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Kerslrl-er Tageblatt

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Nr. 93

Mittwoch, den 22. April

1925

Das Wichtigste.

Die Wahlschlacht ist auf dem Höhepunkt. Dr. Marx sprach in Münster. In K ie l und D ü s se l - darf fanden große Kundgebungen für Hinden- b u r g statt.

Reichspo st mini st er a. D. Dr. Höfle ist ent­gegen Falschmeldungen an Lungenentzündung und Herz-^ sichaoäche gestorben.

Der demokratische Abgeordnete Mül - ler-Meiningen und zwei weitere führende Demokraten, die f ü r H i n d e n b u r g im Wahlkampf eintreten, sind aus ihrer Partei ausgetreten.

Die Kämpfe gegen die Kommunisten in Bul­garien nehmen ihren Fortgang. Die Lage ist schr ernst

Die Politik des neuen französischen Kabinetts.

Dem Linkskabinett Herriot ist das Linkskabinett Painleve gefolgt. Der Kurs in Frankreich ist derselbe geblieben. Der Wechsel liegt in den Personen. Herriot ist an seiner Finanz- politik gescheitert. Er hat zu viel Rücksicht nehmen wollen und konnte den Mut nicht aufbringen, eine durchgreifende soziale Steuerreform rücksichtslos zu vertreten. Und dann der Skandal der Bank von Frankreich, die 2 Milliarden über die Genehmigung verausgabte! Frankreichs gegenwärtige Politik hat zwei Hauptsorgen: die Sicherheitsfrage und die Sanierung der Finanzen! Diese beiden sind auch das Programm Painleves. Daneben die Forde­rung eines größeren Kredits, den das Parlament der Regler rung zur Verfügung stellen soll. In der Außenpolitik hat Briand bereits erklärt, den Spuren Herriots getreu zu fol­gen. Briand dürfte deshalb nicht derjenige sein, welcher dem neuen Kabinett seinen Stempel aufdrückt. In den Zielen WW^enponKFitf^^ männer Nationalisten. Der Geist Poincares liegt allen im Blute, und wir Deutschen brauchen uns keine Hoffnungen zu machen, daß eine Kursänderung, zu der Herriot einen kurzen Anlauf machte, platzgreift. Frankreich muß erst noch seine gründlicheren Erfahrungen sammeln. Vielleicht aber könnten diese Erfahrung t doch immerhin etwas näherrücken, wenn nun der Frank Den Wünschen der neuen Regierung nicht folgt, sondern weiter füllt. Der Mann, dem das Porte­feuille der Finanzen zufiel, und der von der gesamten Links­presse als der einzige bezeichnet wird, der aus dem Finanz- chaos herauszuführen vermag, Joseph Caillaux, ist vielleicht das erste Anzeichen dafür, daß Frankreich seine Ge­waltpolitik langsam in eine Verständigungspolitik umzuän- dern gezwungen wird. Doch vorläufig ist Caillaux, der zwei­felsohne dem Kabinett seine Eigenart verleiht, nur erst Fi­nanzminister! Man hat Caillaux in seinem Vaterlande den Deutschenfreund" genannt, und der Mörder Iaures', Villain, hat ihn zu Anfang des Krieges vergeblich gesucht, sonst wäre er wie jener ein Opfer der Rationalisten geworden. Der Krieg und das ausschließliche Interesse aller an dem diesem hat uns Deutschen dann den Einblick oorenthalten in die Stürme, die den Namen Caillaux in Frankreich umbrausten. Caillaux hatte als Ministerpräsident schon früher den Zorn der Rechten auf sich geladen. War er doch der Mann, der den Zwischenfall von Agadir gegen den Wunsch der kriegs- hetzenden Chauvinisten auf friedlichem Wege gelöst hatte, und ferner der Abgeordnete, der gegen die dreijährige Dienstzeit gestimmt hatte! DerFigaro" verstieg sich damals in seinem Haffe so weit, in die mit persönlichen Angriffen gegen Cail- laux getränkten Pressekampagne auch dessen Frau Hineinzu- zichen und deren Frauenehre auf das empfindlichste anzu- greifen. Es dürste noch hinlänglich bekannt sein, wie die Frau den Leiter desFigaro" niederschoß und dann von den Geschworenen freigesprochen wurde. DieIdee" Clemenceau, die Politik der brutalen Macht, die Idee des jusqu'au baut und der absoluten Revanche mußte eben über die Idee Cail­laux siegen, dieMäßigung nach außen und Reformen im Innern" predigte. Was Villain nicht vermochte, sollte das Prozeßverfahren vor dem Militärgericht und Staatsgerichts­hof vollbringen: die Vernichtung Caillaux". Dieser hätte schon 1915 nach der Marneschlacht den Frieden verlangt und hat späterhin das Ende des Blutvergießens herbeiführen wollen. Dafür des Hochverrats beschuldigt, wurde er für zehn Jahre verbannt und der Ehre.ledig gesprochen. Aber Caillaux hat gewartet und hat sich gerechtfertigt. Aus seinem Prozeß kennt die Welt seine Ideen und deren Fortschrittlich­keit, und aus seinem Buch über Agabu das Wesen seiner auswärtigen Politik, einer Politik des Maßes und des ge­sunden Menschenverstandes im Gegensatz zu der Politik Clemenceaus. Als nun die Folgen des Versailler Vertrages und die Unmöglichkeit seiner Erfüllung Frankreichs Politik in eine Sackgasse zu locken begannen, da war es naturgemäß, daß der schärfste Gegner dieses Vertrages ausersehen sein mußte, sie herauszuhölen: Caillaux. So ist er wieder da und wird uns sicherlich überraschen und wird sicherlich eine Rolle spielen! Die Konsequenz seiner politischen Einstellung hat ihn auf die Seite derjenigen gebracht, die im Versailler Frie­den eine Knechtung Frankreichs und einen Sieg Englands MeK. Die Kirechtung Frankreichs kann nur durch Knechtung

