Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 49
Freitag, den 27. Februar
1925
Das Wichtigste.
— Das Befinden des Reichspräsidenten Ederl hat sich erheblich verschlechtert. Der Kranke macht eine Krisis durch, von der es abhanden wird, ob er die Krankheit Übersicht
— Die Pariser Wirtschaft,Verhandlungen nehmen einen günstigen Verlauf. Die von dem französischen Hanüelsminlster Raynaldy neuerdings gemachten Vorschläge kommen den deutschen Wünschen nah«.
— Der Aeltesten-Ausschuß des Preußischen Landtags hat die Neuwahl des Ministerpräsidenten in Preußen aus den 4. März festgesetzt.
— Der Reichsbaaldiskont ist auf 9 Pro » ent herabgesetzt worden. ,
Um die Seemacht.
Die Freundschaft zwischen den wesensverwandten Ländern England und Amerika, die immer wieder von beiden Seiten in allen Superlativen betont wird, scheint doch nicht mehr so taktfest zu sein. Obwohl das rein Kaufmännische in der Behandlung der außenpolitischen Fragen zwischen diesen beiden Staaten als der ausschlaggebende Faktor irgendwelche Schwierigkeiten vermeiden läßt, obwohl die Politik von weit- schauenden und klugen Männern geführt wird, gibt es doch ein Moment, das über kurz oder lang den Keim in sich tragen dürfte, die augenblicklich noch mit kluger Taktik gepflegte Freundschaft in die Brüche geben zu lassen: d i e Konkurrenz zur See. Bislang — und besonders nach Ausschaltung Deutschlands durch Krieg und ikrfailler Vertrag — hatte England eine unbestreitbare Monopolstellung in der Schiffahrt und im Ueberseehandel. Seit der Vernichtung der spanischen Armada war dieses Monopol fest begründet; die ganze englische Politik, die so unendlich viele Kriege veranlaßte, wobei sich England mit unnachahmlichem Geschick stets die Kastanien durch andere aus dem Feuer holen ließ, war auf diesen Punkt zugeschnitten.
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empfundene Tatsache hinzu, daß England alle Schätze der Erde als sich gehörig betrachtet hat und noch betrachtet. Zu den allerwichtigsten gehört für die Zukunft unzweifelhaft Naphtha; unentbehrlich für die Marine von morgen.
In diesem Zusammenhänge ist es interessant, zu hören, daß kürzlich vor dem Frauenausschuß für nationale Verteidigung in Washington Admiral Phelps vom Handelsmarineamt ausführte, daß sich die Hauptmenge des Oelvorkommens der Welt unter englischer Kontrolle befinde. Im Verlaufe von etwa dreißig Jahren, wenn die amerikanischen Oelquellen versiegt seien, — und sie würden versiegen, da sie nicht nur von Amerika, sondern auch von England und Japan ausgebeutet werden, um das eigene Oelvorkommen zu erhalten —, dann würde die Handelsmarine der Bereinigten Staaten von Nordamerika von Englands Gnade abhängen. Hinzukammt, daß der Ehrgeiz Amerikas, eine große Handelsflotte zu bauen, die offensichtliche Feindseligkeit britischer Schiffahrtskreise erweckt habe. Der Admiral erklärte weiter, daß nur eine starke Flotte es verhindern könne, daß die zwischen England und Amerika bestehenden Differenzen nicht schließlich zu einem Konflikt führen. Amerika hat nun nicht, wie es von feiten Englands als selbstverständlich angesehen worden wag, nach dem Kriege seine Handelsflotte verringert, um England die Nutznießung des Handels, Die Monopolstellung, wie vor dem Kriege, allein zu überlassen. England versucht krampfhaft, die schiffahrttreibenden Nationen zu ermem gemeinsamen Abkommen zu bewegen, wonach alle Seewege eben allen Nationen offenstehen, um unter dem Schutze einer derartigen Vereinbarung ungehindert auch noch in die ureigenen amerikanischen Handelsgebiete einzudringen. Besonders wirkt ja England darauf hin, in das Genfer Protokoll einen Punkt zur Verhandlung zu bringen, der im Vordergrund der englischen Interessen steht. Nämlich die in Frage kommenden englischen Kreise — und bei einer solchen Angelegenheit kommt ganz England in Frage —, hoffen, Amerika durch besondere Äbkominen mit anderen Staaten zu zwingen, seinen Küstenhandel allen Nationen freizugeben, natürlich England obenan. Unter diesen Verhältnissen finden wir es verständlich, daß Admiral Phelps im Verlaufe seiner Rede mit Nachdruck betonte, daß „Amerikas Flotte stark bleiben müsse inmitten der agressiven Außenpolitik der anderen Mächte". Welche „agressive Außenpolitik" gemeint ist, wissen wir. Der amerikanische Marinestaatssekretär Wilbur er- klärte wörtlich, daß Amerikas Flotte für den Kampf gebaut worden sei und kampffähig bleiben müsse. So lange das himmlische Reich noch nicht auf Erden ge- kommen sei, so lange bedeute eine Ab- rüstung für eine Weltmacht wie die Ler- einigten Staaten ^ i n Verbrechen gegen Gott und die Menschen!
