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Kersfelöer Tageblatt

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" ^ "°LkES^ i Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö

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.80 lllk. * Drude und Verlag von hudwlg Funks Buchdruckerei in Bersfeld, (Dttgiied des VDZV.

Nr. SS

Freitag, den 6. März

1925

Das Wichtigste.

Am Donnerstag vormittag wurde Reichspräsi dent Ebert in seiner Heimatstadt Heidelberg aus den Dergfriedhof b e i g e s e tz t.

Im Preußischen Landtag haben die Bespre- chungen der Parteien über die Neuwahl des preußischen. Ministerpräsidenten wieder be­gannen Eine Kandidatur Marx scheint nicht mehr in Frage zu kommen, da Dr. Marx so gut wie sicher für die Reichs- Präsidentschaft aufgestellt werden wird.

Nach den letzten Nachrichten aus Paris scheint die Ver­öffentlichung des Kontrollberichts gesichert.

Die deutsch-italienischen Handelsver« tragsverhandlungen meinten einen schleppenden Verlauf.

Die Not des Saargebietes.

Die Entwicklung des Saargebiets vor dem Kriege steht in engstem Zusammenhang mit dem Uebergang des Wirt- fchafksproblems KohleErz aus dem Ruhrgebiet nach Loth­ringen und Luxemburg. Das Schwergewicht der deutschen Erzbasis verschob sich mehr und mehr nach Südwestdeutsch­land. Durch den Versailler Vertrag wurde diesem Zustande ein zwangsweises Ende gesetzt. Lothringen mit dem Elsaß kam vollständig an Frankreich, und das Saargebiet wurde für 15 Jahre unter die französische Botmäßigkeit gebracht mit der Bestimmung, daß nach Ablauf dieser Zeit eine Ab­stimmung öffentlich kundtun sollte, ob das Saargebiet wieder an Deutschland zurückfiele oder ob es endgültig der franzö­sischen Republik einverleibt würde. Die erste Tat der Fran­zosen nach der Besetzung desStummschen Königreichs" be­stand darin, daß alle deutschen Gesellschaften der Schwer­industrie unter französische Zwangsverwaltung gestellt wur­den. Da, wie gesagt, fast alle führenden rheinisch-westfä-