Deutschlands gutgemacht werden. Somit bekennt er sich zu Keynes und zur Kontinentalpolitik, aber unter Führung Frankreichs, dessen kulturelle Mission es sein soll, die Ideen von 1789 mit allen für Frankreich vorteilhaften Konsequenzen bis zur Einführung des allgemeinen Freihandels innerhalb dieses demokratisierten Völkergemisches. Deshalb sollte Deutschland seine Hoffnungen auf Caillaux rechtzeitig be­graben! Trotz aller modern-sozialistischen Einsicht ist ihm durch das Schicksal, verbunden mit dem völligen Zusammen- bruch Deutschlands, eine Bahn vorgeschrieben, die ihn nach der genannten Richtung elämeneistischer als Clemenceau ent­wickeln kann . Aber er ist jaerst" Finanzminister und als solcher Fachmann. Die wirtschaftliche Lage Frankreichs

er-

ist gut, es weist als einziges europäisches Land eine aktive Handelspolitik auf und kennt keine Arbeitslosigkeit. So achtet Caillaux eine Finanzdiktatur für erforderlich und große Machtbefugnisse für den Finanzminister gefordert. Er will eine gerechte Verteilung der Steuern und eine rückstchts-

lose Hereinholung der rückständigen Steuern, die bisher nicht zu erzielen war. Auch will er aufräumen mit dem System der ungerechtfertigten Vergünstigungen und Ausnahmen der

erzielen war. Auch will er aufräumen mit dem System ungerechtfertigten Vergünstigungen und Ausnahmen der Besteuerung. Außerdem sei die französische Valuta zu schr unter der Herrschaft des englischen Pfundes und des Dollars

geraten, was aufhören müsse. Betreffs der interalliierten Schulden meint er, daß die französischen Zahlungen sich nach den deutschen Reparationszahlungen richten müßten, was im­merhin auch heißen kann: Die Deutschen sollen gefälligst zahlen, wenn von den Franzosen etwas verlangt wird. Aber Caillaux hat selbst gesagt, er sei kein Zauberer, und Unmög­lichkeiten könne auch er nicht möglich machen. Warten wir ab, was er möglich machen kann! Jetzt aber beginnt schon die Hetze der Nationalisten unter Poincare in ungewöhnlicher

Schärfe gegen diesen Gott des Volkes.

K. M.

Aus dem Wahlkampf.

Hindenburg-Kundgebung in Kiel.

