Kersfel-er Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt'
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 183
Mittwoch, den 17. Dezember
1924
Das Wichilgste.
t ®cr Reichspräsident empfing mich dem offiziell len Rücktritt b * e Kabinetts am Dienstag die Par - i i f ii b I e c der einzelnen R e i ch s t a g s f r a k t i a n en, mit Äusuahm« der Nationalsozialisten und Kommunisten, zur Regierungsbildung.
— Der Ebert-Prozeß in Magdeburg gestaltet sich von Tag zu ^.ag dramatischer. Scheidemann soll nun erneut als Zeuge geladen werden.
®ec n^^n Beteiligung am Kapp-Putsch zu 5 Jahren Festungshaft verurteilte frühere Berliner Poli- zeipräsident Gott lieb von Iagow wurde begnadigt, nachdem er annähernd 3 Jahre s einer Strafe verbüßt h at.
Herr v. Hosfch berichtet.
Wie bereits berichtet, ist der deutsche Botschafter in Paris Dr. von Hoesch in Berlin eingetroffen, um der Reichsregierung über den gegenwärtigen Stand der außen- poUstschen Lage Bericht zu erstatten. In der Hauptsache steht wohl diese Berichterstattung in einem gewissen Zusammenhänge mit der Fertigstellung des Schlußberichtes der interalliierten Militärkontrollkommission. Auch die trotz aller optimistischen Färbungsversuche immerfort hin und her pendelnden deutsch-französischen Handelsvertragsverhandlungen werden wohl bei dieser Berichterstattung Herrn von Hoeschs eine Rolle spielen. (Eine unserem Außenministerium gerade nicht sehr fern stehende politische Informationsquelle weiß sogar in ihrem blumenreichen, feuilletonistisch aufgeputzten Stil davon zu reden, daß die augcnblicflidje Mission des Herrn von Hoesch hauptsächlich darin bestehe, „das Problem der Fortführung der bisherigen Politik der Entspannung zwischen Deutschland und Frankreich zu kräftigen und sicher- ajii££äbaaM-«Ba^^ ---------- ------------
Allen Optimismus in Ehren, das geht aber denn doch etwas zu weit. Wer offenen Auges sich die neuesten Dinge mit Frankreich und mit der jüngsten englisch-französischen Verständigung anschaut, der kann wirklich nur zu dem Schlüsse kommen, daß die „bisherige Politik der Entspannung zwischen Deutschland und Frankreich" in der Tat darin bestand, daß Deutschland widerspruchslos sich alle Uebergriffe und Einwicklungsversuche Frankreichs gefallen ließ. Es ist ohne jeden Zweifel eine sehr zarte Ausdrucksweise der diplo- matischen Sprache, wenn unter diesen offen zutage liegenden Vorkommnissen von einer „Fortfiihrung der bisherigen Po- litik der Entspannung" geredet wird, eine Ausdrucksweise, die aber wohl in den weitesten Kreisen des deutschen Volkes wenig Verständnis finden dürfte. Es läßt sich wohl heute nicht mehr gut leugnen, daß Frankreich trotz seinem dunklen Hin- und Herreden es mit einer Verständigung zwischen Ehamberlain und Herriot schon so gut wie fertiggebracht hat, sich um die Erfüllung seiner feierlichen Versprechen auf der Londoner Konferenz über die Beschleunigung "der weiteren Ruhrräumung herumzudrücken. Man mag in der gedrehten and fein gedeichselten Sprache der englisch-französischen M» plomatie noch so viel faseln und diskutieren über die im Januar vertraglich zu vollziehende Räumung Kölns und über die im Zusammenhang damit stehenden Folgen, der nüchterne Deutsche, der von diesem diplomatischen Schmus nicht angekränkelt ist, wird nur die eine betrübliche Tatsache zu Buch bringen können, daß Köln eben im Januar nicht geräumt wird, daß Frankreich, anstatt die weitere Ruhrräumung, wie versprochen, zu beschleunigen, diese mindestens — und dies auch nur auf Grund recht zweifelhafter Versprechungen — um ein ferneres halbes Jahr hinausgeschoben hat.
