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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 71

Mittwoch, den 25. Mär;

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Das Wichtigste.

Zwischen England und Fran kre i ck ftniken zurzeit ernste Besprechungen über Die Sicherheits - und Räumungsfrage statt, dir n o d) diese Woche zu einem Ergebnis führen sollen.

~ ^^ Reichsbahn hat zur Deckung ihrer großen Unkosten eine Reihe von Vergünstigungen auf. gehoben.

Dr. I a r r e s , der Kandidat des Reichsblocks, stellte sich seinen Anhängern in München vor, während der Demo- trat Dr. Hellpach in Dresden sein Programm ent­wickelte.

® e n e r a I Foch wird nun doch den Bericht der Militärkontrollkommission einer noch« maligen Pr üfung unterziehen.

Hellpach.

Die Wahl eines neuen Reichspräsidenten steht vor der Tür. Wem von den sieben Kandidaten das hohe Amt zu­gesprochen werden wird, ist noch ungewiß. Das ganze deutsche Volk sieht dieses Mal mit ganz besonderer Span­nung dem Ergebnis der Wahl entgegen, ist es doch das erste Mal, daß seit Bestehen der jungen deutschen Republik das höchste Amt des Reiches ohne das Zwangsläufige einer ge­walttätigen Revolution vom gesamten Volke einem Manne nach freier Wahl zuerkannt werden soll.

Die Demokratische Partei hat den badischen Staatspräsi­denten Dr. Willy Hellpach, Karlsruhe, auf den Schild gehoben. Es ist immerhin interessant, den Werdegang dieses Mannes, den die Demokraten als ihren Vorkämpfer berufen haben, von der rein menschlichen Seite kennenzulernen. In Oels, dem jetzigen Domizil des deutschen Kronprinzen,

durchschlagen müssen. Da sein Vater einfacher Beamter war, ist sein Monatswechsel nicht gar so erheblich gewesen. Jene berühmten ärztlichen Streitschriften aus den neunziger Jahren, die sich an den Tod Kaiser Friedrichs knüpften, diese Zusammenfassung von ärztlichen, allgemein menschlichen und politischen Beziehungen wirkten auf den jungen Studenten so stark, daß er sich entschloß, Medizin zu studieren. Die Nervenheilkunde wurde sein Sonderfach, Als Student ver­kehrte er u, a. mit dem inzwischen verstorbenen Philosophen Paul Richter, Enkel Meyerbeers und Darsteller der kritischen Philosophie, mit dem Soziologen Ludwig Woltmann, der später in das völkische Saget hinübergewandert ist, und ferner mit dem Psychologen Max Brahm und dem Rechts- Philosophen Liebmann. Früh begann seine journalistische Tätigkeit. Seinen ersten Artikel veröffentlichten dieGrenz- boten" unter dem Pseudonym Ernst Güstrow; ständiger Mit­arbeiter war er für dieSozialistischen Monatshefte". An­fänglich in Karlsruhe als Nervenarzt praktizierend, wandt« sich Hellpach immer mehr der psychologischen Wissenschaft zu Er habilitierte sich an der Technischen Hochschule von Karls­ruhe und stellte in einem WerkeGeoplychologie" die Er­gebnisse seiner Forschungen auf dem Grenzgebiet von Natur Wissenschaft und Pichycholoate zusammen. Im Jahre 1911 wurde ihm der Lehrstuhl in Karlsruhe übertragen. Nack dem Kriege, während dessen er leitende Stellungen ii Nervenlazaretten bekleidete, war er ein Jahr lang Stadtver ordneter der badischen £>auptftabt. 3m November 19l. wurde er von der Demokratischen Partei in Baden zum ba bischen Unterrichtsminister ernannt, und im Jahre 1924, ab der Staatspräsident Hummel in- die Badliche Arnlinfabri eintrat, zum badischen Staatspräsidenten erwählt. Dann trat zum ersten Male ein Demokrat an die Spitze Badens

Ein neuer deutscher Gickerheitsvorschlag.