so bedeutete dies einen schweren Schlag für die ge­samte deutsche Schwerindustrie. Saßen doch in der deutschen südwestlichen Ecke neben den alteingesessenen Stumms und Roechlings dich Phönixgruppe, Gelsenkirchen, Stinnes, Hantel, Thyssen, Hoesch usw., alles Unternehmen, die für die deutsche Eisenindustrie direkt bestimmend waren. Besonders schlecht erging es anfangs dem Stumm-Konzern. Französischerseits wurden die ganzen Erzkonzessionen auf­gehoben und mit den Anlagen zusammen neu ausgeschrieben. Die französischen Gruppen griffen sofort zu und wurden da­mit Besitzer der größten unb besteingerichteten Kohlengruben und HUttenzechen Europas. Ein großer Teil der franzö­sischen Schwerindustrie aus dem Artois (Lens, Courritzre, Bethune, Arras) verlegte seine Betriebe nach dem Saar­gebiet und Lothringen. Naturgemäß erhielten die deutschen Gesellschaften vom Reich Entschädigungen; aber diese Ent­schädigungen waren erstens zu gering und wurden zweitens durch Markentwertung größtenteils illusorisch gemacht. Wie es den großen Unternehmen erging, so war es auch mit den kleinen, auch dem Privatmann. Dem Rentner mit dem Besitz an Häusern erging es nicht besser. Immerhin waren die großen Gesellschaften noch besser daran; sie verfügten wenigstens im Anfang noch über genügend liquide Mittel und waren damit in der Lage, im unbesetzten Gebiet sich neue Grundlagen zu schaffen. Der Stumm-Konzern hat sich vollständig neu auf gebaut, und zwar ausschließlich im un­besetzten Deutschland. Die Fusionen zwischen Gelsenkirchen und Luxemburg, überhaupt die Umgruppierung der geplan­ten deutschen Industrie findet ihren Ursprung in der Ver­schiebung der Erzbasis. Im Saargebiet ging zunächst alles seinen gewohnten Gang, dank dem einseitigen Meistbegünsti- gungsrecht Frankreichs auf Grund des Versailler Vertrages. Anders mußte die Lage aber mit dem Augenblick werden, wo dieses Meistbegünstigungsrecht aufhörte, nach dein 10. Ja­nuar. Die ZollabschnUrung machte sich sofort empfindlich bemerkbar und hat sich im Verlauf weniger Wochen zu einer Katastrophe für das saarländische Wirtschaftsleben ausge- wirkt. Der süddeutsche Markt war bisher der beste Abnehmer des Saargebietes; nach dem Ruhrgebiet liefen die Erzbestände im allgemeinen normal. Heute bleiben aus Süddeutschland die Aufträge fast vollständig aus, und die Unterbringung von Aufträgen in Frankreich scheitern meistens infolge des Ueberangebots aus Loth ringen. Auch die Einfuhr non not­wendigen Fertigfabrikaten begegnet großen Schwierigkeiten. Man sieht, baß man im freien Wirtschaftsleben nicht ohne weiteres Zwangsmaßnahmen als Norm dekretieren kann. Im Saargebiet häufen sich die Halden; der Abtransport stockt; die Folge davon müssen Stillegungen fein. Man schätzt die Zahl der Arbeiter, die unter solchen Verhältnissen brotlos werden würden, auf 35 000; für die Folgezeit würde sich diese Zahl ,«$ erhöhen. An dieser Krisis leidet aber nicht nur die Schwerindustrie. Die gesamte Lebenshaltung hat sich unaemrin verteuert. Die Belieferung mit franzö­sischen Lebensrnitteln stellt sich wesentlich teurer, und die Be- bin gange n sind für den saarläninschen Markt zu teuer. Be­unruhigend ist auch die Lage auf dem Hygiene-Markt. Der Zweckverband der Krankenkassen klagt über Mangel an Me- bitamenten und verlangt eine besondere Einfuhrfreiheit für deutsche Medikamente. Wo man sieht, macht sich un Saar­

gebiet die Sorge breit. Als besonders störend empfindet die Bevölkerung doch auch die Anwesenheit französischer Trup­pen, die dem Versailler Vertrag zuwiderläuft. Hiernach soll nur eine örtliche Gendarmerie die Ordnung auf­rechterhalten. Glaubt Frankreich etwa, mit solchen törichten Maßnahmen dem Saargebiet zu helfen? Erst kürzlich hat die Reichsregierung dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Note übersandt, in der sie gegen die Anwesenheit fran- zösischer Truppen protestiert. Schon volle fünf Jahre zieht sich dieser vertragslose Zustand hin.

Der vertragslose Wirtschaftszustand mit Frankreich hat diese Not herbeigeführt, wenn man davon absieht, den Ver­sailler Vertrag als Basis normaler Beziehungen anzuknüpfen.

Die Beisetzung des ReichsyMenlen in Heidelberg.

Der Sonderzug mit der Leiche des Reichspräsidenten lief Donnerstag morgen pünktlich 9,30 Uhr auf dem Haupt­bahnhof Heidelberg ein. Auf dem mit Blattpflanzen würdig geschmückten Bahnsteig begrüßte der Oberbürgermeister von Heidelberg, Dr. Walz, Frau Ebert und die übrigen Mt- glieder der Familie und überbrachte nochmals den Ausdruck der innigsten Teilnahme der ganzen Stadt. Der Güterwagen wurde geöffnet, in dem der Sarg sich befand, und die Leiche wurde herausgehoben. Gendarmen trugen den etwa zehn Zentner schweren eichenen Sarg, den die Flagge des Reichs­präsidenten deckte, zum bereitstchenden vierspännigen Leichen- wagen. Auf den offenenen, schwarz ausgeschlagene» Leichen­wagen wurde nun der Sarg gehoben. Inzwischen wurden die vielen Hunderte von Kränzen ausgeladen, die aus Berlin mitgekommen waren. Wenige Minuten vor 10 Uhr fuhr der Leichenwagen, der hinter dein Empfangsgebände gehalten hatte, vor. Als er den Mittelbogen der Säulenhalle auf dem Ehrenhofe des Bahnhofsvorplatzes erreichte, intonierte das städtische Orchester den EhoralBefiehl du deine Wege!" Als der letzte Ton verklungen war, setzten die sämtlichen Glocken der Stadt mit Geläute ein. Böllerschüsse

Reckartal hinauf und weit ins Rhcrntal hinein die Kunde, daß der erste Präsident des Deutschen Reiches heimgekehrt sei auf immer in seine alte Heimat.

