Hersfelöer Tageblatt hersfeLöse UreisbZat^V Amtlicher /inzeiger für -en kreis Hersfelö
Nr. 32 (6rftes Statt) Sonnabend, den 7. Februar ' 1925
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Das WichiiMe.
— Die Wirtschaftsverhandlungen in Paris begegnen neuen Schwierigkeiten, da die französische Delegation die deutschen Vorschläge als nicht annehmbar ansicht.
Der Landesrat des Saargebietes hat eine Entschließung angenommen, in der er neben anderen französischen Maßnahmen namentlich gegen die Einführung der Frankwährung protestiert.
— Nach den interfraktionellen Besprechungen im Preußischen Landtage um die Wahl des neuen Ministerpräsidenten scheint die Kandidatur eines Zentrumsabgeordneten sicherge stel lt zu sein.
— Der sozialdemokratische Abgeordnete Bauer hat auf Grund von Angriffen eines Berliner Blattes gegen ihn sein Reichstagsmandat niedergelegt.
Die Wirtschaftskatasirophe
in Oberschlesien.
Die wirtschaftliche Lage Oberschlesiens, des deutschen ^tles und besonders des an Polen abgetretenen Gebietes gestaltet sich immer katastrovhaler. Die ganze Kultur Ost- Ob er s ch l esi en s war deutsch, war der deutschen Arbeit, der deutschen Intelligenz, dem deutschen Kapital zu danken Die Trennung dieses wirtschaftlich und kulturell ein Gebiet bildenden Landes, seine Losreißung vom deutschen Absatzgebiet, hat auf seine gesamten Verhältnisse so ungünstig wie nur möglich gewirkt.
.. Don allen Industriezweigen hat sich noch verhältnismäßig günstig die wichtigste Industrie, nämlich der Steinkohlenberg- bar, gehalten. Es mag zum Teil daran liegen, daß wesentliche deutsche Absatzgebiete der oberschlesischen Kohle, die Provinz Westpreußen und Posen, ebenfalls dem deutschen Mutterlande entrissen worden sind. Schließlich ist das deutsche MMmH^M oen Bezug der W-ober sch le si schön Kohle angewiesen, und erschwert diesen Bezug nicht noch durch besondere Zölle. Die Steinkohlenförderung weist trotz allem einen gewaltigen Rückgang auf. Während im Jahre 1913 die Gesamtförderung rund 44 Millionen Tonnen betrug, dürften im Jahre 1924 höchstens etwa 23 Millionen Tonnen gefördert sein, bemnad) * ist also ein Rückgang von über 28 Prozent zu verzeichnen. Der Absatz durch Verkauf dürfte in noch stärkerem Maße zurückgegangen sein, weil der Selbstverbrauch durch Wasserhaltung und Wetterführung der gleiche bleibt, ob mehr oder weniger gefördert wird. 1913 wurden im gesamten oberfchie- fischen Steinkohlenbergbau über 123 000 Arbeiter beschäftigt, während 1924 allein in Ost-Oberschlesien etwa 150 000 Mann Belegschaft waren. Durch den weiteren Rückgang sah man sich allerdings im Herbst vorigen Jahres genötigt, über 50 000 Arbeiter zu entlassen. Die Absatzmenge hat dennoch durch die erhöhte Lieferung der freien Hausbrandkohle an die Angestellten und Arbeiter eine wesentliche Verringerung erfahren.
Zurückzuführen ist der Rückgang des Absatzes einmal auf die für oberschlesische Kohle so überaus ungünstigen Tarife der tschechischen Eisenbahnen, auf die unzureichende Gestellung von Wagen und Lokomotivmaterial seitens der polnischen Eisenbahn und schließlich durch das Versagen der Belegschaften selbst, die bei stark verringerter Leistung ihre Lohn- ansprüche fortgesetzt steigerten. Dieses Moment ist zum größten Teil auf Rechnung der polnischen Agitation zu setzen, die die Bergarbeiter gegen die deutschen Verwaltungen systematisch aufstachelt.
