Hersfelöer Tageblatt
HersfelZer Kreisblatt"
Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö
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Nr. 69
Montag, den 23. Mär;
1925
Das Wichtigste.
— Dr. Sattes hielt in Breslau für den Reichsblock eine Rede, in der er der Not der Ostgebiete gedachte. Sein Bres- lauer Besuch war ein beispielloser Erfolg.
— Der deutsche Botschafter in London, Dr. Sthanier, hotte eine Unterredung mit Chamber- I a i n über die Sicherheits- und Räumungsfrage.
— Der tschechische Außenminister Dr. Benesch hat wieder neue Vorschläge für den Sicherheitspakt. Er tritt für eine Wirtschaftsentente der Donau staaten ein.
— Die Botschafterkonferenz wird nach Pariser Meldungen am Mittwoch zur Prüfung des Kontrollberichtes und des Fochschen Gutachtens zusammentreten.
Wirtschaftliche Wochenschau.
Ein großer Teil der wirtschaftlichen Entwicklung und Erergnisse wurde in der Berichtswoche durch die an den Eisenbahnerstreik geknüpften Befürchtungen bestimmend beeinflußt. Die Möglichkeit einer weiteren Ausdehnung dieses Streiks und die eventuell aus seiner Beilegung sich ergebende Erhöhung der Eisenbahntarife veranlaßte die Geschäftswelt zu noch größerer Zurückhaltung, als sie ohnehin durch andere ungünstige Ereignisse geboten erschien. Die Entschließung des Deutschen Industrie- und Handelstages und die Ausführungen in den Geschäftsberichten der Disconto-Gesellschaft und der Commerzbank, die alle auf die Untragbarkeit schon der jetzigen Frachten und Steuern verwiesen, fanden daher stärkste Beachtung. Wenn trotzdem die Effektenbörsen kein ganz^ so ungünstiges Bild bieten, wie man befürchtet hatte, so liegen die Ursachen hauptsächlich am Geldmarkt und in veränderter Beurteilung der Aufwertungsprobleme durch die Spekulation. Von der Geldseite her ist eine Erleichterung unverkennbar. Die Einnahmen des Reiches haben im Februar wieder einen Ueberfchuß von rund 110 Millionen Mark evaeben. ~ ~ '
bankabschlüsse
, ,, hrender Provinzbanken verzeichnen durchweg sehr stark steigende Einlageziffern und Besserung der geschäftlichen Lage. Die Umwandlung der Rentenbank in eine Landwirtschaftliche Kreditanstalt und die Ueberführung
ihrer Gelder in den Kreditverkehr haben weitere Fortschritte gemacht. Gleichzeitig haben ungünstige Erfahrungen und Tatsachen bei anders gearteter Anlage viele Gelder wieder dem Geldmarkt zugeführt. Es war dadurch tägliches Gelö bereits zu 7 Prozent angeboten und nach Privatdiskonten bestand starke Nachfrage. Optimisten rechnen sogar mit einer baldigen weiteren Herabsetzung des Reichsbankdiskonts. Konnte die günstige Geldlage auch nicht verhindern, daß auf
Am roi
einzelnen Gebieten, so besonders für Alontänwerte bei der ungünstigen Lage des Kohlenbergbaus, weitere Kurseinbußen eintraten, so gab sie doch den Effektenmarkt eine starke Widerstandsfähigkeit und ermöglichte eine lebhafte Aufwärts- bewegung erst am Anleihe- und später am Pfandbriefmarkt infolge neuer Aufwertungshoffnungen. Auch die Gewährung weiterer Entschädigungsraten an die Ausländsdeutschen und der grundsätzliche Entschluß der Regierung, möglichst bald wieder zur vierteljährlichen Gehaltszahlung an die Reichsbeamten Überzugehen, fanden günstige Aufnahme.
