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Hersfelöer Tageblatt

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hersfelZer Kreisblatt^

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Nr. 57 Montag, den 9. Märr 1925

Das Wichtigste.

Zwischen Herriot und Chamberlain hat in Paris die erste Unterredung über die Sicherh eitsfrage stattgefunden.

Der Eisenbahnarbeiterstreik hat weitere Ausgehnung angenommen; in einzelnen Direktionsbezirken ist ein Teil der Arbeiter in den Ausstand getreten.

Am Montag hat die 33. Völkerbundratsißung begonnen, in der Deutschland eng berührende Fra­gen zur Erörterung^ stehen.

Aus parlamentarischen Kreisen verlautet, daß die großen Parteien des Reichstages den Präsidenten d«e Reichsgerichts, Dr. Simons, als stellvertretenden Reichspräsiden­ten vorschlagen werden.

Wirtschaftliche Rundschau.

Die Leipziger Messe hat diesmal erneute Rekordzahlen an 9lusftellern und Besuchern zu verzeichnen gehabt. Neue Meßhäuser, vor allem die gewaltige Halle der Werkzeug- maschinenindustrie und das unterirdische Meßhaus auf dem Markte haben gewichtiges Zeugnis von dem technischen Hoch­stand unserer Industrie abgelegt. Die starke Beteiligung ausländischer Aussteller mit dem Ziele des Verkaufs an wiederum ausländische Besucher, ließ die zunehmende Be­deutung der Messe als internationaler Zentralpunkt für den weltwirtschaftlichen Warenumsatz erkennen. Alles das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch die Leipziger Frühjahrsmesse die bösen Schatten nicht hat lichten können, die unserer wirtschaftlichen Entwicklung für die nächsten Wochen und Monate drohen. Zwar fiel mit ihrem Beginn die langersehnte Diskontermäßigung der Reichsbank zu­sammen, der schnell die Diskonterhöhungen in London und New Pork folgten, sodaß die Produktionsbedingungen eine . wurden. aber

M

nnlderungsentwürfen für direkte Steuern die neuen Plane auf sehr starke Erhöhung verschiedener Verbrauchssteuern und Wiedereinführung der gemeindlichen Seteuerzuschläge, und der Tod des Reichspräsidenten ließ die innerpolitische Lage noch verwickelter erscheinen. Zudem zeigt gerade der Verlauf der Leipziger Messe, wie groß noch die Kapitalarmut ist und wie sehr man vielfach die Aufnahmefähigkeit des In­landmarktes überschätzt hatte. Die Aufträge blieben klein und beschränkten sich zumeist auf Gebrauchsartikel mittlerer Preislage. Für eine ganze Reihe von Gewerbezweigen zeigte sich zudem, daß die Zentralmessen ihre höchste Blütezeit über­schritten haben, und diß der Umsatz an den Kleinhandel wie­der mehr und mehr durch Reisende, Vertreter und örtliche Fachmessen erfolgt, während die großen Zentralmessen mehr eine Angelegenheit des Verkehrs der Erzeuger mit dem Groß­handel werden oder ihren Charakter in den von Ausstellungen wandeln. Die Entwicklung im Lande war nicht dazu angetan, diese trüben Gedanken zu verscheuchen. Die Spannung zwi­schen Arbeitgebern und Arbeitnehmern nahm vielerorts wei­ter zu und führte bereits zu Streiks von größerer Bedeu­tung und Gefahr, unter denen die Eisenbahnerbewegung und die Streikagitation unter den westlichen Bergarbeitern als die gefährlichsten erwähnt seien. Die Entwicklung an den Bör­sen und Warenmärkten blieb weiter wenig erfreulich. Die Warenmärkte zeigen trotz geringer Umsätze und dauernder Streitigkeiten wegen der Zahlungsbedingungen eher steigende Tendenz für die wichtigsten Rohstoffpreise, so für Holz, Häute, Spinnstoffe, Fette und Getreide, während der Kohlenbergbau weitere Absatzstockung bei verlustbringenden Preisen meldet und allein im Ruhrgebiet die Fördermenge eines ganzen Monats auf Halden gekippt liegt. Das Ergebnis der Han­delsbilanz für Januar mit seiner Passivität von rund 675 Millionen Reichsmark muß sehr ernst stimmen und nach den bisherigen Meldungen ist auch für Februar wenig Gutes zu hoffen. In den Handelsvertragsverhandlungen ist kein be­merkenswerter Fortschritt eingetreten und die bevorstehende neue Verhandlungspause des Reichstages wird hier selbst im Falle günstigen Fortganges der Verhandlungen unserer De­legationen abermals neue Verzögerungen und Hemmungen bedingen. Ebenso erfährt die so brennend notwendig end­gültige Lösung der Aufwertungsfragen damit einen erneuten Aufschub, der allen Beteiligten sehr wenig erwünscht sein kann. Zeigte doch der zweite Großbankenabschluß, der der Dresdner Bank, erneut in seinen Ziffern die schwierige Lage unseres Geld- und Kreidtwesens, die auch weiterhin die Börse in einer durch Blutleere bedingten Lethargie verharren laßt, trotzdem die Kurse der meisten Industriepapwrean der heutigen Rente gemessen, recht niedrig sind. Die wenigen wirklich er­freulichen Meldungen und Ereignisse, so die günstige Ent­wicklung des Kaliabsatzes unb die Erteilung einzelner großer Auslandsaufträge an die deutsche Großmaschinen» und Elektrizitätsindustrie, der gute Beschäftigungsgang einzelner Gruppen der Webstoffindustrie und die besseren Aussichten auf Entschädigung der vertriebenen Auslanddeutschen ver­mochten unter diesen Verhältnissen die sonst wohl mögliche günstige Wirkung auf Wirtschaft und Börse auszuuben. Viel­mehr zeigt am Wochenschluß die in den letzten Wochen be- obachtete wenig hoffnungsvolle Zurückhaltung auf allen Ge­bieten der Wirtschaft weitere Fortschritte und man glaubt in Fachkreisen, daß eine wesentliche Besserung erst zu erwarten

