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KerstelderTageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt"

Amtlicher Mnzeiger für den kreis Hersfelö

Nr. 29 Mittwoch, den 4. Februar 1925

Das Wichtigste.

Die Bemühungen des preußischen Minister­präsidenten Braun um das Zustandekommen der Regie­rung in Preußen scheinen zu scheitern. Die Deutsch« Volkspartei hat entschieden ablehnend geant­wortet.

Dr. Trendelenburg ist wieder in Paris ein- getroffen, und wird die WirtschaftsverHandlungen gemäß den vom Reichskabinett aufgestellten Richtlinien f o r t s e ß e n.

Der griechisch-türkische Konflikt wegen der Ausweisung des Patriarchen und weiterer Bischöfe nimmt schärfere Formen an, zumal Griechenland nicht gewillt ist, diese Maßnahmen ohne weiteres geschehen zu lassen.

Die Handelsverträge vom Standpunkt des Dawesplans.

Ein erhebendes Schauspiel war es, als in allen möglichen Ländern, besonders in Amerika, die große Anleihe für Deutsch­land gezeichnet und überzeichnet wurde. Es war dies gewisser­maßen ein Trost für die Verhandlungen und Beschlüsse in London, wonach uns die furchtbaren Lasten des Dawesplanes aufgepackt wurden. Optimisten sahen eine liebliche Zeit nähen. Sie glaubten einen Augenblick lang an die Menschenfreund­lichkeit der Welt, glaubten, daß man Deutschland die Hilfe in selbstloser Weise angeboten hatte.

Um so niederdrückender wirken die solange schon nach allen Richtungen hin schwebenden Handelsvertragsverhand- lungen, die wir mühsam führen und aufrechterhalten, um nur einigermaßen gerechte Bedingungen zu erhalten. Erfolge sind leider bis jetzt noch nicht erzielt worden. Für eine Vergünsti­gung mußten wir zwei Zugeständnisse machen. Die Sache ist so, daß unsere Exportfähigkeit auf ein Minimum be- fdjrantt r[t. Die Z o 11 m a u e r n , mit denen sich die Staaten

Deutschland gegenüber umgeben, haben an Höhe nichts ein­gebüßt.

Die Hilfe, die man uns in Form von Anleihen gebracht hat, muß deshalb jedem Vernünftigen völlig unerklärlich fein. Nicht nur, daß durch das sonderbare Verhalten der beteiligten Staaten die Sicherheit d erAn leihen geführ bet wird, dieses Vorgehen beweist des weiteren, daß man sich im Ausland über die fundamentalen Weltwirtschaftsfragen noch immer nicht klar geworden zu sein scheint. Die Weltwirt­schaft ist ein homogenes Ganzes und läßt eine Absonderung einzelner Teile nicht zu, ohne eben dieses Ganze in Mitleiden­schaft zu ziehen. Deutschland sollte , nach Annahme des Dawessystems wieder voll und ganz in den Rahmen der Weltwirtschaft mit allen Rechten ausgenommen werden; denn nur unter dieser Bedingung, das sah jeder ein, konnte Deutschland überhaupt auf einen solchen Vorschlag eingehen.

An Hand von Beispielen können wir deutlich verfolgen, daß dies alles nur-e i t le V e r s p r e ch un g e n waren. Be­trachten wir zunächst nur einmal den Werdegang der deutschen chemischen I n d u st r i e seit Friedens­schluß. Vor dem Kriege war diese Industrie in her ganzen Welt die chemische Industrie. Im Verlauf des Krieges aber schon haben viele Länder begonnen, ihre eigene chemische In­dustrie zu begründen. Zudem haben sich die im Kriege hoch- gekommenen Anlagen für Sprengstofferzeugung später auf die Produktion chemischer Stoffe umgestellt. Die Ausfuhr der deutschen chemischen Industrie ist zahlenmäßig im Ver­gleich zum Jahre 1913 auf 30 Proz. zurückgegangen. Betrug die Totaleinfuhr 1913 2 529 000 Tonnen, so war sie 1920 nur noch 514 000 Tonnen und zeigte seither nur kleine Un­terschiede hierzu. Vergleicht man die Wertziffern 1913 (sechs Monate) mit 1924, so bemerkt man folgende Rückgänge:: Farben auf 59 Proz., Lacke auf 83 Proz., ätherische Oeleusw. auf 59 Proz., synthet. Düngemittel auf 3 Proz., pharmazeu- tische Produkte auf 72 Proz. Vor dem Kriege hat Deutsch­land fast drei Viertel des gesamten Weltbedarfs an Teer- färben erzeugt, und hinsichtlich des restlichen Viertels lieferte es die Hälfte der Zwischenprodukte. Demnach be- fanden sich rund 88 Prozent der Teerfarbenerzeugung in deutscher Hand.

