Getheilter Tageblatt
Anzeigenpreis für die einspaltige Petttzelle 10 Pfg. : für amtlidie und auswärtige Anzeigen 15 Pfg., - die Reklamezeile 50 Pfg. Bei Wiederholungen » DadilaB. + Für die Sdinftleitung nerantwortfldi : Franz Funk in Bersfeld. + Fernsprecher Dr. 8. :
Reisfelder Krersblatt'
Amtlicher /inzeiger für den kreis Hersfelö
Der Bezugspreis beträgt dirdi die Pols bezogen monatlich 1.— Mk., aussdiliebl. Bestellgeld, für Bersfeld L— MK. bei freier Zustellung, .Abholer —.80 Mk. * Druck und Verlag von budmlg Funks Buchdrudrerei In Bersfeld, (Ditglied des vDZV.
Nr. 134
Montag, den 20. Oktober
1924
Das Wichtigste.
Eine Rechtsregierung steht überraschenderweise nun1 kurz vor ihrer Bildung.
। Die deutsche Anleihe ist in London 13ma I! überzeichnet worDen.
> — 3n Rußland find wiederum ernste Sauern» revokten ausqebrochen.
Neuerdings erbebt auch Amerika Anspruch aus bk "°" Somjot-Rußlant» annettieeifle Wrangol- 3&ÜU v v ■
So geht es nicht weiter.
Die Stabilisierung gestattete nach langen wirren In- flattonsmaßnahmen endlich wieder Vergleiche und feste Maßstäbe. Sehr schnell zeigte sich, daß zum mindesten ebensosehr wie der Verfallt er Vertrag Jnftationsgewohnhetten und Ab. Wehrmaßnahmen, sowie die aus der Inflation sich ergebenden fozialpolttischen und wirtschaftlichen Experimente zu einer jVerteuerung der deutschen greife geführt hatten, die diese -vom Weltmarkt ausschloß. Nach einer ersten Scheinkonjunktur trat bald eine Absatz- und Wirtschaftskrise ein. Die inländische Kaufkraft war trotzs starken Warenbedarfs den ^deutschen Preisen nicht gewachsen, und das Ausland weigerte Eich, die weit über den Weltmarktpreisen liegenden deuffcherl Waren «rbzunehnlen. Dazu kam, daß die Aufzehrung des pmOdilen Kapitals in den Jnflattonsjahren jetzt deutlicher sichtbar wurde und als Kapitalmangel und Kreditnot in Er- fäMnung trat. Die Betriebe konnten, selbst wenn genügende Aufträge vorlagen, nur teilweise arbeiten, weil es an Mitteln Kur Beschaffung der Rohstoffe und zur Einstellung großer Arbeiterzahlen fehlte. Wenn überhaupt, waren diese nur zu Zinssätzen zu beschaffen, die eine so hohe Belastung der Selbst- ÄWSÄWM^
«eichnittene Besteuerung in Zeiten stabiler Währung eine- -Höhe, die auf die Produktton erdrosselnd wirken und eine -allgemeine Unmoral erzeugen mußte. Am deutlichsten trat »nach außen hin von Monat zu Atonal stärker die inländische fUebcrteuerung in zwei Folgeerscheinungen hervor, der Massivität des Außenhandels und der Steigerung der Kon- sturfe und Arbeitslosenzahlen im Jnlande. Man erkannte -bald, daß die Verbilligung der deutschen Waren und ihrer -Herstellungskosten und als Folge dieser Verbilligung die -Steigerung der Warenerzeugung und des Absatzes die wich- itigfte wirtschaftspolitische Aufgabe sein mußte.
Es begann die Periode der Preisabbaubervegungen. »Durch Beschaffung von Krediten für Exportgeschäfte einschließlich der Rohstoffeinkäufe, durch Drosselung der Reichs- 'bantfrebite für alle anderen Zwecke, die zwangsweise Ver- .größerung des Warenangebotes veranlassen sollte, durch den -Erlaß der Kartellverordnung und durch Aufrechterhaltung «bet Wucherverordnungen und Gerichte suchte man zunächst fitem Preise zu Leibe zu gehen. Teilweise wurden diese Der- orbnungen durch das Durcheinanderarbeiten der verschiedenen
Refforts ihrer Wirkung beraubt, teilweise brächte aber vor allem die Kreditbeschränkung und der dringende Geldbedarf »der Warenbesitzer einen ziemlich starken, wenn auch ungleichmäßigen und anorganischen Preisabbau. Man hielt noch »immer grundsätzlich am Sachwert fest und opferte ihn nur notgedrungen, und der Grad des Preisabbaus wurde für Die Geschäftswelt nicht durch Gestehungskosten oder Wett- Dewerbsverhältnisse, sondern durch die Dringlichkeit des Geldbedarfs beim einzelnen Kaufmann bestimmt.