sei, wenn die befürchteten neuen politischen Schwierigkeiten und Wahlkämpfe überstanden sind. Selbst die unzweifelhaft eingetretene erfreuliche Belebung des Baumarktes werde hieran nicht viel ändern können, ehe die Steuerreform durch-- geführt und eine bessere Ausgleichung der Handelsbilanz er­reicht sei.- M.

Die Vorbereitungen zur Reichsprasidentenwahl.

Berlin, 9. März. Der Parteiausschuß der Sozialdemokratischen Partei hielt im Reichs­tagsgebäude gemeinsam mit der sozialdemokratischen Reichs­tagsfraktion eine Sitzung ab, die sich mit der Frage be­schäftigte, ob die Sozialdemokratie für die Wahl des Reichs­präsidenten einen eigenen Kandidaten präsentieren oder sich mit den übrigen republikanischen Parteien auf einen Sammelkandidaten einigen solle. In der mehr als sechsstün­digen Debatte fanden beide Möglichkeiten ihre Vertreter. Die Mehrheit entschied sich schließlich für Aufstellung eines eigenen Kandidaten. Darauf zog sich der sozialdemokratische Parteivorstand zu einer Sonderberatung zurück, als deren Ergebnis mitgeteilt wurde, daß ein­st immig die Auf stellungdesfrüherenpreußi- schen Ministerpräsidenten Otto Braun als Kandidaten für die Reichspräsidenten- wahl empfohlen werde. Die versammelten Mitglieder des Parteiausschusses und der Reichstagsfraktion erklärten sich einstimmig mit dem Vorschlag des Vorstandes einver- standen.

Der Arbeitsausschuß für die Vorbereitung der Wahl des Reichspräsidenten, der sich aus Mitgliedern der Deutsch- nationalen Volkspartei', der Deutschen Volkspartei, der Bayerischen Volkspartei, der Wirtschaftlichen Vereinigung und der in Betracht kommenden polttlsche«, wirtschaftlichen und kultu­rellen Organisationen zusammensetzt, hat ebenfalls eine Be­ratung abgshalten, in der die Verhandlungen über eine gemeinsame Kandidatur soweit gefördert wurden, x^t^r ^t^ aaras x Mit bisher nicht beteiligten Parteien und Organisationen I wird über den Vorschlag verhandelt werden. Die Ent­scheidung wird bis Mitte nächster Woche vorliegen.

Dr. Simons stellvertretender Reichspräsident.

