Hersfel-er Tageblatt
Hersftlöer Kreisblatt'
Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö
Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzeile 10 Pfg. : für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Pfg., ; die Reklamezelle 50 Pfg. Bei Wiederholungen : DachlaB. + Für die Schriftleitung Derantwortlich : Franz Funk in ßersfeld. + Fernsprecher Dr. & ♦
Der Bezugspreis beträgt durch die Pols bezogen monatlich I.— (Dk„ ausschlietjl. Bestellgeld, für Bersfeld 1.— MK. bei freier Zustellung, Abholer —.80 Mk. * Druck und Verlag von Ludwig Funks Budidrucfcerei in Bersfeld, (Ditglied des VDZV.
Nr. 166
Donnerstag, den 27. November
1924
Das Wichtigste.
~ Die Begnadigung des Generals von Na. thusius ist amtlich in Berlin gemeldet.
— Die Antwort Schwedens auf das deutsche M e. morandum hat in Berliner Regierungskreisen arg enttäuscht. Sie ist geeignet, Deutschlands Ein- tri.tsgesuch in den Völkerbund wesentlich zu er. I ch w e r e, n und zu v e r s ch l e p p e m
- Die deutsch-englischen Wirt schaftsver. Handlungen nehmen nach englischen Meldungen einen guten Fortgang.
— Die Taufe des Z. N. III wurde in Washington vollzogen.
— Der frühere Oberbürgermeister von Han- n o v e r, L e i n e r t, ist von der Sozia ldemokratie wieder auf die Reichswahlliste an sechster Stelle gesetzt worden.
Wirffchaftsforgen.
o' .®ei ^E großen Aufräumen, das augenblicklich mit dem ' ^bgmn normaler Verhältnisse und der langsamen Besserung der Lonjunktur durch die deutsche Wirtschaft geht, finden sich leider täglich neue Reste von Schmutz und Fehlern. Nach der Sanierungskrise in Gestalt der Konkurse und Geschäfts- aufiichten über schwach gewordene Vorkriegsfirmen und schwach besaitete Jnflationsgründungen folgt jetzt anscheinend eine zweite, ebenso unangenehme Zeit der Enthüllun- gen und Aufklärungen, die erst erkennen läßt, wieviel Schmutz und Unkraut immer noch aus den Jahren der Milliarden und Billionen in unsere Gesundungsperiode hinübergewuchert ist. Die vielen großen Unterschagungs- und Bestechungsaffären, die in den letzten Tagen die Öffentlichkeit beschäftigt haben, die Hochstaplerprozesse und die aufgedeckten Mißstände bei der Vergebung der Kredite aus öffentlichen Bankanstalten ÄDU^WiMMiL'K "'^'111^ .....r g—~ "^'" non fuhren. Sie haben zugleich die Aufklärung darüber ge« bracht, wie der meteorähnliche Aufstieg gewisser Gruppen auch nach der Inflationszeit sich fortsetzen oder gar erst voll-- ziehen konnte und sie haben damit erneut das Ungesunde unserer Zinsverhältnisse beleuchtet. Zinsen in der Höhe wie sie bei uns gefordert wurden und noch heute oft gefordert werden und Zinsspannen zwischen den für aufgenommene und für weitergegebene Gelder gezahlten Sätzen, wie sie bei uns üblich geworden sind, Unterschiede von bis zu fünf Prozent in den von der Reichsbank, der Preußischen Staats- dank und der Girozentrale berechneten Sätzen und die Her- ausbildung eines Zustandes, daß täglich kündbares Geld weit teurer ist als nach Monatsfrist erst fällige Kredite, wie es in der letzten Zeit an den Börsen zu beobachten ist, sind Zeichen eines ungesunden Zustandes, der erst alle die bedauerlichen Erscheinungen möglich machen konnte, und an dem neben der Steuerüberspannung, der Kapitalarmut und spekulativen Ausschreitungen sicher auch fehlerhafte Bankpolitik ihr Teil Schuld trägt.