Diese Konstellation hat sich gründlich verändert. In Amerika ist eine große Tcerfarbenindustrie entstanden, die gum Teil mit Hilfe der gestohlenen deutschen Patente auch leistungsfähig geworden ist, 90 Proz, des amerikanischen Bedarfs werden von ihr gedeckt, und außerdem exportiert sie noch in ziemlichem Umfang. Die Erzeugrurg stieg von 2998 Tonnen im Jahre 1914 auf 29 278 Tonnen im Jahre 1922. Entsprechend zeigt unsere Ausfuhr fol- gende Wandlung: 1916: 108 900 Tonnen; 1923: 33 553 Tonnen. Aber nicht genug mit diesem Aufschwung der chemischen Industrie in andern Ländern denn auch in Frankreich, Italien, Polen usw. sind chemische Anlagen ent­standen, die Industrie wurde zugleich durch hohe Zölle geschützt. .

In dieser Weise glaubt man Deutschland weiterhin sanieren zu können, und in dieser Weise glaubt man dic Anleihen bei uns sicherzustellen! Gewiß können nur es an­dern Ländern nicht verargen, wenn sie strebsam sind um ihre jungen Industrien hochbringen wollen, d o ch kommt es dabei doch sehr auf die Mittel an, die man

hierzu verwendet. Was wir verlangen können und auf Grund der Londoner Beschlüsse v e r l a n g e n. m ü s s e n > ist das freie Spiel der K cüf > e , jene Gleichberechti­gung, die wir zur Bedingung der Annahrne des Planes ge­macht haben.

Noch augenfälliger wäre ein anderes Beispiel: unser Verhältnis zu Frankreich. Frankreich' sperrt sich systematisch gegen die deutsche Eunuch. ab, verlangt aber pünktliche Erfüllung der Reparati- -Verpflichtungen. Es würde zu weit führen, wenn wir, hie für Ziffern angeben wollten, doch steht außer Zweifel, daß der Druck von Frankreich ausgeht und daß es an Frankreich wäre, endlich nachzugeben. Don uns kann man keine Zugeständ­nisse mehr erhoffen, da jedes Nach eben unsererseits die Dawesverpflichtungen sabotieren 'mi^te. Dr. R.

Brauns Bemühungen erfolglos.

Die Besprechungen des preußischen Ministerpräsidenten B r a u n mit dem Fraktionsvorsitzenden der Deutschen Volks­partei v o n E a m p e sind ergebnislos verlaufen. Man rech­net damit, daß Braun seine Bemühungen endgültig einstellen wird.

Der preußische Ministerpräsident Braun hat mit dem oolksparteilichen Führer, dem Abg. von Campe, über die Neubildung der Regierung verhandelt. Ein Wieder­aufleben der Großen Koalition mit der V»Iks- partei kommt selbstverständlich nicht in Betracht, jedoch hat Herr von Campe dem Ministerpräsidenten in Aussicht gestellt, ihm spätestens bis Donnerstag eine genaue Slots zu geben, da die volksparteiliche Fraktion erst am Mittwoch Zusammentritt In rechtsstehenden Kreisen des Landtags hält man es für wahrscheinlich, daß Herr Braun nicht zum Ziele gelangen wird und daß dann ein neuer Mi- n i st s r p r ä s i d e n t, Währs-^nnlim aus dem Zentrum, ge- wahtt werden touspe^vo-^oer LanoLSyauptmann fortan dafür in Frage kommt, ist noch ungewiß. Jedenfalls ist er von feiner Fraktion aus Düsseldorf telegraphisch nach Berlin berufen worden. Man glaubt, daß ein neuer Z en- trums-Ministerpräsident wahrscheinlich ein Ka­binett der Mitte mit Anlagen nach rechts oder ein Geschäfts- bzrm Beamtenkabinett bilden werde. Ein« Landtagsauflösung hält man nicht für sehr wahrscheinlich.

