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Reisfelder Tageblatt

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Amtlicher Anzerger für den Krew yersfelö I 8«^ m ßersfeid, iw des w

Nr. 165

Mittwoch, den 26. November

1924

Das Wichtigste.

Die Begnadigung des Generals von Ra­th usius soll, Pariser Meldungen zufolge, bereits dem Prä­sidenten der französischen Republik zur Unter* schrift vorgelegt worden sein.

, Dr. Eckener ist in B er I i n a n g e k o m m e n.

Die Antwort Schwedens auf das deutsche Me - Moranüum bezüglich des Eintritts Deutschlands in den Völ­kerbund bewegt sich in dem Kernpunkt der deutschen Minimalforderungen in recht unklaren Aus­drücken.

' Im englisch-ägyptischen Konflikt ist durch die Neubildung des ägyptischen Kabinetts Ziwar Pascha eine gewisse Entspannung eingetreten. Ob der Konflikt mit allen seinen Folgerungen bereits aus der Welt g«L «schafft ist, ist zurzeit noch nicht abzusehen.

i Ehamberlain u n d Herriot werden demnächst in Paris eine Konferenz abhalten, auf der voraussichtlich auch die Räumung der Kölner Zone erörtert werden ^irü. , . -x

Das wahre Gowjsio^ftr.

; Es ist auffallend, mit welcher Offenheit die amtlichen Stellen der Sowjetregierung ihr katastrophales Zahlen­material über Industrie und Handel herausgeben.' Dabei stellt sich heraus, daß hierbei die Furcht vor dem

o r g e n* den Ausschlag gibt. Aber auch wenn die Re- Kierung einen Schleier über die wahren Zustände verbreiten« iwollte, so ließen sich diese kaum länger verheimlichen. Kürzlich hielt ein englisches Parlamentsmitglied, Oberst P., in London einen bedeutsamen Vortrag über seine Eindrücke in Ruß- iland. Als vorzüglicher Kenner der.ffröherrn und^iLtzlML. «DmchäMlssse zog er eine Bilanz, deren Folgen sehr an ein stvirtschaftlichesHarakirierinnern. Ferner erschien idieser Tage in der Pariser Presse der Aufsatz eines anderen Sachverständigen, der an Hand von authentischem Material iahnen läßt, wie es heute mit der sowjetrussischen Wirtschaft« bestellt ist. Seine Untersuchung kommt zu dem Schluß, daß' Has Grundübel in jenen bekannten Attributen des Kommunismus besteht: Faulheit und Anarchi e.f

5 In die Augen springend sind zunächst die Begleit­erscheinungen jener Tatsache, daß alles Kapital von Lenin-, §rad nach Moskau geschafft worden ist. Während Moskau mach vielfach an mitteleuropäische Kultur erinnert und typische Zeichen harmonischen Lebens verrät, ist Leningrad feie Stadt der Armut ünd sittlichen Verseuchung. In den' ^Straßen wächst Gras und Unkraut. Der Wagenverkehr hat beinahe völlig aufgehört. Große Löcher versperren den Weg. Maßlose Armut starrt aus zerbrochenen Fenstern. ;

1 Da der private Handel so gut wie ausgeschlossen

(ist und Lizenzen nur mit größter Mühe erreicht werden!

Bonnen, hat kein Geschäftsmann mehr Interesse an seiner sArbeit. Der Handel und die Industrie sind dort bekanntlich Dtaatsmonopol. Dafür mangelt es nicht an staatlichen

jAngestellten, deren Zahl um so größer , ist, je weniger vom t^inseinen gearbeitet wird. So mußte die Kaufkraft des 'Geldes rasch auf ein Minimum sinken, und so entstand das Bedürfnis nach jener Anleihe, die in London aus wohl- ixrwogenen Gründen nicht ratifiziert wurde.

