Hersfelder Tageblatt
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Amtlicher MyAerger für den Kreis yersfelö l ^^» wj ^ E
Nr. 168 (@t|« Mit) GonnabenS, den 29. November 1924
Die englische Krise in Aegypten
Aus Kairo kommt die sensationelle Meldung, daß von den englischen Militärbehörden vier Mitglieder des ehemaligen Kabinetts Zaglul Pascha verhaftet worden sind. Daraufhin hatten drei Minister des neuen Kabinetts zwar ihre Ruck- trittserklärung eingereicht, die sie dann aber Zurücknahmen, als die britischen Militärbehörden versprachen, die Verhafteten den ägyptischen Behörden auszuliefern.
Wie Reuter aus Kairo weiter erfährt, sind die Verhaftungen durch die den britischen Beamten drohende Gefahr notwendig geworden. In wohlunterrichteten Kreisen herrsche kein Zweifel, daß eine ausgedehnte Verschwörung in Ae gy fite n bestehe. Die Ermordung des Sirdar werde nur als Einzelfall einer Reihe von geplanten Verbrechen betrachtet. Die B o r s i ch t s m a ß r e g e l n wU öden aufvechterhalten werden, bis die Gefahr beseitigt sei. Gewisse der Polizei bekannte, Personen wurden verhaftet.
Die englische Regierung rechtfertigt ihr Vorgehen in Aegypten durch folgende
amtliche Erklärung:
„Seit den ergebnislosen Verhandlungen zwischen Mac- Donald und Zaglul Pascha war es klar, daß der unmöglich gewordenen Lage in Aegypten durch außerordentliche Maßnahmen ein Ende bereitet werden müsse. Durch die Ermordung des Generals Stacks ist die Krisis nur beschleuWgt worden. Abgesehen von diesem Morde, den durch ägyptische Be- amte angezettelten Aufständen im Sudan und den elf versuchten oder vollführten Morden an englischen Beamten seit 1922, bestehen noch viele andere schwerwiegende Gründe zum Einschreiten Englands. Die Triluftzahlungen Aegyptens sind unregelmäßig erfolgt; die Stellungen der englischen Räte für Justiz, Finanzen und öffentliche Sicherheit, denen der Schutz der ausländischen Gemeinden oblag, sind bewußt un- terwühlt worden, und die englischen Eisenbahnbeamten wurden dermaßen schikaniert, daß der Erfolg ihrer Arbeit illusorisch wurde. Außerdem hat die ägyptische Rcgi ^umg die Pensionierung und Verabschiedung der englischen Beamten im ägyptischen Dienst verursacht. Alle diese Umstände haben die Lage dermaßen unhaltbar gemacht, daß ein Vorgehen Englands bereits vor der Ermordung des Sirdar notwendig geworden war."
König Fund
gab durch den Kriegsminister den ägyptischen Offizieren und Mannschaften den Befehl, sich den Anordnungen des stell- vertretenden Genevalgouverneurs zu fügen und aus dem Sudangebiet abzurücken. Die zurzeit dort befindlichen ägyptischen Truppen werden wahrscheinlich am 30. November ad- rücken.
Nach einem amtlichen Bericht aus Kairo weigern sich die ägyptischen Offiziere und Truppen in Kartum, den Sudan zu verlassen. Der diensttnende Kommandant habe geäußert, er müsse erst den Befehl der ägyptischen Regierung abwarten, ehe er den Sudan räumen könne. Infolgedessen haben die englischen Truppen die ägyptischen Trupsien im Sudan umzingelt. Die Verwaltung von Kartum hat Befehle aus Kairo erbeten.
Ein türkisches Blatt aus Konstantinopel schreibt, die britische Aktion in Aegypten bedeute einen Angriff aufden Islam, und sagt voraus, daß der Kampf für die Unabhängigkeit ebenso wie in Spanien-Marokko weitergehen werde. Die gleiche Feindseligkeit zeige das Blatt Aksham, welches erkläre, daß die Bestrafung einer ganzen Nation für das Verbrechen eines einzelnen ein Rückfall in die Barbarei sei und daß die Türken, die eine britische Okkupation erlebt hätten, volles Mitgefühl mit den Aegyptern hätten.
Italiens Antwort auf das Memorandum.