Zu dieser betrüblichen Tatsache, die sich nicht wegleugnen läßt, gesellt sich die andere, daß Frankreich sich an Ruhr und Rhein in einer Weise als Herr über Deutschland aufspielt, die bei jedem Deutschen, der noch etwas auf seine Ehre hält, hellste Empörung auslösen muß. An der Ruhr, in Bochum- Essen, Gelsenkirchen, herrscht der französische Verfügungsund. Verordnungskoller der Soldateska in denselben üblen Auswüchsen wie in der Hochzeit des sogenannten passiven Widerstandes. Auf der Rheinbrücke in Mannheim hat sich erst dieser Tage wieder hoher französischer Sadismus gegen harmlose Passanten, selbst Frauen, ein Stücklein geleistet, das jeder Kultur Hohn spricht, ein Stücklein, das nach der sattsam bekannten Mentalität der französischen Soldateska sicherlich nur zu * dem Zwecke in die Welt gesetzt wurde, um Deutschland vor Augen zu führen, daß für Frankreich Rhein und Ruhr auf derselben Stufe stehe wie eine afrikanische Kolonie. Noch ist der Justiz- skandal von Lille mit General von Nathusius nicht verraucht, und schon wird aus Metz der Fall von Gemmingen gemeldet, eine Verurteilung in contumaciam zu 20 Jahren Zucht- Ijaus gegen einen deutschen Obersten, eine Justizschändung, der im Falle von Nathusius ebenbürtig. Als in dem soeben verflossenen Wahlkampf das sogenannte Gehermmemorandum Herriots auftauchte, wurde geflissentlich dasselbe als eine Fälschung gekennzeichnet, geeignet, ,ch:e Anbahnung guter Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland" zu stören. Wir haben nun aus den in die Ocffentlichkeit gelangten Billigungen" zwischen Ehamberlain und Herriot über die Militärkontrolle ersehen, daß man doch hinter die sogenannte
„Wahlfälschung" jenes Herriotschen Geheimniemoran dums mehr als ein Fragezeichen setzen muß.
Angesichts aber dieser recht unerfreulichen Tatsachen gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir behaupten, daß ein großer Teil der deutschen Bevölkerung es wie einen Hohn empfindet, wenn man unter diesen Umständen von einer „Entspannung" der Lage faselt. Gewiß, jeder vernünftige Deutsche wird und muß eine Entspannung der Lage zwischen Frankreich und Deutschland wünschen und herbeisehnen, aber nur auf der Grundlage der deutschen Ehre, auf der Grundlage der Anerkennung Deutschlands mindestens als derselben Kulturmacht wie Frankreich, das seit 1918 wahrlich nichts unternommen hat, um Anspruch auf den Namen eines führenden Kulturträgers erheben zu können. Wir erwarten als Resultat der Berichterstattung des Herrn von Hoesch, daß die Berliner Wilhelmstraße ihrem. Botschafter in Paris die Instruktionen gegenüber Frankreich mit auf den Weg gibt, die klar und deutlich die deutsche Entrüstung und deutsche Empörung Widerspiegeln, die das hinterhältige, in- fame Betragen Frankreichs in Deutschland ausgelöst hat.
Das Reichskabineti
hat nunmehr auch formell seinen Rücktritt erklärt, obwohl über die Frage der Neubildung der Reichsregierung- noch keinerlei Klarheit geschaffen werden konnte. Die politische Hochspannung hat augenblicklich ihren Höhepunkt erreicht. Welche Dinge sich in den letzten acht Tagen hinter den Kulissen abgespielt haben, läßt sich für den Außenstehenden sehr schwer übersehen, aber es hat immerhin bin Anschein- als ob die augenblickliche Krise viel ernsthafterer Natur ist, als man sie sich vorgestellt hatte.
Der Reichspräsident
empfing Dienstag vormittag den deutschnafionalen Abgeordneten W a l l r a f, der ihm in seiner Eigenschaft als bisheriger Reichstagsprüsident Bericht über die parlamentarische Lage erstattete. _ In der Unterredung wurden alle Möglichkeiten
nähme der Nationalsozialisten unb Kommunisten, und zwar zunächst die Führer der Sozialdemokraten, dann die der Deutschnationalen, des Zentrums, der Deutschen Volkspartei und der Demokraten. Zunächst beriet Herr Ebert mit Hermann Müller-Franken (SPD.), dann folgte Dr. Win klervon der Deutschnationalen Volkspartei, dann als Zentrumsvertreter der Abg. F e h r e en b a ch, Dr. Scholz für die Deutsche Volkspartei und Abgeordneter K o ch für die Demokraten.
