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^ersMer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 65 Mittwoch, den 18. März 1925

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Das WichiLgsie.

Chamberlain und Herriot haben der Pariser Presse über ihre Unterredung Erklärungen abgegeben.

Der tschechische Außenminister Dr. Benesch hat einen neuen Garantieplan ausgearbeitet, der die Ost- und die Westmächte gesondert zusammenfassen will.

Auch die Frage der Veröffentlichung des Kon­tra l I b e r icht e s ist zwischen Chamberlain und Herriot erör­tert worden, wobei man sich scheinbar auf Nichiver - öffentlichung des Berichtes geeinigt hat.

Die Wirtschaftspartei des deutschen Mittelstandes hat in einer Sitzung in Köln beschlossen, für die Kandidu - tu® Dr. Zarres einzutreten.

Frankreichs zerstörte Kohlengebiete.

Wenn man 1918 auf den Höhen der Vorstädte von Lens im französischen Kohlenrevier oder auf dem Plateau von Givenchy, oder weiter nördlich bei Hulluch stand und die Zechen und zusammengeschossenen Fabriken sah, glaubte man, daß viele Jahre dazu gehören würden, bevor diese Stätten der französischen Volkswirtschaft wieder zugeführt werden könnten. Was noch nicht durch das Artilleriefeuer von beiden Fronten her zerstört war, wurde auf dem deut­schen Rückzüge vollends vernichtet. So furchtbar dies an sich war, aber die Oberste Heeresleitung mußte dies aus stra­tegischen Gründen anordnen. Nun kam der Waffenstillstand, die Franzosen besetzten Rheinland und Saargebiet, und Deutschland mußte sofort nach Abschluß der Waffenstillstands- verhandungen große Kohlenmengen nach Belgien wie Frank­reich abgeben. Beide Staaten fühlten den Ausfall der Kohlen aus dem Artois und Pas de Calais nicht.

Es war klar, daß man sofort daran ging, die zerstörten^ ^M -Gebiete wieder aufzubauen. Pläne und geiAituuÄ^ Naturalien waren den. Es^weaann ein«

. , .,.. Tätigkeit des Bauens. Deutschland mußte da« Geld auf Grund des Verfailler Vertrages liefern, auch Frank­reich selbst stellte erheblich: Mittel dafür in Einern Haushalt« bereit. Unter diesen Verhältnissen mußten die^ Kohlengruben bald wieder förderungsfähig sein. Ein großer Teil der Zechen lag auch im feindlich besetzten Gebiet und wurde natur­gemäß weiter betrieben. Dazu erhielt Frankreich noch die Zechen des Saargebietes. Ein großer Teil der bis­herigen Interessen wandte sich dem Saargebiet zu, die För­derung stieg nun hier. Daneben liefen die Kohlenzüge aus dem Ruhrgebiet ununterbrochen weiter. Frankreich erstickte förmlich in Kohlen und ging seinerseits dazu über, die Kohlen im Auslande, speziell in Italien, abzusetzey. Nun kam England auf den Plan. Es traten die ersten Differenzen in der Kohlenfrage zwischen den beiden Staaten auf. Deutsch­land durfte nicht mitreden, ja es wurde sogar noch der größ­ten Kohlenbasis im Südosten beraubt. Oberschlesien fiel mit den gesamten Pleßschen Gruben an Polen. Dann kam der passive Widerstand, die Kohlenlieferungen wurden einge­stellt. Auch wähend dieser Zeit hat Frankreich den Ausfall der Ruhrkohle nicht gespürt. Die Zechen in Pas de Calai« und Artois waren bereits so weit widderhergestellt, daß die Friedensförderung fast erreicht war.

