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Hersfel-er Tageblatt

Hersfelörr Kreisblatt"

Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfelö

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Nr. 83 Mittwoch, den S. April 1S2S

Das Wichtigste.

Im Reichs block schweben Verhandlungen über eine Kandidatur Hindenburgs für die Reichspräsidentenwahl.

Staatssekretär Chamberlain hielt eine neue Rede über Frieden und Sicherheit, in der er wichtige Aeußerungen über die Sicherheitsfrage machte.

Die französische Kabinettskrise hat noch keine Lösung ^gefunden. Nach wie vor hält man die Regierung Herriot für stark erschüttert.

Italien hat sich entschieden für einen Fünf- mächtepakt ausgesprochen und verlangt baldige ent­sprechende Verhandlungen.

Zerfall der engWen Weltwirtschaft.

Englands Industrie hat ein großes Fiasko erlitten. Der kühne Plan, die während des Krieges zwangsläufig durch stärkste Erweiterungs- und Beteiligungsmaßnahmen und durch Neuerrichtung ganzer Industriezweige enorm gesteigerte Er- zeugungsfähigkeit als britische industrielle Weltvormachtstell- lung für dauernd zu festigen, muß als endgültig gescheitert angesehen werden. Mit bewunderungswürdiger Ausdauer und unter bedeutenden Geldopfern haben die englischen wirt- schaftspolitischen Führer dieses Ziel verfolgt, ohne Unterschied der politischen Parteirichtung. Irgendwelche Krisen wirt­schaftlicher oder politischer Art wurden mit eiserner Konse­quenz ignoriert, wenn das Endziel nur in greifbare Nähe ge­rückt war. Die Konservativen nahmen frohen Herzens die Erbschaft MacDonalds an, der ihnen in wirtschaftspolitischer Hinsicht als Dilettant erschien; ob mit Recht, sei dahingestellt. Aber auch sie wurden bitter enttäuscht. Der britische Reichs- kongreß kam nicht zustande. Am Widerstand der Dominions ging die englische Weltwirtschaftseinheit in Trümmer. Die so emsig seitens des Mutterlandes betriebenen Verhandlun­gen über wirtschaftliche Schutzbündnisse mit den Dominions "*'"i^'&U'!^ 7 "7"MMMWWWMWWWM WruMzwert Londons. Die Dormnions fürchteten nicht mehr die Zwangsmaßnahme der Kreditpolitik, sondern deckten ihren Bedarf durch eigene Anleihen und . . . zogen die City, die Finanzwelt, zu sich herüber. Die City hat z. B. im Falle der australischen Anleihe die englische Schwerindustrie direkt verraten. Australien, dessen Stahlindustrie verhältnismäßig rasch aufblüht, sollte ein wenig kurz gehalten und ein Teil der englischen Industrie nach Australien verlegt werden. Es kam nicht zur Durchführung, weil die City der engilschen Industrie den Kredit versagte.

Es ist natürlich England längst bekannt, daß die wichtigsten Dominions seit Beendigung des Krieges sich in politischer Beziehung vom Mutterlande nicht mehr am Gängelbande führen lassen, was sie beispielsweise bei den Waffenstillstands­verhandlungen bewiesen haben. Der logisch denkende Eng­länder sieht auch nun eine wirtschaftliche Emanzipation der Dominions über kurz oder lang kommen. So sind auch die Absichten der Südafrikanischen Union zwar längst bekannt, sind aber dennoch geeignet, die englische Oeffentlich- keit zu überraschen und zu erregen. Südafrika geht kluger­weise unter Umgehung jedweder politischen Konflikte von rein wirtschaftlichen Voraussetzungen aus und beweist damit, wie sehr es vom Mutterland gelernt hat. Den Anstoß zu dieser schroffen Abweisung der englischen Produkte und die Aufnahme eigenen Handels sowie Errichtung eigener In­dustrie hat eigentlich England selbst gegeben, als es im vo­rigen Jahre durch eine Sonderkommission des Board of Trabe die Bedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten der Wirt- schastsbeziehungen zu Südafrika untersuchen ließ. Es braucht hierbei nicht besonders betont zu werden, daß die Kommission diese Untersuchung sehr einseitig auf den für England etwa besonders auswertbaren Nutzen vornahm. Die günstigen Ur­teile der Kommission gaben der Union die Tendenz der jetzi­gen Haltung England gegenüber.