Auch die Lage in der d e u t s ch - o b e r s ch l e s i s ch e n Kohlenwirtschaft hat im Laufe des vergangenen Jahres eine nicht unwesentliche Verschlechterung erfahren. Es mag zum Teil an der für die Kohlenindustrie ungünstigen Witterung liegen, in der Hauptsache ist jdbodj der Absatzrück- gang auf die Konkurrenz der englischen und westfälischen Kohle zurückzuführen. Namentlich an den Küstenorten ist die oberschlesische Kohle nicht mehr konkurrenzfähig, und die beteiligten Kreise haben krampfhaft versucht, für ihre Erzeugnisse Ausnahmetarife zu erlangen, bislang jedoch ohne Erfolg. Die wirtschaftliche Rot durch die willkürliche Losreißung von Deutschland wirkt sich jedoch am schlimmsten in der o st - o b e r s ch l e s i f ch e n Eisenindustrie aus. Die durchschnittliche Monatsproduktion 1913 betrug etwa GO 000 Tonnen. Im Jahre 1924 ging die Erzeugung von Monat zu Monat mehr zurück und erreichte im August mit 4674 Tonnen ihren tiefsten Stand. Naturgemäß bewegt sich der Rückgang in der Produktion der Gießereien, Walzwerke und Stahl- fabrikation in gleicher Linie. Die oberschlesische Eisenindustrie hat stets ihren Absatz in ganz Deutschland gehabt. Nicht einmal 10 Prozent ihrer Erzeugung wurden ausgeführt. Augenblicklich bestehen für die ost-oberschlesilche Eisenindustrie noch genügend zollfreie Kontingente, die aber nicht ausgenützt werden können, da die Produkte infolge der ins Ungeheure gesteigerten Gestehungskosten für den deutschen Markt sich zu teuer stellen. Wesentlich günstiger schneidet hierbei die Eisen- industrie im deutschgebliebenen Teile ab. Die Erzeugung stellt sich durch intensiveres Arbeiten sowie durch bessere Aus-
nützung der gegebenen Möglichkeiten erheblich billiger, im übrigen ist auch die frachttarifliche Frage eine günstigere.
Die Folge dieser unhaltbaren Zustände sind riesige Arbeiterentlassungen. Seit Jahresfrist dürfte die ost-oberschle- sische Montanindustrie mindestens 75 000 Arbeiter entlassen haben; ein Ende dieses Elends ist gar nicht abzusehen. Die Lage ist hoffnungslos. Wer es irgend möglich machen kann, wandert aus. Die gelernten polnischen Arbeiter wenden sich meistens nach Franfteich, dessen Hüttenwerke und Kohlengruben Arbeitermangel haben. Das ost-oberschlesische Land entvölkert sich. Vor dem Kriege steigerte sich die Bevölkerungs- zahl von Jahr zu Jahr, jetzt hat die ost-oberschlesische Montanindustrie ihre Arbeiterschaft in einem Jahre um 75 000 Mann vermindert.
Die Losreißung des ost-oberschlesifchen Gebietes rächt sich bitter an den Urhebern. Sie war ein Verbrechen an Deutschland, an der eigenen Bevölkerung und an der gesamten Kultur. — L. —
Neue Schwierigkeiten in den Pariser Verhandlungen.
Die Pariser Morgenpresse berichtet in schroffer Form über eine ungünstige Wendung in den deutsch- französischen Wirtschafts-Berhandlungen. Nach dem „Journal" habe die deutsche Antwortnote, die zunächst einen versöhnlichen Eindruck madjfe, bei näherer Prüfung stark enttäuscht. Nach^Vorliegen der amtlichen Ueber- fetzung habe Raynaldy Trendelenburg zu mündlicher 9luf= klärung zu sich gebeten. Raynaldy habe betont, es erübrige sich, die deutsche Antwort der französischen Delegation zu unterbreiten, da an deren Ablehnung kein Zweifel bestehe. Als der deutsche Verhandlungsleiter die Stichhaltigkeit der deutschen Vorschläge mit juristischen Argumenten begründete, lehnte Raynaldy die weitere Aussprache ab und vertagte die angesetzte Vollsitzung. Daraufhin habe Trendelenburg einen schriftlichen Kompromißvorschlag überreicht, der, wie ausdrücklich betont wurde, keinen offiziellen Charakter trage. Er um sieben bis acht Monate zu verlängern, druckt aber den Wunsch aus, die endgültigen Vertragsbestimmungen festzu- legen. Dieser Vorschlag werde auf Grund einer ersten Prüfung ebenfalls als unannehmbar angesehen. Trotzdem habe der'französische Handelsminister vorgeschlagen, in einer Vollsitzung gemeinsam darüber zu beraten.
