HersMer Tageblatt Hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfels
Nr. 22 Dienstag, den^27. Januar 1925
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Das Wichtigste.
— Die Zwischen rrote der Alliierten an Deutschland über die Nichträumung Kölns ist bereits überreicht worden. Der Termin der Veröffentlichung ist noch nicht bekannt.
— In Wien äußerte sich der österreichische Vizekanzler Dr. S r a n t über den Anschluß Deutsch-Oesterreichs an Deutschland und die Bestrebung der Großdeutschen Partei sehr optimistisch.
— Der hochverdiente Führer des g. R. III, Dr. gefettet, ist auf Einladung in Lands» eingetroffen, um dort Besprechungen über den Luftverkehr aufzunehme».
Ist Sas recht? .
Wir stehen augenblicklich mit der Behandlung der verschiedenen Wirtschaftsabkommen Deutschlands in der Reichs- tagsdolmtte. Das deutsch-polnische Wirtschaftsabkommen ist vom Reichstag bereits genehmigt, sogar für das vielbefehdete deutsch-spanische Handelsabkommen hat sich eine Mehrheit im Reichstag gefunden. Wollen wir in dem letzten Punkte wünschen, daß der Spruch des Reichstags kein Fehlspruch war; denn sicherlich sind die vielen Proteste aus deutschen Winzer- kreisen, die durch dieses Abkommen mit Spanien aufs schwerste geschädigt werden, nicht unberechtigt. Wie dem auch sei, unser aller Augen sind, wie ja meist, wieder nach Paris gerichtet. Dort verhandelt die deutsche Delegation unter Dr. von Trendelenburg nun schon monatelang über ein deutsch-französisches Handelsabkommen. Es wird gehandelt und gefeilscht, und die gemeinsame Basis für ein Wirtschaftsabkommen findet man nicht. Nun, wir wundern uns darüber nicht, beneiden die deutsche Delegation wahrlich nicht, aber warum kommt man überall zum Ziel, nur in Paris nicht? Der Franzose wird niemals dem Deutschen gegenüber bei der Behandlung irgendeiner Frage seine politische Einstellung beiseite lassen. Ihm liegt ja weniger an einem datrftchen, «Öitei»# £M^^^^ schen Frankreich und Deutschland, ferne Tendenz bei all seinen sogenannten Verhandlungen ist ja nur, Deutschland als seinen gefährlichsten Nachbarn niederzuhalten und zu schwächen, wo es nur möglich ist.
Während die Delegationen in langwierigen Verhandlungen sich über die Wirtschaftsprobleme beider Kontrahenten streiten, haben wir einen neuen Beweis der Hinterhältigkeit Frankreichs durch die Nichträumung der Kölner Zone erlebt. Unter dem lächerlichen Vorwande deutscher Rüstungen und ähnlicher geradezu hohnsprechender Faseleien hat man ein Mittel konstruiert, die Kölner Zone, deren Räumung durch den Versailler Vertrag auf den 10. Januar 1925 festgelegt war, weiter unter französischer Militärgewalt zu halten. Ein gemeiner Vertragsbruch, ein Hohn auf Vertrüge, ein Hohn auf den sogenannten Friedensvertrag! Verträge gelten dem Franzosen nicht mehr als ein Fetzen Papier, den man zerreißt und mit Füßen tritt, wenn es nötig wird. Die frühere deutsche Regierung hat mit Protesten geantwortet, die bei unseren Gegnern verhallen werden. Sie kennen ja aus der langjährigen Praxis die Verhandlungsmethode unserer Er- füllungsregierungen. Man tritt Deutschland, droht ihm mit schärferer Knebelung, es folgen einige schwache deutsche Proteste, die bald verrauschen, der deutsche Michel liebt seine Ruhe, will's mit keinem verderben, schweigt also, und die anderen haben ihr Ziel erreicht, frohlocken und merken es sich für weitere Fälle. So geht das seit dem Friedensschluß. Weil Frankreich eben nur Forderungen aufstellt und deren Erfüllung gewöhnt ist, wird es niemals Zugeständnisse machen. So kommt man in Paris nie zu einem Ende. Frankreich verlangt ein Handelsprovisorium, wozu? Doch nur, um es nach Belieben zu verlängern und so nie zu einem Handelsabkommen zu gelangen. Inzwischen treiben die militärischen Landsknechte Frankreichs auf deutschem Boden ihr Wesen, knechten und hiebeln unsere teutschen Volksgenossen, verbieten und verordnen.
