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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 17t

Mittwoch, den 3. Derember

1924

Das Wichiigsie.

Nach ehret ÜOTiöonec Aleldunp wird die Kölner Zone entgegen dem Versailler Vertrag er st im April oder Mai geräumt werden.

Der a n g l o - d e u rs che Handelsvertrag soll. Londoner Nachrichten zufolge, hart vor der Unter- ze -ichnung stehen.

In Polen wurden deutsche Redakteure wegen der Deutschhaltung ihres Blattes zu schweren Gefängnis st rasen verurteilt.

In Brasilien erhalten nunmehr die Frauen das rktive wie passive Stimmrecht.

Unsere Banken.

< : Goldbilanzen der Großbanken und der großen Pro- i .iätute liegen nun fast vollständig vor. Auch die klei- neren Bankinstitute, einschließlich der meisten Jnflationsgriin- dungen, haben wenigstens Vorschläge schon veröffentlicht, so daß man heute ein Bild über die Veränderung in den Kapitalverhältnissen und über die Ergebnisse der Kriegs- und Znflationssahre für das Bankgewerbe sich machen kann. Zu einer Beurteilung dieser Ergebnisse kann man aber nicht nur Sie nackten Ziffern heranziehen und die Bilanzkommentare, Sie die volkswirtschaftlichen Zeitungen und Zeitschriften ver­öffentlichen, sondern es muß berücksichtigt werden, daß gleich­zeitig mit der Kapital'basis und unabhängig davon auch der Geschäftsumfang und die Geschäftsrichtung der Banken und ihre Stellung innerhalb der Wirtschaft wesentliche Verände­rungen erfahren haben. Es lohnt sich deshalb, wenigstens andeutungsweise in einigen, natürlich das Thema nicht er- schöpfertden Ausführungen die heutige Rolle und den heu­tigen Stand des Bankwesens im Gegensatz zur Vorkriegszeit zu betrachten.

Die Goldbilanzen zeigen rein äußerlich die gewaltigen Verluste, die den Banken teils durch den Friedensschluß und

u^ jUi.it ausländischer ZUpd^j^ttz-^»^,. ^MDÄ^^Äht^gbLu»- teils durch Entwertung ihres Esfekkenbesitzes und dann weiter in derjenigen Zeit der Inflation, als sie noch nicht die Mög­lichkeit gefunden ^hatten, sich gegen Geldentwertung durch entsprechende Klauseln zu schützen, aus ihrer Kreditgewäh­rung entstanden sind. Es ist wirklich nicht allein die Reichs- dank der Leidtragende gewesen; denn das gleiche, was für die Reichsbank galt, galt auch für die übrigen Institute. Die Zusammenlegung der Aktienkapitalien ist bei den Banken teilweise außerordentlich stark ausgefallen; der Ruhrkampf wirkt sich darin nachträglich aus, daß alle stärker an diesem Gebiet interessierten oder dort ansässigen Banken noch schär­fere Zusammenlegungen vornehmen mußten als die im un­besetzten Gebiet, abgesehen von einigen wenigen, die beson- ders aus ihrer dem Exporthandel angehörigen Kundschaft erhebliche Verluste verzeichnen mußten, und den typischen Inflationsgründungen. Immerhin sind die Fälle nicht ge- tobe selten, wo das Kapital bis auf die Hälfte oder gar bis auf ein Fünftel des Vorkriegsstandes herabgesetzt wird.

Man darf aber dabei nicht übersetzen, daß das Verhält­nis zwischen ausgewiesenem Grundkapital und Reserven fast durchweg wiederhergestellt oder sogar noch günstiger gewor­den ist. Denn die Goldbilanzen enthalten in fast allen Fällen stille Reserven in einem solchen Umfange, wie man ihn selbst ftüher nicht gekannt hat. Es sei, um einige Bei­spiele zu erwähnen, nur darauf verwiesen, daß z. B. die Berliner Handelsgesellschaft einen Posten mit einer Erinne- rungsmark eingesetzt hat, u. zw. aus formalrechtlichen Grün­den, der inzwischen bereits einen greifbaren Wert von mehr als einem Fünftel des Aktienkapitals erhalten hat, daß die Deutsche Bank ihren kolossalen Haus- und Grundbesitz nur mit einem geringen Bruchteile in der Bilanz zu stehen hat, daß trotz allen früheren trüben Erfahrungen und Verlusten auch heute in der Bewertung der Effekten und Beteiligungen sehr starke stille Reserven enthalten sind. Me ausgewiesenen Reserven sind zwar nicht so groß, wie sie vor dem Kriege waren, aber das Verhältnis des Nennwertkapitals und der ausgewiesenen Reserven ist angesichts der Herabsetzung des Grundkapitals meist wieder das gleiche, während die auf dieses Kapital entfallenden 'stillen Rücklagen größer sind als ftüher.

