Hersfelöer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt' Amtlicher Mzeiger für den kreis HersfelS
Nr. 91 Montag, den 20. April 1925
Der Bezugspreis beträgt durch die Post bezogen monatlich 1.— (116., aussdiliebl. Bestellgeld, für Bersleid L— lllk. bei freier Zustellung, Abholer —.80 lllk. * Druck und Verlag non budmlg Funks Budidrucfeerel in Bersleid, (filtglied des vDZV.
Anzeigenpreis für die einspaltige Pefitzelle 10 Pfg. für amtliche und ausmärtige Anzeigen 15 Pfg., die Reklamezeile 50 Pfg. Bei Wiederholungen Dachlak. + Für die Schriftleitung Deranhuortllch Franz Funk in Bersfefd. + Fernsprecher Dr. 8.
Das Wichtigste.
— Wie aus diplomatischen Kreisen verlautet, wird die Reichsregierung gegen die Geheimniskrämerei, die die Alliierten mit dem Kontrollbericht treiben, scharfen Protest erheben.
— Das Kabinett Painleve arbeitet an der Abfassung der Regierungserklärung. Briand wird vermutlich sofort die Garantiefrage wieder aufnehmen, und Caillaux wird, wie verlautet, eine Finanz- diktatur für sich fordern.
— Am Sonnabend wurde die Vernehmung Var - mats fortgesetzt. Der Rechstagsausschuß beschäftigte sich mit den Milchgeschäften Barmats. Vermutlich wird sich der Ausschuß auf drei Wochen vertagen.
— Nach denk etzten Meldungen aus Sofia gilt es als fast sicher, daß das Attentat in der Kathedrale auf B efeh l aus M oskau verübt worden ist. In allen Städten wurden zahlreiche Kommunistenverhaftungen vorgenommen.
Wirtschaftliche Wochenschau.
Dadurch, daß unser Rückblick diesmal infolge der Feier- tage zwei Wochen umfaßt, gewinnt er leider nicht an erfreu- tchem Inhalt. Der angenehmen Tatsachen sind wenige. Immerhin waren die in der zweiten Aprilwoche plötzlich be- annt werdenden Steuererleichterungen für die Einkommensteuervorauszahlungen am 10. bzw. 17. April eine angenehme Ästerüberraschung für Kreise des Mittelstandes, mancher freien Berufe und Geschäftsleute. Auch der Saatenstandsbericht mit der erfreulichen Feststellung, daß trotz gewisser, der milderen Witterung zuzüschreibender Ungezieferschäden der Gesamt- saatenstand weit 'besser als jemals seit langen Jahren bezeichnet werden muß, stimmte etwas hoffnungsfreudiger, und schließlich hatte der Einzelhandel im allgemeinen ein leidliches,
MWWWMWMWWMWWM zum Teil ausgleichen konnten, was ihnen der milde Winter in Ausfall gebracht hatte. Aber man gibt sich keinen Illusionen darüber hin, daß auch dieses Ostergefchäft im Einzelhandel trotz zeitweiliger Belebung des Zahlungseinganges bei dessen Lieferanten die Krise im Webwarengroßhandel und in der Infektion nicht zu beenden vermag, daß vielmehr hier nach Pfingsten noch manche Zusammenbrüche und Schwierigkeiten zu ermatten sind. Es ist allerdings immerhin erfreulich, daß man in Fachkreisen im Zusammenhang damit mit einem . Preisabbau in Webwaren für den Sommer rechnen zu können glaubt. Me Klagen über einen zu hohen Stand der deutschen Preise und über dessen Ursachen und die Bemühungen um deren Beseitigung füllten im übrigen in der Hauptsache die Berichtszeit. Die Rede des Reichswirtschafts- Ministers deckte wieder einmal überzeugend und umfassend die Ursachen und den Grad unserer wirtschaftlichen Not vor der Öffentlichkeit auf und zerstörte vor allem so manche Hoffnung auf Zinsabbau, wenn sie betonte, daß nur ein höherer Zinssatz, als er im Ausland bestehe, die für unsere Gesundung benötiaten ausländischen Kapitalien hereinziehen kann. Daß weit mehr für die Kapitalbildung im Inlande getan werden muß, und daß eine höhere Verzinsung von Spargeldern durch Abbau der Unkosten im Bankgewerbe und Umgestaltung des Steuerwesens ebenso notwendig ist wie die Entlastung der Industrie von allen möglichen heute noch zu hohen Gebühren und Tarifen, wurde auch hier betont, und diese Forderung fand dann durch verschiedene Ereignisse überzeugende Beweise ihrer Richtigkeit. Die Reichsbahn legte den Bericht für das erste Halbjahr privatwirtschaftlichen Arbeitens vor, der alle Erwartungen übertreffende günstige finanzielle Ergebnisse zeigt, aber gleichzeitig wurden die Nöte des nieder- chlestschen Steinkohlen- und