Wir brauchen aber billige Zinssätze und niedrige Zinsspannen bei reichlichem Kredfi zur Ausdehnung und Derbilli- gung unserer Produktion. In der letzten Zeit ist nun schon manches geschehen. Der Abbau der Steuern und der wenigstens etwas begonnene Abbau der Frachten wird ebenso wie 'die stärkere Erschließung ausländischer Kreditmöglichkeiten und die Zunahme der Spareinlagen nicht ohne " Wirkung bleiben, aber es sind noch andere, wichtigere Dinge zu regeln. Nur einige wenige, besonders bedeutsame, seien heute hier herausgegriffen. Es besteht heute langsam doch Einigkeit darüber, daß es mit der bisherigen Behandlung der Aufwer- tungsprobleme und der Wohnungswirtschaft nicht so weiter, geht. Beide Fragen sind in dem Wahlkampf in das Gebiet der politischen Agitation hinübergespielt und zum Zankapfel geworden. Die Sachlichkeit der Betrachtung hat dabei naturgemäß zunächst wenig Fortschritte gemacht und nur in Fachkreisen sind einige Momente neuerdings stärker erörtert wor- den, die jeder bedeuten sollte. Vom Standpunkt der reinen Nützlichkeitspolitik und der Notwendigkeit einer Beruhigung der Wirtschaft aus, wie ihn der Neichsfinanzminister früher so gern betonte, mag ja verständlich erscheinen, daß man die Aufwertung endgültig erledigt sehen möchte durch einen reinen Machtspruch, und daß man nicht alle Goldbilanzen und Verträge dem Damoklesschwert einer späteren abermaligen Revision ausgesetzt sehen möchte. Aber zunächst hat die Entwicklung der vergangenen elf Monate zur Genüge gezeigt, daß die Macht nicht vorhanden war, einem solchen Spruche Geltung und durch ihn Ruhe zu schaffen, und dann liegen gerade in den letzten Tagen immer neue Belege dafür vor, daß die getroffene Entscheidung dem sittlichen Empfinden und den tatsächlichen Verhältnissen in einem Grade widerspricht, der unerträglich ist. Da sind die Goldbilanzen der großen Aktiengesellschaften. Die Besitzer der Schuldverschreibungen dieser Gesellschaften haben vor dem Kriege sich mit dem niedrigen Obligationszinsfuß begnügt und auf die höheren Dividenden, Kursgewinne, Bezugsrechte usw. ver- zichtet, weil durch Gesetzesbürgschaft und Staatsaufsicht die Schuldverschreibung die unbedingt sicherere Anlage darstellte. Sie sehen gerade bei den reichsten und größten Gesellschaften, daß der Besitz der Aktionäre auf ihre Kosten, nämlich durch
Die Wertminderung der Anleiheschulden und die Abwälzung der Substanzverluste und des Geschäftsrisikos der Inflations- iahre auf ihre Schultern in weit höherem Maße erhalten, ja zuweilen unversehrt bleibt. Ein solcher Zustand ist unhalt- bar und zeigt deutlich die Mängel der Aufwertungsregelung. Er kann zudem nicht ohne Rückwirkung auf das Kreditwesen bleiben und die Schaffung der sogenannten Convertible- Bonds für deuffche Gesellschaften ist wohl in der Hauptsache dadurch bedingt, daß Obligationen heute nicht mehr gezeichnet werden würden. Von noch schärferer Wirkung für das ganze Kreditproblem ist die Wohnungszwangswirtschaft als natür- Itaje Ursache der für die Gläubiger ungünstigen Regelung der Hypothekenaufwertung. Es ist klar, daß derjenige, dem der Staat teils seinen Besitz, teils die Einnahmen daraus fortnimmt oder beschränkt, seinen Verpflichtungen nicht nach- koyunen kann., Aber es besteht heute kein Zweifel mehr oarüber, daß vielfach, z. B. bei Geschäftshäusern, die Einnahmen der Besitzer durchaus nicht eine Zahlungsunfähigkeit für höher aufgewertete Beträge bedingen und daß eine höhere Aufwertung Beträge mobilisieren und durch sie eine Erleichterung des Kreditwesens und der Wirtschaft bedingen würde, die manchen Nachteil der Lebenshaltungsverteuerung auch für die Konsumenten ausgliche. Die Gefahr einer neuen Infla- fion als eine andere Sorge, die die Wirtschaft anläßlich der bevorstehenden Vermehrung der Banknotenausgabe bewegt, ist jedenfalls durch die allgemeine summenmäßige Lohn- und Gehaltserhöhung und die überfiskalische Reichsfinanz- und Steuerpolitik eher gegeben,.als sie durch eine weitergehende individuellere Lösung der Aufwertungsfrage bedingt sein würde. **
Credite der preußischen Staatsbank.
Die Preußische Staatsbank (Seehandlung) hat seit Oktober vorigen Jahres an einen gewissen Kutisker (In Ser der Berliner „Bankfirma" von Stein) Kredite auf Lombard und Wechsel aeaeben. die bis M» Mete« surf»«« M» «Sans» von 14/2 Millionen erreichten. Da sich dü E-fchäftsxrackr-n des „Konzerns" Kutisker als nicht genügend einwandfrei er- wiesen, andererseits aber die Seehandlung diese Kredite ziemlich leichtfertig hingab, hat der preußische Finanzminisier eine Prüfung der Angelegenheit angeordnet und die nötigen Unterlagen eingefordert.