In Berliner diplomatischen Kreisen verlautet, daß die Reichsregierung wahrscheinlich in Verfolg der bisherigen diplomatischen Unterhandlungen über die Sicherheitsfrage eine neue Aktion unternehmen wird. Die Anregungen, die von Seiten der Reichsregierung an die alliierten Regierungen gerichtet worden sind, waren selbstverständlich provisorischer Natur und können bestenfalls für weitere Verhanolunaen als flüchtige Unterlagen dienen. Das bisherige Ergebnis der namentlich zwischen England und Frankreich geführten Sonderbesprechungen besteht aber darin, daß Deutschland jetzt aufgefordert werden soll, einen offiziellen Sicherhei svorschlag zu machen.

Der deutsche Standpunkt ist inzwischen in seinem wich­tigsten Rahmen festgelegt worden. Es kann sich also kaum um eine Aenderung der prinzipiellen Auffassungen handeln, sondern lediglich um die Ergänzung der bisher formulierten praktischen Grundlinien zur Durchführung eines Sicherheits- paktes.

Wie wir erfahren, ist es den Bemühungen der alliierten Diplomatie, Deutschland für das Projekt eines Siebenmächte- Abkommens mit Einbeziehung Polens und der Tschechoslowa­kei zu gewinnen, vollkommen miß 'lückt. Die Reichsregierung kann auf Grund sorgfältiger Erwägungen einer Ausdehnung des Sicherheitspaktes auf diese beiden Oststaaten n cht ihre Zustimmung geben, sondern sie beschränkt sich nach wie vor auf das Zugeständnis eines Fünfmächte-Abkommens, dar­über hinaus ist Deutschland auch jetzt noch bereit, mit den Oststaaten einen gesonderten Pakt einzugehen, einen Pakt, der auf der Grundlage völlia freier Verein­barungen zwischen Deutschland und diesen Mächten beruhen müßte. Nur auf diesem Wege würde es überhaupt möglich sein, zu einer Lösung des Sicherheitsproblems zu kommen, denn das dauernde Hineinspielen politischer Sonderinteressen ergibt die ständige Gefahr, daß die Verhandlungen an irgend­welchen Widerständen scheitern.

Es steht noch nicht fest, wann die Reichsregierung sich dazu entschließen wird, ein formationen sicher, daß die deutsche Außenpolitik gegenüber den Versuchen, Deutschland nach jeder Richtung hin festzu- legen, ohne auf die elementarsten Lebensinteressen des deut­schen Volkes einzugehen, energisch standhalten wird.

Englisch-französische Verhandlungen über die Sicherheit^- und MuwunaStrogr.

Zu der Pariser Reise des französischen Botschafters in London, Fleuriau, schreibt der Pariser Berichterstatter des Manchester Guardian", es sei zu vermuten, daß Fleuriau m Einvernehmen mit der britischen Regierung versuchen werde, die französische Regierung dazu zu überreden, sie möchte das deutsche Paktangebot 'etwas ernster nehmen, und gleich­zeitig anzudeuten, daß die britische Reierung die Abhaltung einer Konferenz über diese Frage begünstigen werde. In London glaube man, daß das deutsche Angebot eine Lösung des Sicherheit-problems verspreche. Wenn Herriot in der Lage sei, durch Fleuriau eine befriedigende Mitteilung über die Haltung Frankreichs nach London gelangen zu lassen, so könne erwartet werden, daß ein Meinungsaustausch zwischen Berlin, Brüffel, Paris und London wegen der Einberufung einer Konferenz beginne. Man glaube auch, daß Fleuriau eine Anregung in der Frage der deutsch-polnischen Grenze zu machen habe: doch sei über den Inhalt dieser Anregung noch nichts bekannt.

