Hersklöer Tageblatt
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Nr. 82 Dienstag, Oen J. April 1925
Das Wichtigste.
~ 3 m Neichsblock finden Besprechung er über die Kandidatur zum zweiten Wahlganc statt, die am Mittwoch zur Entscheidung gebracht werden.
— Das französische Kabinett gilt trotz des Wechsels im Finanzministerium als stark erschüttert. Vor allem wird der Sieg Millerands bei denSe - nats wählen als schlechtes Zeichen für Herriot angesehn.
— Ministerpräsident Braun hat die Mit- glieder seines Kabinetts ernannt. Es sind alles Namen, die bereits im alten Preußenkabinett zu finden waren.
— Der Reichswirtschaftsrat hat zu den Aufwertungsgesetzen ein Gutachten abgefaßt, in dem wesentliche Abänderungsvorschläge gemacht werden.
Wanderfahnen im Söhmenvald.
Ein Schauer der Räuberromantik umgibt die böhmischen Debrrge für denjenigen, der sie zum ersten Male durchstreifen will, wenn er sich daran erinnert, daß ja des großen Schillers Iugenddrama in den wilden Felsschluchten der „böhmischen Wälder" spielt.
Wenn man namentlich im Vorfrühling durch das ent- legene rauhe Altvatergebirge wandert oder die unter Eis- brücken und Steingeröll rauschende Iser ein Stück Weges be- gleitet, dann kann man wohl ohne große Phantasie in nmnchem ehrsanien, Holzfäller, der einem auf schmalom Fußpfade begegnet, einen der Gefährten Karl Moors vermuten, bis er mit freundlichem „Hob' die Ähre" an uns vorübergcht. Und dann wieder stundenlanges herrliches Wandern durch die winterliche Einsamkeit. Immer höher streben drüben an den Hängen beschneite schlanke Tanneiipyramiden empor. Düstere Felshöhlen sperren ihre Riesenmäuler auf. Und dort der Steinkoloß mit dem dürren wehenden Gras als Haupthaar, den schneeigen Augentwauen und beim mächtigen Bart aus wie ein uralter Riese, der drohend ins Thal hinunter blickt, wo die Iser ihr ewiges Wanderlied rauscht?
Wir sind ja in Rübezahls Reich und nicht sehr weit von der Grenze. Aber schon am Eingang in das Gebirge, wenn wir noch den Pfiff der deutschen elektrischen Eisenbahn, die von Grüntal nach Hirschberg fährt, hören, gibt uns kein Wegweiser mehr deutsche Auskunft.
Zwar, deutsch ist das Land, deuffcher als ein großer Teil Reichsdeutscher selbst, doch die 3% Millionen deuffcher Brüder, die Träger der Intelligenz des Landes, werden geknechtet von dem mit _ Frankreich verbrüderten Tschechendünkel, dessen Stolz es ist, Vasall der „gründe nation” zu sein.
Gerade die deutschen Grenzbezirke sind es, die in den letzten Jahren immer verzweifelter den Kampf um ihr Deutschtum führen müssen. In Rochlitz an der Iser, einem Ort mit 95 Prozent Deutschen, mußte schon vor einem Jahr jedes Gasthausschild in Hostinec umgewandelt werden. Die deutsche Bezeichnung konnte klein daneben und darunter stehenbleiben. Diese Aenderung würde innerhalb weniger Tage unter Androhung hoher Strafe und zwangsweiser Ausführung, natürlich auf Kosten des deutschen Gastwirts, verlangt. Warum? Man hatte in Prag erfahren, daß eine Skisprungkonkurrenz dort stattfinden sollte, an der außer Reichsdeutschen auch Engländer, Schweben und Schweizer teilnehmen würden. Um diesen Herrschaften zu zeigen, wie tschechisch das Grenzörtchen sei, wurden schleunigst tschechische Aufschriften verlangt. In die Bauden sind längst tschechische Wirte eingezogen, lind der gute Reichsdeutsche trinkt sein „Pilsener", ohne zu bemerken, daß plötzlich sein böhmischer Bruder von ihm fortrückt. Weiß er denn nicht, der Berliner, Breslauer oder Hamburger, daß von jedem Hektoliter echtem Pilsener aus dem „Staatlichen Brauhaus" ein ziemlicher Betrag des Gewinns an den Fonds zur Unterdrückung der deutschen Schulen abgeführt wird? Freilich d i e reichsdeutsche Presse, die für Demokratie und Weltbürgertum schwärmt, hat ja keinen Raum frei für Berichte solcher Art, und so erfährt der Reichsdeutsche, der vielleicht auch in Berlin sein echtes Pilsener vom Ober verlangt, blutwenig von dem Kampf der 3^ Millionen deutscher Brüder jenseits der Grenze.