Wie mit der Kohlenförderung, so war es auch mit den anschließenden Nebenbetrieben. Auch die Textilindustrie, die sich hauptsächlich in der Gegend von Tourcoing und Roubaix konzentiert, lieferte vom Jahre 1922 ab wieder die Mengen, die im Frieden hergestellt wurden. Vor dem Kriege lieferte das durch den Krieg zerstörte Industrierevier nach H. van Lowick 81 Prozent, heute ist dieser Satz bei weitem über­schritten, denn nur durch das Saargebiet ist Frankreich in der Lage, nicht nur seinen gesamten Eisenbedarf zu decken, sondern darüber hinaus sich Absatzmöglichkeiten im Auslande zu sichern. So lange Deutschland durch das einseitige Meist- begünstigungsrecht nach dem Versailler Vertrag gezwungen war, die Eisenmengen Frankreichs aufzunehmen, war dieser Zustand für Frankreich günstig; jetzt dreht sich der Haupt­punkt der französisch-deutschen Handelsvertragsvechandlungen um das Eisenproblem, da nach dem 10. Januar der einseitige Zustand für Deutschland ablief. In der BroschüreDer Wie­deraufbau der Kohlenbergwerke im französischen Reparations- gebiet von H. van Lowick wird die Zahl der Kohlenschächte, die Frankreich im Jahre 1914 im Norden betrieb, auf 290 angegeben. Der französischePropagandadienst" gab an, daß sämtliche 290 Schächte zerstört seien. Dies ist unzu­treffend. Offenbar sind die Schächte der von den Deutschen nicht besetzt gewesenen Gruben des Pas de Calais (78) und die im Abteufen begriffenen sowie die stillgelegten mitgezählt. Nach den deutschen Unterlagen handelt es sich bei den zer­störten und besetzt gewesenen Gruben des Nord und Pas de Calais um insgesamt 199 Schächte, also einschließlich der 78 um 277. Die Kohlenförderung betrug hier monatlich 1913: 1,5 Millionen Tonnen. 1921: 0,45 Millionen, 1922: 0,66, 1923 (1. Juli): 0,95, 1924: 1,4 und heute ist die Z i f f e r vont,ö Millionen Tonnen schon wieder über, schritten, da Frankreich die Gruben mit den deutschen Reparationsgeldery erheblich besser ausgebaut hat, als sie vorher waren. Man konnte oft von französischen Gruben- arbeitern, die auch tm Ruhrgebiet gearbeitet haben, hören, daß die Einrichtungen der deutschen Gruben wesentlich besser

gewesen seien, als die der ©ortete Anonyme de Lens, de Armentiäres, der von Houlluch usw.

Sofort nach Beendigung des Krieges wurde mit den Auf. räumungsarbeiten der zerstörten Gebiete begonnen. Die Ge­sellschaften erhielten von Staats wegen reichliche Gelder und waren sogar noch in der Lage, die Gruben im Saargebiete zu erwerben. Das Geld stellte der französische Staat der In- dustrie wieder zur Verfügung, so daß also das gesamte Saargebiet kostenlos von der französischen Schwerindustrie erworben wurde. Die Lage der französischen Schwerindustrie rechtfertigt keineswegs mehr die Belieferung mit Ruhrkohle. Frankreich hat reichlichen Ueberfluß an Kohlen und ist nach seiner heutigen wirtschaftlichen Beschaffenheit nicht in der Lage, die Mengen im Inlande abzusetzen. Gegen einen Absatz im Auslande wird sich aber stets England sträuben, das in dieser Hinsicht Frankreich kaum ein Zugeständnis machen wird,. P.

Chamberlain und Herriot über die

Pariser Besprechungen.

Das Pariser BlattOeuvre" ist in der Lage, die Aeuße­rungen der Minister authentisch zu berichten. Demnach hat Chamberlain wörtlich gesagt:Wir haben auf das Grab des Protokolls einige Tränen fallen lassen, doch bin ich gewiß, daß wir in den diplomatischen Verhandlungen, die mit derselben Herzlichkeit geführt werden, von denen meine persönlichen Beziehungen zum französischen Ministerpräsiden­ten erfüllt sind, eine für unsere beiden Länder günstige Lö­sung des Sicherungsproblems finden werden. Wenn Groß- reichs und Belgiensbritannien sich auch besonders für gewisse Grenzen d. h. beispielsweise für die Grenzen Frankreichs und Belgiens interessiert, so will das nicht besagen, daß Großbritannien sich für die Ostgrenzen Deutschlands nicht interessiert. Großbritannien ist bereit, zu untersuchen, ob der Friede« tikttttpas durch neue Abmachungen gesichert werden

Es wird aber keineswegs sich an den bisherigen Ga­rantie» vergreifen, die für die europäische» Rationen aus den bestehenden Verträgen, wie Friedensvertrag und Völker­bundpakt, sich ergeben. Wir werden die Vorzüge des deut- chen Garantievertragsvorschlages sorgfältig prüfen. Sie laben die Antwort des Völterbündrates an Deutschland hin- ichtlich seiner Aufnahme in den Völkerbund gelesen. Meine Ansicht geht in der Tat dahin, daß, bevor ein Vertrag mit Deutschland abgeschlossen wird, dieses unter den üblichen Vorschriften dem Völkerbund beitritt. Es handelt sich um eine prinzipielle Frage, denn es kommt darauf an, die Gleich­heit der Rechte und Pflichten sämtlicher Mitgliederstaaten des Völkerbundes wahrzunehmen."

