Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 70
Dienstag. den 24. März
1925
Das Wichtigste.
— Nach den Pressemeldungen aus London Paris und Praj scheinen die alliierten gewillt zu sein aus her Basis Des Lutschen Memorandums einen S I ch e r h e t t s p a k t ju- stände z u bringen.
- Wie verlaurel. trägt sich der französische Marschall Foch mit Sem Gedanken zurückzu- treten, weil chm zugemutet wird, das Gutachten über den Kontrollbericht nochmals zu prüfen.
— Die Deutschenverfolgungen in der Tschechei haben durch Mißhandlung deutscher Studenten in Prag eine neue Bestätigung gefunden.
— Wie aus München gemeldet wird soll der deutschvölkische Dlock General Ludendorff aus gefordert haben von seiner Kandidatur um die Reichspräsident- schafl zurückzu rieten.
Sorgen der Kohlenindustrie.
Der Kohlenbergbau des gesamten Reichsgebietes macht zurzeit eine schwere Krise durch, deren Ursachen letzten Endes in der Tarifpolitik der Eisenbahn zu suchen ist. Es wäre verkehrt, wenn man von dieser Krisis selbst auf die einzelnen Werke absolut schließen wollte. Der Kohlenbergbau ist in seinem Fundament gesund, aber in seinem jetzigen Aufbau krank. Es ist ein Verhängnis, daß im Augenblick einer langsamen Gesundung der deutschen Wirtschaft der Kohlenbergbau verhältnismäßig wenig mit dazu beitragen kann. Bei keinem Industriezweige ist bis heute die Lage so katastrophal, wie im Kohlenbergbau, besonders an der Ruhr. Der Absatz stockt völlig.. Die Haldenbestände nehmen von Tag zu Tag zu und sind teilweise sogar schon in Brand geraten. Welches ist nun die Veranlassung hierfür? Zunächst ist die Industrie noch nicht in dem Maße befestigt, daß sie dieselbe Kohlenmenge abrufen könnte, wie früher. Sodann sind d e
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förderung fast erreicht haben und den Export nach belgischen und französischen Industriezentren erfolgreich aufnehmen konnten. Besonders llihldar ist dies auch für den deutschen Kohlenexport nach Holland; während früher ausschließlich der holländische Markt mit deutscher Kohle versorgt wurde, dominiert jetzt größtenteils französisch-belgische und englische Kohle. Mitten in solcher Krise wurde nun außerdem noch das Problem einer Lohnerhöhung akut. Es war klar, daß im Augenblick der Zechenverband dieser Frage nicht nähertreten konnte, da keine eventuelle Entlastung gegeben war und eine Kohlenpreiserhöhung vom Reichswirtschaftsministerium abgelehnt wurde. Leider kommt die Regierung zu keiner Einsicht in der Tarifpolitik. Die Reichsbahn sträubt sich mit aller Macht gege eine Herabsetzung der Kohlentarife, die mit einem Schlag: eine fühlbare Entlastung bringen würde. Nach ihrer Ansichs kann sie auf einen solchen „Ausfall" nicht verzichten. Sie bedenkt aber andererseits nicht, daß eine Herabsetzung der Kohlentarife eine Belebung der gesamten Industrie nach sich ziehen würde und dieser „Ausfall" durch vermehrten Umsatz bald ausgeglichen würde.
Die Tarifpolitik wirkt sich noch krasser in der Braun- k o h l e n i n d u st r i e aus, da hier nicht nach dem Prinzip der Weitigkeit, sondern nach der Menge gerechnet wird. Der Transport einer Tonne Braunkohle kostet fast genau so viel wie der einer Tonne Steinkohle. Da nun der Heizwert von Braunkohle durchschnittlich nur ein Viertel des Heizwertes der Steinkohle beträgt, ist bald die Grenze der Rentabilität erreicht. Im allgemeinen kann man sagen, daß bei 70 Kilometern bereits der Preis der beförderten Braunkohlenmenge erreicht ist. Wie wir hören, schweben aber jetzt Verhandlungen mit der Reichsbahn, und es scheint, doch die Regierung diese anormalen Zustände abstellen wird, nachdem sie jahrelang der Wirtschaft seltneren Schaden gebracht haben.