Deutsche Schulklaffen werden in Orten mit 90 Prozent deutscher Bevölkerung den tschechischen Beamtenkindern zur Verfügung gestellt, während die deutsche Schuljugend in ein paar Räumen eingepfercht sitzt. Mit Rocht schrieb neulich eine Dortige sozialdemokratische Zeitung auf die tschechische stolze Statistik, daß durch den Militürunterricht in den letzten Iah- von etwa 6000 analphabetische Rekruten lesen und schreiben gelernt hätten, es wäre einfacher, erfolgreicher und billiger gewesen, wenn man sie in die einst mit beutfd)cm Gelde errichteten, jetzt verödeten deutschen Schulen geschickt hatte.
Dem deutschen Grundbesitzer wird von Staats wegen eine solche Steuer- und Hypothekenlast aufs Haus gesetzt, daß es dessen Wert meist um das Vielfache über, steigt. Dann aber, wenn er schier verzweifeln will, tritt der tschechische Agent zur Tür herein und bietet, namentlich in rein deutschen Städten wie Reichenberg, einen ansehnlichen Kaufbetrag. Er meist noch besonders darauf hm, daß die hohen Umsatzsteuern usw. nicht zu zahlen seien, wenn das Gebäude an einen Tschechen verkauft würde. So versuchen sie sich in rein deutschein Gebiet seßhaft zu machen.
Muß dem deuffchfühlenden Wanderer aber trotz dieser Bedrückungspolitik nicht das Herz höher schlagen, wenn er dann am Abend im Gasthaus das Ortsblatt zur Hand nimmt unde im Anzeigenteil liest: Ich werde jeden zur Rechenschaft ziehen, der behauptet, ich hätte die Absicht, mein Haus fort- zugshalber an einen Tschechen zu verkaufen. Der neue Eigentümer wird nur ein Deutscher sein NN/
Die Anzeige muß übrigens dem Zensorenblick entgangen sein, denn nur zu häufig weisen die deutschen Blätter in der freien tschechoslowakischen Republik handlange weiße Stellen auf, die die Macht des Zensurgewaltigen verkünden.
Die Böhmen sind ein Theater- und Musikvölkchen. Nicht ■ ohne Grund sagt man dort: „Lege einem Neugeborenen einen Taler und eine Geige hin. Greift er nach Geld, wird's ein Schacherer, nimmt er die Fiedel, dann ist's ein echter Böhm." Die deutschen Gesangvereine blühen selbst in den kleinsten, entlegensten Gebirgsdörsern, und in den Städten spielen die Musik- und Theatervereine eine wichtige Rolle. Führt man doch unter Heranziehung von Bühnensängern für die größeren Partien Werke wie „Carmen" in Orten von etwa 15»—20 000 Einwohnern auf.
Teplitz, der berühmte Badeort, der Kuraufenthalt Goethes und Beethovens, hat für das vor einigen Jahren ab» gebrannte Theater jetzt einen Bau errichtet, der in Berlin, Unter den Linden, an Stelle der alten Staatsoper sich sicher recht imposant ausnehmen würde. Die beiden Teplitzer Theaterräume fassen je 1200 und 800 Personen. Das Theater erfreut sich in diesem ersten Winter, obwohl kein Badepublikum dort weilt, eines sehr starken Besuches, trotzdem Teplitz mit den Vororten Turn und Schönau nur 40 000 Einwohner zählt.
Das große Haus ist farbenfroh, doch vornehm wirkend in Blau, Grau und Gold gehalten. Im Erfrischungsraum ist das weit über lebensgroße Modell eines Richard-Wagner- Denkmals, das Werk eines Leipziger Bildhauers, aufgestellt worden, den Meister in Gvalsrittertracht darstellend. Wenn dann von der Bühne die alten Giebel Nürnbergs in den Zuschauerraum hineingrüßen, dann mahnt Hans Sachs mit des Bayreuther Meisters Worten die stumm,ergriffene MengeIN^
Ehrt eure deutschen Meister, -Dann bannt ihr gute Geister.
L--n.