des mitteldeutschen Braunkohlenbergbaues infolge zu hoher Frachtbelastung der dort gewonnenen Kohle so akut, daß die gesamte Oeffentlichkeit sich damit zu beschäftigen begann, und aus der Kleineisenindustrie kamen Berichte, daß auch hier die Exportfähigkeit der Ware- in vielen Fällen durch die Tarifpolitik der Reichsbahn unterbunden werde. Kohlenbergbau ist ja überhaupt immer noch das Sorgenkind. An der 'Ruhr mußte man sich zu weiteren Zechenstillegungen entschließen, und es sieht so aus, als, wenn für die reinen Magerkohlenzechen auf absehbare Zeit die Möglichkeit einer selbständigen Existenz nicht, mehr bestehe, nactoem der rechtzeitige Anschluß an die Elektrizrtätsindnstrü verpaßt ist. Die Lage der Landwirtschaft hat sich nicht unbeträchtlich verschlechtert, und die Entwicklung am Weltgetreidemarkt und bei den Michlen und tm Mehlhandel hat die Follfragen erneut in den Mittelpunkt hitziger «v örterung treten lassen. Wenn auch der Fruhrahrsbezug an Düngemitteln im wesentlichen beendet ist, so ist doch bei Kaliabsatz und Kaliversand in einem so außerordentlich scharfen Maße zurückgegangen, wie sich bas nur aus dieser Verschlechterung der Lage der Landvnrffchaft erklären laßt Da auch an der Börse trotz der inzwischen begonnener Interventionskäufe wenig Erfreuliches zu melden ist unk die Geschäftsverödung andauert, nachdem weder die erhofft« weitere Distontermäßigung noch die erstrebte Herableijunc der Börsen Umsatzsteuern ein getreten ist und beides auch vor läufig nicht mehr erwartet wird, bagegen aber der Druc der politischen Verhältnisse auf Börse und Wirtschaft anhalt
ist die Stimmung in Wirtschastskreisen vor wie nach dem Osterfest wenig österlich. Lastet doch neben der politischen Ungewißheit auch weiterhin auf den wichtigen Gebieten der Handelsvertragspolitik, der Zolltarifgeftaltung und der endgültigen Aufwertungsregelung auf der Wirtschaft die absolute Unsicherheit, was nun werden wird. Zu alledem aber treten die immer häufiger und mit immer größerem Nachdruck auftretenden Lohnforderungen und Lohnkämpfe, denen bisher entsprechende Erleichterungen in der Produktion oder günstige Momente im Absatz als Ausgleich kaum gegen- überstehen. Da in Baustoffen aller Art eine zunehmende Verteuerung seit Oktober vorigen Jahres ununterbrochen angehalten hat, beginnt man auch bereits wieder skeptisch bezüglich der von der Belebung des Bauwesens erhofften Erleichterungen für die Wirtschaft zu werden. Man gibt sich in führenden Wirtschaftskveisen keiner Täuschung darüber hin, daß zwar manche Voraussetzungen für eine dauernde Besserung unserer Wirtschaftslage geschaffen worden sind, daß heute aber die Dinge so liegen, daß nur äußerste Vorsicht aller Glieder unserer Wirtschaft eine neue Krisenperiode ver- metden kann. M.
Aus dem Wahlkampf.
Amtliche Wahlbestimmungen
Stimmberechtigt beim zweiten Wohlgang der Reichspräsidenünwahl ist nur, wer an seinem Wohnort in die Stimmliste eingetragen ist oder einen Stimmschein besitzt. Me Stimmlisten werden in diesen Tagen zur allgemeinen Einsicht ausgelegt, und zwar mindestens am 21. und 22. April. Mit der Auslegung können die Gemeinden bereits früher beginnen. In den einzelnen Gemeinden wird die Auslegungszeit öffentlich bekanntgegeben. Wer in der Zeit seit Auslegung der Stimmlisten für den ersten Wahlgang seine Wohnung in einen anderen Stimmbezirk verlegt hat, oder wer seitdem als Auslandsdeuffcher zugezogen ist oder infolge Erreichung des Wahlalters wahlberechtigt geworden ist, versäume es nicht, sich durch Einsichtnahme in
i Plänen Wohnbezirks vergewissern,
Stimmberechtigte, die am Tage der Rei chspräsibenten- wähl von ihrem Wohnort abwesend sind, können sich einen Stimmschein ausstellen lassen und damit in jeder beliebigen deutschen Gemeinde wählen. In den größeren Gemeinden können am lebten Tage vor dem Wahltage Stimm- scheine nicht mehr ausgestellt werden, da die Stimmlisten spätestens an diesem Tage an die Abstimmungsvorsteher ausgegeben werden müssen. Wer am Wahltage verreist ist, muß daher frühzeitig sich um die Erlangung eines Stinun- scheines bemühen.