Wie dieDüsseldorfer Nachrichten" erfahren, ist die Zen­trumsfraktion erneut an den Landeshauptmann H o r i o n herangetreten, um mit ihm Fühlung wegen der Minister­präsidentschaft in Preußen zu nehmen. Horionwirdin den nächsten Tagen nach Berlin fahren, um sich mit den Führern der Zentrumsfraktion in Verbindung zu setzen.

Der Aeltestenrat des Landtages beschloß, dem Landtal zu empfehlen, die endgültige Wahl des Landtagspräsidenten die nach der Geschäftsordnung nach vierwöchiger Frist an 5. d. M. fällig wäre, auf Dienstag, den 10. Februar zu verschieben. Diese Abweichung von best Bestimmunger der Geschäftsordnung ist nur möglich, wenn alle Fraktioner damit einverstanden sind. 3m Aeltestenrat ist die Iustiin mung erfolgt; der Landtag muß endgültig entscheiden. Die nächste Vollsitzung ist auf D o n n e r s t a g nachmittag 2 Uhr festgesetzt worden. Auf der Tagesordnung stehen kleinere Gegenstände, wie Bildung von Ausschüssen, Wahl zum Wahl- prüfungsgericht und zum Staatsschuldenausschuß. Außerdem wird der'kommunistische Amnestieantrag auf der Tagesord­nung stehen. Die Aussprache dürfte am Freitag fortgesetzt werden. Am Donnerstag mittag wird der Aeltestenrat er- neut über die Geschäftslage beraten.

Die Sitzung des deutschnationalen Partei­vorstandes.

Der Parteivorstand der Deutschnationalen Volkspartei trat im Landtagsgebäude zu einer Sitzung zusammen. Nach einer Besprechung der allgemeinen politischen Lage tm Rmcye and in Preußen wurde besonders die Regierungskrise jn Preußen besprochen. Man war der Ansicht, daß die Mög­lichkeiten, ein Kabinett zustande zu bringen, erschöpft sind, und daß Ministerpräsident Braun seinen Auftrag zurück- geben werde. Der Parteivorstand stimmte der Stellungnahme der Reichstagsfraktion und der Landtagsfraktion zu und nahm mit Dank davon Kenntnis, daß die landaurt, a>aft- lichen Spitzenorganisationen ihren Einfluß auf die von ihnen vertretenen Kreise dahin geltend gemacht haben, einem lieber g reifen des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens ruf Erwcrbsgebiete des selbständigen erwerbstätigen Mittel­standes entgegenzuwirken. Der Parteivorstand setzte dann einen Parteiausschuß für O stm ar ke n - Fra ge n ein, der in enger Zusammenarbeit mit den PavieumtgUe- Mm in der Ostmark die besonderen Interessen derselben be­arbeiten soll. Den Vorsitz dieses Ausschusses übernahm Landtagsabqeardneter Dr. von Kries. Die Frage der Wahl des Parteivorsitzenden wurde der für den 21. Februar einberufenen Parteiv er-

tretung über wiesen. Inzwischen führt der Abg. W i n ck l e r die Geschäfte des Parteivorsttzenden.

Die deutschnationale Reichstagsfraktion hat heute bei guter Besetzung in einer vor der Plenarsitzung ab- gehaltenen Sitzung nach kurzer Aussprache e i n st i m m i g den Grafen Westarp zum Fraktionsvor- sitzenden gewählt.

Vorstandssitzung der Deutsch-Demokratischen Partei.

