benutzt und daß man sich viel zu wenig vor Augen hält, welche Folgen und Gefahren in der staatlichen und privaten Pumpfr^udigkeit liegen.
Inanspruchnahme von Kredit und Anleihen bedeutet oft momentane Entlastung, aber immer «die Aufbürdung von Zinsverpflichtungen. Wie hoch in Wirklichkeit diese Zinsverpflichtungen sind und welche Rolle sie für die Wirtschaft und den einzelnen spielen, ist aber oft nicht bekannt oder aus den veröffentlichten Angaben nicht ’W u ersehen. Sicher aber ist, daß eine hohe Verschuldung des Reichs oder der Länder ebenso wie hohe Verschuldung der Industrie, des Grundbesitzes oder der Landwirtschaft sich für jeden einzelnen in erhöhten Steuerlasten und den erhöhtest Preisen auswirkt, daß die Verpflichtung, direkt oder indirekt zu großen Zinsbeträgen beizutragen, die Möglichkeit zu Ersparnissen und zur Kapitalneubildung verringert und daß allem dem« entspvechenden Anleihen und Kredite durchaus nicht immer einen Schritt auf dem Wege zu gesunden Verhältnissen zu bedeuten brauchen.
Für uns alle ist augenblicklich die Reparationsanleihe am wichtigsten. Deutschland soll durch sie achthundert Millionen Goldmark erhalten, die in die Kassen der Reichsbank fließen und mit als Notendeckung für die neue Reichsmarkwährung dienen sowie die Durchführung der an die Entente auf das Konto 'des Reparationsagenten zu leistenden Zahlungen ermöglichen soll. Ueber dem lebhaften Interesse für das Zustandekommen dieser Anleihe und die mit ihrem Abschluß verbundenen politischen Folgen und über einer gewissen, fast hypnotisch wirkenden Hoffnung darauf, daß dieser Goldstrom eine Besserung unserer wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bringen werde, haben sich wohl nur die wenigsten ein Bild davon gemacht, welche Zinslasten uns diese Anleihe auferlegt und welche Verluste schon allein ihre Unterbringung bedeutet. Zunächst sei festgestellt, daß wir gar keine 800 Millionen Mark bekommen, daß wir aber 800 Millionen Mark verzinsen müssen. Die Auflegung der Anleihe erfolgt zu 92 Prozent, d. h, für jede hundert Mark Nennwert hat der Erwerber nur 92 Mark zu zahlen, das bedeutet von vornherein, daß wir statt 800 Millionen deren nur 736 Millionen Mark erhalten — würden, wenn nicht noch weitere Abzüge in Frage kämen. Es gehen aber von diesem Betrage noch die den ausländischen Banken für die Emission zu vergütenden Provisionen und sonstigen Spesen ab, die nach den bekanntgewordenen Sätzen der amerika- Nischen Banken insgesamt selbst im günstigsten Falle auf etwa 16 Millionen Mark zu schätzen sind. Wir bekommen also etwa nur 720 Millionen Mark oder sieben Zehntel von dem, was in Geld und Sachwerten allein schon in dem seit End« September laufenden ersten Jahre der (Bettung des Dawesplans an die Entente zu zahlen, und wir haben, für diese 720 Millionen außerdem an die Entente zu leistenden Zahlungen, die in den nächsten Jahren bis auf das Zweiein- Halbfache steigen, jährlich an Zinsen 56 Millionen Mark auf. zubringen; trotz dieser glänzenden Verzinsung und trotz der fast beispiellosen Sicherung der Anleihe müssen wir bei der Rückzahlung später noch weitere Beträge aufbrmgen, denn wir haben uns verpflichten müssen, den Amerikanern die Rückzahlung zu hundertfünf Prozent zu leisten, mit anderen Worten also, für je 92 erhaltene Goldmark, die wir zahrelang mit 7 Goldmark jährlich verzinsten, zum Schluß 105 Gold- mark zurückzuzahlen. ,
Aus diesen Angaben erhellt wohl Überzeugend, daß die übertriebenen Hoffnungen, die an das Zustandekommen der Anleihe geknüpft sind, selbst wenn man sich bewußt bleibt, wie dringend wir die Anleihe brauchen, recht voreilige waren, aber ebenso wie danach für das Reich und den Steuerzahler die so sehr erhoffte amerikanische Anleihe ihre zwei Seiten
hat, wollen die vielen Jndustriekvedite, die vom Handel in Anspruch genommenen Darlehen und die seitens des Privat- Mannes durch Anleihen und Abzahlungsverpflichtungen zu übernehmenden Lasten reichlich erwogen sein. Solange in Deutschland für andere als die paar Großbanken oder Welt- firmen Kredite praktisch nicht unter 20 bis 40 Prozent, pro Jahr je nach Lage des Falles zu haben sind, für spätere Anschaffungen auif Sparkonten gelegte Gelder aber erhebliche Zinsen tragen, ist Einschränken und Sparen unter allen Umständen sicherer und richtiger als Borgen. Die Häufung von Zins und Zinseszins schafft keinen Wert und kein Geld, solange nicht wirkliche neue Werte hinter ihr stehen, aber sie verteuert jeden Vorgang im Wirtschaftsleben und hemmt jede Gesundung, ' M.
