Hersfelöer Tageblatt herssel-er Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö
Nr. 15 Montag, den 19. Januar 1925
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Das Wichtigste.
— 3n den deutsch-französischen Wirtschafts- v e r h a n ö I u n g en ist eine e r n st e Krise eingetreten, die den Staatssekretär Tr end elenb ur g veranlaßte, zwecks Beratung mit der neuen Regierung nach Berlin zureisen.
— Die Bemühung Or. Luthers um die Ergänzungen haben dazu geführt, daß das Re i chs justizm in i ste r i u m mit dem Oberlandesgerichtsdirektor Frenken besetzt werden konnte.
— Ein Pariser Blatt veröffentlicht D o k u m e n f e des verstorbenen Botschafters Louis, die einen neuen Beweis für die Kriegsschuld Poincares liefern.
. Die neue Regiemirg und die parieien.
Das Programm des neuen Reichskanzlers Dr. Luther trägt den ganz besonderen Umständen, die bei der Regierungsbildung mitgewirtt haben, in vollem Umfange Rechnung. Dieser Eindruck besteht übereinstimmend in denjenigen politischen Kreisen, die sich nicht von dem Bestreben leiten lassen, den Amtsantritt des neuen Kabinetts als den Ausgangspunkt einer großen innerpolitischen Krise zu betrachten, wie dies im Lager der Linksparteien geschieht. Man ist zwar darauf gefaßt, daß die Sozialdemokratie den Kampf mit sehr scharfen Mitteln eröffnen wird, aber man ist trotzdem davon überzeugt, daß das neue Kabinett in der Lage sein wird, sich der Opposition vorläufig zu erwehren. Das Regie- rungsprogramm selbst bietet nicht die Angriffsfläche, auf die die Opposition gerechnet zu haben scheint. Sowohl feine Darlegungen zur außenpolitischen Lage als auch die starke Betonung des inneren Wiederaufbaues und der Festigung des Staates konnte nur wenig Widerspruch der Regierungsgegner hervorrufen.
Die parlamentarische Situation kennzeichnet sich in der Hauptsache durch die Tatsache, daß die bürgerlichen Parteien, mit Ausnahme der Demokraten, das neue Kabinett zu unterstützen bestrebt sind, ohne dabei allzu feste politische B-ndMaen,
oas ZeNtrum, das sich nur sehr schwer dazu herberlassen wrrd, der neuen Regierung ein klares Vertrauensvotum zu geben. Es ist jedoch damit zu rechnen, daß zunächst ein Vertrauensvotum gefordert werden muß, denn in außenpolitischer Hinsicht braucht die neue Regierung diesen Rückhalt, den insbesondere der Reichskanzler Dr. Luther von dem Parlament gefordert hat, indem er die Hoffnung aussprach, daß es der Regierung gelingen möge, das Vertrauen des Volkes zu erlangen.
In den führenden parlamentarischen Kreisen, erörtert man lebhaft die zurzeit vorliegenden Pressestimmen des Auslandes, in denen zum Ausdruck kommt, daß die Orientierung Deutschlands nach rechts in vollem Gange fei, ohne in der Außenpolitik wesentliche Alenderungen hervor- zurufen. In den deutschnatiönalen Kreisen weist, man gart# besonders auf die Haltung der englischen Presse hin, aus der hervorgeht, daß die englische Regierung den Regierungswechsel in Deutschland nicht als ein Anzeichen irgendwelcher Gefahren betrachtet, sondern im Gegenteil davon überzeugt zu sein scheint, daß das bürgerliche Kalünett Luther das gleiche Maß von Vertrauen beanspruchen kann wie die vorangegangene Regierung Marx, deren außenpolitischer Kopf Dr. Stresemann auch jetzt eine führende Rolle spielt.