Eine weitere Sorge für die Kohlenindustrie ist die soziale Frage. Es klingt im Augenblick paradox, daß soziale Fragen im Bergbau Sorgen auslösen könnten. Und trotzdem ist es so! Auch in der Sozialpolitik gibt es Grenzen. Bor noch nicht langer Zeit ist durch Dekret des Reichswirtschaftsministers Brauns im Ruhrrevier das Dreischichtenfystem ab 1. April eingeführt. Auf die gefährlichen Folgen eines solchen Experiments haben wir mehrfach hingewiesen. Jetzt wird auch die A r b e i t s z e i t f r a.g e im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau akut. Es muß gesagt werden, daß die Stundenleistung eines Braunkohlenhauers heute wieder dieselbe ist wie vor dem Kriege, nachdem in der ersten Nachkriegszeit und später'in der Inflation für gelernte und ungelernte Arbeiter fast dieselbe Heuer bezahlt werden mußte. Die Bergleute erhalten durchweg Friedenslöhne, teilweise lo» gar mehr. Dagegen haben sich die Unkosten des. Kohlcnbcrg- 1 baues 'gewaltig gesteigert. Im mitteldeutschen Kohlenrevier 1 sind die Betriebe größtenteils Tagebaue. Die Abraumverhalt- j niffe haben sich durch die Verschiebung der Gebirgsformationen j erheblich verschlechtert. Der Lohnanteil auf die Lonne ht heute etwa 38 Prozent höher als vor dem Kriege. Große Einbußen haben die Zechen sowohl an der Ruhr wie die Brauntohlenzechen in Mitteldeutschland durch die methodi- , sch'en Preisherabsetzungen des Reichswirtschaftsministers ge« ■ habt. Die Industrie vermutete bei Bekanntgabe einer Herabsetzung bald wieder eine solche und hielt mit dem Abrus zurück.
Auf diese Weise mußten bedeutende Zechen Arbeiterentlassun- gen vornehmen. Wohin man blickt, überall wird der Kohlen- bergbau künstlich gedrosselt. Anstatt ihm die notwendigen Konzessionen in wirtschaftlicher Hinsicht zu machen, in dem Gedanken, daß der Bergbau der Grundpfeiler unserer deut- schen Wirtschaft ist, wird er sozialpolitischen und wirtschaftlichen Experimenten ausgesetzt, die ihn nur belasten und damit der Volkswirtschaft schädlich sind. Würde tatsächlich die Arbeitszeit im Braunkohlenbergbau auf acht Stunden verringert, so würde sofort im Steinkohlenbergbau die Arbeitszeit auf sieben Stunden ermäßigt. Daß sich automatisch die Selbstkosten erhöhen würden, steht außer Zweifel, und die Rentabiltätsgrenze müßte in noch bedrohlichere Nähe rücken. Als weitere Belastungsprobe ist die Versicherung zu nennen. Die Summen, die von der gesamten deutschen Volkswirtschaft hier aufzubrmgen, gehen in die Milliarden. Kein Staat auf der Welt hat ein derart ausgebautes Versicherungs- system im Bergbau, wie Deutschland. Es ist heute soweit gekommen, daß im Kohlenrevier 30 000 Leute eine Rente beziehen und trotzdem noch andere Arbeit verrichten. Diese Rente, in die man beim Braunkohlenbergbau schon nach löjähriger Mitgliedschaft beim Knappschaftsverein frühestens mit 50 Jahren kommen kann, macht 40 Prozent des Heuer- lohnes aus. Ein Fünftel vom Bruttogewinn im Bergbau geht auf die sozialen Lasten. Der Knappschaftsverein muß heute 170 Millionen für diese Sozialrenten allein Mittel- deutschlands aufbringen.
Man ist vielfach der Meinung, daß es dem Braunkohlenbergbau deshalb nicht schlecht gehen könne, da er leidliche Dividenden ausschütte. Leider haben hier die vielen Auslandskredite verschleiernd gewirkt. Es ist fraglich, ob der sächsische Staat, der mit den amerikanischen Geldern, die ausschließlich zum Ausbau von Kohlenbergwerken verwandt werden, so schnell Gewinne erzielen wird, um erstens die Zinsen zu zahlen, zweitens zu amortisieren und drittens eine Dividende zu zahlen. Die Anlage einer Brikettfabrik kostet etwa 500 000 Mark. Rechnet man 10 Prozent Verzinsung, ebensoviel Abschreibung. so würden diese 20 Prozent 100 000 Mark aus- machen. Da man. kür—m— nehmen kann, so müßten erst einmal 4 Mark Unkosten auf die Tonne zu setzen sein. Nun kommen die anderen Faktoren zur Preisberechnung. Der Bergbau arbeitet unter viel zu ungesunden Verhältnissen, die in der Tarifpolitik der Eisenbahn ihren schweren Anker haben. P.