In den Regierungskreisen erwartet man die A n t w o r t Italiens auf das deutsche Völkerbundmemorandum spätestens für den Anfang des nächsten Monats. Ueber den Inhalt dieser Antwort werden zurzeit lebhafte Verhandlungen zwischen Berlin und Rom gepflogen. Es liegt Mussolini anscheinend viel daran, die Initiative zu ergreifen zu einem Schritt, der Deutschland die endgültige Beitrittserklärung zum Völkerbund ermöglichen "könnte. Der gegenwärtige Meinungsaustausch erstreckt sich vor allem darauf, daß Muffolini den Vorschlag geinacht hat, in seiner Antwort bereits diejenigen Bedingungen zu for- mulieven, welche die deutschen Bedenken zerstreuen und einen solchen Kompromißvorschlag enthalten könnten, daß bei seiner Annahme durch Deutschland den, Beitritt nichts mehr im Wege stünde. Selbstverständlich arbeitet Mussolini diese Vorschläge nicht ohne vorherige Fühlungnahure mit den übrigen Mächten des Völkerbundrates aus, und eben deshalb bedarf es einer sehr sorgfältigen Formulie- r u n g und der vorherigen Zustimmung der übrigen Kabinette, bevor der entscheidende Schritt vor der Oeffentlichkeit getan werden kann. Es besteht jedoch in den Berliner politischen Kreisen durchaus die Meinung, daß die Verhandlungen zu einem Ergebnis führen werden, das Deuffchland die Ueberwindung feiner Bedenken ermöglicht und man den Wt- SÄMte WMMH gerecht MK.
General v. Naibvsius wieder daheim.
General von Nathusius istmKassel eingetroffen und wurde vom Oberpräsidenten Dr. Schwanker bewillkommnet. Eine nach Taufenden zählende Menschenmenü« brächte dem General begeisterte Kundgebungen.
Der Oberveichsanwakt hat E der Untersuchung des Falles Nathusius StaatsonwaLtschaftsuat Lehemann beim Reichsgericht betraut. In LetpWg «rat in zahlreichen anderen Städten Deutschlands. habe» dre Pernehrnungen der Zeugen begonnen, die von dem des Diabstahls beschuldigten General bereits dem französischen. Kriegsgericht benannt worden waren. handelt sich vor allen Dingen um die Personen, die im Kriege zur näheren Umgebung das Generals von Nathusius gehörten, um seine Adjutanten und Burschen. In diesen Tagen soll auch der General in Kassel selber ver- nomuren werden.
Rücktritt Bradburys.
Die ftanzöstschen Blätter melde«, daß der englische Delegierte in der-RTparotionskommission, Sir John Brad- b u r y, am 3. Dezember w. fernem Posten zurücktritt.
Twtzki kaligSstettt.
Ein Kopenhagener Blatt erfährt aus Moskau, daß die Bemühungen der radikalen Gruppe, Trotzki aus seinen Aemtern zu verdrängen, gelungen sind. Er erhielt seinen Abschied als Bolkskonnnissar für'das Kriegswesen und wurde auch zugleich von seinen andern Aemtern entbunden. Es ist die Rede davon, daß er im diplomatischen Auslandsdienst verwendet werden soll. Das rote Heer und die Marine stehen auf Seiten Troßkis. In weiten Kreisen herrscht große Erregung infolge der Verabschiedung.
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W uu;u ist elu "neue? großer KriegsfZMtsnbetrnz an stet D s worden. Es handelt sich um die bekannte Gesellschaft GerreAe in MarKsuge, eine große Fabrik, die zunächst 317 McAvWsn SchaLenerfaß »«gemeldet hatte, der dann cl^r durch die Sachverständigen in Wirklichkeit, auf 192 Mi3«um zurMgeschranA wurde. Es hat sich dabei herausAPeAt, daß es notwendig sein wird, die gan-, c Akten dieses Firma noch einmal einer gründlichen Prüfung zu unterziehe«, denn nach der „Ere NorrvEs" wird sich wahrscheinlich Herausstellen, daß dieser Firma viel zu viel EutschWigung ausw^ahtt morden ist.
Das deutsch-englische Kompromiß.
