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Kerskl-er Tageblatt
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Franz Funk in Bersfeld. + Fernipredier Dr. i
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s-: Ammcher Mzerger für den Kreis bersfeld ; b»^" m imm,
Nr. 193
(Zweiter Blatt)
Mittwoch, den 31. Dezember
1924
SAvestergebek.
Nun steigst du empor aus der Ewigkeit Du neues Jahr, in tiefernster Zeit.
Durch Leib und Sorgen klingt ernst und Sang Dein erster zagender Glockenklang.
Bringst du uns wieder nur Sturm und Nacht, Wie sie das vergangene uns gebracht? Birgst du im Schoße wieder nur Not, Ober — bringst du das Morgenrot?
Du neues Jahr, wir grüßen dich schlicht. Ernst, doch mit gläubiger Zuversicht.
Wer bitten dich nicht um Reichtum und & Um schimmernde Ehr und den Lorbeerkranz; Wir bitten nur: gib dem Vaterland, Das sturmdurchzittert, mit gütiger Hand Nach all dem Stürmen, Kämpfen und Wetzn Ein gläubiges, aufrechtes Auferstehn!
Leg du zu neuem Leben die Saat, Weck du in den Herzen den Mut zur Tat, Wehr du der Parteien häßlichen Streit, Eitle uns wieder in Brüderlichkeit, Gib uns der Arbeit beseeltes Glück, Führ' uns zu der alten Schlichtheit zurück, Segne im Ackerfeld unser Brot, Bring du uns der Heimat Morgenrot!
rötender Schlag,
Gib neuen Glauben trotz Sturm und trotz Nächst Gib neuen Mut, bis das Werk vollbracht Und aus den Trümmern mit gläubiger Kraft
§crn tönt schon dein erster, _______________
us Nacht und Nebel ringt sich der Tag — Sei du nach den Jahren des furchtbaren Wehns Das Jghr deutscher Einheit und Auferstehns! , y —*>- Felix Leo Göckeritz
Neujahr 1925
Wenn ein Jahr an seiner Grenze angelangt ist, ».'Tüten wir gern den Blick zurück und fragen: was hat es uns gebracht? „Nicht viel Gutes," werden da so manche sagen, die unter der Kavitalnot oder schlechtem Geschäftsgang mehr ober weniger zu leiden hatten, ober die das Unglück traf, daß sie nur teilweise beschäftigt, vielleicht ganz „abgebaut" wurden. Auch an Krankheiten und Sorgen anderer Art hat es in vielen Familien gewiß nicht gefehlt. Fassen wir aber die Entwicklung der Gesamtheit unseres Volkes ins Auge, so können wir sagen, daß wir diesmal immerhin ungleich besser daran sind, als zu irgend einem Jahresschlüsse der Nachkriegszeit, so furchtbar schwer und noch nicht allen wohl erkennbar die Pflichten sind, die wir „zu erfüllen" ha-
ustand unerhörter
den. Vor einem Jahre
Erschöpfung! 365 Tage haben manchen schon vergessen lassen, wie es damals um uns stand. Die Verflüchtigung unseres Geldes in der zweiten Jahreshälfte schien uns direkt ins Verderben zu stürzen und wir standen damals fiebernd vor dem Abgrund, als die rettende Rentenmark der grauenhaften Inflation ein Ende bereitete. Die Leiden, die der Großteil unseres gefolterten Volkes bis dahin erduldet hatte, waren so qualvoller Art, daß wir zunächst an das Wunder einer stabilen Währung gar nicht zu glauben wagten und erst nach Monaten das Bangen um die Zukunft des neuen Geldes überwanden. — Aber auch etwas anderes Gutes ist zu buchen: die zunehmende Einsicht bei den Feind- Völkern, daß Deutschland nicht der allein Kriegsschuldige ist und noch zu entscheiden steht, ob