Die deutschen Proteste über den Vertragsbruch werden kein Gehör finden, die Knechtung wird wie zuvor weitergehen. Dessen ungeachtet, ist Deutschland bisher ängstlich darauf bedacht, in den deutsch-französischen Verhandlungen einen Bruch zu vermeiden. Man.verhandelt weiter, als hätte man einen ehrlichen, sicheren Partner. Ist das recht? Nicht genug damit. Das Zentralorgan der sozialdemokratischen Presse, der „Vorwärts", leistet'den Franzosen dabei noch erwünschte Handlangerdienste. Daß die deutschen Unterhändler das französische Provisorium abgelehnt haben, macht ihm viel Pein. Schuld daran ist, nach seiner Meinung, wie immer die deutsche „Schwerindustrie". Es ist das alte, immer wieder aufgewärmte Schlagwort, mit dem diese Presse Dumme zu fangen versucht. Untebingt muß, so lautet die Forderung des „Vorwärts", ein Provisorium geschaffen werden. Da haben wir es wieder. Die Franzosen kennen uns zu gut, sie kennen auch ihre Gehilfen im deutschen Volke, die nie versagen, wenn es gilt, die Sklavenketten schärfer anzuziehen. Ein trauriges, widerliches Schauspiel, das jedem aufrichtigen Deutschen die Scham ins Gesicht treiben muß. Ist diese Kriecherei gewisser deutscher Kreise nun eine politische Dummheit oder noch Schlimmeres? ' . _ „ .,
Sollte es nicht mal an der Zeit fern, Frankreich zu zeigen, haß der Deutsche kein Hanswurst ist, mit dem man treibt, was
einem gefällt? Warum immer diese Nachgiebigkeit, die nur unverschämtere Forderungen des Gegners nach sich zieht? Hat nicht Frankreich das größte Interesse an einem Wirtschaftsabkommen mit Deutschland? Warum also immer nachgeben? Ist das recht? Schändet das nicht die deutsche Ehre?
Wir wollen hoffen, daß die neue Reichsregierung hier vielleicht einmal Wandel schafft und bessere Mittel findet, deutsche Ehre zu wahren, als es bisher geschah.
Zerrirum und Regierungsbildung.
Ueber die Sitzung des Reichsparteivorftan- des der Zentrumspartei, der am Freitag und Sonnabend in Berlin in Stärke von etwa 50 Mitgliedern tagte, erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Neben den Abge- ordneien Fehrenbach und Marx legte auch Abg. Dr. Wirth feinen Standpunkt dar. Die Regierungsbildung in Preußen wurde nur in privater Aussprache gestreift. Allerdings wurde dabei von maßgebenden Abgeordneten des preußischen Landtages der Standpunkt vertreten, daß die Fraktion auch bei der Wahl des preußischen Ministerpräsidenten am Freitag ihre einmal eingenommene ablehnende Haltung gegenüber den Bestrebungen der Rechtsparteien nichtaufg'eben könne. Selbst die unter der Fichrung des Abg. Herold stehende alte, aus landwirtschaftlichen Kreisen sich zusammensetzende Opposition, die noch bei der Frak- tionsabstimmung über die Wahl des sozialistischen Landtags- prästdenten Bartels aus 38 Stimmen bestanden hatte, glaubt sich von der Mehrheit der Fraktion in der Frage der Wahl des preußischen Ministerpräsidenten nicht trennen zu können. Immerhin ist aber Aussicht vorhanden, daß bei klugem Entgegenkommen der Rechtsparteien sich aus diesen Kreisen noch einige Llbgeordnete der Opposition von Papen, Lönartz und Roeingh anschließen werden.
Die Zwischennote überreicht.
S. WÄG DM- schafter von Frankreich, England, Italien und Japan sowie der belgische Gesandte dem Reichskanzler Dr. Luther die bereits angekSndigte Note der alliierten Mächte über die Frage der Räumung der ersten Zone überreicht.
