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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 72

Donnerstag, den 26. März

1925

Das Wichtigst«.

In einem Aufruf namhafter Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens wird scharf gegen die Korruption, die sich im Barmat-Kutisker- Skandal wiederspiegelt, Stellung genommen.

Der frühere Reichskan zier Dr. Marx hat in K ö ln nun auch seine e r st e W a h l r e d e gehalten.

Aus Bochum werden unerhörte Grausam­keiten der französischen Besatzung ge­meldet.

Der Abfall Bulgariens.

Die bulgarische Katastrophe Mitte September 1918 ist eins der traurigsten Kapitel in der Kriegsgeschichte. General N a i d e n o w veröffentlichte vor kurzem in der Sofier Zei­tungSlobüdn«-Netsch" einen Artikel, in dem die Schuld an dem Zusammenbruch der Balkanfront dem General Luden- dorff zugeschoben wird. Es ist dies eine vollständige Ver­drehung der Tatsachen, eine geradezu unerhörte Infamie sei­tens des bulgarischen Generals. Wie war damals die Lage? Die Front zog sich etwa von der Mündung des Bajusafluffes im mittleren Albanien hart an der serbisch-griechischen Grenze bis zur bulgarischen Ecke hin und bog dann etwas weiter westlich nach Süden über Seres zum Meer. Am 15. Sep­tember griffen Serben und Franzosen vom Presba-See her östlich des Värdar in einer Frontbreite von 35 Kilometer an. Am Ohrida-See und am Barbar hielten die Truppen, größten­teils deutsche Formationen, bis auf örtlich unbedeutende Grabenstellungen stand, dagegen glückte der Angriff in der Mitte, trotzdem hier das denkbar ungünstigste Angriffs­gelände war. Die feindlichen Truppen stießen weit nach Norden vor, Ende September fiel Uesküb, bald darauf Nisch, und Ende Oktober war der Donauübergang für die Entente nach Ungar,, frei., Bulgarien hatte ,Abständig versagt. Nach Seiden FMeln zu war die KroM >-u ^.«^»1!^

Bulgarien hat ohne Frage nicht Das im Kriege geleistet, was die Oberste Heeresleitung von ihm verlangt hatte. Es ist die Tragik, daß Deutschlands Bundesgenossen in schwie­rigen Lagen stets versagten. Wo wäre Oesterreich geblieben, wenn ihm nicht deutsche Truppen in den Karpathen zu Hilfe gekommen wären. Naidenow sagt, das deutsche Oberkom­mando habe die Warnungen der dortigen Heeresgruppe in den Wind geschlagen. Auch dieses ist unwahr. Der Obersten Heeresleitung war bekannt, daß die Alliierten angreifen würden, natürlich nicht der Tag. Die Bulgaren hätten ihre Front halten können, denn sie waren seit langem ausgeruht, und ihre Verbünde aufgefüllt. Daß hier und da die Front eingebeult würde, war anzunehmen, aber mit der vollstän­digen Durchbrechung hatte die O. H. & natürlich nicht ge­rechnet. Die Litaneien, die General Naidenow anführt, daß sich Bulgarien verlassen fühlte usw. sind zu albern, als daß sie auch nur erörtert zu werden brauchten. Wo deutsche Truppen eingesetzt waren, hielt die Front, nur die bulga­rischen Divisionen zogen ab. Die 2. und die 3. bulgarische Di­vision räumten vollständig kampflos die Gebirgshänge und gaben damit den Weg in Las Dardartal frei. Dazu kam noch der alte Gegensatz zwischen Bulgarien und Serbien. Mit aller Macht drückten die Serben nach, so daß es unmöglich für die deutschen Formationen war, die Front wieder zu schließen. Der serbische Soldat, das muß man anerkennen, hat sich seinerzeit tadellos geschlagen, er kämpfte ja auch für seine Heimat. Auch die türkischen Truppen sind als Sol­datenmaterial gut gewesen, leider fehlte ihnen oft die Füh­rung. Dagegen machten die bulgarischen Truppen durchweg einen schlechten Eindruck. Sie waren liederlich an sich bis zum Ekel, auch das Offizierkorps war sehr mittelmäßig.