In französischen Kreisen wird jed^ Auskunft über die Schritte be Fleuriaus ängstlich vermieden. Es handelt sich dabei, wie man am Quai d'Orsay unzweideutig erklärt, um eine Abmachung mit der britischen Regierung, nichts über den Stand der schwebenden Besprechungen in die Oeffentlichkeit zu bringen. Daher wird auch Chamberlain in der morgigen Unterhausdobatte, wie zuverlässig verlautet, mit tatsächlichen Angaben streng zurückhalten.

Die Verhandlungen haben vorläufig noch keinen posi- tiven Fortschritt gezeitigt. Nur soviel kann gesagt werden, daß die Klärung der Standpunkte Fortschritte macht. Die Entscheidung in der Frage der Räumung Kölns und in der deutschen Abrüstung soll jedoch unmittelbar bevorstehen und wird für Ende dieser Woche erwartet. In diesem Zusammen­hang wird das von französischer Seite ausgestreute Gerücht, daß'Marschall Fach als Vorsitzender des InteraSierteh Mili- tärkomitees zurücktreten werde, von amtlicher Seite entschieden dementiert.

Amerika zum Sicherheitspakt.

Der Sicherheitspakt wird in der amerikanischen Presse eingehend behandelt. Dabei leistet ein Teil der Blatter Frankreich Dienste, indem wieder behauptet wird daß Deutschland angeblich noch nicht abgerüstet habe. Andere Stimmen versuchen aber, Deutschlands Lage zu verstehen. So chreibt dieNew York Sun":Herriot scheint darauf bestehen : wollen daß Polen und die Tschechoslowakei im Pakt mit -Acksichtigt werden. Hier finden wir wieder, daß die alten Fehler von Versailles und der späteren Jahre auf diejenigen arückfallen die sie begingen. Es ist nur zu leicht zu Der . hen, daß Deutschland den Status quo Polens nicht : lentb anerkennen will. Für Frankreich ist Polen seit dem Kriege das Land, das Rußlands frühere Stellung als ®leidige.

wicht gegen Deutschland einnimmt. Frankreich hat Polen in der Gewinnung von Landstrichen unterstützt, die es mit dreißig Millionen Einwohnern zum größten der neuen Länder in Europa machen, gleichzeitig aber zum wunden Punit für die Russen, Litauer, Ukrainen, Deutschen und sogar für viele Tschechoslowaken. Seine Bevölkerung setzt sich aus großen, einander feindlichen Gruppen zusammen, denen es leicht möglich werden konnte, Bewegungen gegen die Regierung einzuleiten. Wäre in der Frage der Grenzen des östlichen Europa mehr Gerechtigkeit und Weisheit geübt worden, so würden Eintracht und Sicherheit jetzt viel leichter herbeizu- führen sein. Lange Verhandlungen werden nötig sein, bevor ein Abkommen zustandekommt. Doch ein Prinzip kann be­reits als feststehend betrachtet werden, und diese Tatsache allein bezeugt einen großen Fortschritt, daß nämlich in jeden Sicherheitspakt Deutschlands mit eingeschlossen werden muß. Europa beginnt zu verstehen, daß in einer allgemeinen Ein­tracht, und nicht in der Formation von großen schwerbewaff­neten Koalitionen die einzige Hoffnung auf Frieden liegt."

Die deutsche Industrie gegen Deutschlands Versklavung.