Bald aber zeigte sich, daß hiermit wenig geholfen war Md die Wirtschaft auf diese Weise zum langsamen Erliegen kommen mußte. Der Preisabbau brächte die deutschen
Erliegen
________ ... _ ie deutschen Erzeugnisse mit ganz wenigen Ausnahmen nicht auf die Welt- marktsütze hinunter, so daß der Export weiter zurückging, Während gleichzeitig infolge Geldmangels die Einfuhr noch stärker abnahm, und lediglich die im Inlands vorhandenen -Vorräte an Auslandsrohstoffen verarbeitet wurden. Ditz Aufnahmefähigkeit des inländischen Marktes aber wurde in-
folge der Konkurse und der Arbeiter-entlassungen immer -geringer, und auf diesem verengerten Markt sah sich die Inländische Industrie noch dem Wettbewerb der billigeren ' Isländischen Fabrikate gegenüber. Es mußte etwas ge- ifl^hen, aber die Erzeuger und der Handel erklärten einen Weiteren Preisabbau angesichts der vernichtenden Wirkung über hohen ©teuern und sozialen Lasten, der hohen Fvacht- isätze und der hohen Preise für inländische Kohlen und Roh- Stoffe sowie vor allem infolge der Kredit-knappheit und der Men Zinssätze für unmöglich.
| In dieser Lage entschloß sich die Regierung, zusammen
tonung der Freiheit des Wirtschaftsleben zu einer großzügigen Verbilliaunasaktion, die den bisher ausgebliebenen organischen I Preisabbau9 also die Herabsetzung aller Bestandteile der Selbstkosten, erreichen sollte. Der Augenblick schien nach der Annahn« des Dawesplanes und einer vorläufigen Ginbalan- jclerimg der Handelsbilanz günstig gewählt. Die Umsatzsteuer, die nach Ausweis der Kalkulationen in vielen hoch- 'werttgen Erzeugnissen bereits bis zehn Prozent des-Preises ausmachte, wurde um ein Fünftel, der Kohlenpreis, der bei 1 Na SMu fedes einzelnen Bearbeitungsstufe wiederlchrt, ^j
-km Zehntel und die Höhe der Frachtensätze verschieden, durch- schnittlich aber auch reichlich um ein Zehntel herabgesetzt. Gleichzeittg wurde durch Lockerung der Kreditsperre bec Reichsbattt und durch einen auf die Banken zwecks Herab-- setzung der Zinssätze ausgeübten Druck auch das Leihkapital ! etwas reichlicher und billiger zugänglich gemacht. Zwei Faktoren traten allerdings der Verbilligungsaktton hemmend ent» .gegen, die Verteuerung der Mieten und ein im Zusammen-^ -hang mit der Weltmarktbewegung einsetzendes Anziehen den 'Preise für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Beide hatten sich aber zunächst nicht hemmend auswirken dürfen, da im , allgemeinen bisher nicht dieser Verteuerung der Lebenshaltung^ entiprechende Lohnerhöhungen eingetreten sind, eine direkra Me!)rbelastung der Erzeugungskosten also noch nicht ein« getreten ist. Wohl aber trat für einige wichtige industrielle Rohstoffe auch am Weltmarkt eine Preisermäßigung ein.