Als wichtiges Moment kommt noch die feindliche Propa­ganda hinzu. Es war ein schwerer Fehler, daß die amerika­nische Gesandtschaft in Sofia blieb. Ententegeld floß reichlich. Und der Orientale ist für Geld sehr empfänglich. Auch von Saloniki ging die Spionage weiter in das östliche Bulgarien. Das heimatliche Hinterland hatte nur geschäftliche Interessen mit der Front. Dies wußte die Entente geschickt auszunützen. Die Konzentration in wirtschaftlicher sowohl wie in militä­rischer Hinsicht fehlte bei unseren Verbündeten, namentlich in Bulgarien, vollständig. Sie verließen sich in jeder Beziehung auf Deutschland. Ob es sich um Lebcnsmittel handelte oder um Bekleidung oder Bewaffnung. Die Behauptung des bul­garischen Generals, daß die Oberste Heeresleitung vertraglich zur Hilfe durch Entsendung deutscher Korps an die bedrohte Front verpflichtet war, ist vollständig haltlos. Wir sollten sechs Divisionen an die bedrohte Front senden. Erstens war dieser Vertrag schon durch die Belastung der Obersten Heeres­leitung 1916 hinfällig, und zweitens war zu der Zeit gar nicht die Möglichkeit vorhanden, mit solchen Kräften schnell zur Stelle zu'sein. Die Hauptkraft der Feinde lag nach wie vor im Westen, und nach den schweren Kampftagen in der ersten Septemberhälfte war dort jeder Soldat nötig. Von Rechts wegen hatte Bulgarien seine Armee in den Zeiten der Ruhe so reorganisieren müssen, daß es noch einige Divi­sionen nach dem Westen hätte abgeben können Nichts, von dem geschah. Der bulgarische Generalstab stellte sich aus den Standpunkt, daß die deutschen Truppen auch weiter entschei. dend eingreifen würden, wenn Not am Mann fei. Sie heben zwar eingegriffen, so weit es danach im September möglich

war, konnten aber das Verhängnis nicht mehr aufhalten, nachdem an entscheidender Stelle eine breite Front bei den Bulgaren durchbrochen war und die bulgarische Armee flucht­artig das Feld räumte. Die gehässigen Bemerkungen über O b e r st Nikolai, der als Ehef des Nachrichtenwesens Ludendorff nicht genügend über die feindlichen militärischen Maßnahmen habe orientieren können, sind viel zu niedrig, als daß sie an diesen verdienstvollen Offizier überhaupt her- anreichen. Die bulgarische Front und damit der Feldzug auf dem Balkan ist durch die Schlappheit der Bulgaren ver­lorengegangen. P.

Die Aufgaben des neuen Rei^spräsidenlen.

In weitesten Volkskreisen herrscht noch immer Zweifel darüber, welche Bedeutung der bevorstehenden Präsidenten­wahl in Wirklichkeit zukommt. Vielfach herrscht die Meinung vor, daß durch den Wahlausgang etwa eine große staatliche Umwälzung eintreten könnte, indem durch den neuen Reichs­präsidenten die ganze Politik und das ganze staatliche Leben in gänzlich andere Bahnen gedrängt werden könnte. Dieser Standpunkt ist ebenso irrig wie die Meinung, daß der Reicks- präsident in Deutschland nichts zu sagen habe, und es sei ganz gleich, wer diesen Posten versieht.

Die Reichsverfassung

hat der Stellung des Reichspräsidenten eine Reihe von Auf­gaben zugeschrieben, die ein großes Maß von politischem Ver­antwortungsgefühl und von politischem Weitblick verlangen. Die wichtigste dieser Aufgaben besteht zweifellos in der Er­nennung des Reichskanzlers, die durch den Reichspräsidenten zu erfolgen hat. Da d'e verantwortliche Leitung der ganzen Politik in den Händen des Reichskanzlers liegt, kann unter Umständen von feiten des Reichspräsidenten ein schwerer Mißgriff getan werden, wenn er sich willenlos den Vorschlägen der Parteien beugt und die von ihnen be­nannte Persönlichkeiten möglicherweise sogar mit Vollmachten ausstattet, um dadurch den dunkelsten Plänen Tür und Tor

er muß politische Erfahrungen und den erforderlichen Weit­blick haben, um bei Regierungskrisen, die immer eine gefähr­liche Entwicklung für den Staat bedeuten können, das Richtige zu tun.