Wie wir aus parlamentarischen Kreisen hören, beabsich­tigen die großen Parteien des Reichstags, am Montag, wo das Gesetz über die Stellvertretung des Reichspräsidenten beraten wird, die Ernennung des Präsidenten des Reichs­gerichts, des früheren Reichsaußenministers Dr. Simons, znm stellvertretenden Reichspräsidenten vorzuschlagen.

Die vorher erwogene Lösung, den Reichstagsprästdenten mit der Vertretung zu betrauen, ist aufgegeben worden, weil sich daraus für die Geschäftsführung des Reichstags zu große Schwierigkeiten ergeben würden.

Der Wahlmodus bei der Reichspräsidenieuwahl.

Am Montag wird im Plenum des Reichstags die Entscheidung über den Termin für die Wahl des neuen Reichspräsidenten fallen. Es ist anzunehmen, daß, dem Bor- schlag der Regiermrg entsprechend, die erste Wahl am 2 9. M ür z stattfinden wird. Ueber die Einzelheiten dieser ersten direkten Volkswahl eines Präsidenten wird dann, entsprechend dem Beschluß, eine Bekanntmachung er­folgen, deren Inhalt sich jedoch im wesentlichen Teil bereits jetzt vorwegnehmen läßt. Die einzelnen Punkte, die für den Wühler von Interesse sind, seien in Ziachstehendem auf­geführt:

Wahltermin: 29. März, voraussichtlich von 8 bis 5 Uhr.

Wahlberechtigt ist jeder zur Reichs- und Land­tagswahl Berechtigte, der in der Wahlliste steht. Die W a h l' l i st e « werden aufgelegt, sobald der endgültige Wahl- termin feststeht. Neuzugezogeue oder bisher nicht Wahl­berechtigte (die in diesem Jahre zwanzig Jahre werden), müssen die L i st e n e i n s e h e n und eventuell Berichtigun­gen herbeiführen.

Wahlberechtigte Personen, die sich auf Reisen befinden, können auch bei der Präsidentenwahl mit einem von ihrem Wohnort ausgestellten Wahlschein in ihrem jeweiligen Aufenthaltsort zur Urne gehen.

Wählbar ist jeder Deutsche, der das 35. Lebensjahr überschritten hat, im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte und geschäftsfähig ist. *

Wahllokal und Wahlverfahren entsprechen den bei den Reichstagswahlen gebräuchlichen. Die Wahl ist geheim, jeder darf nur einen Stimmzettel abgeben. ,

Der Stimmzettel ist in der Größe 9 mal 12 Zen­timeter vorgeschrieben, darf nur einen Namen ent­halten, wobei der Gewählte so kenntlich zu machen . daß seine Person durch die Wahlbehörden genau festgesteUt

werven rann (§. to. « o m a m e n uno Aoresse, wenn es sich nicht um einen allgemein bekannten Wahlkandidaten handelt). Die Zettel sind von den Komitees zu liefern, die sich für Wahl von Anwärtern bilden, also nicht von der Behörde.

*

Die Zahlung findet voraussichtlich in der Weise statt, daß zunächst die Sammelkanhrdaturen ausgezählt und dann die voraussichtlich beim ersten Wahlgang noch ziemlich zahlreich vorkommenden Einzelnamen, deren Wahlaussichten aber von vornherein als negativ anzusehen sind, alsZer- splitterte" zusammen ausgewieseu werden. Allerdings be­steht die Verpflichtung für die Kreiswahlleiter, auch hier genaue Feststellungen vorzunehmen, Einzelergebnisse und Zulässigkeit der Wahl festzustellen usw., ein Geschäft, das voraussichtlich eine geraume Weile in Anspruch nehmen wird; doch dürfte nach Lage der Sache dadurch das Wahl- geschäst und die Wahlergebnisse praktisch nicht aufgehalten werden.

Zur Regierungsbildung in Preußen.