Die. englische Regierung -hat bei den deutsch-eryglischen Wvctso .fftsverhaudluN'gen in der stchsnndzrvanzigproz-entigen AyssulMWabe ein Kompromiß vorgeschlagen, das von deWh-sr Seite angenommen worden ist. Danach uürd in Zukunft die deutsche Ausfuhr nach England nicht nrehr .mit der sechsündzw-MzigprozeMgen ?lbgaÄe belastet, sondern die Reichs regier ung soll gewisse Sicherheiten dafür schaffen, daß ein entsprechender Ersatz für die fortfallenden Reparoltions- einnahmep Englands geleistet wird. Me Abgabe würde demnach durch eine entsprechende ReparAtionszahlung Lieutsch- lands abgelöst werden. In den wirtschaftlichen Kreisen hält man eine solche Regelmrg für durchaus tragbar, während da- geMn das Reichsfinanzministerium der Meinung ist, daß dadurch das Reich belastet wird, und zw«c zugunsten des Ex. porthandels, der sich auf diese Weise von der Leistung der sechsundzwanzigprozentigen Abgabe befreien kann. Ueber diese Frage sind noch lebhafte Memungsverschiedenhetten im Roichskabinett im Gange, die aber wahrscheinlich dadurch anWegftchen werden, daß die an England zu leistenden Zah>- lungen aus anderweitigen Zahlungen gedeckt werden sollen:
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Zu den deutsch - französischen Handelsvertragsverhand- lungeu wird gemeldet: Die Sachverständigen der deutschen Scgmetinbuftvie sind mit den fvmyzöstschen im Comite des Fortes zu einer Besprechung zusammengetreten. Wie von derfischer Seite mitgeteilt wird, ist man über den Verlauf schr befriedigt. Fritz T h y sse n und der Direktor her Krupp- werke, Brühn, werden bei der nächsten Sitzung zugegen sein. - q Y
Gegen die Lustfahftsdeschränkungeu für Deutschland.
Der Hamburger Verein für Luftfahrt nahm im Nähmen einer eindrucksvollen Boelcke-Gedächtmsftter Stellung gegen die Luftfahrtbefttnnimn-gen unserer früheren Feinde. 'Haupt- mann a.D. Loerzer, ein Mitkämpfer Voelckes, hielt die Gedächtnisrede. Darmif wurde eine Entschließung alt die Reichsregierung angenommen, in welcher gegen die restlose Behandlung Deutschlands in der Luftfahrt protestiert und verlangt wird, daß die sogenannten Begriffsbestinrur» »gen aufgehoben werden. Es wird der Erwartung Ausdrn i gegeben, daß die deutsche Regchrung diesem red^tfofen jM lande scharf entgegeuttitt.
Neue Verwickelungen in China.
Wie aus Genf berichtet wird, meldet der „Herald" aus Peking, daß unmittelbar an der Grenze zwei Sowjet- rcgi.u-ntsr ausgeladen worden seien. In Peking ist eine Moskauer Sondergesaudfichaft angelommen, so daß man bereits von 2er Möglichkeit einer Intervention Japans spricht. _____
Kampf vor Teiuan.
Nach einer Pariser Meldung hat sich in Marokko un- mitk,bar vor d en Toren Tetuans ein erbitterter Kampf abgespielt. Den Aufftändischen war es gelungen, sich bis auf einen Kilometer an die Stadt heranzuarbeiten. Eine eingeborene Truppenabteilung wurde gefangen genommen und fortgeschleppt.
Die Abrüstungsvorlage im dänischen Reichstag.
Während der Aussprache über die Abrüstungsvorlage im dänischen Reichstag betonte der dänische Minister des Aeuße- ren Graf M o l t r e die Gründe, die für die Einbringung der Vorlage maßgebend gewesen seien. Der ftüheve deutsche Abgeordnete Hansen empfahl die Auftechterhaltung einer bewaffneten Neutralität. Der nordschleswigsche Abgeordnete Nissen führt an, daß Dänemark sich selbst bei äußerster Anstrengung nicht wirksam verteidigen könnte. Wenn Deutschland während des Weltkrieges nicht in Dänemark eingedrungen sei, so w. e e der Grund nicht Schwüche, sond ern politische Rücksicht gewesen. ... .,_;.-
Freigsbr des deutschen Eigentums in Amerika?