Die

repräsentativen Aufgaben des Reichspräsidenten sind die üblichen eines Staatsoberhauptes und fallen daher für die politischen Gesichtspunkte vollständig außer Betracht. Niemand wird ein politisches Interesse daran haben, daß der Reichspräsident mehr repräsentativ als praktisch wirkt und nur seine Person als Etikette für den Staat hergibt. Das wäre eine Zumutung, die man schwerlich an einen Mann stellen kann, dessen ganze Persönlichkeit die Gewähr für das Ansehen und die Würde des Reichspräsidentenamtes bieten soll.

Der Reichspräsident hat es in der Hand, in schweren und ernsten Zeiten eine ausgleichende volkversöh- nende Tätigkeit zu entfalten, und es ist feine drin­gende Aufgabe, durch Wahrung feiner überparteilichen Würde sich das Vertrauen aller Volkskreise, nicht etwa nur der­jenigen Kreise zu erwerben, die ihn als Kandidaten ausgestellt haben. Ein Reichstagsabgeordneter kann wohl seinen Wäh­lern versprechen, daß er besonders ihre Interessen wahren wird, aber ein Reichspräsident darf sich nicht zum Verfechter einseitiger politischer oder wirtschaftlicher Interessen machen wollen.

Alle diese Gesichtspunkte fallen bei der Neuwahl des Reichspräsidenten stark ins Gewicht, und mehr als die bloßen Programmerklärungen der Präsidentschaftskandidaten komm! es darauf an, die'in Betracht kommenden Persönlichkeiten auf ihre Loyalität, ihr politisches Können und ihr bestes Wollen hin zu prüfen.

Ausruf gegen die Korruption.

Eine große Reihe der namhaftesten Politiker und Persönlich­keiten des öffentlichen Lebens erlassen anläßlich des Barmal- Kut-isker-Skandals nachfolgenden Aufruf:

Die Bestechungsskandale, die in Berlin in den letzten Monaten zutage getreten sind, zwingen zu schärf st e r A b - wehr gegen alle Mängel der öffentlichen Wirt­schaft. Die Verschleuderung einkommender Steuer- und Post- gelder und anderer Reichsvermögenswerte an begünstigte, noch dazu zahlungsunfähige Freunde von Reichs- und Staatsreprä­sentanten vernichtet den Staatsgedanken im Herzen des deutschen Staatsbürgers unb führt zur Auflösung aller rechtlichen Ordnung. Drum, Deutscher, rette dir Reich und Staat! Laß jenes, die Kraft deines Volkes schwächende und zersetzende System des Mißbrauch« öffentlicher Gewalt nicht heimisch werden in deinen Staats­betrieben, sondern hilf tatkräftig mit, es restlos auszumerzen. Niemand ziehe sich ängstlich zurück mit dem bequemen Gedanken: Es ist nun einmal so, ich kann es doch nicht ändern!" Noch find Ehre, Pflicht und Gewissen kein leerer Schall geworden; noch rauschen aus der Tiefe der deutschen Seele die heiligen Qu-Ucn unseres Volkstums; noch sind wir, wenn sich alle deutschen Staats­bürger in der Forderung starker, objektiver und erfolgreich Lurch- grerfLnder Staatselstrichlungen einmütig zusammenfinden und ihren Willen auf tatsächliche Reinigung des öffentlichen Lebens

bekunden, kräftig genug, uns von der schleichenden Seuche zu befreien!

Ehre und schöpferische Kraft des deutschen Volkes sind bedroht!

Deutscher Schaffer und Arbeiter, deutscher Dauer und Bürger, laß dich aufrütteln aus deiner Gleichgültigkeit, die den Schma­rotzern ihr habgieriges Gewerbe erleichtert, ja erst ermöglicht. Wie wir unserer Väter, so sollen unsere Nachfahren des heutigen Geschlechts in Ehren gedenken als solcher Männer, die sich aus dem Wust und Sumpf des Zusammenbruchs wieder zur Sachlich­keit, Treue und Pflichterfüllung emporgerungen haben. Gemein­nutz gehe vor Eigennutz! Gefordert wird drum überall der Charakter des Rechtsstaates mit sauberem Panier und sachlicher Arbeit in allen Regierungsstellen. Regierung, Parlamente und das deutsche Volk rufen wir auf, jeder zu seinem Teil folgende Forderungen zu erfüllen:

1. Strengste Durchführung aller anhängigen und kommenden Barmat-, Kutisker-, Ttlarz- usw. Strafver- fahren und Ueberwindung aller Abschwächungs- und Ablenkungsversuche.