Bei der Ueberreichung der neuen Kollektivnote über die Frage der Räumung der nördlichen Rheinlandzone erklärte der englische Botschafter, sie stelle eine Antwort der alliierten Regierungen auf die deutsche Note vom 6. Januar d. J. dar. Er fügte hinzu, daß die alliierten Regierungen beabsichtigten, eine weitere dritte Note ausführlicheren Inhalts sobald wie möglich der deutschen Regierung zukommen zu lassen. Der Reichskanzler nahm die Note entgegen und erklärte, daß er von ihrem Inhalt Kenntnis nehmen und sofort eine Beschlußfassung des Kabinetts dariiber herbeifiihren werde. Er fügte hinzu, die Reichsregierung habe allerdings erwartet, daß sie in dieser äußerst wichtigen Angeelaenheit nicht noch einmal eine vorläufige Mitteilung der alliierten Regierungen, sondern das angekündigte Material erhalten würde, mit dem die Nichträumung der nördlichen Rheinlandzone begründet werden solle. Er nehme Akt von der Erklärung des englischen Botschafters, wonach die alliierten Regierungen der Reichsregierung dieses Material sobald als möglich z «gehen lassen wollten, könne aber nur noch einmal dem dringenden Verlangen Ausdruck geben, daß dem gegenwärtigen Schwebezustand nunmehr alsbald ein Ende gemacht werde.
Zu den deutsch-französischen Wirtschasts« Verhandlungen.
Ein Pariser Blatt beschäftigt sich in einem offiziösen Artikel mit den deutsch-französischen Wirtschastsvcrhandlun- gen. Das Blatt stellt fest, daß Frankreich nicht von Haß geleitet, sondern an sein Schutzzollsystem gebunden sei. Es könne in Tariffragen nicht über gewisse Punkte hinausgehen. Es sei zu wünschen. daß die wichtigsten Verhandlungen von Herriot selbst geleitet würden. Ein anderes Blatt behauptet, die Verhandlungen würden für drei Monate unterbrochen (?), um beiden Ländern Gelegenheit zu geben, ihre Zollgesetze abzuändern.
Deutschland muß ständig überwacht werden.
Das Pariser Blatt „Pettt Journal" lentt die Aufmerk- samkeit auf das Sicherungsproblem und geht davon aus, daß Frankreich sämtliche Warnungen feit 1860 in den Wind geschlagen habe. Das Blatt betont nachdrücklich die Notwendigkeit einer ständigen und scharfe« Ueberwachuug Deutschlands.
Schulungswoche gegen die Kriegsschuldlöge.
In D a r m st a d t beginnt am Dienstag, dem 27. Januar. die große Schulungswoche zur Bekämpfung der Schuld lüge. & a. werben sprechen Professor Eoßmanr über die Bedeutung und Behandlung der Knegsschuldfrage Dr. EMMy PogtläNder über den Friedensvertrag von Versailles, vr. Raab über bisherige wirtschaftliche Verluste
und Belastungen Deutschlands nach dem Versailler Dikült, Reichstagsabgeordnete Frau Klara M end e überdw Frauen der Kriegs- und Nachkriegszeit, Dr. Wolff-Mun- chen über die geraubten Kolonien, Dr. Freiin v. Watt er über die Folgen des Friedensvertrages auf die Volksgesundheit, Dr. Rose Kempf und Dr. Freiin v. He r t l i n g über den Kampf um den deutschen Rhein und französische Sepa- ratiftenpolitit, Landtagsabgeordnete FrauDö nh off user die Frauen im Ruhrkampf, Dr. Kriegk über Versailles und Deutschlands Stellung in der Weltpolitik, Frau Kal- kühne- Danzig über den Kampf um das Deutschtum rm Osten, und Reichstagsabgeordneter Dr. Kuhlenka m p f über das Sachverständigengutachten und das Londoner Abkommen.
Veruntreuungen eines Besatzungsoffiziers.
Vor dem französischen Kriegsgericht in Mainz stand der französische Leutnant Parmantier, der Zahlmeister des 23. Flieger-Regiments, der die ihm zur Verwaltung übertragene Kasse um etwa 150 000 Frank im Laufe des Jahres 1924 bestohlen hatte. Der Betrag wurde nachträglich von dem Angeklagten gedeckt.