Gicherheitspatt und "Raumungdfrage.
Wie der Londoner „Daily Telegraph" berichtet, legen alle englischen Minister den deutschen Vorschlägen nach wie vor die größte Bedeutung bei. Nach der Darstellung Des Blattes bestätigt sich die Mitteilung, daß Chamberlain am Donnerstag dem deutschen Botschafter mitgeteilt habe, d i e deutschen Vorschläge hätten e r n st e st e Auf - m e r k s a m k e i t und Erwägung gefunden, obwohl keine rasche Entwicklung der Dinge zu erwarten wäre. Augenblicklich sei kein Anlaß vorhanden, dem Deutschen Reich Intransigenz zum Vorwurf zu machen. Berlin habe auge- deutet, daß die Räumung der letzten Vertragszone im ganzen Rheinland als Vorbedingung für einen ©arantkpciü im Westen verlangt werden würde. Die Räumung Kölns und des Ruhrgebietes sei erörtert worden, nach der englischen Auffassung aber als durchaus unabhängig von der Frage der Sicherheit anzusehen. Schließlich werde angenommen, daß es die Absicht Deutschlands wäre, den Widerspruch gegen die Annahme der vollen Verpflichtungen durch Artikel 16 des Völkerbundpaktes fallen zu lassen. Außerdem habe auch Herriot Entgegenkommen gezeigt, da er sich den englischen Standpunkt zu eigen gemacht habe, daß Deutschlands Zulassung zum Völkerbund und der Abschluß eines Sonder- paktes gleichzeitig verhandelt werden sollten. Trotzdem seien die Meinungsverschiedenheiten in wesentlichen Einzelheiten erheblich. Großbritannien könne nicht die französische These annehmen, die die Frage der künftigen Kontrolle der deutschen Entwaffnung durch den Völkerbund mit der Entmilitarisierung des Rheinlandes in Verbindung bringen wolle. Es sei der'Vorschlag gemacht worden, daß die zweckmäßigste Stelle zur Entscheidung streitiger Fragen entweder der Schiedsgerichtshof im Haag oder der Völkerbundrat sein müßte. Aber dieses Verfahren würde letzten Endes wie das im Protokoll vorgeschlagene Verfahren jede der beteiligten Parteien ihrer Souveränität in der Frage von Krieg und Frieden berauben. Außerdem würde dadurch die Entscheidung über die entmilitarisierten Rheinlande dem Völkerbund übertragen werden. Das aber wurde bedeuten, daß wegen des französischen Bündnisses mit Polen und der Tschechoslowakei die gegenseitige Abhängigkeit eines Konfliktes im Osten und Westen noch weiter kompliziert würde. Eine Autorität habe folgenden Fall konstruiert: Zwischen Deutschland und Polen brechen Feindseligkeiten wegen einer Frage aus, über die sich der Völkerbundsrat selbst nicht in Uebereinstimmung befindet. Frankreich wünscht, gemäß seinen Verpflichtungen, Polen gegen einen deutschen Angriff zu schützen. Was soll unter solchen Umständen der Völkerbund in bezug auf die entmilitarisierte Zone tun? Der französische Fachmann schlägt vor, daß der Bölkerbundrat mit einem Mehrheitsbeschluß, sofern ein saldier erzielbar fein sollte, das Tor de^-R.hkInlandes öffnen ■olle. während England neutral bleiben würde. Wenn dafür Einstimmigkeit verlangt würde, daß das Tor nicht geöffnet werde, dann ist nach Auffassung des französischen Fachmanns
die Lage für Frankreich unerträglich, aber andererseits würde die umgekehrte Lage für England unerträglich sein.
Ein englischer Entwurf zur Gicherheitsfrage?
Ein Pariser Blatt glaubt mitteilen zu können, daß der französische Botschafter in London, de Fleuriau, der französischen Regierung den Entwurf eines Sicherheitspaktes der englischen Regierung überbracht habe, dem die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zugrunde liege. Danach sei das englische Kabinett nicht abgeneigt, an Stelle eines Fünf- mächtepattes auch einen Siebenmächtspatt unter nachträglicher Hinzuziehung von Polen und der Tsck)echoslowakei und sogar einen Neunmächtepatt abzuschließen, wenn Jugoslawien und Rumänien beitreten würden. Voraussetzung für die Ab- schließung des Paktes fei nach wie vor die vorbehaltlose Aufnahme Deutschlands in den Völker- b u n d. Die Franzosen hätten Diesem Verfahren grundsätzlich zugestimmt.