Herriot, dem die Aeußerung über die wegen des Protokolls vergossenen Tränen überbrach twurde, sagte sehr nervös, von Tränen könne keine Rede sein. Das Protokoll sei bis September vertagt, aber nicht begraben. Im übrigen habe es keinen Sinn, sich hartnäckig auf die Thesen, die im Protokoll drei, fünf oder sieben Mächte umfassen, zu ver­steifen. Man tue besser daran, die Probleme und ihre Lö­sungen analytisch zu untersuchen. Zu welchem Garantiepakte man auch gelangen möge, so werde er doch vom Völkerbünde registriert werden und nur innerhalb des Völkerbundes zur Geltung kommen. Man werde vielleicht eine Art Teil-Pro- tokoll abfassen, das durch allmähliche Erweiterungen dem ur­sprünglichen Protokoll werde angenähert werden können. Zwischen ihm und Chamberlain bestehe über die eingeschlagene Methode keinerlei Meinungsverschiedenheit. Sie fußten beide auf der Achtung vor dem Versailler Vertrage und dem Völ- kerbundpakte. Polen habe keinen Anlaß, unruhig zu fein; es würde nicht im Stiche gelassen werden. Polen sei aber mün­dig und wisse, was es zu tun habe.Wir werden keinerlei Beschlüsse fassen," sagte Herriot,ohne es zu den Be­sprechungen, auf Grund deren eine Entscheidung zustande komme, heranzuziehest."

Ein neuer Garantieplan des tschechischen Außenministers.

Die Unterredung des tschechischen Außenministers Dr. Benesch mit Herriot, die sich an die Besprechung mit Chamberlain anschloß, wird viel beachtet. Nach dem Petit Journal" hat Dr. Benesch seine Ansichten über die deutschen Garantievertragsvorschlüge entwickelt und ist mit einem neuen Plan hervorgetreten, der auf Gruppie­rung der zentral- und osteuropäischen Staaten zu einem besonderen Staatenbund abzielt. Das allgemeine Genfer Protokoll soll zu einem regionalen Protokoll umgeftaltet werden, in das auch Oester­reich einbezogen werden soll Wenn sich die Großmächte dann mit Deutschland verständigen, so werden in Europa zwei durch Garantien für sich abgetrennte Mächtegruppen be- stehen, die beide Mitgliedstaaten des Völkerbundes enthalten. Die Vorschläge des "tfd^djifdien Außenministers haben das Interesse Herriots erregt, daß nach seiner Ansicht ein Aus­weg aus den bisherigen Schwierigkeiten gefunden werden könnte. Benesch beabsichtigt im Laufe des nächsten Monats nach Warschau zu reisen, um den tschechisch-polnischen Schiedsgerich.svertrag, der den Anfang zu dem Garantie- vertrag der beiden Nachbarstaaten Deutschlands bildet, zu unterzeichnen. Die Tschechoslowakei hat weiterhin mit einigen anderen Nachbarländern, insbesondere mit Oester­

reich, Scyceosgrrichts- und Freundschaftsverträge abgeschlos­sen. Dr. Benesch gab im übrigen zu verstehen, daß der deutsche Garantievertragsvorschlag weitgehendste Beachtung verdient und daß die Alliierten eine präzisere Fassung der Vorschläge von der Reichsregierung erbitten sollten.

Die Frage der Militärkonirolle in Deutschland.