Die Banken haben aber mehr als andere Gewerbezweige Grund zu einer derart vorsichtigen Bilanzierung. Sie- werden andere Geschäfte als ftüher machen müssen und sehen sich bei vermehrter Konkurrenz einer verringerten Betäti- gungsmöglichkeit gegenüber. Sind doch aus der Unzuftie- denheit und einer gewissen Abwehr gegen die Macht und das Geschäftsgebaren der Danken eine ganze Reihe bankähnlicher Organisationen entstanden, die einen großen Teil der Funk­tionen und der früher den Banken zufließenden Gelder über^ nommen haben. Es fei hier erinnert an die Bankinstitute' einzelner Wirtschafts- und Berufsgruppen, so z. B. die Ge­treidekreditbanken, die Zuckerbanken, Bank der Lederindustrie, die Bank der Mühlen, die Arbeiterbanken und die Beamten­banken sowie schließlich die Bankabteilungen großer Fach­verbände und Genossenschaften und einzelner Industrie- konzerne. Im gleichen Zusammenhang ist die bankmäßige Einstellung der Sparkassen und die Errichtung der Giro- verbände zu erwähnen, deren Spitzenkörperschaft, die Deutsche G-irozeirtrale, heute neben der Seehandlung der mächtigste

Faktor am deutschen Geldmarkt geworden ist. Ebenso wenig wie diese neue vielseitige Konkurrenz darf man die Ver­änderung übersetzen, die in den Beziehungen zur Industne und zu den Verwaltungen eingetreten sind. Mehr und mehr sind in der Industrie als Finanziers und als Mittler ins Geldgeber selbst statt ihrer Bankverbindung in der Verwal­tung. Schließlich hat sich die Stellung der Banken zur Börse erheblich verschoben. An Stelle des großen eigenen Effekten- geschästs ist mehr und mehr die kommissionsweise Erledigung von Aufträgen getreten, während das eigentliche Geschäft der Banken die Sammlung von Geldern und die Weitergabe von Krediten geworden ist. Bis sich die organisatorische und kalkulatorische Umstellung so weit vollzogen hat, daß die Be- deutung, der Einfluß und die Rentabilität des Dankkapitals wieder den früheren Grad erreichen, dürfte unter diesen Um­ständen noch manche Zeit verstreichen und manche bittere Er­fahrung gesammelt werden. Dem tröge» die Galdbilanzen

Rechnung.

Die H<mdelsvertragMrhaud!lmgek

In London erwartet man

die Unterzeichnung des deutsch-englischen Handels­vertrages.

Die deutsche Abordnung wird dann folglich nach Berlin zurückkehren Es ist indessen möglich, daß Vorbehalte gemacht werden, und zwar wegen der Rati­fikation des Vertrages durch das britische Parlament, wie durch den deutschen Reichstag. Diese Vorbehalten beziehen sich hauptsächl^ auf die 26prozentige Reparatr- onsabgabe. In der Zwischenzeit soll für einen solchen Fall das Abkommen als vor­läufiger modus vivendi in Kraft treten. Ueber die 26prozentige Reparationsabgabe wurde beschlossen, sich nochmals nach Berlin zu wenden, um eine weitere Ab­änderung der Originalformen zu erhalten, die die Sichertzerkn der Reparationsrechte für Großbritannien und das Britii che Weltreich unter dem Verfailler Vertrag und dem Dawes- abkommen verbürge. Die deutsche Anaoorr unr» w ^unuun erwartet. Man hofft, daß sie günstig ausfallen wird. Acer trotzdem bedürfen die abgeänderten Formen noch der Unter­zeichnung durch das Transferkomitee und den Reparations- generalagen ten.