Als Ergebnis der Aussprache des Londoner französischen Botschafters mit Herriot stellen die anderen Pariser Blätter fest, daß Großbritannien Verhandlungen auf der Grundlage Des deutschen Angebots für äußerst wünschenswert erachtet, daß aber zurzeit erst noch über die Methoden dieser Verhand. lungen beraten wird. Die Lage wird heute nicht unzuver- sichtlich beurteilt, nachdem aus Grund der Unterredung Lord Erewes mit Herriot der Eindruck entstanden ist, daß die Reichsregierung den vorbehaltlosen Eintritt Deutschlands in den Völkerbund nunmehr endgültig beschlossen habe. (?) In diesem Zusammenhang geben sämtliche Pariser Blätter der Vermutung Ausdruck, daß Deutschland als Mitalied Des Völkerbundrates eine führende und selbstbewußte Rolle spielen und in der Frage Der Revidierung der Oftgrenzen recht behalten werde, obwohl Anträge im Sinne des § 1£ des Völkerbund-paktes nur einstimmig zur Annahme gelangen könnten.
Das deutsche Memorandum in der Sicherheits« «^^^■teteiMtaÄi^^^ - - - ^ ”
Ein tschechisches Blatt veröffentlicht ein Interview mit Außenminister B e n e s ch , der erklärte, daß das Deutsche Garantiepaktangebot von den Grundsätzen des Genfer Protokolls ausgehe. Auch ein Westpakt müsse vor den Völkerbund kommen, denn ohne den Völkerbund komme man nicht mehr aus Man möge die angebotenen Regionalpakte sogleich schließen und werde dann sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Dar deutsche Memorandum sei zwar unbestimmt, aber es sei besser als man behanpte. Das darin enthaltene Schiedsgerichts angebot an die Tschechoslowakei, Polen nnd Belgien stelle eir positives Ergebnis dar. Die Polen hätten überflüssige Angs an den Tag gelegt. Die übrigen, besonders die Franzosen lehnten nicht von vornherein ab. Aus praktischen Gründer sei es nötig, zu verhandeln. In dem zu schließenden Garantie Pakt müsse jedoch mehr enthalten sein als in dem belgischer Neuttalitätsvertrag von 1914. Die bloße Unterschrift Deutsch, lands genüge nicht, der Pakt müßte materielle Garantier Englands und ausreichende Sicherung der Rheinlinie ent halten. Die De^ensivverträge Frankreichs mit der Tschechow slowakei und mit Polen müßten in Betracht gezogen werden und die Deutschen müßten in den Völker- bund eintreten. Dann werde die Tschechoslowakei mit Deutschland einen Schiedsgerichtsvertrag unterzeichnen Frankreich müßte zu den Ostgrenzen gelangen können Der Versailler Vertrag dürfe durch nichts erschüttert werden Wenn der deutsche Borschlag aufrichtig gemeint sei, wäre es ein Fehler, ihn nicht anzunehmen. Dabei sei es klar, das Deutschland gern aus der Annahme Nutzen ziehen möchte. Es brauche aber 20 Jahre Ruhe, und in der Zwischenzeit werd« sich zeigen, wer seine Sache besser verstehe. An den Mchrichten über irgendeinen Ostpakt oder über eine Erweiterung bei Kleinen Entente sei kein wahres Wort.
Besuch Herr ots in London.
Eine Londoner Nachricht besagt, daß der französische Ministerpräsident Herriot beabsichttgt, den englischen Ministerpräsidenten in London zu besuchen, um die gegenwärtigen Differenzen zwischen Frankreich und England, insbesondere auch in der Räumung der Kölner Zone, zu beseitigen.
Rücktrittsabsichten Jochs 7
Ein Londoner Blatt berichtet aus Paris: Marschall Foch sei über den Auftrag, nochmal Stellung zum Bericht der- Entwaffnungskommission zu nehmen, sehr ungehalten, weil Der Auftrag ganz bestimmte Richtlinien für die Stellungnahme enthalte. Nach der Auffassung des Blattes ist mit dem Rücktritt Marschall Fochs zu rechnen.
Dr. Zarres in Hannover.
Sonntag abend traf Oberbürgermeister Or Zarres von Hamburg kommend, in Hannover ein, um auf Einladung des Reichsblockes vor einem geladenen Kreise in Hannover zu prechen. Führer und Vertreter aus allen Volkskreisen waren :m Hotel Kasten versammelt, um den Kandidaten des Reichs- slockes zu hören. Dr. Iarres entwickelte wieder sein Pro-