Ein Londoner Blatt schreibt über die Desprechun- gen Herriots mit Chamberlain und Benesch, derBericht derMilitärkontrollkommission werde nicht oderjeden- falls nicht jetzt veröffenlicht werden. Chamberlain vertrete die Ansicht, daß eine Veröffentlichung des Berichts nicht zur Schaffung einer besseren internationalen Atmosphäre beitra­gen werde. Im Augenblick scheine auch keine Konferenz der Alliierten unter Teilnahme Deutschlands tu Sicht zu sein. Die deutschen Vorschläge würden weiterhin von der fran­zösischen und von der britischen Regierung geprüft, aber der angelegte Pakt werde nicht abgeschlossen' werden, ehe nicht Deutschland in den Völkerbund eingetreten sei. Was die Entmilitarisierung des Rheinlandes an. gehe, so hätten die Alliierten das Recht, nach dem Versailler Vertrag jede Verletzung der Entmilitarisierungsbestimmungen als_eine feindselige Handlung zu betrachten. Nach Herriots Absicht solle später neben dem von der deutschen Regierung vorgeschlagenen Pakt ein besonderes militärisches Abkom- men abgeschlossen werden.

Der belgische Botschafter in Rom über Deutschlands Eintritt in den Völkerbund.

Der neue belgische Botschafter in Rom, Graf de la F a i l l e, hat sich eingehend über den Völkerbundsbeitritt Deutschlands geäußert. Er'glaubt nicht, daß der Völkerbund sich zu einem unanfechtbaren Völkerschiedsgericht ausbikden könne, schon weil ihm die Ausführungtzmöglichkeiten fehlen, er könne aber weitgehend moralischen und vermittelnden Ein- fluß ausüben. Der Sicherheitsvertrag Belgien FrankreichEngland sei ein Vorschlag und werde es immer ^leiben. Die Möglichkeit des europäischen Friedens liege ausschließlich im Beitritt Deutschlands. Solange Deutschland von der Mit- arbeit mit den Siegerstaaten abgehalten werde, bestehe b« Besorgnis für neue Bündnisse und Gegenbündnisse und daher auch für neue Konflikte. Der Botschafter sagte, er sei ent­schieden durchaus für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund.

Die Reichsregierung und die Völkerbundnote.

In den Kreisen der Reichsregierung erklärt man zu der Note des Völkerbundes, daß die gegenwärtige außenpolitische Lage noch nicht genügend geklärt sei, um deutscherseits schon jetzt zu einer entscheidenden Beschlußfassung über einen Eintritt in den Völkerbund zu gelangen. Immerhin müsse jedoch anerkannt werden, daß die Note einen erheb- lichen Schritt vorwärts bedeute.

Zum ersten Male ist vom Völkerbund selbst eine Auf­forderung zum Eintritt an die deutsche Regierung gerichtet worden. Es ist durchaus möglich, daß avf der jetzt ver­folgten Linie eine Verständigung erzielt werden kann und die deutsche Regierung sich dazu entschließt, die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zu beantragen, tragen.

In den maßgebenden Kreisen des Berliner Auswärttgen Amtes verschweigt man jedoch keineswegs die Tatsache, daß die Note des Völkerbundes noch

wesentliche Lücken

aufweist und nicht in allen ihren Punkten auf die von deut­scher Seite erhobenen Einwendungen eingeht. Man kann daher nur zu der Auffassung gelangen, daß die deutschen Bedenken durch die Antwort des Völkerbundes wesentlich gemildert, keineswegs aber gänzlich beseitigt sind. Man wird daher abwarten müssen, ob es gelingen wird, über die Voraussetzungen eines Eintritts Deutschlands in den Völkerbund im Laufe der nächsten Wochen volle Klar­heit zu schaffen. Die Entscheidung der deutschen Regierung wird dadurch erschwert, daß noch immer in der Frage der

Räumung der nördlichen Rheinlandzone

und der Sicherheiten keine Klärung ein getreten ist. 65 darf nicht außer acht gelassen werden, welch schwere innenpolitische Hindernisse hinsichtlich der Stellung eines deutschen Zu- laffungsantrages an den Völkerbund bestehen, und daß diese Schwierigkeiten so lange in verstärktem Maße vorhanden sein werden, als die außenpolitische G e s a m tl a g e nicht eine wesentlich günstigere Beurteilung dieses Problems bei den deutschen politischen Kreisen zuläßt.

3ur Reichspräsistentenwahl.

Die Vertreterversammlung der Bezirksbauernschaft für Nassau und den Kreis Wetzlar hat tn einer Versammlung zur Reichspräsidentenwohl durch einstimmigen Beschluß eins