Zu einer eindrucksvollen Kundgebung gestaltete sich der vom Reichsblock verunstaltete Abend im Schloßhof in Kiel.

sei der Vertreter der neuen Grenzmark gewesen.

bürg sei durch seine Familientradition mit der Ostmark verwachsen. Ihm fei das schönste be- schieden gewesen, daß er fein geliebtes Grenzland vor den Feinden hatte retten können. Hindenburg sei ein Symbol für das deutsche Volk. Er brauche nicht durch das Land zu ziehen, um marktschreierisch seine Ware anzubieten, er sei ein Programm für sich, eine Persön­lichkeit, Führer in der Not des Vaterlandes. Zwei Teile ständen sich in der deutschen Nation jetzt gegen­über. Der eine Teil habe nichts von einer Gesinnungsge- meinschaft, nichts von einer einheitlichen Idee. Der Reichs- block dagegen fei eine Gesinnungsgemeinschaft, alle eng mit­einander verbunden, vergessend der Parteiunterschiede, nur einem einzigen großen Ziele nachstrebendt Der Freiheit des deutschen Volkes.

Deutscher Abend des Reichsblocks in Düfirldorf.

In den Festsälen des Zoologischen Gartens in Düssel­dorf fand eine eindrucksvolle Kundgebung für die Kandidatur des "Generalfeldmarschalls von Hindenburg statt. Es sprachen Reichstagsabgeordneter v. L i n d e i n e r - W i l d a u und Staatssekretär a. D. K e m p k e s. Würdig umrahmt wurde die Veranstaltung dur chmusikalische und gesangliche Dar­bietungen sowie Rezitationen.

Die Bayerische Volkspartei hält an der Wahl Hindenburgs fest.

Die Korrespondenz der Bayerischen Volkspartei erklärt, daß sich an dem Beschluß des Landesausschusses vom 7. April zugunsten Hindenburgs weder etwas rütteln noch etwas hin­zufügen lasse. So selbstverständlich es sei, daß die Partei keinen Gewissenszwang ausüben könne, ebenso k l a r s e i e s, daß sie erwarten muß, daß der berufenen Führung das Vertrauen entgegengebrächt werde, gut und richtig geraten zu haben.

Die Pfälzer Frauen für Hindenburg,

An den Feldmarschall von Hindenburg gelangte folgen­des Telegramm aus Neustadt a. d. Haardt:Viele hundert Pfälzer Frauen unb Männer, im Saal bau Neustadt ver­sammelt, senden ihrem großen Führer in schwerer Zeit treu- deutschen Gruß, mit dem Gelöbnis unwandelbarer Treue. Un-

r Dr. Marx in Münster.

3m Schützenhof in Münster sprach am Montag Reichs- kanzler a. D. Dr. Marx. In seinem einstündigen Rc je rat führte er etwa folgendes aus: Es fei ein großer Irrtum wenn man an nehme, der Reichspräsident müsse ein soge­nannterüberparteilicher" Mann sei. Er glaube, das deutsche Volk würde sehr bald seinen Irrtum als einen sehr verderblichen ansehen, wenn es seine Wahl danach cinstelle Im großen und ganzen sei es Pflicht eines jeden Deutschen,

Politik zu treiben. In London hätte die Regierung nicht )as erreicht, was sie wünschte. Er glaube, bei Deutschlands Zwangslage genüge es, wenn wir nur geringe Schritte vor- ankämen. Man hätte dafür sorgen müssen, daß ausländische Kredite hereinkamen. Deutschland habe die ausländische An­leihe bekommen. Die Wirtschaft sei wieder angekurbelt aber )ennoch befänden wir uns heute im Elend als Folge Des verlorenen Krieges. Bon dem Ausfall der Wahl hänge ein gut Stück wirtschaftlicher, finanzieller und politischer Zu­kunft ab. Marx ging sodann auf die innere Politik über. Auch im Innern brauchten wir Ruhe, um vorwärtszukommen. Die Verfassung von Weimar sei der feste Boden, der Ruhe garantiere, Es werde ihm vorgeworfen, daß er für die Volks­gemeinschaft eintrete, gleichzeitig aber auch derjenige sei, der sich am schlimmsten gegen sie vergangen habe. Weiter werde ihm der Vorwurf gemacht, er hätte sein Christentum an den Nagel gehängt, ja, er sei ein Antichrist geworden. Das lasse ihn kalt, solange ihm sein eigenes Gewissen in der Brust den richtigen Weg angebe. Der Gedanke der Verständigung, des Friedens und der Völkerversöhnung sei gut christlich, und,er werde alles daran wenden, dieses Ziel zu erreichen. Die Welt könne nur gesunden, wenn alle sich die Hände reichten zum Wähle der Nation, zum Wohle der Völker.