ästigsten waren allerdings für die wirtschaftliche Gesamtentwicklung auch in dieser Woche wohl organisatorische Fragen und von den Weltmärkten ausgehende Einflüsse. Die Syndikatsbildung der Schwerindustrie machte weitere Fortschritte oder erfuhr wenigstens in anderen Gruppen eine Klärung. Die Rohstahlgemeinschaft wurde bis Ende 1926 verlängert, das Röhrenfyndikat mit Wirkung bis 1932 gegründet, die Verhandlungen über die Schaffung eines Walz-, Eisen- und Drahtverbandes und über die Umbildung der ostelbischen Braunkohlensyndikate' machten sehr starke Fortschritte, Verhandlungen über das Ruhrkohlensyndikat haben hingegen zu einem Ergebnis bis jetzt noch nicht geführt, aber immerhin läßt sich erkennen, daß bei dem voraussichtlich wieder durchzuführenden Zwangssyndikat diesmal der jetzt auch vom Reichswirtschaftsministerium geteilte Standpunkt der bisherigen Opposition maßgebend sein wird. Danach werden die ZechenhandelsgeseUschaften aufgelöst und Verbrauchsbeteiligungen nur noch bann gewährt, wenn die betreffenden Hüttenwerke zu wenigstens 80 Prozent tm Beytz der Zeche oder umgekehrt sind. Abgesehen von dreien Ver- Handlungen dauert aber die Krise im deutschen Kartellwesen an. Auch in der Berichtswoche wurden wieder eine Reihe von Rechtsentscheidungen besannt, die den,fristlosen Austritt aus Verbänden bzw. deren Auflösung für zulässig erklärten, da der Nachweis erbracht war, daß die betreffenden Verbande nur noch die Minderheit ihrer Wirtschaftsgruppe darstellten oder keine Autorität mehr bei ihren Mitgliedern besaßen.
Die Umbildung unb der Wiederaufbau wird sich eben in der nächsten Zeit auch auf die vertch,ebenen Gruppen industrieller Fachverbände erstrecken müssen und wird sich wahrscheinlich in gemeinsamer Regelung mit Außenhandels- von Messen statt, über deren Erfolg die Ansichten der Veranstalter und der Aussteller teilweise recht erheblich aus- einandergehen, die aber die allgemeine Ueverzeugung noch bestärkt haben, daß der Ueberzähl von Messen oder Messe ahn
lichen Veranstaltungen in Deutschland bald ein Ende gemach werden muß. ■ Der Ernst der Lage der Wirtschaft wurdi deutlich beleuchtet durch die weiter ungünstige Entwicklum in den Webstoffgewerben. Es ist heute wohl allgemein sr weit, daß man die Tatsache einer Textilkrise nicht mehr leugnet, und daß die vielen Zahlungsschwierigkeiten, Geschäftsausschlüsse und Konkurse, die bisher hauptsächlich auf den Großhandel und die Konfektion sich verteilen, nicht ohn« Rückwirkung auf Spinnereien und Webereien, auf Banken und die Gesamtwirtschaft bleiben können. Diese erfährt eine weitere Belastung durch die Folgen des anscheinend endgültigen Zusammenbruchs der großangelegten amerikanischen Getreidespekulationen. Der Kurssturz, der in Getreide auf den Weltmärkten fast über Nacht eingetreten ist, bedingt auch für den deutschen Getreidehandel große Verluste aus den letzten Umsätzen und dem Termingeschäft, und man elfter für die nächste Zukunft ernste Befürchtungen für Fortbestand manch altangesehener Firma. M.
Dr. LarreS in Breslau.
Oberbürgermeister Dr. 3 a r r e s traf in Breslau ein und wurde am Hauptbahnhof von führenden Persönlichkeiten begrüßt. Die Versammlung im großen Konzerthaussaal gestaltete sich zu einer gewaltigen Kundgebung. Viele Tausende konnten wegen Ucberfüllung des Saales keinen Eintritt finden, und warteten auf der Straße das Ende der Versammlung ab. Von Musik und lebhaftem Händeklatschen empfangen, betrat Dr. Iarres den Saal. Geheimrat Helfritz eröffnete die Versammlung mit herzlichen Willkommensworten im Auftrage des Reichsblocks. Er betonte den überparteilichen und vaterländischen Charakter der Veranstaltung und drückte die Hoffnung aus, daß uns die Zukunft zur Befreiung von den finsteren Mächten führen möge, die sich um den d e u t f ch e n G e i st gelegt haben. Der Redner schildert dann, wie Iarres Duisburg gegen die Franzosen verteidigte und sprach den Wunsch aus, daß diese Stunde eine Stunde nationaler Erinnerung und Erhebung sein möge. Alsdann hie lt vr.Iarres seine mit Begeiste-
^^MMHMMHMMMI der bedrohten und bedrängten Ostmark, wir im besetzten Ge- oiet, um des Vaterlandes willen tragen müssen, soll uns zu einer unlösbaren Schicksalsgemeinschaft zusammenschmieden. So wie dieser Wahlkampf von unserem Reichsblock mit dem Willen geführt wird, den einseitigen Parteigeist zu überwinden, um einer höheren Staatsgesinnung zu dienen, so wollen wir vom Westen und Osten uns die Hand entgegenstrecken mit dem Gelöbnis, über allen inneren Hader hinweg unserem geliebten Preußenstaat und unserem großen deutschen Vaterlande treu zu bleiben. Und im Uunlück nun erst recht!"