In unterrichteten Kreisen wird angenommen, da^ der Reichspräsident bald in der Lage sein wird, seine Entscheidung über die Persönlichkeit zu treffen, die zunächst mit der Regierungsbildung betraut werden soll.
Die demokratische Reichstagsfraktion,
die Dienstag vormittag im Reichstage zusammentrat, hat zunächst ihren bisherigen Vorstand wiedergewählt und sich dann einer allgemeinen informatorischen Aussprache über die politische Lage gewidmet. Die Fraktion ist, ohne einen formellen Beschluß zu fassen, einmütig zu der Auf- fassung gelangt, daß die Neubildung der Reichsregierung ausschließlich auf der Basis der großen Koalition angestrebt werden könne.
Die deutschnationale Reichstagsfraktion
:d sich aber nstituieren.
Sie wird
tagte ebenfalls am Dienstag vormittag, voraussichtlich erst im Laufe des Mi
tttwoch ko Ueber den (Einpfang beim Reichspräsidenten wurde referiert. Aus den Aeußerungen des Reichspräsidenten ging jedenfalls, so mürbe ausgeführt, das eine hervor, daß mit einer schleunigen Klärung der Krise nicht zu rechnen ist.
Begnadigung von Iagow.
Der Reichspräsident hat hn Gnadenwege dem früheren
Regierungspräsidenten Traugott von Iagow die noch zu verbüßende Reststraf« erlassen. von Iagow war wegen seiner Beteiligung am Kapp-Putsch vom Reichsgericht zu fünf Jahren Festung verurteilt worden und hat von dieser
Strafe am 18. d. M. drei Jahre verbüßt. * , < ,
Der Prozeß Krupp VickerS.
Zu den Me^ungen über den Prozeß Krupp- Dicke rs erfahren wir folgendes:
Es handelt sich um einen Anspruch, den die Firma Krupp gegen Vickers noch den Bestivrnrungen des Friedensvertrages und des ReichsEigieichsgesetzes im Ausgleichsverfahren geltend gerowht hat und zur Vermeidung schwerer krimineller Strafe hat getvend machen müssen. Als Vickers den Anspruch bestritt, ist auf Wunsch der zuständigen Reichsstellen und in
englischen gemischten Schiedsgerichtshof erhoben morden. Ein eigenes Interesse der Firma Friedrich Krupp A.-G. an dem Ausgange dieses Rechtsstreits, der lediglich unter ihrem
Namen geführt wird, besteht nicht. Nach dem Reichsaus- gleichsgesetz gebühren 99% Prozent des etwaigen Ergebnisses dem Deutschen Reich, dessen Interesse bei der Höhe des Objektes allein zu der Einleitung dieser Klage genötigt hat.
Vor einer kommunistischen Revolution in Bulgarien?
Nach Meldungen aus Sofia bereiten die Kommunisten für nächstes Frühjahr in Bulgarien eine Revolution vor. Die Behörden verhafteten elf der Hauptradelsführer. In Rust- schuk haben bewaffnete Kommunisten eine landwirtschaftliche Bank ausgeplündert. Mehrere Angestellte wurden leicht verwundet. Die Kommunisten raubten 200 000 Dinar. . i
Frankreich und Gpanisch-Marokko.