Zur größten Ueberraschung der Reichsagsparteien wurde aber am Freitag nachmittag die in Aussicht gestellte Regierungserklärung des Kanzlers abgesagt. Begründet - wurde dieser Schritt damit, daß wichtige Ministerien, insbesondere das Reichsfinanzminischrium und das Reichsjustizministerium noch nicht besetzt seien. Es steht fest, daß man sich über die noch offenen Ministerien sehr schwer einigen tarnt. Man rechnet nunmehr txnmt, daß am kommenden Montag die Verlesung der Regierungserklärung durch den Kanzler vor dem Reichstag erfolgen, kann
Das Reichskabinett hat inzwischen seine erste Beratung abgehalten. Nach den Verlautbarungen der Regierungskreise steht fest, daß die offizielle Regierungserklärung lediglich dre Aufgaben des Kabinetts für die nächsten Monate behandelt. Grundsätzliche politische Momente sollen nad) Möglichkeit aus- geschaltet werden, und man hat sich dahin geeinigt, daß lediglich der Schutz der Verfassung als der Schwerpunkt der inneren Politik gelten soll.
Luthers Bemühungen um die Ergänzung des Kabinetts.
Der Reichskanzler v r. L u t h e r hat feine Bemühungen zur Ergänzung feines neuen Kabinetts fortgesetzt. In erster Linie, handelt es sich um die B e f e tz n n g d e s F i u a n z - m i n i st e r i u m s, da die beabsichtigte Erweiterung der Regierungserklärung und die Einbeziehung der finanzpolitischen Einzelheiten in die Kanzlerrede möglichst nicht ohne Mitwirkung des neuen Finanzministers vorgenommen werden soll. Die Vermutung, daß der Kanzler beabsichtige, den Ministe- rialdirektor Popitz an die Spitze des Finanzministeriums zu
berufen, wird als unzutreffend bezeichnet. Es werden einige andere Namen im Zusammenhang mit der Kandidatur für das Finanzministerium genannt, in erster Linie wieder der während der Krisis mehrfach erwähnte frühere Schatzfekretär Graf Roedern. Es ist jedoch zur Stunde noch ungewiß, ob diese Berufung erfolgt. In zweiter Linie handelt essichumdieBesetzungdesJustizministeriums, wofür vor allem ein neuer Zentrumspolitiker in Frage kommen soll, während von anderer Seite vermutet wird, daß dieses Ministerium schließlich doch noch in die Hände des Bayerischen Volksparteilers Emminger übergehen könnte. Das Verkehrsministerium wird wahrscheinlich zunächst noch nicht besetzt werden.
Wie wir in letzter Stunde erfahren, sind die Verhandlungen über die Besetzung des Justizministeriums beendet. Das Justizministerium wird vom Oberlandesgerichts- präsidenten Frenken,der dem Zentrum nahesteht, übernommen.
Der neue Regier ungetan# ler Dr. Luther hat die Ver- treter der deutschen Presse empfangen und ihnen seine persönliche Stellungnahrne zur politischen Lage abgegeben, vr. Luther wies mit aller Entschiedenheit darauf hin, daß innerhalb der neuen Regierung keinerlei fachliche Meinungsverschiedenheiten bestehen und sich schon bei der ersten Kabinettssitzung herarrsgeftellt habe, daß eine gute Grundlage der gemeinsamen Arbeit unter allen Ministern gegeben sei. „Ich brauche nicht erst zu betonen, daß ich keiner politischen Partei angehöre, und Äs Beamter darauf eingestellt bin, das zu tun, was das Wohl des Staatsganzen und des Volkes erfordert. Von vornherein war es mein Wunsch, die "Regierung auf eine möglichst breite parlamentarische Basis zu stellen. Ich werde unbedingt mit meinen Versuchen forR-hven, alte ---leviaov Kräfte,jür arbeit an oer Regierung Heranzuzrchen, die bereit sind, alle Gegensätze zurückzustellen. Die Aufgabe der neuen Regierung wird es sein, auf der parlamentarische« Grundlage zu arbeiten.
Der neue Pressechef.
Der Reichspräsident hat ben Ministerialdirektor D r. Franz Kempner zum Staatssekretär in der Reichskanzlei und den Ministerialrat Dr. Otto Kiep zum Ministerialdirektor und Leiter der Presseabteilung der Reichs- regierung ernannt.
Weshalb?
Der Film „Wilhelm Tell", der in den Kammerlichtspiele« in Duisburg zur Aufführung gelangen sollte, wurde von der Besatzungsbehörde verboten.