Deutschland soll jetzt einen Handelsvertrag mit Kanada schließen. Die Verhältnisse dieses Landes liegen ähnlich denen der Südafrikanischen Union. Es ist unverkennbar, daß sich Kanada mehr und mehr au die Vereinigten Staaten von Amerika anschließt, und in absehbarer Zeit wird Kanada seine Industrie vor der englischen Konkurrenz schützen müssen. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß eine Konventionsbildung mit den entsprechenden amerikanischen Industrien in schneller Entwicklung begriffen ist. Die übrigen Dominions, besonders Australien und Neuseeland, sind zwar noch stärker vom Mutterland abhängig, doch tendieren sie stark nach dem amerikanischen Markt, 'teilweise aus politischer Bedingtheit, in der Hauptsache jedoch von der großzügigen Kreditpolitik der amerikanischen Lieferanten beeinflußt. Um eine wirt­schaftliche Selbständigkeit zu erlangen, sst ja Australien direkt gezwungen, eine antienglische Abwehrstellung emzu- Inehmen. Aus all diesem geht hervor, daß das wirtschaftlick)« «Gleichgewicht innerhalb des britischen Weltreiches stark er- Sschlittert ist und in berechenbarer Zeit vollends zerstört wer- lden wird, wenn auch politische Fragen vorderhand ^daraus inicht hervorzugehen brauchen.

' Es liegt nun an der deutschen Wirtschaft, die kommend« Situation auszunützen und sich freie Hand zu bewahren. Be- stanntlich hat Deutschland zugunsten seiner Wirtschaft bei

England schon ein Abkommen über die Aufhebung derRe- covery-Abgabe", der 26prozentigen Reparationsabgabe, ge­troffen dergestalt, daß nicht merh die Abgabe bei jeder Einfuhr deutscher Waren erhoben wird, sondern durch ein System monatlicher Pauschalzahlungen abgelöst worden ist. Auch die neuerlichen Gerüchte über angebliche Schwierigkeiten wegen des noch nicht ratifizierten deutsch-englischen Handels- vertrages finb, wenn nicht völlig unbegründet, so doch stark übertrieben. England hat den Inhalt des Vertrages den Dominions mitgeteilt, um sich über Annahme oder Ableh­nung zu entscheiden. Selbstredend wird England bei der gegenwärtigen Stellung der Dominions auf diese einen Druck in keiner Weise ausüben können. So dürfte es z. B. zwischen Deutschland und Kanada zu selbständigen Wirtschaftsver- Handlungen kommen, auf die England auf keiner Seite ir­gendwelchen Einfluß wird ausüben können. W. L.

Hindenburg Kandidat des Reichsblocks?

Wie wir von maßgebender Seite erfahren, haben beim

Generalfeldmarschall von Hindenburg mehrfach Besprechun­gen stattgefunden. U. a. war auch ein Vertreter der Baye­rischen Volkspartei in Hannover, um zu erklären, daß die BayerischeVolksparteigeschlossenfürHin- denburg eintreten würde. Die Besprechungen führten dazu, daß Freunde der Kandidatur Hindenburg eine Ab­ordnung nach Berlin gesandt haben, um mit dem Reichsblock direkt Fühlung zu nehme«, von dem erwartet wird, daß er in Hamrover unmittelbar die Verbindung mit dem General­feldmarschall aufnimmt. Die positive Entscheidung Hinden- burgs wird in Kürze faOeit. Soviel steht fest, daß er sich unter der Voraussetzung, daß der Reichsblock geschlossen hinter ihm ficht, der Kandidatur nicht enxziehen wird, da er der Auf­fassung ist, daß die Pflicht gegenüber dem Vaterlande das

letzte Opfer erfordert.

Wie E von bestunter^terer erfahren, w« am Sonntag der Vertreter einer großem rechtsstehenden Partei Bayerns bei Generalfeldmarschall von Hindenburg, um über

die Möglichkeit seiner Kandidatur zur Reichspräsidentenwahl zu verhandeln. Hindenburg erklärte, er würde sich zur Ver­fügung stellen, wenn der Reichsblock einen derartigen Ruf an ihn ergehen lassen würde.