Die in Leipzig tagende DeutscheIndustriellen- Vereinigung erhob in einer Entschließung schärfsten Einspruch gegen die in dem sogenannten Sicherheitspakt unseren früheren Feinden gewährten Zugeständnisse. Die damit ausgesprochene Preisgabe unserer unverzichtbaren An­sprüche auf geraubten deutschen Boden und. auf Erlösung deutscher Volksgenossen aus fremder Knechtschaft bedeutet sogleich einen freiwilligen Verzicht auf Wiederherstellung des einheitlichen deutschen Wirtschaftsgebietes. Die vergangenen Zeiten fremder Schmach mit ihrer wirtschaftlichen Ver­sumpfung und vor allem die Ansprüche Frankreichs anläßlich der Handelsvertrags Verhandlungen hätten nicht nur die wirtschaftliche Beweiskraft zur Tatsache erhärtet, sondern viel- MMDMMWW wirtschaftlich einzuver» leiben. An alle Organisationen ergeht daher die Aufforde­rung, sich diesem Protest anzuschließen und von der Regierung in parlamentarischer Instanz und dem zukünftigen Reichs­präsidenten zu verlangen, daß sie diesen letzten und schwersten Schlag gegen die deutsche Ehre abwehren und nicht zulassen, daß der deutschen Wirtschaft die Möglichkeit ihrer Wieder­geburt endgültig genommen wird. _____

Die deutsch-französischen

Dirtschaktsverhan^unaen.

Die Verhandlungen der wirtschaftlichen Unterkommissio­nen über die Warenlisten werden fortgesetzt. Auch die mit der Abfassung der juristischen Vertragsklauseln beauftragten Sach­verständigen halten täglich Besprechungen ab. Die Unter­kommission für Saargebietsfragen hat ihre Sitzungen noch nicht wieder ausgenommen, da die französischen Unterhändler die Prüfung des deutschen Verhandlungsprogramms noch nicht beendet haben. Die Franzosen entschuldigen die Ver- zögerungen damit, daß verschiedene Ministerien zur Prüfung der deutschen Vorschläge heran gezogen werden müssen. Der französischen Schwerindustrie ist amtlich mitgeteilt worden, daß die deutschen Schwerindustriellen die Verhandlungen wieder aufzunehmen bereit sind und ihre Beauftragten Ende der Woche in Paris eintreffen.

Dr. Iarres in München.

Am Montag abend sprach Dr. Iarres vor einem kleinen Kreise geladener Gäste in München. Führende Persönlich­keiten aus Politik und Wirtschaft und Angehörige der Presse waren erschienen. Dr. Iarres sprach seine besondere Freude darüber aus, gerade in München sprechen zu können; denn er wisse, daß der Gedanke, den er stets vertreten habe, der Gedanke der nationalen Zusammenfassung, in Bayern und München eine besonders gute Resonanz finde. Er fuhr dann fort:Ich bin aufgestellt worden als Kandidat für den höchsten Posten, den Deutschland zu vergeben hat, ohne mein persön­liches Zutun. Aber, nachdem die Wahl des Ausschusses auf meine -Person gefallen war, war es meine Pflicht, mit allen meinen Kräften den Gedanken unseres Reichsblockes zum Siege zu verhelfen. Ein Gedanke ist besonders bedeutungsvoll und muß stark hervorgehoben werden: Der Mann, der die Reichsprüsidentfehaft führen soll, muß über den Parteien stehen. Unser Programm lautet: Organische Entfaltung und Zusammenarbeit auf nationaler, christlicher mid sozialer Grundlage. Wir wollen national fein, aber nicht natio­nalistisch. Wir fordern eine starke und würdevolle Der- tretung der Interessen des deutschen Volkes. Wir wollen nicht die Parias der Welt sein." Zu den Versassungsfragea übergehend, betonte Iarres, daß die großen Entscheidungen über Republik und Monarchie auf dem Wege frieblidrer Evo- lution und nicht auf dem Wege illegaler Gewalt gelöst werden müßten. Heute handele es sich darum, daß das deutsche Volk lebe und nicht, welches Kleid es trage. Der Staats in Halt gehe über die Staatsform. Zu der Frage des Verhältnisses zwischen Reich und Ländern betonte der Redner, daß die Weimarer Verfassung den unitarischen Charakter weit über, spannt habe, so daß es gelte, zu der gesunden föderalistischen Politik Bismarcks zurückzukeheemder immer den größten Wert darauf legte, das Eigenleben aller Bundesstaaten nicht zu be-