Die Preisermäßigung im Inlands ist aber auf bie- wenigen oben erwähnten grundlegenden Maßnahmen beschränkt geblieben, und in sehr vielen anderen Arttkeln ist stattdessen gerade in den letzten Wochen eine neue Verteuerung eingetreten, die den Großhandelsindex im September und der ersten Oktoberhälfte ständig anziehen ließ. Gründe für diese Entwicklung sind bet den Beteiligten billig wie Brombeeren, aber die Oeffentlichkeik' ist mit wachse-.der; Erbitterung erfüllt über die jetzt ständig wiederkehrende Ev- ; Körung, daß alle die ermäßigten Faktoren ja kaum eine Rolle »bei der Preisbildung spielen, nachdem es früher ganz anders klang und sich selbst der Laie gewisse Derbilligungen der Selbstkosten an den Fingern errechnen kmnr. Es ist heute ^festzustellen, daß das Gesamtpreisniveau und auch dasjenige, für Indufttieerzeugnisse allein eine wesentliche Senkung trotz der Verbilligungsaktton nicht erfahren hat, daß die deutschen : Preise in sehr vielen Fällen immer noch über dem Weltinartt- : niveau liegen und daß, was wirtschaftlich und innenpolitisch -viel schlimmer ist, sich die Fälle mehren, wo deutsche Werke und Kartelle dem Ausland unter Inlandpreis verkaufen. Es bedarf kaum längerer Beweisführung, wie sehr durch diese MtwiMrna^die. bevorstekenderr ch^ervolittüben vers sozialpolmschen Kampfe um Lohnniveau und Arbeitszeit verschärft werben müssen, und wie sehr überhaupt Deutschlands wirtschaftliche Gesundung dadurch gefährdet wird. Auch die Rückwirkungen auf die Verhandlungen über die Zolltarife können bei einer solchen Entwicklung keine der 'Industrie erwünschten sein, da die Freihandelsanhänger täglich neues Wasser auf ihre Mähren erhalten. Roch sieht die Regierung den Dingen zu, aber es sind Anzeichen genug vorhanden, daß sie bald leicht wieder in eine Industrie» -gegnerische, zwangswirtschaftsfteundliche Stellung hineingedrängt werden dürste. So geht es nicht weiter! Die Frage ' ist augenblicklich, ob die Mrtschast allein den Weg zu anderer Entwicklung findet oder in eine neue Periode staatlicher Ein- griffe hineinkommen will, die diesmal durch die Schuld der Wirt'chast ungleich stärkere Sympathien in der Bevölker-mg haben würde als früher und darum weit gefährlicher wäre.
Die Rechlsregierong im Werden.
Nachdem sich die Unmöglichkett ergeben hatte, aus dem Wege der Verhandlungen mit den Fraktionen des Reichstages zu der notwendig gewordenen Erwetterung der Reichsregierung zu gelangen, hat der Reichskanzler nach Beratung ™“ "/n Reichsministern Freitag abend die Beauftragten der Deutschnationlllen Volkspartei zwecks Verhandlungen über Einbeziehung in die Reichsregierung empfangen. Hn parla- mentarifdEKn Kreisen verlautet, daß der Reichskanzler den Deuttchnatbonalein vier Sitze im Reichskabinett zugestan- de» hat. Die noch andauernden Beratungen der deutsch- nationalen Frakttou erstreiten sich auf die Persönlichkeiten, die eventuell von der Fraktton in das Kabinett zu entsenden seien. Als künftige deutschnattonale Minister werden in den Wandelgangen des Reichstages Hergt und Leopold Kries i
_ genannt: Die Abgeordneten und Leopold, d« Landtagsabgeordnete von und das Mttglied des Reichsrates für Ostpreußen § r e i h e r r v o n G a y l. Es ist leicht möglich, daß sich die Krise über den Sonntag hinaus in den Anfang nächster Woche hinzieht. Dadurch würde auch möglicherweise eine Verschiebung der Plenarsitzung des Reichstages, die für nächsten Menstag vorgesehen war, eintreten müssen. Das wäre im Hitchlick auf die viele Arbeit, die bet Reichstag — wir erinnern nur an die unerledigten Zollfragen — zu erledigen hat, außerordentlich bedauerlich. Aus deutschnationalen Kreisen erfahre» wir, daß über die Verschleppung der Frage eine starke Mißstimmung in weiten Kreisen des Reichstages herrscht. Diese Mißstimmung ist erklärlich, wenn man be- benkt, daß es fast so schien, als würde die Regierungskrise am Sonnabend beendet.
die letzte
Don zuständiger demokratischer Seite wird erklärt, daß die letzte Wendimg in den Verhandlungen über die Regie- rungsumbildung auf die bemolratifd)e Reichstagsfraktion keinerlei Einflüsse haben könnte. Die Demokraten denken nicht daran, ihre Zustimmung zu erteilen zu einem Verblei- ben des Reichswehrnrintsters Dr. Geßler in einem Rechtskabinett. Ebensowenig würde sich Dr. Geßler selbst dazu bestimmen lassen, ohne die Zustimmung seiner Fraktion fein Amt beizubehalte». Auch die Vorstellungen der Reichswehr- leitung würden an dieser Haltung nichts ändern könrum.
Man rechnet in demokratischen Kreisen damit, daß das Rechtskabinett auch ohne Zusage der Demokraten zustande kommt.
