Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt"
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels
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Nr. 81
Montag, den 6. April
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Das Wichiigste.
— Die WeimarerKoalitionsparteien hab« sich nunmehr endgültigaufdieKandidaturvr. Ma r • 8nlgt. Die formelle Proklamierung Marx' wird dem nächst stattfinden.
Mi^s?raun hat feine Wahl zum preußischer Ministerpräsidenten angenommen.
°"kreich s an Deutschland in bei toller Igelte frage wird durch die Unsicherheit be« Kabinetts Herrrot verzögert.
— Zwis chen Deutschland und England iß der Vertrag, nach dem die 26prozentige Aus- fuhr ab gäbe durch eine Pauschalsumme ersetzt wird unterzeichnet worden.
— Ein schweres Grubenunglück hat sich aus $ ? Matthias Stinnes in Essen ereignet. Die Zahl der Toten ist noch nicht bekannt.
Wirtschaftliche Wochenschau.
Wieder hat eine Woche der wirtschaftlichen Ereignisse 1 und vielumstrittene Punkte gebracht. Aber es gilt igfachen Erscheinungen, die an der itik und im Bankwesen besonderen
viele
btesmal, über den mannigfachen Erscheinungen, die an der jn der Sozialpolitik und im Bankwesen besonderen Eindruck machten, und selbst über der Aufwertungsfrage die ^si^tte Unruhe, die das deutsche Volk und die deutsche ^ rbWt zu tragen beginnt, nicht die wesentlichen weltwirtschaftlichen Ereignisse zu übersehen. Die Handelsvertragsverhandlungen sind anscheinend in ein völlig neues Stadium getreten, nachdem der handelspolitische Ausschuß der Staatssekretäre seine Tätigkeit begonnen hat und nachdem der handelspolitische Ausschuß des Reichstages eingehende Fachstudien beendet hat. Der deutsch-spanische Vertrag ist im Reichstagsausschuß abgelehnt worden, die Verhandlungen mit Frankreich und mit Polen sind in ein kritisches Stadium getreten, und das Ausland beginnt aufzuhorchen. Es weht
inds einen
dahin entschieden zu haben, daß Verträge ohne Meistbegünstigung nicht mehr abgeschloffen werden und daß die wirtschaftliche und die handelspolitische Lage Deutschlai vertragslosen Zustand und selbst einen Zollkrieg in den meisten Fällen leichter ertragen könne, als die einseitig von uns zu gewährende Meistbegünstigung. Das stimmt damit zusammen, daß auch in der Berichtswoche wieder mancherlei darüber bekannt wurde, wie man sich jetzt bemüht, die Einfuhr von Luxusartikeln und ausländischen Fertigfabrikaten
entbehrlicher Art zu hemmen und zu drosseln. Statt dessen sucht man auf jede Art und Weise die einheimische Wirt
:gung einer weiteren ib der bevorstehenden
schaft zu stärken und konkurrenzfähig zu machen. Die Tagung des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit erhält unter diesen Umständen durch die Tatsache, daß dort beschlossen wurde, die Propaganda für Normung, Wirtschaftlichkeit und Vereinfachung in die weitesten Konsumentenkreise zu tragen, daß weiter immer wieder betont wurde, daß die amerikanische Art für deutsche Verhältnisse nicht tauge, und daß schließlich mit der Wissenschaft und der In- durstrie dort die Vertreter des Handels, des Verkehrs und des Handwerks sich vereinigten, ganz besondere Bedeutung. Auch die in der Woche bekanntgegebenen Bestimmungen über die Wiederaufnahme des Terminhandels in Metallen am 20. April, die uns in mancher Richtung vom Auslandkapital unabhängig machen soll, die Ankündigung einer weiteren Herabsetzung des Reichsbankdiskonts und der bevorstehenden Einführung auch des Effektenterminhandels und schließlich die Mitteilung, daß die Banken durch Interventionskäufe weitere Kursermüßigung wichtiger Effekten verhindern und damit deren Aufkauf durch das Ausland erschweren wollen, sind als Zeichen eines betonten Abwehrwillens der deutschen Wirtschaft