Aew-Nork erwartet Z. R 3 Mitternachtv.Djenstag zu Mittwoch.
Auf Grund der Dienstag früh in Washington eingegangenen amerikanischen Funkspruche sind die amerikanischen Funksachverständigen allgemein der Ansicht, daß 8. R. III Dienstag abend spät Amerika erreiche» wird. Die Entfernung des 8. R. III von Amerika wurde Dienstag um 6 Uhr morgens*) auf 1200 Meilen geschätzt. Danach ist zu erwarten, daß 8. R. III nach Mitternacht in Lakehurst landen wird, falls er die bisherige Geschwindigkeit beibehält.
Bor der Landung in Lakehurst wird der Zeppelin sofort nach Washington fliegen, um sich auf diese Art selbst der Regierung anzukündigen. Gr fliegt dann ohne Landung nach Baltimore, Philadelphia und Lakehurst weiter. Der Flug über New York wird selbstverständlich nur dann durchgeführt werden, wen« das Luftschiff noch über einen ausreichenden Benzinvorrat verfügt. Die Funkstation von Lakehurst meldet, daß Konteradmiral S e a l e s, der Kommandant der vierten Flottenabteilung, gegen fein wird. Man erwartet, daß auch die Regierung vertreten sein wird. Die für die Landung hierher beorderten Truppen sind auf folgenden Bestand verstärkt:
350 Soldaten, 168 Matrosen, 9 Offiziere. _ _ M j
Die Ozeanfahrt des Zeppelin.
Ueber die Dienstag-Ozeanfahrt des Z.R.V liefen in Berlin folgende Funksprüche ein:
New York, 14. Oktober (2 Uhr). Nach soeben vom Z. R. in eingelaufenen Funkspruch hält das Luftschiff naä lieberfliegen der Azoren mit einer Stundengeschwindigkm von etwa 100 Kilometer den direkten Kurs nach Lake- hurst ein. Danach scheint sich eine Meldung der „Times ' über einen angeblichen Maschinendefekt erfreulicherweise «ichs zu bestätigen.
Lakehurst, 14. Oktober (3 Uhr). Infolge starker West winde mußte 8. R. in feinen Kurs von West auf Nordweft umstellen. Die auf 55 Kilometer gesunkene Stunden- ge'chwindigkeit erhöhtesichnachEinschlagungdeq neuen Kurses. Hier erwartet man in den frühen Nach- m'ttagsstunde« das Ueberfliegen des Standories M i l w a u k e e durch Z. R. III. An Bord ist nach einem soeben hier eingetroffenen Funkspruch alles in bester Ordnung.
New York, 14. Oktober. Funkspruch des Z.R. III, 3 Uhr, 30 Min. mitteleuropäischer Zeit: Wir nähern uns B e r m u d a.
Der Luftschiffbau Friedrichshafen hat über die Funkstation Neumünster folgende Meldung erhalten: Dom kleinen Kreuzer „Cincinati" ist vom Z. R. III die Nachricht gegeben worden, daß das Schiff gegen 2 Uhr vormittags ame» r i k a n i s'ch e r Zeit die Bermudas-Inseln auf feinem südlichen Weg über den Atlantic passierte. Die Stundengeschwindigkeit beträgt 110 bis 12 0 Kilometer.
Amerika und Frankreich zur Zeppelinfahrt.
Die in Paris erscheinenden amerikanischen Zeitungen veröffentlichen immer längere Berichte über die Reise des Z. R. III, während die französische Presse sich darüber so gut wie ausschweigt oder die Amerikafahrt des g. R. III nur zu Hetzartikeln gegen Deutschland benutzt. Die amerikanischen Zeitungen bezeichnen die Reise des Zeppelins als das größte Ereignis des Tages und berichten spalten- und seitenlang unter gleichzeitiger Veröffentlichung vieler Abbildungen.
Das „Echo de ^aris" und andere nationale Blätter bemühen sich krampfhaft, die berechtigte deutsche Begeisterung über die Ueberseefahrt des Schfffes zu dämpfen, indem sie immer wieder in den Vordergrund rücken, daß schon im Jahre 1919 ein englisches Luftschiff den Ozean von London nach New York überflogen hat. Die nationale Presse Frankreichs kann es nicht verstehen, daß die Ueberfahrt des g. R. III für Deutschland eine Episode des nationalen Ruhmes ist. Dabei entschlüpft ihr aber das Zugeständnis, daß „der Zeppelin dem deutschen Volke mieden- Der- trauen gegeben hat in seine Stärke und in das Genie seiner Ingenieure". Das „Echo de Paris" schreibt weiter, daß es die Begeisterung des deutschen
Volkes völlig anormal finde. Damit würde es nichts anderes bezwecken wollen, als sich aufstacheln zu lassen, gegen die Bestimmungen des Persailler Vertrages zu protestieren, nach denen der Bau von Zeppelinen einzustellen und die Werft von Friedrichshafen zu zerstören ist.