Der Rede folgte stürmischer Beifall. Das Deutschlandlied schloß die Kundgebung.
Ein Aufruf christlicher Kreise zur lisichsprAstden^enwM.
Eine tiefernste Entscheidung für das deutsche Volk steht am 29. März bevor. Das deutsche Volk soll in dem neuen Reichspräsidenten für die nächsten sieben Jahre seinen Führer wählen. Wir Männer und Frauen der evangelischen Kirche bitten unsere Freunde im Lande, ihre Stimme dem Oberbürgermeister Dr. Iarres zu geben. Wir wollen mit unserer Bitte in keiner Weise einen politischen Schritt tun, aber wir fühlen uns verpflichtet, für einen Mann einzutreten, der im Dienst seiner Heimat höchste Treue und Opferwilli g k'e i t bewiesen hat und seine ganze Lebenskraft für sein Volk einzusetzen gesonnen ist. In der Notzeit unseres Volkes brauchen wir an der höchsten verantwortlichen Stelle einen Mann lautersten Charakters und mit dem unbeugsamen Willen, unser Volk zu einem Ganzen zusammen- zuschmelzen und in ihm die Kräfte des Evangeliums zur Entfaltung zu bringen. Pfarrer Lic. Dr. Becket, Bühmann, Vorsitzender des Reichsbundes evangelischer Kirchenbeamten, Generalsuperintendent D. Burghart, Oberpostdirektor a. D. Durmeister, Pfarrer Frederking, Oberlehrerin Margarete Fromm, Iustizrat Hallensleben, Generalsuperintendent D. Händler, Antonio §offmann, Lehrerin, Rechtsanwalt und Notar Hugo Sarins, Pfarrer Kuck, Ida Klockow, Charlotten- bürg, Pfarrer Dr. Luther, Pfarrer a. D. D. Philipps, Superintendent Raack, Frau Cäcilie von Räumer, Geheimrat D. Schulz, Bankier und Hauptmann d. R. Securius, Frau Professor Seeger, Präsident D. Steinhaufen, Pfarrer von Schneidemesser, Pfarrer Steiniger, Pfarrer Stressen, Pfarrer D. Dr. Violet, Pfarrer D. Ulrich, Landtagsabgeord- neter Landrat a. D. Winkler.
Chamberlain berücktet hem englischen Kabinett.
Wie über den Bericht Chamberlains im Kabinett über feine Genfer und Pariser Verhandlungen berichtet wird, habe Chamberlain im Gegensatz zu den darüber verbreiteten Gerüchten betont, daß auch seine beiden Besprechungen mit Herriot burdjaus freundschaftlich gehalten gewesen seien. Er habe den Eindruck gewonnen, daß Herri ot nicht so eng mit dem Genfer Protokoll verknüpft sei, wie man angenommen habe. ?u beiden Minister sollen übereingekommen sein, daß nach der Erledigung des Protokolls ein brauchbarerer und annehm- barerer Plan geschaffen werden müsse, der so weit wie möglich
unter dem Schutz des Völkerbundes stehen müsse. Vorschläge seien jedoch nicht gemacht worden, sondern man habe nur einige - Möglichkeiten vorgesehen.
Der deutsche Botschaster in London bei Chamberlain.
Die Pariser Morgenblätter melden aus London, Cham- berlain hätte nach seiner Besprechung mit dem französischen Botschafter eine lange Unterredung mit dem deutschen Gesandten Dr. Sthamer gehabt. Im Verlauf der Unterhaltung soll Chamberlain dem deutschen Botschafter erklärt haben, es wäre bedauerlich, daß die Reichsregierung die Sicherungsvorschläge, die von der britischen Regierung zurzeit im Geiste des größten Entgegenkommens geprüft würden, wieder zurückzuziehen scheine. (?) Dr. Sthamer hätte daraufhin die deutschen Vorschläge näher auseinandergesetzt und betont, daß Deutschland an und für sich dem Grundsatz der Schiedsgerichtsbarkeit beitrete, die rein juristischen Fragen aber von dem Ständigen Hanger Gerichtshof gelöst sehen möchte, während die vorwiegend politischen Probleme dem Völkerbund zur Behandlung unterbreitet werden sollten.