Diese beiden außerordentlich scharf gegen England ge- richteten Reden haben in Washington naturgemäß ein großes Aufsehen erregt, was um io peinlicher emptunben wurde, als zwei Tage vorher vor demselben Frauenausschuß Präs I • deut Coolidge in eindrucksvoller Weise die Friedens, schalmei geblasen hatte. —
Obwohl sich das Staatsdepartement wohl oder übel zu der Erklärung gezwungen sah, baß keine ernstlichen Mffe-
renzen zwischen England und Amerika wegen der Flotten- politik bestünden, so kann eine solche Erklärung doch keines- falls genügen, um nur halbwegs überzeugend zu wirken, wem: man die soeben kurz skizzierten Reden der beiden bekannten und immerhin recht einflußreichen Persönlichkeiten gelesen hat. Jedenfalls, wenn England unb Amerika noch so einig sind und in schönster Eintracht dank kluger Politik zu leben gewillt sind, so hat doch England auch feine Achillesferse, und das ist die Flotte. Vor dem Kriege, als Deutschlands Schifffahrt überraschend aufblühte und sein Handel für England eine unbequeme Konkurrenz war, eine Konkurrenz, die selbst „Old England" auf die Dauer btreh lebensgefährlich zu werden drohte, mußte ■ Deutschland dran glauben, Mil Amerika, das den Krieg mitgemacht hat und das einen ganzen Kontinent für sich darstellt, ist ein Konflikt weitaus gefährlicher, denn Amerika hat gelernt, und das Land der „unbegrenzten Möglichkeiten" bürste im Falle des Falles für England recht unangenehme Ueberraschungen bereit haben. W. L
Der Zustand des Reichspräsidenten ernst.
Me behandelnden Aerzte geben über die Erkrankung des Reichspräsidenten folgende» Bericht:
• Der Reichspräsident erkrankte am Mittag des 23. Februar ganz plötzlich an einer schweren Blinddarmentzündung, die des Nachts eine Operation notwendig machte. Trotz der bald nach der Erkrankung vorgenommenen Operation war der Wurmfortsatz des Blinddarms brandig und in die Bauchhöhle durchgebrochen, so daß eine allgemeine Bauchfellentzündung vorlag. Der Verlauf war bis gestern abend zufrieden- stellünd. Wie gewöhnlich am dritten Tage nach der Erkrankung, setzte Mttwoch nacht eine Verschlimmerung der Bauch- fellentzüudung ein, so daß der Reichspräsident eine unruhig« Nacht verbrachte. Donnerstag morgen ist das Befinden besser, doch ist der Zustand ernst.
Die ernste Wendung, die Mittwoch gegen 3 Uhr nachts eintrat, veranlaßte die Aerzte. ffofort die Gattin des Reichs- prÄsidenten zu benachrichtigen, die bald daMMMMW Kindern am Krankenlager eintraf und dort die Nacht r>et- brachte. Die Verschlimmerung in dem Befinden des Patienten ist auf die Bauchfellentzündung zurück;»führen, wozu noch gewisse Herzaffektionen kommen. Vom Verlauf des Donnerstags wird es abhängen, ob der Kranke mit Hilfe der Aerzte die Krisis in der Hauptsache überwinden wird.
Sie entweihe Vchrechung Raynaldy und Trendelenburg.
Im Laufe des Mittwochnachmittags ist R a y n a l d y aus Marseille zurückgekehrt und hat am Donnerstag nachmittag um %4 Uhr mit Trendelenburg eine Unterredung gehabt, der man die größte Bedeutung beimißt. Bon ifaem Ausganr hängt es ab, ob eine grundsätzliche Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich über das Wirtschaftsprovisorium zustande kommt.
Vor einer Einigung in den deutsch-französischen Wirtschaft». Verhandlungen.
Wie wir an Berliner zuständiger Stelle erfahren, dürfte es bei den Versprechungen, die zwischen Rainaldy und $rem delenburg in Paris stattnndcn, zu einer annehmbaren Lösung kommen. Ein Mitglied der deutschen Pariser Delegarion
ist nach Berlin gekommen und hat hier die neuen Vorschläge )es französischen Handelsministers Rainaldy unterbreitet. Aus den Vorschlägen ist eine Annäherung an die deutschen Wünsche deutlich zu erkennen. Vermutlich wird die franzö- sische Delegation sich bereiterklären, die Meistbegünstigung üe facto zu gewähren. Nach den abschließenden Besprechungen zwischen Rainaldy und Trendelenburg wird voraussichtlich eine technische Pause von 14 Tagen 'eintreten, während deren Verlauf die deutsche Delegation mit der deutschen Wirtschaft Fühlung nehmen wird. Es ist auch möglich, daß es nicht zu dieser Pause kommt und die Verhandlungen im Anschluß an die Besprechung zwischen Rainaldy und Trendelenburg sofort zu einem endgültigen Abschluß gebracht werden.