Hie Reichsblock - hie VolksbloS.
Vom Reichsblock wird mitgeteilt: In verschiedenen Blättern sind Meldungen über die Beratungen des Reichsblocks erschienen, die nicht den Tatsachen entsprechen. Der Reichsblock hat am Sonnabend die politische Lage, die durch den Zusammenschluß der Weimarer Koalition geschaffen ist, eingehend erörtert, und zwar nicht nur mit Bezug auf die Wahl vom 26.4., sondern auch mit Bezug auf die allgemeine politische
Zukunft. Dabei wurde zunächst die Kandi - datensrage nur unverbindlich besprochen.
Auf der Basis einer völligen politischen Uebereinstimmung zwischen dem Reichsblock und Dr. Jarres und zwischen Dr.
Jarres und dem Generalfeldmarschall von Hindenburg wurde die Möglichkeit einer Kandidatur des Generalfeldmarschalls erörtert. Eine Abstimmung hat im Reichsblock nicht statt» gefunden. Die endgültigen Verhandlungen des Reichsblocks werden nach dem Abschluß verschiedener Besprechungen und nach Beratung maßgebender Parteiorgane spätestens am Mittwoch stattfinden.
Der demokratische Parteiausschuß billigt die Kandidatur Marx.
Die Deutsche Demokratische Partei gibt ,folgenden Bericht aus: Der Parteiausschuß der Deutschen Demokratischen Partei trat am Sonntag im Reichstag zusammen, um zur Reichs- präsidentenwahl Stellung zu _ nehmen. Den Vorsitz führte Reichsminister a. D. Koch-Weser, der auch das Refepat über die bisher geführten Verhandlungen hielt. Nach dreistündiger Aussprache wurde folgende Entschließung mit überwältigender Mehrheit angenommen: Der Parteiausschuß spricht dem Kandidaten des ersten Wahl ganges, Herrn Staatspräsidenten Hellpach noch einmal den m ärmsten Dank aus für die Uebernahme der Kandidatur und feine kräftige Führung des Wahlkampfes, Alle Versuche, für ben zweiten Wahlgang eine Gemeinschaftskandidatur aller staatsfreundlichen Parteien zuftandezubringen, sind von der Demokratischen Partei unterstützt worden, scheiterten aber an der Ablehnung durch fast sämtliche Parteien sowohl rechts wie links. Unter diesen Umständen und angesichts der dem Reich von außen und innen drohenden Gefahren war die Weimarer Koalition die einzig mögliche feste Grundlage für die Kandidatur eines Präsidenten, der die Gewähr bietet für eine Sicherung der Reichs- verfaffung, die Forfführung der bisherigen Außenpolitik und ben Wiederaufbau einer leistungsfähigen Wirtschaft Der Parteiausschuß billigt den Beschluß des Vorstandes über eine Kandidatur Marx und erblickt in Marx den Gemrinschaßs- kandidaten des Volksblocks. Er fordert die Orgauifatio . der Partri auf, mit aller Kraft die Wahl des KandidaU» der verfassungstreuen Parteien zu fördern.
Die neue Regierung in Preußen.
Der Ministerpräsident Braun hat den Staatsminister
Dr. A m Zehnhoff zum Staats- und Justizminister, den
Staatsminister S e v e r i n g zum Staatsminister und Minister des Innern, den Staatsminister Hi r t s i e f e r zum Staatsminister und Minister für Volkswohlfahrt, den Staatsminister Prof. Dr. Becker zum Staatsminister und
Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, den Staatsminister Steiger zum Staatsminister und Mi- nister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, den Staatsminister Dr. Höpker-Aschoff zum Staats- und Finanzminister und den Staatsmnister Dr. Schreiber zum Staatsminister und Minister für Handel und Gewerbe ernannt. —--
Frankreichs Kampf gegen die Inflation.