Das deutsch-polnische Abkommen vor demAusschuß.
Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages behandelte den Gesetzentwurf wegen eines deutsch-polnischen Abkommens über Staatsangehörigkeits- und Optionsfrogen.
• Nachdem der Berichterstatter des Ausschusses, Abg. Dr. Hoetzsch (Dn.) sich ausführlich zur Sache geäußert I)atte, gab Staatssekretär Lewald, der das deutsch-polnische Abkommen auf deutscher Seite unterzeichnet hat, einen Ueberblick über die Vorgeschichte des Abkommens und den Verlauf der Verhandlungen. Bon den zuständigen Regierungsvertretern wurden darauf verschiedene Fragen beantwortet, die aus der Mitte des Ausschusses zur Behebung oon Zweifeln zwecks Wahrung des deutschen Standpunktes an die Regierung gerichtet wurden.
In der sich anschließenden vertraulichen Diskussion sprachen die Abgeordneten Dr. Hergt (Dn.), v. Freytagh-Lo- ringho ven (Dn.), Graf Bernst orff (Dem.), Graf Lerchenfeld (Bayer. Bp.) und Hermann Müller (Soz.). Der Ausschuß beschloß, dem Plenum des Reichstages die Annahme des Gesetzentwurfes zu empfohlen.
Spaltung im bayerischen Zentrum.
Der ehemalige Landesvorsitzende des bayerischen Zentrums, Heller, hat jetzt eine selbständige christlich-soziale Partei in Bayern gegründet und auf Sonntag einen Parteitag nach Wiirzburg einberufen. In Südbayern bleibt dagegen das bayerische Zentrum unter einem neuen Vorstand bestehen.
Kreuzer „Berlin" in Mexiko.
Offiziersaspiranten des Kreuzers „B e r l i n" trafen in Mexiko in Begleitung des Majors Mmwz ein, der sie in Veracruz im Namen des Präsidenten Sattes willkommen hieß. Eine Abordnung der Zivil- und Militärbehörden begrüßte die Deutschen auf dem Bahnhöfe. U n t er de m Berfüll einer riesigen Menschenmenge marschierten die Deutschen mit wehenden Fahnen durch die S^tadt.
Neue Krise in den deutsch-französischen MrWaftSverhandlungen.
Das französische Handelsministerium hat über die Beratungen der deutschen und der französischen Wirtschafts- delegationen folgendes Communique veröffentlicht: Die französische Delegation, der am 14. L deutsche Gegenvorschläge unterbreitet wurden, hat neue Vorschläge vorgelegt, die die beiden, also die ftanzösischen und die deutschen Vorschläge ausgleichen sollten. Diese sind auf den Widerstand der deutschen Delegation gestoßen, sowohl was das Regime für elsaß- lothringische Produkte anlangt, als auch hinsichtlich der Minimaltarife für deutsche Waren. Die Entscheidung für die erstere Frage wurde zurückgestellt. Es hat sich jedoch eine grundsätzlich Meinungsverschiedenheit über die zweite Frage ergeben. Die deutsche Delegation verlangt für die Gesamtheit der Produkte ihres Exports den Minimaltaris und in gewissen Fällen einen Tarif, der hinter dem Minimum des augenblicklichen Tarifs zurückbleibt. Da die französische Delegation weder rechtlich angesichts der augenblicklich geltenden Gesetzgebung noch tatsächlich im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage diesen Forderungen der deutschen Delegation nochkommen konnte, hat sie dieser den Text ihres letzten Vorschlages unterbreitet. Die deutsche Delegation muß hierüber beraten und ihrer Regierung darüber Bericht erstatten.
Die Aussichten für eine Einigung in den weiteren Han- delsvertragsverhandungen haben sich verschlechtert. Der deutsche Gegenvorschlag, der versucht hatte, sich dem letzten französischen Vorschlag zu nähern, erschien der französischen Delegation nicht bistutierbar. Sie erklärte, daß sie die gegenseitige Meistbegünstigung, wie sie das Protokoll vom 10. 12. 24 vorgesehen tjabe, in weiterem Umfange nicht unbilligen könne, sondern eine unterschiedliche Zollbehandlung auch solcher deutschen Waren verlangen müsse, die für die deutsche Export- wirtschaft wesentlich feien. Diese völlig veränderte Lage veranlaßte Staatssekretär Trendelsuburg, zu erklären, daß er zunächst mit der neugebildeten Regierung in Berlin Fühlung nehmen müsse.