Das Ehrengrab

liegt oben auf dem Friedhofe, dicht hinter dem Krematorium. Sechs Stufen höher liegt es über dem Grabe von Katharina Ebert, der Mutter des verstorbenen Reichspräsidenten, auf einer Terrasse, von der über Stadt und Land der Blick hinausschweift zum Rheine und darüber hinweg in die Pfalz. Hohe Säulen und Pfeiler, verbunden durch grüne Girlanden, umschließen das Grab.

Ihm gegenüber, am Abhänge des Berges, ist mit mäch­tigen Balken und Streben das Podium gebaut worden auf dem die mehr als 1000 Sänger Platz finden, die dem Reichs­präsidenten das letzte Lied fangen. Dicht bei dem Ehrengrabe ruhen die Geistesheroen und Koryphäen der Wissenschaft, die der Universität Heidelberg den Weltruhm verschafften. Da liest man auf den Grabsteinen die Namen B u n s e n , Euno Fischer, Franz v. L i s z t, Max Weber, Georg Meier und viele andere.

Am Grabe.

Am Grabe hielt der badische Staatspräsident Dr. Hell­st a ch die Gedächtnisrede.

Nachdem Abgeordneter Müller-Franken zuletzt namens der Partei dem Genossen Friedrich Ebert den letzten Gruß ins Grab gerufen hatte, fang der Arbeiter-Sänger­bund sehr stimmungsvoll:Ein Sohn des Volkes will ich sein und bleiben." Der evangelische Stadtpfarrer Dr. M a ß aus Heidelberg sprach dann auf Wunsch der Familie Trostesworte und das Gebet, während der Sarg ins Grab gelassen wurde. Die Vaterlandshymne:Deutschland, Deutschland über alles", die der verstorbene Reichspräsident zur Nationalhymne er­klärt hatte, ertönte und gab der ganzen Trauerfeier einen würdigen Wschluß.

Der Traue^ug vor dem Reichstag.

O-e Parteien zur Neuwahl des Reichspräsidenten.

Wie wir aus parlamentarischen Kreisen erfahren, haben mit den parlamentarischen Führern der D e u t s ch n a t i o - nalen und der Deutschen Volkspartei über die Aufstellung einer gemeinsamen Präsidentschaftskandidatur Besprechungen stattgefunden. Diese Besprechungen haben zu einem immerhin sehr befriedigenden Ergebnis geführt, das darin besteht, daß Anfang der nächsten Woche offizielle Ver­handlungen stattfinden sollen mit dem Ziel, sofort mit einem gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten hervorzutreten. Die Nationalsozialisten und Völkischen scheinen zu beabsichtigen, gesondert vorzugehen. Ihre Führer haben bisher wenig Steigung gezeigt, sich an den Verhandlungen der anderen bürgerlichen Parteien zu beteiligen. Nach vor- läufig noch unbestimmten Mitteilungen soll die Absicht be­stehen, eine völkische Präsidentschaftskandidatur des Generals Ludendorff aufzustellen. Wir geben diese Verlautbarung mit Vorbehalt wieder. Die Demokratische Partei be­absichtigt, wie wir hören, in der Frage der Präsidentschafts­kandidatur die Beschlüsse des Zentrums abzuwarten. Sollte das Zentrum den früheren Reichskanzler Marx aufstellen, so würde die Demokratische Partei die Parole ausgeben, Marx zu wählen. Für den Fall eines Verzichts des Zentrums auf eine Präsidentschaftskandidatur beabsichtigt die Demokratische Partei, mit einem eigenen Kandidaten aufzutreten. In der engeren Auswahl sind bereits der erste Bürgermeister von Hamburg, Petersen, und der badische Staatspräsident Dr. Hellpach in Aussicht genommen worden.