zu buchen. Daß unter diesen Umständen das Ausland mit wachsendem Intereffe die deutsche Wirtschaft und die deutsche Wirtschaftspolitik zu verfolgen und zu erörtern beginnt, kann nicht wundernehmen. So sehr es uns freuen kann, wenn in den Vereinigten Staaten das Urteil wieder günstiger lautet und dementsprechend Aufträge und Kredite wieder reichlicher für uns fließen, wenn in England führende Politiker und Zeitungen aller Richtungen in der breiten OeffentliMeit immer häufiger erörtern, ob es nicht praktischer fei, Deutschland zmm befreundeten Wettbewerber als zum Gegner zugunsten Frankreichs zu haben, so läßt nch verstehen, daß die . Stimmung in Frankreich immer nervöser wird. Der Handelsvertrag mit Deutschland geht nicht voran, der mit Belgien stieß auf Schwierigkeiten, an der Saar kommt man aus den
stieß auf Schwierigkeiten, an der Saar kommt man aus Den wirtschaftlichen Nöten nicht heraus, und schon nach wenigen Wochen hat sich in den letzten Tagen die Tatsache einer neuen, kaum mehr verschleierten Inflation so deutlich und verhängnisvoll herausgestellt, daß bereits eine Kabinettskris« eingetreten ist. Es ist allerdings für ine nächste 8eit ntelleidji kein Glück für uns, wenn Frankreich unter einer Inflattor leidet, denn wir wissen aus unserer eigenen Leidens zeit wu gefährlich für den Nachbar mit der Edelvaluta die Scheinkonjunktur im Lande ver Inflation teinkann. Aber wn
wissen auch, wohin diese Scheinkonjunktur führt. ü>s gut aue< i daranzusetzen, uns vor der Ueberschwemmun g mit billigei jInflattonsware ^u sichern und inzwischen unsere Wirtschaf
zu festigen. Daß auf letzterem Gebiet für die letzten Wochen viel zu tun bleibt, wenn auch die erwähnten Beweise des Lebenswillens da sind, darf nicht übersehen werden. Die Zweimonatsbilanzen der Kreditbanken, die erstmalig wieder bekannt wurden, zeigen einen enttäuschend geringen Zugang an Einlagen, und das Börsengeschäft ist immer noch ebenso- öde; die Konfektton und der Webwarenhandel verzeichnen noch täglich neue Konkurse und Schwierigkeiten, und die Lohnbewegung will nicht abflauen, haben doch sogar einige Parteien im Reichstag Anträge auf recht erhebliche Erhöhungen der Beamtengehälter gestellt, die natürlich wieder nicht ohne Wirkung auf Post- und Bahntarife bleiben würden. Die
der Beamten gehälte Wirkung auf Post-
Wirtschaft leidet eben noch sehr unter der Zins- und Steuer- belastung und unter jener Unsicherheit und Ungewißheit, die seit der Stabilisierung noch immer nicht ganz weichen wollte. Besonders stark ist in dieser Richtung natürlich die BÄastung durch den Aufwertungsentwurf. Die Benachteiligung der Auslanddeutschen und sonstiger Besitzer sogenannter K.-Schätze, die unübersichtliche Komplizertheit der Vorschriften über rückwirkende oder Zusatzaufwertung und die vielen nicht eindeutigen,, zum Vertrauen auf den Willen des Gesetzgebers auffordernden Stellen sind Gegenstand besonders herber Kritik. Schon heute steht fest, daß noch manche harten Kämpfe zu erwarten sind, und daß der Entwurf noch viele grundlegende Aenderungen erfahren wird, ehe einmal eine end- gültige Regelung eintritt. Daß diese Kämpfe erneute Beunruhigung und erneute Unklarheit in die Wirtschaft und ihre Dispositinen bringen und daß sie auch eine Beschränkung der Kreditfähigkeit für alle die bedeuten, denen vielleicht aus erhöhter Aufwertungspflicht noch Lasten erwachsen, ist eine schwere, leider nicht mehr abwendbare Belastung, die erst in den nächsten Wochen recht zur Geltung kommen wird. M.
Karr Präsidentschaftskandidat der
Weimarer KvaliKons-arieien.
Sozialdemokratischen Partei und der Deutschen Demokratischen
Partei fanden Freitag abend im Reichstag in Anwesenheit des Reichskanzlers a. D. Marx erneute Verhandlungen statt.