Lleberparteilicher Arbeiinehmerempfang bei Hindenburg.
Nach Vereinbarung mit dem Sekretariat des General- feldmarschalls von Hindenburg und mit dem Reichsblock soll am Donnerstag vor der Wahl eine Abordnung von Arbeitnehmervertretern aller Reichsblockparteien und der vaterländischen Arbeitnehmerverbände des Nationalverbandes deutscher Berufsverbände bei Herrn von Hindenburg vor- sprechen. Dabei sollen die Wünsche und sozialen Bestrebungen der schwarz-weiß-roten Arbeitnehmer mit bem Generalfeldmarschall besprochen werden.
Der Sparerbund für Hinöenburq.
Der Verband der Sparer, Rentner und Hypotheken- gläubiger im Landesverband Hannover tritt in einem Wahlaufruf für Hindenburg ein, mit der Begründung, daß Reichskanzler a. D. Marx sich am zehnten und elften November 1924 in Osnabrück und Hildesheim klar und deutlich als Aufwer- tungsgegner und Aufwertungsfeind gekennzeichnet habe.
Ein Aufruf rheinisch-westfärischer Arbeitervereine tür Hindenburg.
Der Gesamtverband sowie der Rheinisch-Westfälische Verband evangelischer Arbeitervereine veröffentlichn einen Aufruf, in dem es u. a. heißt:
Kameraden! Am 26. April soll das deutsche Volk den Reichspräsidenten endgültig wählen. Eine Entscheidung von ungeheurer Tragweite ist bamit in eure Hand gelegt. N i ch ! handeltessich um d ie FHage derStaatsfo r in, ob Monarchie oder Republik, wie engstirnige Parteipolitiker der Linken glauben machen wollen, es geht um den Geist! Soll der internationale pazifistische Geist mit seiner außenpolitischen Rückgratlosigkeit weiter herrschen oder soll der nationale Wille, durchdrungen mit den Kräften lebendigen Ehristentums, die innere Erneuerung unseres Volkes fordern unb dem äußeren Aufstieg ben Weg bereiten? Es geht um die Zukunft des deutschen Volkes! Wir wollen nicht einen Mann an der leitenden Stelle unseres Landes, der für alle seine Handlungen in weitestgehendem Maße >ich der kirchen- und christentumfeindlichen internationalen und klassenkämpferischen Sozialdemokratie verpflichtet hat. Darum keine S t i m m e dem Kandidaten des sogenannten „Volks" -Blocks, de '" Zentrums- f ü h r e r u n b Sozi a ls stenfreunde Marx! Rein.
unsere Parole lautet: Hindenburg! Mit stolzer Freude schauen wir zu ihm empor, als dem Ehrenmit- gliede unseres Gesamtverbandes! Kameraden! Ihn wLjlan wir! Für seine Wahl arbeiten wir! Werbt für ihn unter der Jugend! Rüttelt die Lauen und Gleichgültigen auf! Macht den Alten ihre Verantwortung klar! Und sagt auch euren katholischen Kameraden, daß sie um ihres Glaubens willen nicht verpflichtet sind, Marx zu wählen. Millionen unserer katholischen Brüder und Schwestern in Bayern und anderen Teilen des Reiches stehen auf Hindenburgs Seite. Me Entscheidung liegt auf des Messers Schneide. Eine einzige Stimme kann ausschlaggebend sein! Darum setzt eure letzte Kraft ein unter der Losung: „Hindenburg!"
Dr. Marx über die deutsche Einheit.