„ ist Generaldirektor Köngter vom Stunnnkonzern, der nach Wreise der deutschen Großindustriellen von Paris als Berater des Staatssekretärs Trendelenburg dorthin entsandt worden war, wegen anderweitiger persönlicher Dispositionen zurückgekehrt. An seine Stelle ist Direktor Gerwin von der Rohstahl-Ge- meinfdfaft int Düsseldorf getreten. Was den Stand der Verhandlungen selbst anbelangt, so werden sich diese sehr wcchr- scheinlich noch ziemlich lange hinziehen. Deutscherseits ist man in der Zollfrage konsequent geblieben und hat nach dem 10. Januar bei der Einfuhr aus dem Saargebiet usw. die tariflichen Zölle für Eifeuerzeugnisse erhoben. Die Wirkungen machen sich in Frankreich bereits bemerkbar, indem die ftanzösischen Eisenwerke gezwungen worden sind, für Exportzwecke die Preise um etwa 10—15 Prozent zu senken.
Der oeMe ötandomU in den denliS-iranzölMen Wiktimitsverhandiungen.
Paris, 18. Januar. Gegenüber falschen Darstellungen der ftanzösischen Presse über den augenblicklichen Stand der deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen ist nochmals zu betonen, daß der Hauptgrund der entstandenen Meinungsverschiedenheiten darin zu finden ist, daß die deutsche Delegation an dem von den beiderseitigen Präsidenten am 12 Oktober 1924 unterzeichneten deutschen Protokolltexte festhält, dessen wesentlicher Inhalt die Einräumung der Meist- beqünstiqunq de jure an Frankreich gegen die Meistbeoün- stigung de facto an Deutschland bildet. Me deutsche Delegation hat keinen Anlaß gesehen, für das in Aussicht genommene kurzftistige Abkommen die gemeinsam gefundene Grundlage zu verlassen oder sie, wie die französische Formel lautet, „nicht mehr vollständig anzuwenden".
Einen weiteren Punkt der Meinungsverichredenheiten bildet die Frage der Vorzugsbehandlung der elsaß-lothringi- scheu Waren. Die deutsche Delegation hat an ihrem wiederholt dargelegten Standpunkt festgehalten, daß jede Verhandlung abqelehnt werden müsse, die in der Praxis auf eine Verlängerung des im Versailler Vertrage vorgesehenen Re- armes Hinauslaufe. Dagegen hat sie sich bereit erklärt, bei Erörterung der einzelnen Warengebiete zu prüfen, inwieweit den besonderen Serbältniffen Elsaß-Lothringens durch eine Vorzuqsbehandlünq Rechnung getragen werden könnte.
Die deutsche Delegation hat jedoch dabei den Voroehalt gemacht, daß Vorzugsrechte, die auf diesem Wege gewahrt werden könnten, in Wegfall kämen, falls ,ie auf Grund der Meistbeqünstio.ung von „dritten Staaten" in Anspruch genommen wurden. Tatsächlich ist Deutschland auf Grund des mit fast allen anderen Staaten bestehenden Meiltbegunsti- gungsverhältnisses diesen gegenüber verpflichtet jenen bte= selben Vorzugsrechte einnträumen, die Frankreich tut elsaß- lothrinqische Waren bekommen wurde. Wurden „dritte Staaten" von diesem Rechte Gebrauch machen, so wurde eine für die deutsche Wirtschaft unerträgliche Durchbrechung des ivüti^bin,^^ ^ b$€ WiRschaftsverhand-
lunaen hat der deutschen Delegation ein Schreiben über- sandt, in dem sie ihre Ausführungen niedergelegt hat. Die deutsche Delegation hat sogleich, die Prüfung dieser^Doku-