Nach einem gründlichen Gedankenaustausch und einer umfassenden Programmdarlegung des Herrn Marx beschlossen sie einstimmig (die Demokraten unter Vorbehalt der Zustimmung ihres Parteiausschuffes, der am Sonntag zusammentritt), den Reichskanzler a.D. Wilhelm Marx zur Wahl als Reichspräsident vorzuschlagen.
In parlamentarischen Kreisen wird die Einigung der Parteien der Weimarer Koalition auf Dr. Marx als Kandidaten für den zweiten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl lebhaft besprochen. Es verlautet, daß zu den Voraussetzungen, die in dem sozialdemokratischen Beschluß erwähnt werden, auch die Aufftellung von Dr. Marx nicht nur durch das Zentrum, sondern auch durch die Sozialdemokraten und die Demo- kraten, also durch die Weimarer Koalition, gehörte. Diese Voraussetzung ist durch die Art der Aufftellung erfüllt worden.
Die englische Preffe über die Kandidatur Marx.
Die Berliner Korrespondenten der meisten englischen Blätter vertreten in ihren Berichten über die Ernennung Dr. Marx' zum Präsidentschaftskandidaten die Meinung, daß damit der Sieg des republikanischen Kandidaten gesichert und der Rechtsblock in große Verlegenheit gekommen sei. Einige Blätter halten den Sieg Dr. Marx' für sicher. In einem gewissen Gegensatz zu dieser Meinung steht die Auffassung des sozialistischen „Daily Herald", der es keineswegs für sicher hält, daß die sozialistische Parteileitung ihre Anhänger veranlassen könnte, einstimmig Dr. Marx zu wählen. Dr Marx sei ein Republikaner, aber kein Sozialist. Er wäre kein Freund sozialistischer Prinzipien und man könne ihn nicht zu einem Sozialistenfteund umstempeln. Ueberbies wäre er ein Katholik, dem seine Weltanschauung durch seine Kirche oorgeschrieben sei. Unter diesen Umständen würden viele Sozialdemokraten, wenn sie sich nicht der Stimme enthielten, für den kommu- nisttschen Kandidaten stimmen.
Braun nimmt die Wahl zum preußischen
Ministerpräsidenten an.
Braun hat in einem Schreiben an den Landtagspräfiden- en mitgeteilt, daß er die Wahl zum Preußischen Ministerpräsidenten annimmt.
Die Pariser Blätter sind der Ansicht, daß die Ernennung Brauns zum preußischen Ministerpräsidenten die Auflösung des Landtages zur Folge haben werde. Die Deutschnationalen, die in ihren Hoffnungen enttäusch! worden feien, sagt „Journal" warten nunmehr eine günstige Gelegenheit ab, um im Reich wieder in die Opposition zu treten. Es ist daher auch mit dem Rücktritt Luthers und wohl tin Anschluß daran mit einer Reichstagsauflösung zu rechnen. Was die Präsidentenwahl anbelange, so werde ein heftiger Kampf zwischen dem Zentrum und den Deutsch- nationalen entbrennen. Die protestantische Kirche werde
nicht verfehlen, der Nation die Nachteile der Wahl eines Katholiken vor Augen zu führen. Alles lasse befürchten, daß wieder ein Kulturkampf einsetze.
Frankreichs Note in der Sicherheitsfrage.
Der diplomatische Korrespondent des Londoner „Daily
Telegraph" meldet, daß Herriot die Absicht habe, die fran- zösische Antwortnote in der Sicherheitsfrage in ihrer end- gültigen Fassung den Regierungen in London, Rom, Brüssel, Prag und Warschau vorzulegen, ehe sie nach Berlin gesandt wird. Die ursprünglich vorgesehenen Fragen in der Note haben infolge des Meinungsaustausches zwischen den Alliierten verschiedene Aenderungen erfahren.
Infolge der innerpolitischen Schwierigkeiten konnte Herriot die französische Antwortnote auf das deutsche Memorandum vom 24. Februar nicht fertigstellen. Die Absendung der Note steht aber unmittelbar bevor.
Das englisch-deutsche Abkommen über die 26prozentrge Abgabe.