Die Erkundigungen, die seinerzeit von der Seehandlung über die Steinbank eingezogen wurden, lauteten nichtun - g ü n ft i g. Die Seehandlung gab daraufhin dem Institut im Oktober vorigen Jahres Lombardkredite, die bis Februar 1924 die Höhe von 3/4 Millionen annahmen. Um diese täglich fälligen Forderungen in 3-Monats-Kredite um= zuwandeln, verpfändete Kutisker das Schrottlager in H a n a u mit einem Werte von 4% Millionen. Die An- sichten über den Wert dieses Lagers sind sehr verschieden. K. will Angebote dafür bis 1214 Millionen gehabt haben. Das Wehrministerium schätzt das Lager auf nur 3 Millionen, zwar ausgehend von % des Friedenswertes, ev. also 9 Millionen. Die Steinbank alias Kutisker hat weiter Wechselkredite in Anspruch genommen, so daß das Debet-Konto einschl. Spesen usw. bis 14,2 Millionen anstieg, denen nur verhältnismäßig niedrige Aktiva gegenüberstanden. Die Staatsbank ist, soweit man bis jetzt übersehen kann, erheblich geschädigt worden. Denn, abgesehen von dem Ha- nauer Lager, das zunächst nicht realisierbar ist, sind die einen Wechsel größtenteils notleidend, die anbgm tragen die Unterschriften von Personen, die direkt den Unternehmen Kutiskers angehören. Es handelt sich also um sog. Wechselreiterei. Die Staatsbank hat hat Ende Oktober d. I. zur Abwicklung der Geschäfte eine Industrieverwaltungsgesellschaft herangezogen, die eine verlustlose Liquidierung herauswirtschaften will.
Es ist zum mindesten erstaunlich, daß sich ein Institut wie die Preußische Staatsbank von einem notorischen Schieber dermaßen düpieren läßt. Wo anderen, soliden Unternehmen jeder Kredit verweigert wurde, konnte ein Unternehmen wie die „Bankfirma von Stein" Summen von 14 Millionen erhalten. Die Staatsbank hat zweifellos sehr fahrlässig gehandelt; denn sie hätte wissen müssen, daß der Aktienmantel der Steinbank in den Händen eines Ausländers war. Sie hätte ferner wissen müssen, daß der Regierungs- vat, der direkt mit Kutisker verhandelte, nicht allein über diese Summen verfügen durfte, und sie hätte drittens wissen müssen, daß die Motivierungen für die einzelnen Kredite nicht genügend seriös waren. Bedenklich ist außerdem, daß der betreffende Regierungsrat inzwischen aus dem Staatsdienst ausgeschieden ist und jetzt in der Industrie einen annehmbaren Posten bekleidet. ,
Diese Kreditmaßnahmen der Seehandlung haben überall berechtigtes Aufsehen erregt. Darüber hinaus wird aber vielfach noch von Krediten an den B a r m a t - Konzern gesprochen. Diese Kredite sollen zum Teil den einzelnen Unternehmen gegeben sein, bevor sie in den Bar- nai-Konzern Übergängen, zum Teil soll sie der Konzern im
ganzen erhalten haben. Auch hier spricht man von einer stattlichen Summe. Wenn auch zweifellos ein Unternehmen wie der Barmat-Konzern, dem u. a. Gesellschaften wie Berlin-Bürger Eisen A. G. und I. Roth in Berlin an gehören, nicht in einem Atemzüge mit dem Kutisker-Kon- zern genannt werden darf, so ist doch eine Kritik an solchen Geschäften der Staatsbank wohl berechtigt. p.
„Beanadigung des Generals von Nathusius.
Die offizielle Mitteilung von der Begnadigung des Generals von Nathusius ist bei der Reichsregierung telegraphisch eingetroffen. Wenn sich die Behauptung des „Matin" bewahrheitet, daß die französische Regierung das Urteil des Liller Kriegsgerichts für objektiv falsch hält, hängt es ganz von General von Nathusius ab, ob er das Revisionsverfahren beim Pariser Kassationshof weitergehen lassen will oder nicht. Unabhängig davon ist gleich nach Bekanntwerden der Verhaftung des Generals und Eontumaeiam-Urteils aus dem Jahre 1921 auf Grund des Gesetzes vom 18. Dezember 1919 beim Reichsgericht ein Verfahren gegen den General anhängig gemacht worden, zu dem bereits eine Reihe von wichtigen Zeugen ermittelt worden ist Es wird sich in dem Verfahren vor aller Welt ergeben, daß die Ehre des Generals und fern stets korrektes Verhallten in Feindesland unantastbar ist
♦
Der Verteidiger des Generals von Nathusius, Rechtsanwalt Nikolai, ist in Paris ringest offen. In deutschen Iournalistenkreisen verlautet, daß er erklärt haben soll, General von Nathusius lehne eine Begnadigung ab und bestehe auf Revision seines Prozesses. An französischer amtlicher Stelle wartet man eine ^Bestätigung dieser Mitteilung ab, die die Dinge, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, außerordentlich komplizieren kann.