Ministerpräsident Marx hatte Besprechungen mit der Deutschen Volkspartei über die Regierungsbil­dung. Die Frage, ob die Partei die sogenannte kleine Ko­alition des Zentrums und der Demokraten tolerieren würde, wurde verneint. Auch auf die weitere Frage, ob die Deuffche Volkspartei mit dem jetzigen Kabinett einverstanden sei, wenn Minister Severing aus gesundheitlichen Gründen aus- scheiden und durch einen anderen Sozialdemokratin ersetzt würde, erfolgte eine verneinende Antwort.,

Die allgemeine Lage im Eisenbahnerstreik.

ist nicht wesentlich verändert. Der Hauptherd der Bewegung ist auf Sachsen beschränkt geblieben. Dort streiten ins­gesamt 3 8 7 0 Arbeiter. In Breslau haben die Ar­beiter den in Aussicht genommenen Eintritt in den Streik mit Rücksicht auf die noch schwebenden Tarif Verhand­lungen in Berlin bis auf Montag vertagt, inbem,die Mehrheit vernünftigerweise den Standpunkt vertrat, daß es unzulässig sei, während schwebender Tarifverhandlungen in den Ausstand zu treten. Lediglich zwei Güterbahnhöfe des Breslauer Direktionsbezirkes sind von kleinen Teilstreiks in Mitleidenschaft gezogen worden, und zwar sind die Güter­bodenarbeiter der Bahnhöfe Görlitz und Schlauroth in den Ausstand getreten.

Inzwischen sind in der Hauptverwaltung der Reichsbahn in Berlin die Verhandlungenmitden Vertre­tern der am Tarifvertrag beteiligten Ge­werkschaften fortgesetzt worden, doch läßt sich über den Ausgang noch nichts sagen. In den Kreisen der Rcichs- bahnhauptverwaltung vertritt man nach wie vor die Ansicht, daß das Angebot, die Eisenbahnarbeiterlöhne in den Orten, wo sie unter dem Niveau der Industriearbeiterlöhne liegen, diesen anzugleichen, nicht überschritten werden könne, wenn sich nicht für die gesamte deutsche Wirtschaft außerordentliche Gefahren ergeben sollen. Die Gewerkschaften haben jedoch wieder den Vertretern der Reichsbahn erklärt, daß sie eine allgemeine Lohnerhöhung verlangen.

Diese Stellungnahme der Gewerkschaftsführer muß eini­germaßen seltsam erscheinen, weil sich doch auch diese Kreise sagen müssen, daß ihr Vorgehen unbedingt streikanrei- z e n d wirken muß. Auch darüber dürften sich die besonders in der Linkspresse als ihrer Verantwortlichkeit bewußte Ar­beiterführer so oft bezeichneten Gewerkschaftsvertreter nicht im Unklaren sein, daß eine etwa einsetzende allgemeine Lohnbewegung ein neues Ansteigen der g e f a m t en Preise nach s i ch ziehen würde und letzten Endes damit die aufgerade nicht starken Füßen stehende deutsche Währung in außerordentliche Gefahr gebracht werden kann. Im übrigen ist nicht ausgeschlossen, daß hinter der jetzigen Lohnbewegung politische Treiber stehen, die am liebsten einen Generalstreik entfesseln möchten. Wir glauben jedoch, daß trotz aller Berhetzungsversuche politischer Draht;iel>er die überwiegende Mehrheit der deutschen Arbeiterschaft doch die Ruhe und Besonnenheit bewahren wird.

Die Verbreiterung der Teilstreiks in Sachsen be­zieht sich auf die ' Güterbahnhöfe Pirna, Pir itz, Arnsdorf, Würzen und Reichend ach. Eine Stillegung ist jedoch nirgends zu verzeichnen. Der Ver­kehr wird durch die Eisenbahnbetriebsbahnhöfe aufrecht er­halten, eine Heranziehung der Technischen Nothilfe vi nirgend nötig geworden. Im Erfurter Bezirk waren Teile der Belegschaften der Güterbahnhöfe Gera und Saal- selb in den Streik getreten. In Saalfeld hatte jedoch die Arbeiterschaft die Arbeit wieder ausgenommen. Eine Soli dar i tser klärung der Beamtenorganisationen mit den Streikende:: ist nach Angabe der Verbände nichts erfolgt. Immerhin kann es möglich sein, daß die freigewerkschaftlich eingestellte Deuffche Reichsgewerkschaft eine solche Erklärung abgegeben hat. Gegenüber der von einigen Blätetrn ver­breiteten Nachricht über Lohnabzüge aus Anlaß der am 4. März ein getretenen VerkehrsMule wird von unterrichte- ter Seite erklärt, daß seitens der Reichsbahn aus betriebt technischen Gründen eine Verkehrspause anläßlich der Trauerfeierlichkeiten für den Reichspräsidenten angeordnet werden könnte. Wenn einige Personalstellen dem pausie­renden Personal Lohnabzüge gemacht haben, so werden diese zurückgezahlt werden.