Zwischen der beutfdjen und der königlich großbritannischen Regierung ist ein Abkommen über die Ablösung der englischen Recovery-Abgabe abgeschlossen worden. Das Ab- kommen wurde auf deutscher Seite von dem Staatssekretär des Auswärttgen Anrts, Dr. C. von Schubert, und auf engli- ■ scher Seite von dem königlich großbritannischen Botschafter in Berlin, Lord d'Abernon, unterzeichnet.
Durch dieses Abkommen wird das jetzige Verfahren, wonach die deutschen Waren bei ihrer Einfuhr nach England einer besonderen Wgabe in Höhe von gegenwärtig 26 Prozent unterworfen werden, durch ein System von monatlichen Pauschalzahlungen abgelöst, die aus dem Durchschnitt der Monatsstatistik errechnet werden, und deren Sterlingbetrag durch freiwillige Ablieferung aus den beutfd)en Exporten aufgebracht wird. Der Gegenwert der abgelieferten Devisen
Mrationskonmnssion haben dem Abkommen bereits zuge- stimmt. ’1
Kerne Schwierigkeiten in den deutsch-englischen Han-e sbeziehungen.
In London waren Gerüchte im Umlauf, daß wegen des deutsch-englischen Handelsvertrages, der noch nicht ratifiziert ist, neue Schwierigkeiten aufgetreten seien. Diese Nachrichten sind stark übertrieben. Tatsache ist, daß der Vertrag den Dominien mitgeteilt worden ist. Die Dominien haben zu entscheiden, ob sie den Vertrag annehmen ober ablehnen wollen. Der Gedanke, daß England einen Druck auf die Dominien in dieser Hinsicht ausüben könne, wird als lächerlich bezeichnet. Irland und Neuseeland werden voraussichtlich den Handelsvertrag nicht annehmen. Die Haltung der übrigen Dominien ist noch ungewiß. Es besteht aber Grund zu der Annahme, daß zwischen Canada und Deutschland selbständige Wirtschaftsverhandlungen ringeleitet werden.
Das deutsch-belgische Handelsabkommen unterzeichnet.
Das Handelsabkommen mit Belgien ist unterzeichnet. Das Abkommen ist basiert auf dem Grundsatz der gegenseiti- gen Meistbegünstigung. Dieser Grundsatz gilt für den Auf- enthalt und die Niederlassung, den Betrieb von Handel und Gewerbe, den Erwerb von beweglichen und unbeweglichen Vermögen, für die Besteuerung und die inneren Abgaben, für die Einfuhr, Ausfuhr und Durchfuhr, für Handlungs- reisende unb Warenmuster, für die Tätigkeit von Handelsgesellschaften, für den Verkehr auf den Eisenbahnen und den See- und Sinnensdjiffahttsüerteht. Hinsichtlich der Zollsätze haben sich die beiden Vertragsparteien für eine Uebergangs- zeit gewisse ülusnahmen von der Meistbegünstigung vorbehalten in der Weise, daß eine Reihe von Waren während einer Dauer von sechs Monaten, andere Waren während einer Dauer von zwölf Monaten bei der Einfuhr in das andere Land die Meistbegünsttgung noch nicht voll genießen. Nach Ablauf der genannten Fristen tritt auch für diese Waren automatisch die Meistbegünsttgung ein. Das Abkommen enthält auch Vereinbarungen über die Zulassung von Konsuln. Die Meistbegünstigungsbestimmungen über die Besteuerung, die inneren Abgaben, die Ein-, Aus- und Durchfuhr, die Höhe der Zollsätze, die Handlungsreisenden und Warenmuster. die rechtliche Anerkennung von Handelsgesellschaften, den Verkehr auf den Eisenbahnen, den See- und Binnen- lchiffahrts-Verehr gelten auch im Verhältnis zwischen Deutschland und der Kongo-Kolonie und den belgischen Mandatsgebieten.
Das Abkommen tritt erst nach Ratifizierung in Kraft. Belgien hat sich die Notifizierung Vorbehalten, bis die deutsche Zolltarifnovelle in Kraft getreten ist. Bis dahin haben die beiden Vertragsteile sich zugestchert, den gegenseitigen Handelsverkehr im Rahmen der bis dahin geltenden Beftimumn- gen möglichst zu erleichtern.