Parser Gilbert setzt seine Bemühungen fort
Parker Gilbert hat seine Besprechungen über ein Abkommen gegen die 26prozentige Reparationsabgabe in London fortgeführt. Außer der Frage der Pauschalbezahlung und der Währungsfrage wolle der Generalagent gleichzeitig ein Abkommen mit dem englischen Schatzamt treffen, wodurch eine automatisch eEinstellung des Erheb u n g s- dienstes dieser Abgabe durch England eintreten würde, sobald der erhobene Betrag den Betrag der England zustehenden Dawes-Annuitäten erreicht. — Dela- croix, der belgische Delegierte der ReparationskommiMn/ ist ebenfalls in London eingetroffen. Parker Gilbert wurde vom Prinzen von Wales empfangen.
Die BesatzungSbehörden verSieken den Karneval.
Die belgische Kommandantur hat der Stadtverwaltung von Sterkrade alle öffentlichen Karnevalslundgebungen, das Tragen von Abzeichen, Sprechen, Spielen oder Singen von Gedichten oder Liedern karnevalistischen Charalters und das Tragen von Masken auf karnevalistischen Vergnügen verboten.
Die Noilage des Saargebietes.
Im saarländischen Landesrat wurde die Generalaussprache über die Lebensprobleme des saarländischen Volkes eröffnet, Nachdem der Sprecher der bürgerlichen Parteien zunächst den Dank an den Papst, der als erster die jaarlan- dische Delegation auf der letzten Völkerbundtagung in Rom empfangen habe, abgeftattet l)atte, ging er auf die Perschiep pung der Saarländer in die Fremdenlegion ein und wies darauf hin, daß es die Regierungskommiision trotz wiederholter Vorstellumzen abgelehnt habe, in dieser Frage kgenb= etwas zu tun. Bei der' Steuerfrage wurde vor allen Dingen die am 10. Januar gegen den Willen der deutschen Saar- bevölkerung erfolgte. Abschnürung des Saargebiets von Deutschland sowie die Ankündigung der neuen Währung im Saargebiet behandelt. Zu den Gesetzen, die das S aargebiet nach dem Versailler Vertrage behalten solle, gehö « auch die Währungsgesetze, und somit sei nur die Reichsmark gefeit liebes Zahlungsmittel. Zudem fei das Land, das dem Saar- volk gegen seinen Willen eine neue Währung aufzwingen wolle, nicht in der Lage, der Saarbevölkerung Kredite -a ge- währev. Der Redner gab dann eine Eingabe der bürgerlichen Parteien im Landesrat bekannt, in der die Regierung^ kommission des Saargebiets ersucht wird, die Wäb engem ■ ordnnug aufzuheben und an Stelle des französischen Front dir deutsche Reichsmark als gesetzliche Währung im Saargebiet wieder einzuführen.
Polen legt Protest beim Völkerbun) ein.
Ein amtlicher polnischer Kommentar zu der Entscheidung des Oberkommissars in der Briefkastenfrage besagt: Der Kommissar läßt hier den Vertrag von Versailles außer acht die verpflichtenden Abkommen zwischen beiden Parteien und die Protokolle zum Warschauer Abkommen, die mit abweichenden Erklärungen der beiden Parteien versehen sind Die Entscheidung des Kommissars hat keinerlei exekutive Kraft. Polen legt beim Völkerbund Protest ein, der die endgültige Entscheidung fallen wird.
Der Generalkommissar der Polnischen Republik in Dan- jig, M i nister Straß burger, wird Freitag in Warschau eintreffen, um sich mit seiner Regierung ins Einvernehmen zu setzen. Voraussichtlich findet sogleich eine Sitzuno des politischen Komitees des Ministerrates statt, bei der die Lage erörtert werden wird, die in der Angelegenheit der polnischen Post in Danzig durch die Entscheidung des Völker- bundkommissars Mac Donnell geschaffen worden ist.