2. Schärfere Erfassung der Verfehlungen von Ver­tretern öffentlicher Interessen und Einrichtungen durch neue Normen in Gesetz, Geschäftsordnung und Ehren- satzung; jede Betätigung dieser Persönlichkeiten, die Reich, Länder oder öffentlich-rechtliche Körperschaften zugunsten persönlicher oder parteilicher Vorteile benach­teiligt, muß für die Zukunft verhindert werden.

3. Besetzung sämtlicher entscheidenden Stellen in den Zentral-, Mittel- und Ortsbehörden von aus- geprägten Persönlichkeiten besonderer Eignung abge­sehen mit Beamten, die bei Dienstantritt sachkundig vorbereitet find und sich im Charakter bewährt haben. Entfernung sämtlicher diesen Anordnungen nicht ent­sprechenden Beamten zur Verhütung weiterer Staats- Schädigung und zur Ermöglichung sachlicher Staats- arbeit.

4. Wahl eines Reichspräsidenten, denen Persönlich­keit die Durchführung dieses Reinigungsprogramms ge­währleistet.

Ohne Reinigung ist kein Aufbau eines brauchbaren Staatsapparates denkbar!

Grausamkeiten im besetzten Gebiet.

Am 21. März wurde in Bochum ein 18jähriger junger

Mann, namens Rolland, verhaftet, weil er das A^eichen des Iungdeutschen Ordens trug. Rolland stammt aus dem un­besetzten Gebiet, war seit der Besetzung noch nicht im besetzten Gebiet gewesen und wußte daher nicht, daß das Tragen der­artiger Abzeichen von den Franzosen verboten ist. Er wurde in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert Dort haben ihn französische Kriminulpolizisten unter Führung eines Elsäffers, namens Müller, in der unmenschlichsten Weise mißhandelt. U. a. wurde ihm ein Gummischlauch, in dem eine Stahlstange eingelassen war, wiederholt derart über die Augen geschlagen, daß er nicht mehr sehen konnte. Als er danach zusammen- brach, wurde er an den Ohren wieder emporgezogen, daß die Ohrmuscheln beinahe abriffen. Nach diesen Mißhandlungen wurden seine Hände mit den Füßen auf dem Rücken zu­sammengekettet; in dieser Stellung hat man chn die ganze Nacht hindurch sich selbst überlassen. Durch die Fesselung ist die Haut an den Handgelenken fast völlig abgerissen. Rolland hat infolge dieser unmenschlichen Behandlung einen völligen Zusammenbruch der Nerven erlitten. Dieser Fall ist nicht der erste in Bochum. Schon vor längerer Zeit wurden Polizei­beamte in ähnlicher W se mißhandelt. Vor kurzem waren weitere Fälle von Mißhandlungen deutscher Zivilpersonen zu beobachten. Auf Grund dieser Vorkommnisse war der fran- Mische Chef de Surete bereits einmal beurlaubt worden, in­zwischen hat man ihn jedoch wieder in seinen Dienst ein- gesetzt. Seit dieser Zeit haben die Mißhandlungen wieder be­gonnen.

Ein handrlspoitischer Ausschuß im Au-wärtigen Amt.

Die Notwendigkeit, mit mehreren Staaten gleichzeitig Handelsvertransverhandlungen führen zu muffen, hat es zweckmäßig erscheinen lassen, eine besondere interministerielle Stelle für die Bearbeitung der Raubetsnerträge zu schaffen. Durch Beschluß der Reichsregierung ist daher aus den Staats­sekretären des Auswärtigen Amtes, des Reichsfinanzministe- riums, des Reichswirtschaftsmimperiums unb des Reichs- minifteriums für Ernährung unb Landwirtschaft einständi­ger handelspolitischer Ausschuß beim Auswärtigen Amt" gs- bildet worden.

Dr. lRr$ Wahl ede in Köln.

Reichskanzler a. D. M arx hielt in Köln eine Pra- grammrebc für seine Reichspräsideutschaftskandidatur. Unter anderem führte er aus: Wir stehen erst am -Anfang des Weges zum wahren Volksstaat. Es ,ft unsere Pflicht der Demokratie, alle Kräfte der Ration i- die i unbillig unb den Wiederaufbau unseres Vaterlandes zu setzen. Die Erfüllung dieser Pflicht er-