*
Der Reichspräsident hat auf das an ihn gerichtete Telegramm der Familie Nathusius folgende dringende Drahtantwort gesandt: Reichsregierung wie ich selbst sind mit ■jjwg*^*g*M*gw**|gJ*g|*jjw*
Nathusius schweres Unrecht ist. Reichsregierung ist seit Verhaftung Generals bemüht, Freilassung zu erreichen. Diese Bemühungen werden im Einvernehmen mit nächsten Angehörigen und in Fühlung mit dem General selbst fortgesetzt, gez. Reichspräsident Ebert. . .
Die Reichsregierung und der Fall Not-nsius
Berlin, 27. November. Wie wir hören, wird die Be- nadigungdesGeneralsvon Naty virus durch ie französische Regierung von der Reichsregierung gebilligt, a keinerlei Bedenken mehr darüber bestehen, daß die franzo- i che Regierung nicht etwa allein aus politischen Gründen zu ieier Maßnahme geschritten ist, sondern tatsächlich von der n i chuIdigen Verurteilungdes Generals über- eugt war. Man macht darauf aufmerksam, daß die veidneu« iiaunq des Verfahrens gegen General von Nathupus auf die ranzösische Regierung zurückzuführen ist, die geglaubt hatte, «mit die Angelegenheit am schnellsten aus der Welt zu chaffen. Es sei ganz offensichtlich, daß die franzostiche Re- ierung mit einem Einspruch gerechnet hatte und von der Verurteilung selbst außerordentlich überrascht wurde. Im Ihrigen wird die Reichsregierung der Familie des Generals ion Nathusius eingehende Mitteilungen darüber niachen, velche Schritte sie zu der Geltendmachung der Rechte des Ge- rerals während der ganzen Zeit eingeleitet hatte.
Ein weiteres Zeugnis für General Nathusius.
Liegnitz, 27. November. Aus Nimptsch wird gemel- Het: Dem durch das Liller Schandurteil schwer getroffenen General von Nathusius gilt eine wcfiere Ehrenerklärung aus Schlesien von einem seiner Feldzugskameraden, Rittmepter W e g e n e r , Klein Ieseritz. Er schreibt über die untadelige Ehrenhaftigkeit, Geradheit und Schlichtheit des verurteilten Generals: „Ich habe mit dem damaligen Oberst von Nathusius zwei Jahre lang in Romagne, einem Dorfe vor Verdun, gelegen und kann nur sagen, daß Oberst von Nathusius der einfachste, bescheidenste Offizier war, den man sich vorstellcn kann. Er hatte überhaupt keine Ansprüche. In seinem Zimmer stand nur ein Bett und eine Kiste für „Tigerchen". seinen Jagdhund. Seine einzige Passion war die Jagd. Es liegt eine Ironie des Schicksals darin, daß gerade diese, Offizier von den Franzosen verhaftet worden ist, von dem ei ganz ausgeschlossen ist, daß er auch nur ein Möbelstück zu feiner Bequemlichkeit von einem Quartier ins andere mitgenommen, geschweige denn, ein Möbelstück gestohlen hat. Dieser meiner Ansicht wird jeder Angehörige des 6. Reservekorps zustimmen, der die Ehre hat, General von NathustW zu kennen." j
Die Taufe des „3- R 3* in Amerika.
Z. R. III hat seinen ersten Flug von Lakehurst nach Washington angetreten, wo die feierliche Tauft durch die Gatttn des amerikanischen Präsidenten, Frau Evolidge, statt» fand. Bei seiner Landung in Washington hatte das Luft, schiff ernste Schwierigkeiten. Während der Präsident, und andere hohe amtliche Persönlichkeiten über eine Stunde warteten, um der Taufftierlichkeit beizuwohnen, versuchte^ Z. R. III wiederholt ohne Erfolg, auf dem kleinen Flugplatz zu landen. Endlich entschlossen sich dir Offizieve des Luft?!