Dr. Wirth spricht in Chemnitz.

Reichskanzler a. D. Dr. Wirth sprach in Chemnitz in einer Massenversammlung der republikanischen Parteien vor etwa 67000 Menschen, um für die Kandidatur Marx zu werben. Nachdem Dr. Wirth anfangs die Angriffe der Rechtspresse gegen seine Person zurückgewiesen hatte, führte er u. a. aus:Wir stehen in diesen Tagen wieder vor einer Bedrohung der Republik, zwar nicht in Form von Putschen, sondern durch Aushöhlung des Volksstaates, um diesen all­mählich zum Absterben zu bringen. Es muß daher ein er­bitterter Kampf geführt werden, um das große Ziel zu er- reichen, die Einordnung aller Schichten des arbeitenden Vol­kes in den neuen Bolksstaat als gleichberechtigte Faktoren. Die Aufstellung Hindenburgs bedeutet, die Arbeiterschaft er­neut vom Staatsgedanken zurückzudrängen. Redner kam

twn wäre es das größte Unglück, den ersten Kriegsmann in den Vordergrund zu stellen. Der Weg der Republik fei bet einzig mögliche, den wir gehen könnten, um zum Frieden nach innen und außen zu kommen, und daher müffe man den Republikaner Marx wählen.

Ministerpräsident Braun über die Präsidentschaftswahl.

Der in der Nähe von Locarno zur Kur weilende preu­ßische Ministerpräsident Braun erklärte gegenüber dem Ver­treter des Tessiner BlattesPopolo Liberta" u. a daß eine Prognose für die Reichspräsidentenwahl äußerst schwer sei. Ohne Aufstellung der Kandidatur Hindenburgs wären die Monarchisten sicherlich geschlagen worden. Ministerpräsident Braun hält trotzdem aber die Wahl von Marx für viel wahr­scheinlicher. Daß eine eventuelle Wahl Hinden - burgsinDeutschlanddieRepublikinGefahr bringen könnte, hält er für ausgeschlossen.

Auötritt Müller-Meiningens aus der Demokratischen Partei.

Die bisherigen Mitglieder der demokratischen Partei, Dr. Müller-Meiningen, Dr. Hammerschmidt und Nikolaus Stolz sind nunmehr formell aus dieser Partei ausgeschieden. Es handelt sich bekanntlich um die Konsequenzen ihrer Stel­lungnahme zu Gunsten der Kandidatur Hindenburgs.

Die Not des besetzten Gebietes.

Bei dem Besuche des Ministers für die besetzten Gebiete, Dr. Frenken in Frankfurt a. M., hielt Oberbürger- m e i st e r Dr. Kübl in Aiuvcsenheit des hessischen Staats- Präsidenten, mehrerer hessischer Minister, sowie zahlreicher Vertreter des Wirtschaftslebens und öffentlicher Korpo- rationeu eine Ansprache. Für die denkbar ungünstige Lage des besetzten Geb i et es führte er die Tatsache an, daß es zur Zeit in der Stadt Mainz ohne die Zuschlags­empfänger 6000 Arbeitslose gebe, womit Mainz, was die Arbeitslosigkeit anlauge, an der Spitze der deutschen Städte stehe. Diese Ziffern allein genügten, um den Beweis zu erbringen, daß die in Friedenszeiten gute Wirtschaft de- rheinisch-hessischen besetzten Gebietes, besonders die der Stadt Mainz, wesentlich zurückgegangen ist. Es gäbe keinen Aus- weg aus der Gefahr, weil es nach der Beschlagnahme der Ge­treidespeicher durch die Besatzung keinerlei Lagerungs- unk Staffeluugsmöglichieiten gebe. Es müffe daher unbedingt Ersatz geschaffen werden. Die Schulverhältnisse lägen sehr im Argen, denn ein Drittel sämtlicher Schullokale sei

ebett falls beschlagnahmt worden. Die Wohnungsnot se infolge der SefC '

besetzten Deutschland, so daß zahlreiche Familien mit sechs Kindern in einem oder zwei Zimmern zusammengepfercht

chlaquahmungen bedeutend größer als im un-

würdcn. Von den Vertretern der Sieidts- und Staatsregie rung wurde nachdrücklichste Hilfe zugesagt, und anerkannt daß besonders das besetzte Gebiet weitgehende Unterstützunc nötig habe.