GegenseitigkeitSverirag mit Deutschland oder RheinlandrepudiikunterAussichtdesBölkerbundes?
Es sei natürlich, so sagt ein Londoner Blatt, heute noch verfrüht, etwas Bestimmtes über die Ansicht zu sagen, die von der englischen Regierung in der Frage eines Vertrages an Stelle des Genfer Protokolls eingenommen werde, aber der Gedanke eines englisch-belgischen-französischen Vertrages ohne Teilnahme Deutschlands finde in Regierungskreisen entschieden weniger Anhänger als der Vorschlag eines gegenseitigen und regionalen Vertrages zwischen diesen Mächten und Deutschland. Der letzte Vorschlag sei mehr mit dem Geiste des Völkerbundes in Einklang zu bringen. Es würde indessen nicht überraschen, wenn ein derartiger Plan von der belgischen Regierung weniger günstig beurteilt würbe als von den französischen Staatsmännern der Linken, obwohl bisher weder in Brüssel noch in Paris ein derarttger Vorschlag gemacht worden sei. Allem Anschein nach gewinnt der Vorschlag Loucheurs zur Bildung einer autonomen und neutralisierten Rheinlandrepublik unter Aufsicht des Völkerbundes in frau» zösischen Kreisen an Boden und erkläre auch den Vorschlag, daß die Völkerbundkommission, die demnächst mit der Kon- trolle der deutschen Rüstungen betraut werden und die lleber- wachuna der letzt besetzten Gebiete nach erfolgtet Räumung wandelt wird. Ein solches Borgehen würde indessen außerhalb des Vertrages liegen.
Der „Temps" bringt eine Briisseler Meldung, nach der Deutschland angeblich beabsichtigt, über einen Garantiepakt den Alliierten Vorschläge zu unterbreiten, die sich hauptsächlich auf die westlichen Grenzen Deutschlands beschränken, in bezug auf die östlichen Grenzen aber nur einen sehr allgemeinen Charakter tragen. Die südlichen Grenzen Deutschlands blieben vollkommen unerwähnt.
Die Wirischaftsvechandlungen mit Rußland.
Me deutsche Delegation zur Führung der deutsch-russischen Wirffchaftsverhandlungen ist unter Leitung des Ministerialdirektors z. D. v. Körner am 24. Februar nach Moskau albgereift. Me Verhandlungen sollen, wie deutscherseits gewünscht wird, bis Ostern abgeschlossen werden, da die Mitglieder der deutschen Delegation nicht länger von Berlin abkömmlich sind.
Wieder ein französisches Kriegsgerichtsurteil gegen deutsche Offiziere.
Das Kriegsgericht in A m i e n s hat wegen Plünderung und Zerstörung dreier Schlösser an der Aisne die Generäle K l a u tz und v. S t a a 5 s, Hauptmann v. L e n a und die Oberleutnants v. Grandrud und Fürst zu zehn Jahren Gefängnis, die Hauptleute v. Werthern, 5 i dp und Stephan zu je 20 Jahren Zuchthaus in Abwesenheit verurteilt.
Herriot über die Lage Frankreichs.
Herriot hielt auf dem Bankett der angelsächsisch-anreri- kanischen Presse eine Rede, in der er auf das Ergebnis der Londoner Konferenz und auf das Genfer Protokoll hinwies Er beteuerte die friedliche Gesinnung Frankreichs und sagte, er werde mit allen Kräften bestrebt sein, den Verbündeter und seinem eigenen Larrde einen neuen Krieg zu ersparen. Solange er an der Spitze der Regierung stehe, werde er der Sache der Sicherheit und des Friedens dienen. Er werde zei- gen, daß Frankreich von dem glühenden Wunsch nach Friede« beseelt sei. Frankreich werde seinen Verpflichtungen nach- tommen. Er bitte aber die Anwesenden zu bedanken, welch« schweren Verluste Frankreich durch den Krieg erlitten habe Die Regierung werde mit äußerster Energie versuchen, di< Finanzlage wiederherzustellen. Die finanzielle und wirtschaftliche Wiederaufrichtung Frankreichs sei jedoch Voraussetzunc für die Lösung sämtlicher anderen Fragen. Wenn man Frankreich Gerechtigkeit widerfahren lassen wolle, so müsse man zugestehen, daß es sich äußerst großmütig gezeigt habe „Haben wir in London, als man uns ersuchte, an der Wieder- aufrichtung Deutschlands mitzuwirken, etwa nein gesagt! Keineswegs! Wir, die wir selbst so viele verwüstete Gebiete aufzuweisen haben, haben zu der 800-Millionen-Anleihe bei' gesteuert und an Deutschlands Mederauftichtting mitgewirkt Die Wirkung ist nicht ausgeblieben. Die Finanzen Deutschlands haben durch die Unterstützung Frankreichs eine so fertige Hilfe erfuhren. Dos alles bedauere ich nicht, aber ick