! Am besten läßt man die Finger von Handelsver­trägen mit dem heutigen Rußland! Rußland kraucht nichts. Hunderte von rostigen Lokomotiven stehen unbenutzt auf grasüberwachsenen Nebengleisen der Bahnhöfe, und trotzdem genügt die Restzahl der Betriebs- maschinen weitaus, um das bißchen Handel nicht gänzlich Einschlafen zu lassen. Man kann sich denken, daß es also .auch mit jenen Lokomotivbestellungen in Schweden nicht allzu richtig sein kann.

Und nun zur Arbeitsleistung. Gesetzmäßig soll M 284 Tagen im Jahr gearbeitet werden. Tatsächlich aber reduzieren die Sowjetarbeiter diese festgesetzte Zahl durch Willkürliche Ausstünde um 20 Prozent. Mehr als vier Dtundentäglich wird effektiv nirgends gearbeitet, denn feie übrige Zeit wird mit Beratungen aller Art vertrödelt. Wie Djerzinski, der furchtbare Chef der Tscheka, selbst aussagt, wird heute von 800 000 Arbeitern des metallurgischen Frusts der Gegenwert von 65 Millionen Goldrubel produziert, Während unter demkapitalistischen Regime" 99 000 Arbeiter Wen Wert von 173 Millionen Goldrubel produzierten. Dies üft ein Produktionsverlust von mehr als 50 Prozent.

1 Ist der Sowjetarbeiter wenigstens zufrieden? Wie Lönnte er, wenn er nur etwa 47 Prozent dessen verdient, was ijer früher verdiente?

) Man mag die Sache ansehen, von welcher Seite man! Will, so kann man sich der Ueberzeugung nicht erwehren, daß! Kas eigentliche Opfer des bolschewistischen Regimes, d a s «eigentliche Sowjetopfer, der russische 91 r- Leiter selbst i st. Eines Tages wird das Erwacheq Rammen. Vielleicht ist es dann noch nicht zu spät. Dr. K. h

Der englifch-ägypfischeKonfliki

Nach einer Meldung aus Kairo hat das Kabinett Zaglui Pascha demissioniert. Der König hat die Demission ange­nommen und den Senatspräsidenten Ziwar Pascha mit der Bildung eines-neuen Kabinetts betraut.

Der Rücktritt Faglul Paschas und die inzwischen erfolgte Uebernahme des Amts des Premierministers durch Ziwar P a f ch a scheint die Krise in Aegypten zu einem z e i t w e i ! i g e n Stillstand gebracht zu haben. Man hält es für wahrscheinlich, daß die politische Lage sich neu gestaltet und weitere britische Maßnahmen nicht notwendig werben, Ziwar Pascha, der als gemäßigter Mann überall bekannt und allgemein beliebt ist, war Minister in mehreren Kabinetten und früher Gesandter in Rom. Man erwartet, daß er sein Kabinett sofort zusammengestellt.

Der englisch-ägyptische Konflikt wird in . ,

Völkerbuudkreiseu mit lebhafter Aufmerksamkeit verfolgt. Man erwartet, daß «Aegypten den Völkerbundrat um eine Intervention ersuchen wird, wozu es laut Satzungen des Völkerbundes be­rechtigt ist. Die ablehnende Stellung der englischen Presse «zu dieser Möglichkeit erregt B - fremden. Sollte auch die englische Regierung sich dieser Stellungnahme anschließen, « so würde das einen schweren Schlag für den Völ- E e r b u n d bedeuten. Die ultimativen Maßnahmen der eng- Aschen Regierung,'die in keiner Weise mit der ägypti­schen Unabhängigkeit in Einklang gebracht werden können, erklärt man sich dadurch, daß England : ein Exempel statuieren wolle, das auch auf Indien feine' Wirkung nicht verfehlen wird. Im Pariser Senat hat man« bereits eine Resolution angenommen, in der die französische - Regierung aufgefordert wird, bei der englischen Regierung dringende Vorstellungen zu erheben, den Streitfall mit! Aegypten dem Völkerbund zu unterbreiten. ' '