Geheimrat Bücher über die Abrüstung ver Industrie
Ueber den Zusammenhang der Nichträumung des Kölner Gebiets mit der Abrüstung der deutschen Industrie, teilte das Präsidialmitglied des Reichsverbandes der deutschen Industrie, Geheim rat Bücher, mit, daß der Spitzenverband der deutschen Industrie für die Erfüllung des Friedensvertrages sei. Er fei überzeugt, daß sämtliche industriellen Unternehmungen die Abrüstung voll durchgeführt haben, da sie alle Ansagen für ihre Friedenserzeugung verwenden mußten und zufammenbrechen würden, wenn sie für spätere Rü- Nungszwecke auch nur einzelne Teile der Betriebe ausschal- teten. Während der sechs Jahre sind mehr als siebentausend Betriebs der früheren Kriegsindustrie zum Teil mehrfach von den Kontrollausschüssen besichtigt worden. Sämtliche Zer- storunas- und UmleUnnzsanordnungen der Kontrollausschüsse seien durchgeführt worden, und die größten wirtschaftlichen Schaden wurden stillschweigend getragen. Daraus sehe man, daß unsere frühere Kriegsindustrie nicht mehr vorhanden ist oder
Emichiung ständige? militärischer Kontrollpunkte im Bhcinland?
Die Ständige beratende Militärkommission des Völkerbundes trat in Genf unter dem Vorsitz des brasilianischen Admirals Souxa e Silva zusammen. Sie besteht aus ;e drei Sachverständigen der zehn im Völkerbundrat vertretene:» Staaten, einen für Militär-, einen für Marine- und einen für Luftfragen. Die Kommission stellte während ihrer ersten Sitzung den Arbeitsplan für ihre nicht öffentliche Tagung auf. Unter den anwesenden Militärpersonen erblickte man den englischen Konteradmiral S m i t h , den französischen General Dumesnil und den belgischen Generalleutnant Ceuningk. „Journal des Geneves" schreibt über die Verhandlungen und erwähnt die geplante Einrichtung ständiger militärischer Kontrollpunkte im Rheinland wie folgt: Die Kommission wird zu entscheiden haben, an welchen Stellen in Deutschland eine ständige Kontrolle einzurichten sei, und so gelange man zu dem wahrhaft überraschenden Ergebnis, daß nach Beendigung der 9M)roffupation durch die Alliierten eine neue Okkupation im Rheinland begingen werde, und zwar unter den Auspizien des Völkerbundes.
D? Polizerknüppel in Oeutschböhmen.
Dieser Tage fand in Gablonz (Böhmen) der Gauparteitag des Gaues Ostböhmen der Deutschen Nationalpartei statt. Während der Eröffnungsansprache des Gauobmannes Abg. Dr. Lehnert erschien Bezirkskommissar Dr. Schacha mit zwei Gendarmen, um eine Ucberprüfung der Einladungen vorzunefmen. Da vier der Anwesenden ihre Einladungen nicht mitgebracht hatten, erklärte der Kommissar, trotz entschiedenen Protestes der Parlamentarier und der Versammelten, die-Versammlung für aufgelöst und forderte die Räumung des Versammlungslokalcs. Abg. Dr. Lehnert und Senator Ha r t l begaben sich sofort zum Leiter der politischen Bezirksverwaltung, um dort gegen die Auflösung Einspruch zu erheben. Auf Grund der folgenden Aussprache wurde sofort eine neuerliche Versammlung einberufen und alle Anwesenden mit namentlichen Einladungen versehen. Auch zu dieser Versammlung erschien der Kommissar mit den beiden Gendarmen und vertrat die Ansicht, daß die Abhaltung einer zweiten Versammlung in demselben Raum gesetzlich nickst zulässig sei. Erst als er belehrt wurde, daß die zweite Ver- samm ung mit Bewilligung seines Chefs abgehalten werde, verließ er mit den beiden Gendarmen den Saal.
3fa’ ent dte Hetze gegen Sas Deutschtum.
Die Abendblätter melden aus Rom: Im Senat sprach Senator Tolomei über die Schulzustände in Südtirol. Die letzten Kammerreden der Abgeordneten Tinzel und Stern- badj, so erklärte er, hätten gezeigt, daß der Deutsche Verband weder seine Geistesverfassung noch seine Tätigkeit ändere. Deutschland werde in wenigen Jahren wieder stark sein, und vor diesem Zeitpunkt müsse unbedingt die Bevölkerung von Südtirol assimiliert sein.