Am Sonnabend und Sonntag fand in Breslau der Parteitag der Deutschsozialen Partei statt. Ueber 250 Orts­gruppen hatten ihre Vertreter entsandt, die zu den wichtig­sten Fragen der inneren und äußeren Politik Stellung nahmen. An den Reichsausschuß zur Reichsprüsidentenwahl wurde ein Telegramm abgesandt, daß die Aufstellung Hindenburgs für die Wahl am 2 6. April mit der Begründung forderte, daß er der einzige Deutsche sei, der zurzeit die Mehrheit des deutschen Volkes auf sich vereinigen könne.

Beginn des WahlkampieS.

Das Essener Zentrum hatte zu einer Präsidenten­wahlversammlung geladen, in der Dr. Wirth sprach. Er führte u. a. aus: In dem beginnenden Wahlkampf handle es sich darum, die Gedanken auf ein großes nationales Ziel ein- zustellen. Die Parole, durch Arbeit zur Freiheit, müsse end­lich Gemeingut des ganzen Volkes werden. Sie sei von An­beginn die Parole der Weimarer Koalition gewesen. Es gereiche ihm zur großen Befriedigung, daß sich große Mengen fortschrittlicher Bürger und die Alassen des arbeitenden Volkes sich endlich gemeinsam zu einem großen staatspoliti- schen Gedanken zusammengefunden hätten. Das große Ziel, den neuen Staat im Geiste sozialer Gerechtigkeit und sozialen Friedens aufzubauen, könne nur erreicht werden durch die Wahl eines Präsidenten, der imstande sei, der neuen Zeit Rechnung zu tragen. Schließlich hob er die persönlichen Eigen­schaften des Kandidaten Marx und seine Verdienste um die Rettung des deutschen Volkes vor dem Untergang hervor und ließ seine Rede in einem eindringlichen Appell ausklingen, am 26. April den Kandidaten der Repubklk, Wilhelm Marx, zu wählen.

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Die sächsischen Sozialdemokraten für Marx.

Die links sozialistische Presse Sachsens hat jetzt ihre For- derung der Aufstellung Brauns zum Reichsprüstdentschafts- kandidaten fallen lassen und tritt für Marx ein. Die Schwen­kung wird mit dem Hinweise auf die Ueberlaffung des Bollwerks Preußen" an die sozialdemokratische Führung begründet. Aus Gründen der Disziplin müsse der Partei­beschluß durchgeführt werden.

Die Rheinlandpolitik Dr. Larres'.

Eine Aussprache zwischen Dr. Iarres und Dr. Adenauer.

Dr. A de neuer und Dr. 3 a r r e s sind in Gegenwart der Vorsitzenden der rheinischen Zentrumspartei, der Arbeits- gemein|6c>ft und des Rheinischen Provinziallandtages zu

einer Aussprache über die in der letzten Zeit zutage getretenen Meinungsverschiedenheiten über die Rheinlondpolitik im Jahre 1923 zusammengetreten. Insbesondere wurden die Vorgänge in Barmen und Hagen am 24. und 25. Oktober 1923 erläutert. Beide Herren erklärten ausdrücklich, nach dieser Aussprache davon überzeugt zu sein, daß alle bei den Ver­handlungen in Barmen und Hagen geäußerten Gedanken nur dem Beweggrund entsprungen seien, das Rheinland beim Reich zu erhalten. Es wird anerkannt, daß Dr. Iarres die Rheinlande niemals hat versacken lassen wollen. Dr. Ade­nauer und Dr. Iarres haben sich verpflichtet, jede Erörterung dieser Fragen abzubrechen, und ersuchen die ihnen nahe­stehende Presse und ihre politischen Freunde, darin zu folgen.

Belgische Justiz.

Eine Meldung aus Brüssel besagt, daß der Kriegsrat von Brabant den bremischen Hauptmann Caspari vom In­fanterieregiment 75 wegen der Erschießung mehrerer bel­gischer Bürger in Abwesenheit zum Tode verurteilt hat. Er wird beschuldigt, beim deutschen Einmarsch in Frankreich und Belgien tin Jahre 1914 den Pastor Gorris aus Antgarden und einen anderen Einwohner erschossen zu haben.