Das Gericht verurteilte Parmantier zu zwei Jahren Gefängnis und erkannte ihm die Berechtigung ab, den chm seinerzeit verliehenen Orden der Ehrenlegion weiterzutragen.
Oesterreichs Anschluß an das Deutsche Reich.
Der österreichische Vizekanzler Dr. Frank, der von einer Reise nach Deutschland zurückkehrte, gab in Wien über seinen Aufenthalt in Deutschland einige bemerkenswerte Erklärungen ab: Bei meiner Rückkehr aus Deuffchland möchte ich vor allem meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß sowohl Präsident Dr. Dinghofer wie auch mir in Berlin von allen Seiten ein überaus freundschaftlicher und herzlicher Empfang bereitet wurde. Unser Besuch galt insbesondere der Anbahnung einer engeren Fühlungnahme zu den Po- lttikern hüben und drüben zur Herstellung einer möglichst nahen wirtschaftlichen und kulturellen Gemeinschaft unter Beseitigung der verschiedenen Hemmnisse und Erschwerung #*WB^
Endziel der Politik der Großdeutschen Volkspartei in Oesterreich, der Anschluß Oesterreichs an das Deuts che Reich, nicht mit einem Shlage erreicht werden kann, und daß die Friedensverträge sowie die gegenwärtigen Machtverhältnisse Schranken aufgerichtet haben. Trotzdem aber ist es unsere Pflicht, Realpolitik zu betreiben und die Annäherung der beiden Staaten so eng wie möglich zu gestalten. Auf allen diesen Gebieten haben wir in Berlin volles Einverständnis gefunden und die Zusicherung werbetätiger Mitarbeit erkalten.
Lettow-Vsrbeck Über den Abwehrkampf der Schutztruppe in Deutfch-Ostafrika.
Auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft für Kolonial- und Seeinteressen in Leipzig hielt der alte Kommandeur der ostafrikanischen Schutztruppe, General Lettow-Vordeck, am Sonntag vormittag im Zoologischen Garten einen Bortrag über den heldenhaften Abwehrkampf seiner kleinen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika gegen eine vielfache Ueber- macht. Der General schilderte besonders einzelne markante Phasen des Busch- und Kleinkrieges, wobei er die Treue und Anhänglichkeit der Askari zur teutschen Sache hervorhob und die vorbildlichen Soldatentugenden der weißen Unterführer pries. Zum Schluß wandte sich der General Lettow-Vorbeck gegen die Behauptung der feindlichen Presse, daß die Schutztrupps aus eigener Initiative die Waffen niedergelegt habe.
Dr. Eckener in London.
Dr. Eckener von der deutschen Zeppelingesellschaft und der Vizepräsident der Goodyear Zeppelin Company. Lehman«, sind in England eingetroffen, um mit dem Direktor der englischen Luftschiffgeiellschaft, Korvettenkapitän Burney, zu verhanvcln. Wie verlautet. beziehen sich die Verhandlungen auf die allgemeine Entwicklung des Luftschifstwues; besonders handelt es sich dabei um Vorschläge zur Einführung eines internationalen Verankerungsfysrems für Han- beisflugsdürfe, um den Luftschiffen die Möglichkeit zu geben, an jedem Ankermast festzumachen. Die Besprechungen beziehen sich auch auf die Einrichtung eines transatlantischen Dienstes durch die englische Lustschiff-Garmttiegesellschast und die Goodyear-Gesellschaft.
Amerikas Bemühungen um den Weltfrieden.
In einer Ansprache an die Delegierten zu der Rational- konferenz über die Ursachen der Kriege und deren Verhütung erklärte'Präsident Co o li dge im Weißen Hause: Gerade so wie die Abrüstungskonferenz als zeitgemäße Zufaimnen- arbeit auf politischem Gebiete kam, so war der Dawespla« die zettgemäße wirksame Anstrengung zu einer Wiederher- sießung' der wirtschaftlichen Lage. Coolidge charatterisierte die Teilnahme Amerikas an dem Weltschiedsgerichtshof als nächsten Schritt, den Amerika unternehmen müßte, um den -.tfkq aus der Welt zu schaffen. Er nannte es eine nationale Verpflichtung, den Kriegen ein Ende zu machen.