In Kreisen des Preußischen Landtages wird erklärt, daß unmittelbar nach dem Zustandekommen der Umbildung her Reichsregierung versucht werden wird, auch hier eine Klä-, »ung der Sachlage durch eine frühzeitige Anoe rumung von Neuwahlen zu erreichen. Es muß, wenn das Rechtskabinett ?« Preußen zustande kommt, mit einem baldigen Umschwung auch in Preußen gerechnet werben.
London überzeichnete 13 mal
»Stetes4' zufolge verlautete, daß die Zeichnungen für den britischen Anteil der deutschen Anleihe 150 bis 160 Millionen Mund Sterling betrüge», so kch die Anleihe etwa 13maf überzeichnet worden sei.
Neue Kreditgesuche an Amerika.
Wie »Pettt Parifie»^ aus Washington erfährt, hat der Erfolg der deutschen Anleihe zahlreiche neue Anträge auf Anleihe» in ben Vereinigten Staaten gebracht. Hauptsächlich haudelt es sich jetzt um eine Anleihe, die von Oesterreich, und eine andere, die von Polen verlaugt wird. Ebenso habe» verschiedene deutsche Städte Gesuche um Auleiheu an Amerika " ~" “ “
__________ ____,___ ~ eon New Kork zeigt man sich geneigt, sämtliche Gesuche Senau zu prüfen, jedoch wird keine Entschei- u»g vor der Präsidentenwahl getroffen werde», da diese vielleicht eine Re»orio»tierL»8 b^t Politik mit sich bringen kann.
Die Ausweisung Schutz-Försters.
Der Oberstadthauptman« von B « dapest hat die Ent» duug getroffen, daß Schulz-Förster nicht nach dem
Grenze gi
MMMuLeL^LN^ bin.
• *r «ffijiMsj-i rr___ , ; a.
m ii o^xi au bÄ g^{rpf
Tillessen wird wahrscheinlich in Preßburg wegen mehrerer kleiner Vergehen auf dem Gebiet der Tschert^. flowakei abgeurteilt werden. Er soll dann an Oesterreich ausgeliesert werden, wo er ebenfalls wegen verschiedener Verbrechen gesucht wird. Ueber seine Auslieferung wegen seines Attentats auf Erzberger wird Deutschland also wahrscheinlich mit Oesterreich und nicht »st der, Tschechoslowakei zu verhandeln hakM,
Die deutsch-französischen ' -
Handelsvertragsverhandkunaen
tragsverhandlungen konischen Komitees
republi-,
Die Meistbegünstigungskiausei soll Deutschland wenigstens gegenwärtig nicht gewährt werden. Bis zur Durchführung. eines französischen Zolltarifes möge man mit Deutschland ein Provisorium von höchstens einem Jahr! abschließen. Dieser modus vivendi zwischen beiden Ländern' soll als ein Versuch betrachtet werden für die Möglichkeit der ' weiteren Ausdehnung der beiderseitigen Hn^l^^hunaxn,
Bauernrevolten in Nußland.
Nach Rigaer Meldungen kommt es te verschiedenen Teilen Rußlands erneut zu erbitterte» Kämpfen zwischen Re- gierungstruppen und den Bauern, die sich der Beschlagnahme von Getreide und anderen landwirtschaftliche» Produkten auf das entschiedenste widersetzen. Solche Kämpfe werde» besonders aus den »Wirken Bliebst, Smolessk und Mohilew gemeldet. In einem Ort, dessen Name nicht genannt wurde, ist die Requifitionskommissiou uud die sie begleitenden neun Soldaten ermordet worden. Es wurde eine Abteilung Tschekasoldate» entsandt, aber diese mußte» angesichts der drohendes Haltung der Bauern, die 50 Mann töteten und die Gewehre Wegnahmen, umkehren. In den Gefängnissen von Smolensk befinden fid> 6000 Sauern, die angeklagt sind, sich den Beschlagnahme» widersetzt zu haben.
Die entwürdigende Demütigung Deutschlands —. ein Gefahrenmoment für Europa.
Im dänischen Folkething hiett der deutsche Abgeordnete Pastor Schmidt -Wodder bei der großen Aus- prache über das Finanzgesetz eine längere Rede, in der er ich zur Mnderheitenfrage und zum Abrüstungsgesetz u. a. olgenderinaßen äußerte: »Heute möchte ich sagen, daß eine nationale Minderheit das Recht haben muß, ihre kulturellen, Angelegenheiten selbst zu regeln. Das bedeute nicht, daß die Mnderheit ein Staat im Staate sein will, wohl aber wich