Ueber die politische Lage in Spanien und die Verhältnisse im Rif schreibt der „Temps" u. a.: Die Erklärungen des Generals Primo de Rivera gingen dahin, daß Spanien sich einer internationalen Diskussion, die eine Revision der nordafrikanischen Verträge zur Folge hätte, nicht widersetzen, daß es aber eine Intervention irgendeiner Macht nicht dulden würde. Was die These des Generals Primo de Rivera betreffe, derzufolge Spanien den Vertrag von Algeciras nicht verletze, wenn es die marokkanische Zone aufgebe, die seine Truppen gegenwärtig im Begriff seien zu räumen, so gebe sie so, wie sie jetzt formuliert sei, Anlaß zur Diskussion. Wenn Spanien diese Räumung vor» nehmch könne es nicht mehr die iksin auferlegte Verpflichtung erfüllen, regelmäßig die seiner Autorität unterstellten Gebiete zu kontrollieren, die man we
nun wegen der Nähe der französi- anarchischen Zustand fallen lassen den Geist und an den Buchstaben
scheu Zone nicht in einen anarchischen Zustand fallen lassen könnte. Wenn man sich an den Geist und an den Buchstaben der Verträge halte, so sei kein Zweifel möglich, daß Spanien sich verpflichtet habe, die Ordnung in der seinem Einfluß unterstellten Zone aufrechtzuerhalten und die notwendigen Reformen durchzuführen. Es würde jedenfalls nicht angebracht sein, theoretische Rechte aufrechtz verhalten, die die Macht, der sie anvertraut wurden, nicht mehr länger aus« üben wolle. Unter diesen Umständen dürfe man sich nicht wundern- vag Fe^^$<M& M^-UM» Lür Sage kü mmere und den Versuch mache, durch freundsGastliche Verhandlungen sich über Spaniens wahre Absicht, was das Rifgebiet betreffe, zu unter
richten. *
Havas bestätigst daß seit einigen Tagen zwischen der spanischen Regierung und der französischen Botschaft in Madrid Besprechungen bezüglich der Räumung der spanischen Zone in Marokko stattfinden, und fügt hinzu, es sei ganz natürlich, daß die beiden Länder miteinander Fühlung nähmen, um die gegenseitigen Absichten angesichts der neuen Lage klarzustellen.
Die seutsch-französischenWirtschasisverhandlungen
Die deutsche und die französische Handelsvertragsdelegation haben ohne die Sachverständigen die Tarifftagen für die landwirtschaftlichen Produkte diskutiert. Im Verlaufe der Beratungen ist es in den wesentlichen Fragen zu einer Annäherung der Standpunkte gekommen, so daß der weitere Verlauf der Verhandlungen als aussichtsreich bezeichnet wird. Ueber die Frage der Einfuhr von Wein, Kognak und Schaumwein nach Deutschland ist nicht verhandelt worden. Me deutschen Weinsachverständigen werden erst in einigen Tagen nach Paris zurückkehren, nachdem sie vorher mit den interessierten deutschen Kreisen Fühlung genommen haben.
Der französische und deutsche Mrtschaftsdelegierte sind mit Beauftragten des Ministeriums des Aeußeren in Paris zu einer Besprechung der Maßnahmen zufarnmengetreten, die nach der Aufhebung am 10. Januar der zollfreien Einfuhr elsaß-lothringficher Produkte nach Deutsland notwendig fein werden.
Der schwedische Bankier Wallenberg ist nach Paris zurückgekehrt. Der deutsch-alliierte Sachlieferungsausschuß wird seine Arbeit unverzüglich wieder aufnehmen.
sei die Oe
Der französische Handelsminister Raynaldi dementiert selbst die von einigen französischen Blättern gebrachten Mel» düngen über die Schwierigkeiten bei den deutsch-französchen Verhandlungen. Der Handelsminister sagt, daß die Verhandlungen im Gegenteil ganz regelmäßig fortgesetzt würden, und zwar so normal, wie nur irgend denkbar. Alle gegenteiligen Gerüchte seien auf das bestimmteste zu dementieren. Doch
'fentlichkeit gar nicht in der Lage, den Umfang und die Kompliziertheit der Verhandlungen zu begreifen. Der englisch-deutsche Wirtschaftsvertrag habe sich nur auf einige prinzipielle Fragen bezogen und sei mit den französisch-derä- schen Wirtschaftsverhandlungen überhaupt nicht zu vergleichen. Der deutsch-englische Wirtschaftsvertrag sei lediglich auf Grund der Meistbegünstigungsklausel abgeschlossen. Simsen Luxus könne sich Frankreich nicht leisten.
Reichs, irtschaftsminister a. D. von Raumev i' Sachverständiger zu den deutsch-französischen Handel trahsverhandlungen nach Paris abgereist. , ^,
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