Mr Reichskanzler a. D. Dr. Marx sprach Freitag abend in der Wahlkundgebung, die der Volksblock im Berliner Sportpalast verunstaltete. Dr. Marx bezeichnete die Einheit des deuffchen Reiches in dem von Bisinarck geschaffenen noch beschränkten Rahmen als das wertvollste Erbe, das uns aus der Vorkriegszeit überkommen ist. Durch den Krieg hat das Bismarcksche Kleindeutschland an Gebietsumfang noch verloren, Millionen deutscher Brüder wurden aus dem Kreis der nationalen Einigung ausgeschlossen. Wenn wir» uns heute die Frage vorlegen, wie es um die äußere Einheit des deutschen Reiches bestellt ist, so darf man wohl mit Recht sagen, daß es gerade der benwtratifdjen Regierungs- weife, dem Umstände, daß es Männer des Volkes gewesen sind, die die hochpolitischen Entscheidungen der letzten schweren Jahre zu treffen hatten, zu verdanken gewesen ist, daß uns der Rest der äußeren Reichseinheit erhalten geblieben ist. Es ist. der Geist der jungen deutschen Demokratie, der hier seinen politischen Befähigungsnachweis in überzeugender Form gebracht hat. Dr. Marx betonte.dann, daß die Einheit des gleiche nicht nur von außen, sondern auch von innen her bedroht werden kann. Man sagt, daß innerer Hader und nationaler Zwiespalt der anscheinend „unauslöschbare Erbikbter" des deutscken Volkes sei. Ist dieses Uebel aus
Regierungsweisen der Vergangenheit, an denen das Volk selbst im weitesten Umfange zunächst unbeteiligt war? Nein, jener Geist des Zwiespalts ist nicht der natürliche Geist des deuffchen Volkes. Wie unser Volk denkt, wie gewaltig in ihm der Wille zur politischen Einheit und Einigkeit ist,, das hat für jeden, der nicht mit Vorurteilen belastet ist, wieder das Weimarer Verfassungswerk bewiesen. Stein,_ unser deutsches Volk ist hier wirklich besser als sein Ruf. Wir müssen Vertrauen haben, und ich habe Vertrauen zu dem deutschen Volke, ich glaube an das deutsche Volk. Mehr als die Erhaltung der äußeren Reichseinheit ist uns im Augenblick die Verlebendigung und Vertiefung der inneren Geschlossenheit ein dringendes Bedürfnis. Mr wollen darauf hinwirken, daß in unserem politifdjen Leben die Parteien zu rechten WerksgemenisckMften werden, die in ihren Bestrebungen und Zielsetzungen immer das ganze deuffche Volk vor Augen haben.
Dr. Marx ging dann noch auf bie durchs internationale Abinachungen geschaffene Festigung unserer staatlichen Ein- heit ein. Me deuffche Mplomatie hat die Aufgabe, das für die Befriedigrmg Europas und seine weitere mirtfd)aftlid)e Entwicklung so außerordentlich bedeutsame Verständigungs- werk von London fortzusetzen. Das Werk der deutsch- französischen Verständigung ist ein wertvolles politisches Ziel. Weil wir um des Friedens willen zum Sick-erheitspakt bereit sind, diirfen und müssen wir an die unnatürlichen Grenz- verhällnisse im deuffchen Osten erinnern. Me nationale Einigung mit Oesterreich, das Efftehen eines Großdeuffch- lands hat in der Weimarer Verfassung einen starken Nieder- schlag gefunben. Wir alle wissen: die großdeutsche Frage kann nur gelöst werden in dem Zeichen des schumrzrotgoldenen Banners. Me junge beutftae Demokratie hat ein großes Erbe zu verwalten, hat große Aufgaben zu erfüllen. Das Bewußtsein stärkt unsern ^lrbeitscifer und unsere Zuversicht. Wir arbeiten und kämpfen im richtigen Geist.
Em Ausruf der Frauen des Volksblocks.
Mr Reichsfrauenausschsiß der Deutsch- denrokratischen Partei, die sozialdemokratischen Frauen Mutschlands unb die Frauen des Zentrums veröffentlichen einen gemeinsamen Aufruf an alle Frauen, in dein es u. a. heißt: Wir Frauen waren alle gemeinsame Kameraden des' Schicksals, der Arbeit und des Leides im Kriege. Wir Frauen wollen bleiben gemeinsame Kameraden beim Wiederaufbau und bei der Erhaltung des Reiches, als Hüterinnen der Verfassung, der demokratischen Republik, der nationalen und persönlichen Freiheit, des inneren und äußeren Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Verständigung und gegenseitigen Meldung. Staatsmännische Erfahrung und politische Kenntnisse, Der- trau theil mit Deutschlands innen- und außenpolitischen Sorgen und Möglichkeiten sind unbedingte Erfordernisse für die erfolgreiche Führung des ständig gefährdeten deutiäun Etaatsschiffes. Bevor Ihr urteilt und wählt, seht zurück! Wer bat uns nach Niederlage und Zusammenbruch empor* gearbeitet? Die Parteien des Volksblocks. Sie haben den Boden geschaffen, auf der der nationale, sittliche und wirb