Eine Londoner Meldung will wissen, daß der anglo-deut- sche Handelsvertrag kurz vor der Unterzeichnung stunde.

Die deutsch-französische« Wirtschastsvechandlungen.

In Paris hat eine Vollfi tzung der deutschen und der französischen Handeksvertragsde legierten unter dem Vorsitz des Ministerialdirektors Serrui/s fdatt- gefunden. Der Sitzung wohnten die deutschen und die fran- äö fischen Delegierten der eisenverarbeitenden Industrie und der Elektrotechnik bei. Es wurde beschlossen, daß die Dele­gierten unter sich eine weitere Sitzung abhalten sollen. Da­nach findet wiederum eine Vollsitzung statt unter Hinzu­ziehung der -deutschen und der ftanzösischen Delegierten für die Schwerindustrie. Außerdem ist beabsichtigt, in eine Dis- kussion über die die Landwirtschaft betreffenden Fragen ein« zutzpten.

Der Transfer-Ausschuß vertagt.

Das Transfer-Komitee hat folgendes Communiquä her- ausgcgebmcDas Komitee beschäftigte sich in der Hauptsache mit Organisationsangegenheiten und vertagte sich bis zur neuen Einberufung durch den Vorsitzenden. Die nächste Sitzung wird wahrscheinlich nach Mitte des Monats abge­halten werden." Wie von unterrichteter Stelle weiter ver­lautet, ist der Transfer-Ausschutz über die 26prozentige Re- parationsabgabe zu seinem Einverständnis gelangt.

Lieber die Echtheit des sogenannten

Herriot'schen Memorandums

ist im Zuge des Wahlkaurpfes ein erbitterter Streit entsprun­gen. Es wird im Parteistreit auf eine Richtigstellung der Reichsregierung hingewiesen, die schon insofern eigenartig anmutet, als bekanntlich das Memorandum gar nicht der Deutschen Regierung, sondern nur den alliierten Regierungen, also England und Italien als Geheimmemorandum zugestelli worden ist, die Reichsregierung also gar nicht in ber Sagt sein kann, ein amtliches Dementi zu erteilen. Es ist be­kannt, daß die französische Agentur Havas dieses Geheim- Memorandum Herriots ableugnet, aber ^ bestehen doch an der Sand der Erfahrungen, die wir bis jetzt immer mit Frankreich gemacht haben, begründete Befürchtungen genug, hinter dieses französische Dementi mehr als ein Fragezeichen au fetzen Für Deutschland kann es angesichts dieser Sturm­zeichen nur heißen: aus der Hut zu sein.

Werrn Deutsche in Frankreich sprechen wollen.

Bei einer Gedenkfeier früherer Kriegteilnehmer ir Chumbern sollte ein Kutscher Pazifist, namens Gold in a n n eine Ansprache halten. Der M a i r e von Lhamven

erließ ein Verbot dieser Veranstaltung und begründete es wörtlich folgendermaßen:

Im Hinblick darauf, daß schon allein die Ankündi­gung dieser Rede auf den an unsere Mauern geklebten Plakaten eine Beleidigung für die Toten des Krieges, für die Armee und für das Vaterland ist, verbietet der Maire von Chambsry ausdrücklich und ohne weitere Erläuterung die beabsichtigte Versammlung."

Roch ein deutscher Kriegsgefangener in Sibirien.

Eine freubige Nachricht erhielt der Landwirt Meirich S ch l o e n in Friedrichsdorf, Kreis Bremervörde, von seinem Sohne Heinrich aus Sibirien. Heinrich Schloen war im De­zenter 1915 in russische Gefangenschaft geraten und mit einem Gefangenentransport nach Sibirien geschickt worden. Seit April 1922 waren die Eltern ohne Nachricht von ihrem Sohne, so daß sie annahmen, daß er verschollen sei. Heinrich Schloen hat in Sibirien geheiratet und ist Vater von einem Kinde. Er gedenkt nun mit seiner Familie nach Deutschland zurückzu- kehren.

Bslfchewrstenpuisch in Mval.