nicht andere Völker mehr Holz zum großen Brande herbeigetragen haben als — wie es heißt — wir. Ueberraschend waren die Mitte November erfolgten Veröffentlichungen von Dokumenten aus den russischen Archiven, die Poincaree arg belasteten. Neues Material dürfte das, LiÄt der Welt erblicken. Dann aber ist auch der auf die deutsche Kriegsschuld aufgebaute und schon von Anfang, an revisionsbedürftige Schandvertrag von Versailles rn Wahrheit hinfällig. Oder soll vor demWeltgewistendieLuge ihren Trimph ausspielerr? — Es war^vorauszusehen, daß die neuen Verhältnisse, besonders die .plötzliche Gelderneuerung, Störungen und Stockungen im Wirtschaftsleben nach sich ziehen würden. Aberwir dlrrfen Hoffen, daß unsere elastische anmstungsfahiae Industrie auch hier Mittel und Wege zu kräftiger Auswartsent- wicklung finden wird. Der tiefste Stand unserer wirt- Maftlichen Depression ist bereits überwunden. Hoffen mir, daß unser deutsches Volk ua^^^ün Jahren trübsten Erlebens wieder froher aufatmen kann, um in der wirtschaftlichen Verbundenheit der Völker dieser- Welt seine bedeutsame Rolle mitzusvielen. Nur vergeben wir darüber nicht, daß Erfahrungen »Lehren. besten sollen. Wir sind auf Jahrzehnte besftmmt dem Wobl- keben zu entsagen, um mit Einsatz aller unserer Kräfte unser-neues Wohl zu begründen!
/ Hetl ^25! _ . .
Wo war es?
Silvester-Humoreske von Georg Per sich.
(Nachdruck verboten.)
An den Jahresanfang konnte der junge Doktor Müller in den ersten Tagen des neuen Jahres nicht zurückdenken, ohne daß sich seine Kopfschmerzen zu unerträglicher Heftigkeit steigerten; ein paar Tage weiter fiel es ihm auch noch schwer genug, weil schon bei der geringsten Denktätigkeit sich ein dumpfer Druck in den Schläfen einstellte, und als der Gehirnapparat endlich wieder in normaler Weise arbeitete, war die Erinnerung an die Vorgänge jener Nacht so schwach güvorden, daß er sie nur noch mühsam zu einem leidlich klaren Bilde ordnen konnte.
Er hatte mit mehreren gleichfalls noch unbeweibten Kollegen die Silvesterbowle in irgendeinem Trinkstü- bel geleert, man war lustig und immer lustiger geworden, hatte gesungen, Reden geschwungen, er selbst hatte mit einem gefühlvollen Sermon in rauhen Männerherzen tiefste Rührung erweckt, und dann war, wie in Zauberstücken auf der Bühne, ein Wolkenschleier nach dem anderen herabgefallen und hatte die interessante Szene verhüllt.
Zu dem Zeitpunkt mußte er das „Theater" verlassen haben, denn auf einmal war er in der frischen Luft gewesen — so etwas spürt man ja im Winter — hatte solo an dem Schott einer Laterne gelehnt und versucht, aus dem Zifferblatt seiner Uhr klug zu werden. Als er mit Anstrengung die Zeiger gefunden, waren sie beide gleich lang gewesen, und die Ziffern hatten auf dem Kopf gestanden. Dieses Phänomen hatte er sich nicht zu erklären gewußt, und er war im Begriff gewesen, den ersten besten Uhrmacher aus dem Schlaf zu trommeln und ihn um Rat zu fragen. -Da hatte es über ihm gerufen: „Prosit Neujahr, Sie müder Wanderer! Wo kommen Sie her? Wo wollen Sie hin?"
Und voll Schelmerei und Uebermut, wie die Stimme, die diese Frage an ihn richtete, hatte das Lachen geklungen, das im Dreiklang folgte.