Der.Hauptvorstand der Deutschen Demokratischen Partei hielt im Reichstagsgebäude eine Sitzung ab, die aus allen Teilen des Reiches beschickt war, und zu der auch die Mit- glieder der demokratischen Fraktionen des Reichstages unb des Preußischen Landtages zugezogen waren. Der Partei­vorsitzende Koch- Weser erstattete Bericht über die politische Lage und begründete die Haltung der Reichstagsfraktion zum Kabinett Luther. In der ausgedehnten Aussprache wurde das Vorgehen der Reichstagsfraktion gebilligt. Zur Frage der Abhaltung des nächsten Parteitages und der Stellung der Partei zur Wahl des Reichspräsidenten, die voraussicht­lich im Juni stattfinden wird, wurden noch keine endgültigen Beschlüsse gefaßt.

Rückkehr Dr. Trendelentzurgs nach Paris.

Staatssekretär Trendelenburg ist wieder in Paris eingetroffen. Es verlautet, daß die neuen Instruk­tionen, die Staatssekretär Trendelenburg erhalten habe, eine Fortsetzung der Verhandlungen gestatten, daß aber die deut- sche Regierung auch weiterhin auf der Zuerkennung der Meist- begünigung de facto bestehen wird. Französischerseits wird hierzu bemerkt, daß in diesem Falle die Verhandlungen zu keinem Ergebnis führen könnten. Andererseits beschäftigt man sich in maßgebenden Pariser Kreisen ernstlich mit der Absicht, einer Abänderung des Handelsvertragsgesetzes von 1919, das bekanntlich' die Zuerkennung der Meistbegünstigung MWWMMWWWM räumung der Meistbegünstigung enthalten, sondern nur dieses Verbot auf eine Auslegung des Gesetzes durch den Senat begründet sein.

Frankreich nutzt das Rheinwaffer.

Zwischen dem Schweizer Bundesrat und der französischen Regierung ist, wie in Akülheimer gutunterrichteten Kreisen verlautet, ein Abkommen über den Bau des Rhein-Seiten- kanals im Elsaß getroffen worden, durch das sich Frankreich Staurechte bei Kembs erworben hat. Man beabsichtigt, bei Kembs elektrische Werke zu errichten, die ganz Ostfrankreich mit Strom versorgen sollen.

Ein serbisches Märchen.

Im Zusammenhang mit dem Attentat auf Dr. Kraft hatte die serbische amtliche Nachrichtenagentur be­hauptet, zwischen den Deutschen in Jugoslawien, deren Führer Dr. Kraft ist, und den Hochverrätern um Raditsch bestünde eine Verschwörung. Wie dasDeutsche Volksblatt" in Neu­satz feststellt, ist diese Behauptung erfunden. Als Unterlage der Behauptung war eii Schriftstück genannt worden, das sich nach Prüfung als der Wortlaut eines Interviews her- ausstellt, das ein Dr. Steinacker vor etwa Jahresfrist mit dem damals im Exil in Wien lebenden kroatischen Bauern­führer Raditsch gehabt hatte und das im übrigen in vollem Wortlaut in demDeutschen Volksblatt" schon tm März ver­gangenen Jahres «-gedruckt worden ist. Bei dem Interview handelt es sich um eine reine- Privatarbeit des Dr. Stein­acker, und auch in ihm ist nicht von der Möglichkeit einer staatsfeindlichen Zusammenarbeit zwischen Raditsch und den Deutschen Jugoslawiens die Rede. _ Die Belgrader Regierung wird andere Beweise herbeischaffen müssen, um das von langer Hand vorbeveitete Attentat auf den deutschen Führer Kraft zu beschönigen.

Die Bahnstrecke HaffumWesel wieder in deutscher Verwaltung?

Nach dem gegenwärtigen Stand der Verhandlungen zwischen der Reichsbahn und der holländischen Verwaltung der Bahnstrecke HassumWesel wird die Strecke wahrschein, lich bald in deutschen Besitz übergehen. Das holländische Personal wurde schon am L Februar durch deutsches Per­sonal abgelöst.

Der deutsch-amerikanische Handelsvertrag vor dem Senat.

Der Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten in Wachington nqhm die Mrichte des Staatssekretärs Hughes und des Handelssekretärs Hoover entgegen. Er beschloß so- dann, eine Sitzung abzuhalten, um sich mit beut deutsch, amerikanischen Handelsvertrag zu beschäftigen, der als Musterbeispiel für Abkommen mit anderen Völkern dienen soll. .