Bewaffnete Bolschrwisten besetzten den Häuptbahnhof von R e v a l und versuchten, sich amtlicher Gebäude zu be- mächligen. Truppen drängten in hartem Kampfe, der auf beiden Seiten Verluste brächte, die Aufrührer zurück. Der Verkehrsminister Kark wurde erschossen. General Laedonner hat unbeschränkte Vollmacht erhalten Es verlautet weiter, daß die Ordnung in R e v a l völlig wiederhergestellt ist. In den Proviuzstädtsn ist alles ruhig geblieben. Die Verluste auf feiten der Truppen und der Polizei belaufen sich auf 18 Tote. Die Verluste der Kommunisten sind weit größer, vor­läufig aber noch nicht zahleumäßig festzustelleu. Etwa 60 Kommunisten sind verhaftet und einem Stcmdgericht übex- geben worden. 5^

Reuter meldet aus Kairo: Der Unierrrichtsnn n ister und der Miniftsr für öffentliche Arbeiten sind zurückgetrete«. Gründe für ihren Rücktritt sind nicht bekannt. Es steht zu er- marten, daß auch der Verkehrsminister zurücktreten wird.

Nacheiner französischen Meldung aus Kairo-Hat Ziwar Pascha die durch den Rücktritt der beiden Minister freigewordene» Posten sofort wieder besetzt. Tawfik Pascha Rifaat wurde zum Kultusminister und Faleh Bey Encm zum Minist«: für öffent­liche Arbeiten ernannt. Es ist Befehl gegeben, das Zollamt von Alexandria, das nach Zaglul Paschas Weigerung, die britischen Forderungen anzunehmen, böseist worden war, z« räumen. Die Gerichtsbehörden, die die Verhaftung von ver­schiedenen Abgeordneten am 28. 11. geprüft haben, find zu, der EnH'cheidung gekommen, daß der Standpunkt der Regie­rung -dem Gesetz entspricht, und haben arrgeordnet, die Der- hafteten weiter in Gewahrsam zu Haltzm. Die Polizei hat be­sondere Vorsichtsmaßnahmen zum Schutze des Premier- ministers getroffen. 20 Polizekbeamte haben den Auftrag er­halten, die von dem Premiermi-nifter benutzten Straßen M bemalen. Die Wachtposten des britischen Residenzgebäudes gaben in der letzten Nacht zweinwl Feuer, als sie verdiichtige Geräusche hörten. Es wurden Fußspuren feftgeftetfc; im übri­gen ereignete sich nichts weiter.

Me Annahme der übrigen britischen Forderungen durch die ägyptische Regierung umfaßt die Anerkennung des b«. tischen Schutzes der fremben Interessen und die Beibehaltung der juristischen und finanziellen Ratgeber Großbritanniens sowie die Dei-behalttrng des Postens eines britischen Divektors einer europäischen Abteilung für öffentliche Sicherheit.

Daily Mail" meldet aus Alexandria: Fast 3000 britische Marinetruppen unternahmen einen Demonstvattons- marsch durch die Straßen der Stadt mit zwölfpfirndigsn Ge» schützen tmb Maschinengewehven. Der britische Flottenstütz­punkt wird als unbedingt ausreichend gegen neue Unruhe angesehen.

Die Bereinigten Staaten und das französifthe Schuldenproblem.

In Washington trat die Schuldenkommiffron nach halb- jähriger Pause wieder zusammen. In maßgebenden Kreisen ist man der Ansicht, daß die Verhandlungen zwischen- Mellon und Jussevanb vorerst nur einen Meinungsaustausch dar­stellen und daß die französische Schuldenfrage einer besonde­ren Prüfung unterzogen werden wird. DerNew Park He>- rald" meint, daß der neue fvanzösifche Gefandtr in Washing- ton die AufMbe haben werde, die fvanzösifche Schuld auf ber Grundlage eines langen Moratoriums mit niedrigem Zins-, fuß zu konsolidieren, wozu schon Iusserand und die Beamten der amerikanischen Schatzkammer den Boden vorbereitet hat­ten. Die amerikanischen Bankiers sollen sich auf der 2on- doner Konferenz zu einem Moratorium von zehn Jahren, einer Ermäßigung von 30 Prozent und zu einem Zinsfuß von zwei Prozent bereit erklärt haben. Gegen diese günstigen Bedingungen werde vielleicht England protestieren, aber Wa­shington werde seine Haltung damit begründen-, daß Frankreich eine Sonderstellung einnehme, da es durch den Ktteg groß«; piaterieUe Verluste erlitten habe. .l^