Er hatte sich mit dem Rücken an den Laternenpfahl postiert und in die Höhe geblickt. Da beugten sich über die Brüstung eines Balkons drei Damen und schauten vergnügt zu ihm hinunter. Die eine, wohl die kecke Ruferin, schwang grüßend ein Glas, während aus den Händen der anderen sich lange Konsettischlangen losringelten, die sich um ihn und die Laterne wanden.
Das war ihm ungeheuer poetisch vorgekommen, und er hatte ritterlich gedankt. In der schwungvollen Rede, die er zu dem hohen Balkon hinaufschickte, Pries er die Grazien, die noch heute auf Erden wandeln, die holden deutschen Frauen, die himmlische Rosen ins irdische Leben flechten, und vieles, was sonst zu Lob und Preis edler Weiblichkeit schon gesagt worden ist und ihm gerade in den Sinn kam, legte er den drei Schönen ehrfurchtsvoll zu Füßen.
Er meinte, daß er wunderbar gesprochen habe; heute fragte er sich verzweifelt, was er wohl für schreckliches Zeug durcheinander geredet haben mochte. Der würdige Greis, dessen weißbärtiges Haupt plötzlich zwischen den Köpfen der kichernden Grazien sichtbar geworden war, mußte es jedenfalls schon damals für schreckliches Zeug gehalten haben, denn er hatte sich die prosaische Zwischenbemerkung erlaubt: „Setzen Sie doch wenigstens Ihren Hut auf, junger Mann, Sie müssen sich ja erkälten!"
Unwillig über die Störung und die laienhafte Belehrung „von oben herab" hätte er zurückgerufen: „Was verstehen Sie von Erkältungen, alter Herr? Ich werde mich nicht erkälten, aber Sie, der Sie nicht im warmen Zimmer geblieben sind! Gehen Sie schleunigst wieder hinein! Das rate ich Ihnen, ich, der Doktor Müller, praktischer Arzt, Blumenstraße 45, eint Treppe!"
Da hatte der Alte einen krächzenden Laut ausgesto- ßen, halb Lachen, halb Husten, und hatte erwidert: „Sie haben recht, Herr Doktor Müller, und ich gehe schon wieder hinein! Meine Damen nehme ich aber mit, sonst holen die sich einen Schnupfen!"
„Den sollten sie mit meiner Hilfe schnell wieder los werden!"
„Danke ergebenst, wir haben unsern Hausarzt!"
Und noch ärger krächzend hatte der alte Marabu die drei Weibchen von der Balkonbrüstung hinweg und in das hellerleuchtete Zimmer hineinbugsiert und die Tür von innen recht vernehmlich geschlossen. —
Bis hierhin erinnerte sich der Doktor seiner Erlebnisse immer deutlicher, aber nun klaffte eine Lücke, die aller Versuche, sie auszufüllen, spottete: er entsann sich nicht mehr, wie er in sein Junggesellenheim gekommen war. Und weil er das nicht wußte, war ihm auch jede Möglichkeit abgeschnitten, denselben Weg noch einmal zu gehen und das Haus wiederzufinden, aus dem ihm ein so holder Neujahrsgruß entboten worden war. Und als er nacheinander zwei Briefchen empfing — der eine enthielt das Bild eines verbogenen Laternen- Pfahls mit der anzüglichen Unterschrift: „Wer Schaden macht, soll Schaden bessern!" Der zweite die Worte unter einer Medizinflasche: „Wo bleibt die versprochene Hilfe gegen den Schnupfen?" — da mußte er sie & seinem größten Bedauern unbeantwortet lassen.
Bis in seine Träume hinein verfolgte ihn abe die Frage: „Wo war es?"