Eine englische Anregung in der
GrenzberichiigungSfrage.
Der Londoner Vertreter des „Echo de Paris" erfährt, das britische Kabinett hätte beschlossen, Polen zu veranlassen, mit Deutschland ein Abkommen über die Berichtigung der Ostgrenze Herbeizuführen.
Die Bedeutung des deutschen Sicherheitsangebots nach englischer Darstellung.
Zu der Frage der Entmttrtarisierung des Rheinlandes bemerkt der „Times"-Korrefpondeut, die deutsche Absicht geht dahin, daß ein Antrag zur Aufnahme^n den Völkerbund^mcht
eine Antwort auf ihre Vorschläge empfangen' habe. Der Punkt, der nach englischer Meinung am schwersten mit dem deutschen Angebot in Einklang gebracht werden könne, sei Artikel 44 des Versailler Vertrages, nach dem jede Ein- Mischung Deutschlands in die Fragen der Entmilitarisierung des Rheinlandes schon als feindseliger Akt angesehen werden müßte. Man sei in wachsendem Maße der Meinung, daß diese Klausel die Quintessenz jenes Sicherhei^spaktes darstelle, den Frankreich seit dem Jahre 1919 erstrebe. Auf französischer Seite hoffe man, daß die britische Regierung den Ausdruck „feindseliger Akt" dem Ausdruck „casus belli" gleichsetzen werde. Unter der großen Anzahl der noch zu erörternden Fragen befindet sich z.B. Artikel 80 des Friedensvertrages, nach dem Deutschland die Unabhängigkeit Oesterreichs au- zuerkennen hatte, ferner die Frage der permanenten Kontrolle des Rheinlandes, die die Franzosen aus Artikel 42 und 43 des Vertrages basiertem Die Ansicht der deutschen Regierung sei die, daß, wenn ihr Angebot eines Garantiepaktes angenommen würde, sie auf die Freiheit der gegenwärtig von den Alliierten besetzten Gebiete Anspruch habe als einer Garantie für die Ausführung des Versailler Vertrages, und daß sie außerdem berechtigt sei, zum Artikel 16 des Protokolls Vorbehalte zu machem Diese Vorbehalte seien von dem deutschen Außenminister Dr. Stresemann Vertretern der ausländischen Diplomatie gegenüber auf Vorschlag des Generals von Seeckt wie folgt äuseinandergesetzt worden: Sowjet- rutzland könnte Polen zu irgendeinem Moment angreifen und überrennem Der Völkerbund würde daher verlangen, alliierte Truppen durch Deutschland zur Rettung Polens zu schickem Das entwaffnete Deutschland wurde infolgedessen das Land sein, in dem die Feindseligkeiten stattfinden würdem
Der Danziger Senatspräsident gegen die Gcheimdiplomatie in E»enr.
In bet Danziger Volkstagssitzung führte Senats- Präsident Dr. Sahm über b i e Genfer Verhandlungen aus: Die letzten Verhandlungen des Völkerbundrats haben im Gegensatz zu früheren Verhandlungen — ich stehe mit meiner Ansicht nicht allein, sondern das ist in Genf svwvhl in der Presse wie in privaten Besprechungen zum Ausdruck gekvmnien — nicht nur in der Danziger Frage, sondern auch in anderen Fragen unter b c m Zeichen der Geheimdiplomalie gestanden. Dies ist nicht als ein Fortschritt für die Arliciten des Völkerbundes zu betrachten, der bisher verkündete, daß er sich bei seinen Beratungen von demokratischen Grundsätzen leiten lasse. Die geheim geführten Verhandlungen haben besonders der Danziger Sache geschadet, und zwar deshalb, weil sich der Danziger Vertreter einer oorljer in geheimer Sitzung fest gefaßten Meinung gegen überbefand, weil auf seine Bedenken und Einwände kein Wort der Antwort fiel und diese infolgedessen in der Beschlußfassung nicht berücksichtigt wurdem Der Völkerbundrat bat diesmal im Gegensatz zu der Dezember- tagung fast alle vorbanbenen Streitpunkte beseitigt; der Post- konfliN dagegen wird den Rat noch in seiner nächsten Sitzung beschäftigen. Der Senatspräsident ging dann nochmals ausführlich auf die einzelnen Danziger Fragen ein, von denen hauptsächlich diejenige betreffend die AirerLnnung Danzigs