Wir in Deutschland sind in dieser Angelegenheit voll­kommen uninteressiert. Wir können ruhig den Beobachter « .spielen, weil d e ut s ch e 2 n t e re s sen bei dieser Fraget kaum berührt werden. Trotzdem besteht die Gefahr, daß! indirekt ungünstige Auswirkungen für Deutschland entstehen werden, indem vielleicht England, jgezwungen' sein wird, sich die französische Unterstützung für. Hen Fall einer bewaffneten Expedition zu sichern,« ßrm in moralischer Hinsicht vor der Weltmeinung Rechtferti­gung zu finden. Es fragt sich nun, welche Konzessionen! England den Franzosen für eine solche moralische Unter-« stützung machen muß und inwieweit dabei Deutschland fd i e Kosten zu zahlen haben wird. Als der Konflikt! HwischenEngland und der Türkei den Höhepunkt erreicht hatte, hat Poincarä sich seinerzeit in Lausanne« sauf die Seite Englands geschlagen. Dafür hat ihm die eng-! Fische Regierung die notwendige Bewegungs- ffreiheit gegeben, das Ruhrabenteuer mit aller Mühe durchzuführen. Als dann auf der Lausanner Frie-' 'Leuskonferenz die Türkei den Engländern weitgehende Kon­zessionen machen mußte, war es auch für uns klar, daß wir feie Kosten der französi sch-englischenAl- l i a n z gegenüber der Türkei bezahlt haben. Man darf viel­leicht hoffen, daß sich dasselbe Schauspiel in der Gegenwart nicht wiederholen wird, aber es scheint notwendig, deut­scherseits die Augen offenzuhalten, um ein derartiges Manöver rechtzeitig aufdecken zu können. Dieses Augenaufbehalten erscheint uns um so notwendiger, als bereits jetzt der Pariser Draht bei der Arbeit ist, Deutschland Angelegenheiten zu machen. So wird über Paris eine Mel­dung derChicagoTribune" aus Kairo verbreitet, wonach die mit der Untersuchung über das Attentat auf den Sirdar beauftragte Kommission zu der Ueberzeugung gelangt sein soll, daß es sich um eine Verschwörung handle, die von Ägyptischen Studenten der Berliner Hoch- schule ausgeheckt worden sei.

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Dr. Eckener in Berlin.

" Der Reichskanzler hat an Dr. Eckener an Bord des .Columbus" folgendes Telegramm gesandt:

Mit Stolz und Freude empfangen wir den von ruhm­reichem Flug über den Ozean Heimkehrendeu wieder auf deutschem Boden. Der Flug über die Meere war eine Tat deutschen Geistes und deutscher Technik, war eine völker­verbindende Tat des Friedens. Reichskanzler Marx."

Dr. Eckener ist inzwischen von Bremen im Auto in Berlin eingetroffen. Er hat sich imch einem Empfang im Maybach - Hause in seine Berliner Wohnung begeben.1 Von einem großen Empfang wurde auf Wunsch . Dr. Eckeners abgesehen. ; . \

Der Fall NathusiuS.

Me derQuotibien" erfährt, ist das Begnad iMngs- dekret für General v. Rathusius dem Präsidenten der fran­zösischen Republik zur Unterzeichnung vorgelegt worden. Immerhin dürften bis zur Haftentlassung noch einige Tage vergehen.

Es ist selbstverständlich, daß die Begnadigung des Gene- rals, der zu Unrecht verurteilt wurde, kaum geeignet wäre, die in Deutschland entstandene Erregung abzumildern. Die Reichsregierung wird unbedingt einen Protest, schritt in Paris unternehmen müssen, um gegen die un- gerechtfertigte Verurteilung des Generals von Rathusius Einspruch zu erheben. Sollte die Begnadigung des Generals erfolgen, so wird allerdings damit die Angelegenheit für Deutschland als erledigt angesehen werden müssen, da sich dann kaum eine weitere Möglichkeit bieten dürfte, den uner» hörten Rechtsbruch des Liller Kriegsgerichtes vor aller Welt festzunageln. Uebrigens hofft man, daß von französi. «scher Seite selbst eine Erklärung erfolgen wird, in der feie Mißbilligung des Liller Kriegsgerichts, su r teils zum Ausdruck kommt. Dies könnte etwa in der Weise geschehen, daß die französische Regierung bei der Be- tgnadigung des Generals ausdrücklich feststellt, daß die Ver­urteilung als Fehlspruch aufzufassen sei. Sollte die deutsche Regierung Gelegenheit haben, mit Frankreich hier» über zu verhandeln, so ist es selbstverständlich, daß deutscher- , fette eine derartige Erklärung der französischen AegiexWg gefordert werden wird.