Die Aerzteschaft der Stadt feierte das fünfz jährige Doktorjubiläum ihres ältesten Mitgliedes, Geheimen Medizinalrates Hiller, durch einen kommers. In dem Saale der „Harmonie" saßer langer Tafel die alten und jungen Aeskulapjünger dem Ehrenplätze unter der Büste des Landesher Jubilar, ein rüstiger, noch jugendlich lebhafter ziger. Den schmucken Rahmen des Ganzen bilde ihren hellen Toiletten die zuschauenden Dame der Galerie des Saales.
Die erste Rede hielt der Vorsitzende des Ae^
vorbildlichen Kollegen feierte; dann folgte spräche des Dekans der medizinischen Faku Universität, an der Hiller vor einem halben hundert den Doktorhut erworben hatte, worin d senschaftlichen Verdienste des Gefeierten beton den. Hierauf erhob sich der Jubilar, um Danke Ausdruck zu geben. In jüngeren Jahren u er sich keinen Augenblick bedacht haben, so führ humorvoll aus, jede Lobspende, auch die unver teste, einzustreichen, denn vom Bescheidensein hab dazumal nicht viel gehalten. Heute habe er dieses wußtsein vom eigenen Werte entschieden nicht Das Leben habe ihn gelehrt, bescheiden zu sein, das ben und die Menschen! So sei erst kürzlich sei ärztlichen Selbstgefühl dadurch wieder ein empfindli Stoß versetzt worden, daß ihm jemand erklärt habe, Erfüllungen verstünde er nichts, gar nichts! Und der das behauptet, sei kein x-beliebiger Unverstand, sondern ein Fachmann gewesen. Außerdem sei das vernichtende Diktum in der Neujahrsnacht gefällt worden, also zu einer Zeit, wo die Weisheit des Altertums: „Im Wein ist Wahrheit!" sich am herrlichsten kundtue.
Alles lachte.; nur einer nicht: der Doktor Müller, der am untersten Ende der Tafel saß. Schon als der Geheimrat zu reden angefangen, hatte er aufgehorcht. Die Stimme klang ihm so bekannt. Und nun — Potzblitz! Das war wahrhaftig der Marabu aus der Neujahrsnacht! Und was der für Witze machen konnte! Seine ganze Rede brächte die Zuhörerschaft nicht aus dem Lachen heraus! —
Als der offizielle Teil der Feier vorbei war, paßte der junge Doktor einen geeigneten Augenblick ab, um sich an den Jubilar heranzuschlängeln. „Herr Geheimrat," redete er ihn an, „der Verwegene, der Ihnen die ärztliche Autorität absprach, steht vor Ihnen — zerknirscht, bußertig!"
„Sieh da, Herr Kollege!" rief Hiller. „Also so muß man's machen, um die Bekanntschaft mit Ihnen wieder anzuknüpfen? Ich habe dazu nämlich Auftrag von meinen Damen! Die sind der Ansicht, daß^lch Sie nicht gerade menschenfreundlich behandelt habe, daß ich Sie zu einem Glase Bowle hätte einladen sollen, anstatt Sie nach Hause zu schicken. Und weil Sie sich seitdem so mucksstill verhalten haben, glaubte ich zuletzt selbst, daß Sie böse seien!"
„Ach, wenn ich nur gewußt hätte, wo — — wer — ? Daß Sie der Mara — — daß Sie, Herr Geheimrat, derjenige waren, und daß ich vor Ihrem Hause den Schauplatz meiner unrühmlichen Taten zu suchen hätte! Aber die gänzliche Abwesenheit klarer Vorstellungen — — ich würde sonst selbstverständlich nicht verfehlt haben, um Entschuldigung zu bitten!"
„Daran lag's? Hätte ich mir auch denken können!" meinte der alte Herr heiter. „Aber nun kommen Sie mit! Man wird mich hier ein Weilchen entbehren können, ich will Sie geschwind meinen Damen da oben vorstellen." Er blickte nad) der Galerie hinauf, „Wenn sie sehen, daß wir beide gute Freunde sind, werden sie ja wohl wieder beruhigt sein, besonders meine Lotte,