Gegen die Zerstörung der Zeppelin-Werke in Deutschland.
Die amerikanisch« Presse veröffentlicht einen Aufruf des Botschaftsrats von Lewinsky, ht dem das amerikanische Voll aufgefordert wird, die deutschen Zeppelinwerke nicht durch die alliierten Kontrollkommissionen zerstören zu lassen; da ausreichende Kontrollmöglichkeiten dafür vorhanden seien, daß in Deutschland keine Luftschiffe für militärische Zwecke gebaut werden. Eine Zerstörung der Zeppelinwerke wäre nur eine sinnlose Vernichtung deutsche? Ideen.
Das Zentrum gegen die Regierungserweiierung,
Die große Fraktionssitzung des Zentrums, von der man die Entscheidung in der Frage der Regierungsumbildung erwartete, begann am Dienstag um 10 Uhr vormittags. An- wesend waren alle Mitglieder bis auf drei. Retr^kanzler vr. M a rx entwickelte in längerer Rede seine Anschauungen.
Um 1 Uhr war die Sitzung beendet. Es wurde folgender Beschluß gefaßt:
Nachdem die Erweiterung der Koalition «ach rechts und links leider gescheitert ist, ist die Zentrumsfraktion einmütig der Auffassung, daß mit Rücksicht auf die politische Lage die gegenwärtige Regierung beizubehalten ist.
In den Wandelgängen des Reichstages wird die Möglichkeit einer Reichstagsauflösung lebhaft besprochen. Die Demo- traten fürchten, daß sie, falls sie mit den Deutschnattonalen in einer Regierung sitzen, gegen die Stimmen der Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei im Kabinett ihre ^^O|||Mifcw^^Mi!9^«IM - Das .MW«t der Punkt zu fein, weshalb fte sich so stark gegen einen Eintritt der Deutschnattonalen in die Regierung wenden.
Von unterrichteter Seite wird mitgeteilt, daß die Zen- trumsfrattion des Reichstages angesichts der gegenwärtigen Konstellation im Reichstag baldige Neuwahlen für unerläßlich hält und aus diesem schwerwiegenden Grunde zu dem Entschluß gelangt ist, dieser Konsequenz nicht aus- zuweichen. Maßgebend war offenbar auch die Haltung der christlichen Arbeitervertreter, die sich weigerten, eine Rechtskoalition mitzumachen. Die Deutsche Volks- partei wird nunmehr in Verfolg ihrer Polittk ihren Au stritt aus der Regierung vollziehen, da sie sich auf die Hinzuziehung der Deutschnattonalen festgelegt hat. Wenn nicht in letzter Stunde unerwartete Einigungs- versuche zu irgendeinem anderen Ergebnis führen sollten, so wird das Kabinett Marx-Stresemann formal seinen Rück- tritt nehmen müssen, um die Geschäfte bis nach den Neuwahlen des Reichstages fortzuführen, für die im gegenwärtigen Augenblick ein bestimmter Termin noch nicht in Aussicht genommen ist
Zusammentritt des Reichstages am 21 Oktober. >
Der Aeltestenrat des Reichstags trat Montag nachmittag zu einer Sitzung zusammen, um die Tagesordnung für die nächste Plenarsitzung festzusetzen. Für den Fall, daß die Regierungsumbildung zustande kommt, hat der Aellestenrat für die nächste Plenarsitzung Dienstag, den 2L Oktober, in Aussicht genommen. Für die Tagesordnung sind folgende Punkte vorgesehen: Bearnten- frogen, Personalabbauverordnung, Wohnung- und Sied- lungsanträge und etwaige Interpellationen. Es ist jedoch möglich, daß zunächst in der ersten Sitzung eine Erklärung der Reichsregierung erfolgen wird. Eine Stunde vor der Plenarsitzung wird der Aeltestenrat nochmals gwammentreten und endgültig die Dispositionen für die erste ^Sitzung treffen. d
Der Sparausfchuß. “ i
In den nächsten Tagen tritt der Sparausschuß zu einer seiner letzten Sitzungen zusammen. Man wird die Abbau-1 Maßnahmen besonders in den höheren Beamtenstellen erst: zum Abschluß bringen, bevor der Reichstag einberufen wird oder Neuwahlen ein Ende des bisherigen Regierungssystems: bringen würden. Die Sparkommissare haben in der letzten Zeit sehr eifrig gearbeitet und werden dem Ausschuß den Abbau einiger höherer Beamten vorschlagen. Die Meinungen über die Zweckmäßigkeit dieser letzten Abbaumaßnahmen gehen jedoch noch ziemlich auseinander und die betreffende Sitzung wird sich d<cher lange hinziehen, und es steht noch dahin, obj die Vorschläge der Sparkommissare gebilligt werden.
Die -»weite Feftftellung derReparationskommifflonls
Die Reparattonskommission in Paris ist Montag vormittag! zu der zweiten offiziellen Feststellung betr. die Aufführung des Sachverständigenberichts zusammengetreten.j Bei Ausgang der Sitzung wurde ein offizielles Com,^