Um die Neuwahl des preußischen Minister« Präsidenten.

Im Preußischen Landtag haben die Besprechungen zwischen einzelnen führenden Persönlichkeiten der bürger­lichen Fraktionen über die Frage der Neuwahl des Minister­präsidenten erneut begonnen. Nachdem jetzt mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden kann, daß der Ministerpräp- dent Marx als Kandidat für die Reichspräsidentschaft auf­gestellt werden wird, kommt er für die Neuwahl zum Ministerpräsidenten nicht mehr in Betracht. Es ist fraglich, ob das Zentrum einen anderen Kandidaten für dieses Amt stellen wird oder ob vielleicht an eine andere bürgerliche Partei (in erster Linie käme die Deutsche Volkspartei dafür in Frage) der Wunsch gerichtet wird, einen Ministerpräsidenten zur Wahl zu stellen. Die Volks- partei würde, wie wir hören, zu einer derartigen Nominie- rung nur dann bereit fein, wenn ihr auch von den anderen in Betracht kommenden Fraktionen ein derartiger Wunsch übermittelt wird. Der Gedanke eines Kabinetts der Großen Volksgemeinschaft von den Deutschnationalen bis zu den So- zialdemokraten ist ja bisher schon im wesentlichen an die Person des Herrn Marx geknüpft gewesen, und es wird be­zweifelt, ob dieser Gedanke nach einem eventuellen Verzicht des Ministerpräsidenten Marx auf eine Neuwahl weiter ver­folgt wird. Ueber die Möglichkeiten einer Regierungsbildung unter einem anderen Ministerpräsidenten können zurzeit naturgemäß nur Kombinationen angestellt werden. Sollte ein volksparteilicher Ministerpräsident gewählt werden, für den vielleicht der frühere Finanzminister Dr. von Richter in Frage kämmen könnte, so würde man wahrscheinlich mit dem Versuch einer Regierungsbildung nach dem Beispiel der Reichsregierung rechnen können, vielleicht auch mit einem bürgerlichen Minderheitskabinett aus Zen­trum und Volkspartei, welches dann die Unterstützung der Deutschnationalen suchen würde.

Die Gicherheitsfrage.

Ueber den augenblicklichen Stand der SicherHeitsfrage wird halbamtlich folgendes mitgeteilt:

Die ausländische Presse hat seit einigen Tagen ihr Interesse in besonderem Maße dem beut sehen Vorgehen in der Sicherheitsfrage zugewandt. Den Anstoß dazu haben anscheinend die Meldungen der Pariser Zeitungen gegeben, die über den Verlauf der Sitzung der französischen venats- kommission für auswärtige Angelegenheiten am 27. Februar und über die bei dieser'Gelegenheit von dem französischen Herrn Ministerpräsidenten gemalten Mitteilungen zu berich­ten wußten. Diese Meldungen sind von dem Vorsitzenden und dem Bureau der Senatskommission amtlich dementiert worden. Tatsächlich gaben sie von den deutschen Schritten in der Sicherheitsfrage ebensowenig ein zutreffendes Bild, wie es die daran anlnüpfenden Auslassungen anderer aus­ländischer Zeitungen tun, die sich überdies zum Teil stark widersprechen. Auch die veröffentlichte Erklärung des diplo­matischen Redakteurs der Agenre Havas gibt den Sachverhalt in verschiedenen wesentlichen Punkten unrichtig wieder.

Es entspricht nur dem Stande der außenpolitischen Ent­wicklung, wenn in den letzten Monaten bei den diploma­tischen Konversationen unserer Missionschefs in beir alliier­ten Hauptstädten neben den anderen akuten Fragen auch das S i ch er he i t s p r o b l em eine große Rolle gespielt hat. Die Reichsregierung hat sich in der Tat an den seit längerer Zeit im Gange befindlichen internationalen Er­örterungen aktiv beteiligt. Die Behauptung des diploma­tischen Redakteurs der Aaence Havas, daß Deutschland um dir Vermittlung der englischen Regierung für die Weiter­gabe eines deutschen Angebots nachgesuchi und daß Herr Slamberlain eine derartige Vermittlung offiziell abgelebut habe, entspricht indes nicht den Tatsachen. Die Reichsregie-