Konferenz EhamberlainHerriot.

Es ist nunmehr vereinbart worden, daß der neue eng­

kommen wird, um mit Ministerpräsident Herriot über französisch-englische Ententefragen zu kon­ferieren. Es ist bekannt, daß eine ganze Eeihe wichtiger, schwebender Fragen, darunter höchstwahrscheinlich auch die der Räumung des Kölner Brückenkopfes durch die englischen Truppen, dem kommenden Monat Januar Vor­behalten sind. Ehamberlain begibt sich von Paris nach Rom, war er auf der dortigen Tagung des Völkerbundsrates Eng°

landzu vertreten hat.

Ueber die Kölner Raumungsfrage läßt sich Havas, ba« offiziöse Pariser Telegraphsubureau, in einer Londoner Korrespondenz in nachfolgender bemerkenswerter Messe aus: Man erfährt in autorisierten Kresse», daß über die Räumung der Kölner Zone durch die englischen Truppen noch nicht entschieden sei. Erst wenn Deutschland sich von seinen Ber- pflichtungen befreit habe, d. h. wenn es die dur chden Dawes- plan auferlegten Beringungen betreffend die Entschädigung und die Abrüstung erfüllt haben werde, werde über jene Frage eine Entscheidung gefällt werden. Die interalliierte. Militärkontrollkommission dürfte unverzüglich ihren Bericht, vorlegen und erst dann werde man über die Räumung M^r Gegend bestimmen.

Zusammentritt der internationalen Finanzkommission.

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Es ist nunmehr mit Bestimmtheit anzunehmen, daß die interalliierte Finanzkommission, die im vergangenen Monat' in London beschlossen wurde, in diesem Jahre nicht vor Mitte Dezember in Paris zusammentreten wird, weil die Sachver­ständigen sich nicht früher über die wichtigsten Beratungs- gegenstände, die Ruhrbilanz und Verteilung der ersten Dawesjahresraten, einigen können. Die« Amerikaner werden an der Finanzkonferenz o f fi -

(War einnml als Gläubiger

Stell teilnehmen, und zwar einmal als Gläubiger Deutschlands für die Besatzungskosten, sowie für die Berte'i'lun'g der materiellen Schäden, die Amerika während des Krieges erlitten hat, auf Grund

des zwischen Amerika und Deutschland geschlossenen Ton. derfriedens.

Ueber die deutsch-französischen Handelsvertrags» Verhandlungen,

die nun wieder in Paris in vollem Gange sind, berichtet die Pariser Presse übereinstimmend, daß die Verhandlungen etwa 5 Wochen da uern werden. Die für die nächsten Tage in Aussicht genommenen Beratungen deutscher und französischer Sachverständiger der Schwerindustrie und der M a s ch i n e n i n d u st r i e müssen um einige Tage hinausgeschoben werden, da die deutschen Sachverständigen nicht rechtzeitig zu der ursprünglich angesetzten ersten Sitzung in Paris eintreffen konnten. Die Frage der Verlängerung zollfreier Einfuhr elsaß-lothringischer Artikel bildet nicht länger einen selbständigen Verhandlungsgegenstand, sondern wird nur im Zusammenhang mit den einzelnen fachtechnischen Erörterungen behandelt.

Journal Industriele" veröffentlicht eine Unterredung mit L o u ch eu c, in der dieser frühere französische Handels- minisier betonte: die deutsch-französischen Wirtschaftsverhagd- I