In seiner Entgegnung schildert Oberst Caspari, der seifige Kommandeur der Bremer Schutzpolizei, wie folgt den Feuer- Überfall an der Spitze des Regiments 75, 3. Kompagnie, beim Vormarsch am 18. August 1914:

Bor dem Städtchen trat der Oberst vor den Geistlichen und fragte ihn, ob die Ortschaft von der Zivilbevölkerung geräumt sei. Der Geistliche bejahte die Frage, worauf das Regiment, geführt vom Geistlichen, in den Ort einzog, wo sich kein lebendiges Wesen zeigte. Bei einer Wegebieguna gewahrte Caspari plötzlich eine Barrikade vor sich, und im selben Augenblick versuchte der Geistliche zu entkommen, was ihm aber nicht gelang, da ihn Leutnant Raffke am Rock­zipfel festhielt. Dann setzte ein heftiger FeuerUberfall aus das Regiment ein. Als erster fiel der Geistliche den Kugeln seiner eigenen Landsleute zum Opfer.

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Die Industrie- und Handelskammer für den Wuppertal« Industriebezirk erhob bei den zuständigen Reichsbehörden Einspruch gegen die Ablehnung der Ratifikation des deutsch­spanischen Handelsabkommens durch den politischen Ausschuß des Reichstages. Sie betont, daß die Folgen der Ablehnung für die Wuppertalindustrie ein weiteres Steigen der Arbeits­losigkeit sein würden. Das mit Mühen und Opfern gegen starken fremden Wettbewerb wiedergewonnene Absatzgebiet würde durch die Ablehnung ernstlich gefährdet werden.

Italien für einen Kümmächtepaki

Nach Blättermeldungen aus Rom wurde offiziell b«- kanntgsgeben, daß Italien die Unterzeichnung eines Garantie- paktes zwischen England, Frankreich, Belgien Italien und Deutschland befürworte und vorschlage, sofort Verhandlun­gen zwischen Rom, London und Paris zur Unterzeichnung des Garanttepattes zu eröffnen.

Eine neue Rede Ehamber a us.

Der englische Außenminister Ehamberlain hielt in seinem Wahlkreis in Birmingham eine Rede, in welcher er sich mit der FrageFriede und Sicherheit" beschäftigte. Er sagte u.a., es sei jetzt sechs Jahre her, daß der Friedensver- trag unterzeichnet worden sei, und trotzdem sei noch keine Friedensatmosphäre ht Europa vorhanden. Die Furcht vor einem neuen Kriegsausbruch liege über Europa. Wenn diese Furcht nicht beseitigt werden könne und wenn nicht Ver­trauen und Sicherheit in der internationalen Sphärx wieder hergestellt werde, dann würde Europa langsam, aber sicher einer neuen Katastrophe entgegengehen. Darauf sprach Ehamberlain über die Verhandlungen im Völkerbund und drückte dabei seine Sympathie für die Frage der Sicherheit, Schiedsgerichtsbarkeit und Abrüstung aus. Die Zeit wäre aber noch nicht gekommen, wo England seine Verpflichtungen vermehren oder irgend eine universelle Ausdehnung seiner Verantwortlichkeit übernehmen könne . Man könne heute keine Garantie für den Frieden weder mit den Freunden von gestern noch den Feinden von gestern erreichen. Was England versuche, wäre die Versöhnung der Feinde mit dem Vertrag, an dem England Teilhaber und der durch die eng­lische Macht gemeinsame Achtung und gemeinsamen Schutz der Grenzen bringen würde. Wenn die Friedensverträge ge­ändert werden sollten, so könnten sie nur im Laufe der Jahre geändert werden und nur dann, wenn alle beteiligten Par­teien der Meinung wären, daß eine Abänderung der Ver­träge wünschenswert sei.

Die Sicherheitsfrage im englischen Unterhaus.

MaeReill teilte auf eine Anfrage im englischen Unter- Haus mit, daß ein Bataillon französischer Truppen aus dem Saargebiet zurückgezogen werden solle. In Erwiderung auf andere Anfragen erklärte AtaeReill, die Regierung habe bisher keine schrifüiche Ant- wort auf den deutschen SIcherheitsvorschlag abgeschickt. Hin-