Der ftanzösische Finanzminister be Mo nz ie hat mit den Sachverständigen des Finanzministeriums die Finanzpläne ausgearbeitet, die dem Kabinettsrat unterbreitet werden sollen. Den Blättern zufolge ist be Monzie im letzten Augenblick von der Kapitalsabgabe abgekommen und zieht jetzt folgende_ Maßnahmen zur Entlastung des Schatzamtes in Erwägung: 1.) Sofortige Ausgabe von vier bis fünf Milliarden besonderer Geldscheine. Es handelt sich nicht um eigentliche Banknoten, sondern um sogenannte Schecknoten, die durch kommerzielle Wertpapiere garantiert werden. Sie sind hauptsächlich zur Abwicklung des Geschäftsverkehrs zwischen den Banken bestimmt, können aber auch zwischen Privatpersonen ausgetauscht werden. Die Scheine sollen so schnell wie möglich aus dem Umlauf zurückgezogen werden. 2.) Bes chleunigte Einziehung der Steuern, besonders Erfassung der rückständigen Kriegsgewinne. 3.) Neue Zusatzsteuern aus Tabak, Streichhölzer, Zucker usw.. 4.) Versteigerung gewisser Staats in onopole trotz des Widerspruchs bilden, dem maßgebende Persönlichkeiten der Finanzwelt, des Handels und der Industrie beitreten sollen. Der In- tranfigeant schreibt, es sei zweifellos, daß Herriot auch in der Kammer unterliegen werde, wenn er an der ursprünglichen Kapitalsabgabe festhalten wollte. Durch den nunmehr wahrscheinlichen Verzicht auf diese Abgabe wird sich allerdings die Lage des Kabinetts günstiger gestalten.
Herriot sprach auf einem demokratischen Bankett in Fontainebleau. Er stellte fest, daß die innere Schuld b e s Landes unter der Regierung Poincar^ auf 2.7 8 Milliarden angewachsen sei, und sprach die Meinung aus, daß ein mit einer solchen Schuld belastetes Land in seiner inneren Bewegungsfreiheit ebenso gehemmt sei, wie auf außenpolitischem Gebiet, wenn es nicht gelinge, mit den Gläubigern Frankreichs zu einer Verständigung zu kommen. Herriot verbat sich jede Kritik von Seiten seiner Vorgänger. Er er» klärte, die Gegner forderten seinen Rücktritt mit der Behauptung, daß sie dann die bestehenden Schwierigkeiten lösen würden. Die Regierung halte es für das Richtigste, er» neut vor das Land hinzutreten und sich seinem Urteilsspruch anzuvertrauen. Die Ausführungen Herriots haben infolge'der unzweideutigen Anspielung »auf die Möglichkeit einer Kammerauflösung großes Aufsehen erregt.
In Londoner Eitykreisen wird die Entwicklung ber französischen Kabinettskrise mit großem Interesse verfolgt. Man glaubt nicht, daß die französische Regierung mit der Ernennung eines neuen Finanzministers alle Klip- pen überwunden habe, und rechnet noch immer mit ihrem Rücktritt. Man weist darauf hin, daß Herriot nicht in der Lage gewesen sei, eine Lösung der Probleme zu finden, die er von feinen Vorgängern übernommen hatte. Im Gegenteil seien neue Schwierigkeiten entstanden. Die bisherige Währungspoltik habe sich als völlig ungenü • g e n b ermiefen. Man fragt sich, ob es der franzöiffchen Regierung gelingen werde, für die Vermehrung ber Notenausgabe Deckung zu finden, selbst wenn die Vermchrung nur für' kommerzielle und industrielle Zwecke verwandt werden sollte.
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Sieg Millerands bei den französischen Senatswahlen.
Bei der Senatswahl für Paris und Departement Seine wurde der frühere Staatspräsident M i l l e r a n d mit über, wiegender Mehrheit gewählt. Von 1025 Wählern übten 1014 ihr Wahlrecht aus. Auf Millerand entfielen allein 52C Stimmen. Sein Gegenkandidat, der Kandidat des Links- kartclls, A u t r a n d, erhielt nur 175 Simmen.
Die Rechtspresse begrüßt natürlich die Wahl Millerands mit großer Freudigkeit. Nach dem „Journal des Debats" ist der Erfolg Millerands mehr als eine persönliche Revanche. Es ist die Revanche der Tatsachen. Gerade in dieser ic äußerst kritischen Stunde hätten die Senatorenwähler sich deutlich Rechenschaft davon abgegeben, in welcher Gefahr das Land schwebe, und daß sie sich unbedingt getreu das Links- tartcll erklären müßten. Nach dem „Temps" kommt der Wahl Millerands eine ganz besondere Bedeutung zu angesichts Der gegenwärtigen Umstände, und zwar viel mehr als in gewöhnlichen Zeiten. Die Linksblätter können ihre Ent- täu>'chung über die Niederlage ihres Kandidaten nur schwer unterdrücken und versuchen, allerlei Gründe anzuführen, die