Der „New Pork Herald" meldet aus Washington, daß^ nunnwhr berechtigte Aussicht dafür bestände, baff das deutsche Eigentum in Amerika freigegeben werde.. Präsident Coolidge und die amerikanischen Behörden wären ^-^ ,»^ a<^tt .^»^y^^^^^ '«» m beutsch-amerikanischen FrieDen^vertrag iibereinftnrmte, da die darin vorgesehenen Provisionen zur Befriedigung der ame- rikanifchen Ansprüche nach Durchführung des Dawesplaues nunmehr als bezahlt betrachtet werden müßten. Der Kongreß »ruß dieser Regelung noch seine Zustimmung geben.
MiielstaWKsfragen»
Steuerunfug.
Von der steuerlichen Erdroffelung des Mittelstandes zu sprechen, ist heute nicht mehr notwendig, nachdem selbst die amtlichen Reichs- und Landesstellen zu der Einsicht gekommen sind, daß unser Steuer„system" stark reformbedürftig ist und daß die Steuerlast für den selbständigen Mittelstand unerträglich geworden ist. Um so notwendiger ist es aber, auf die Fehler und die Unzulänglichkeit der kürzlich verkündeten, teilweise bereits in Kraft' getretenen, teilweise ab 1. Januar 1925 angeordneten Steuererleichterungen hinzuweisen und Remedur zu fordern.
Die U ins atz steucr und die sogenannte Luxus st euer sind zwar herabgesetzt worden, aber im Prinzip ist es bei dem bestehenden wirtschaftswidrigen Zustand geblieben, daß durch die Umsatzsteuer die besonders hochwertige und vielstufige Verarbeitung von Qualitätsware gleichsam bestraft und der Schund- artikel steuerlich begünstigt wird. Ebenso ist es dabei geblieben, daß der gewerbliche Mittelstand Einkommen- und Umsatzsteuer- zahlungen entrichten muß, ehe er übersetzen kann, ob die in Frage kommenden Geschäfte und Zeiten ihm überhaupt einen Nutzen und ein,Einkommen lassen, so daß oft genug Einkommensteuer und Umsatzsteuer von den erlittenen Verlusten gezahlt werden müssen. Es' ist ein magerer Trost, daß der nicht selbständige, sondern angefteüte; Angehörige des besseren Mittelstandes und der freien Berufe wenigstens über ebenso viele unsinnige Sonderbelastungen zu klagen hat. Ist es doch auch nach den Erleichterungen dabei geblieben, daß er von dem 2000 Mark übersteigenden Vicrteljahreseinkommen als Steuervorauszahlung 20 Prozent abzuführen hat, während bei dem Geschäftsmann davon nicht die Rede ist. Ebenso ist die 91b« Zugsfähigkeit auch der einwandfrei nachgewiesenen Werbungskosten immer noch nicht gegeben, wenn man von einigen wenigen durch Ausnahmebestimmungen auch schon früher berücksichtigten freien^ Berufen absieht. Man verkennt mit einer gewissen Beharrlichkeit die Notwendigkeit und die Höhe der Werbungskosten bei Angestellten, und Mitgliedern der freien Berufe, die oft recht erhebliche laufende Ausgaben zur Erhaltung ihrer Leistungsfähigkeit, zur fachlichen Fortbildung, teilweise auch zur Repräsentation machen müssen, um sich auf der Höhe der an sie gestellten beruflichen Anforderungen zu halten und leistungsfähig zu bleiben.
Schließlich muß in diesem Zusamnrcnhang darauf verwiesen werden, daß die an die Steuermilderungen des Rei-^ ches geknüpfte Zusage entsprechender Milderungen in den Landes- und Kommunalsteuern bisher nur in gänzlich unzureichendem Maße erfüllt worden sind. Insbesondere sind die städti-! s ch en Gewerbe, und Lo h n su mm en steuern bisher t» den meisten Fällen ebensowenig herabgesetzt worden, wie man von der Aufhebung der vielen kommunalen Sondersteuern etwas gehört hat, die heute besonders den Einzelhandel und das Hotel» und Gastwirtsgewerbe auf das schwerste belasten. Zur Gesun. dung unserer Verhältnisse gehört in erster Linie auch die Freistellung des Mittelstandes von solchen «übertriebenen Lasten, die es unmöglich machen, daß er als Staatsbürger und. als Käufer auf dem Jnlandsmarkt wieder die belebende große Bedeutung erlangt, die er hatte, und die er in einem gesundes Staatswesen haben muß. •