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Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS

Nr. 94 Donnerstag, den 23. April 1925

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Das Wichtigste.

In einer Wahlversammlung des Reichsblocks in Han­nover mahnte Hindenburg das deutsche Volk zur Ernigkeit. Von allen Seiten kommen begeisterte Aufrufe für den Feldmarschall.

Dr. Marx sprach in Koblenz zu den Deutschen M besetzten Gebiet. Der Ring Deutscher Katho- l r k e n .ruft gegenMarx auf, desgleichen Dr. Heim, Führer der Bayerischen Volkspartei.

Das Kabinett Painlev^ hat von der Kammer das Vertrauen erhalten. Caillaux und Briand haben ihr Programm vorgelegt.

Die Unruhen in Bulgarien sind noch nicht unterdrückt, überall werden Kommunistennester ausgehoben.

Durch Arbeit zum Aufstieg.

Die geradezu verheerenden Wirkungen des Krieges und die auf Vernichtung berechneten Artikel des Versailler Ver­trages hatten die deutsche Wirtschaft an den Rand eines Ab­grundes gebracht, aus dem es kein Wiedererstehen gab. Viel­fach ist uns heute noch nicht zum klaren Bewußtsein gekom­men, was wir verloren haben; ja, es herrscht sogar hier und da die Auffassung, unsere Wirtschaft stehe vor einer neuen Blüte oder habe doch die Kriegsschäoen zum mindesten über­wunden. Doch ist dieser ersehnte Zustand lange noch nicht erreicht. Etwa 6 bis 7 Prozent der verarbeitenden Industrie, 15 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion und sogar 20 Prozent des Bergbaues und der eisenschaffenden Indu­strie haben wir verloren. Um diesen Ausfall wieder auszu- gleichen, waren gewaltige innere Umstellungen von Produk­tions- und Kaufkraft notwendig. Zugleich mußte die Lage bestimmend sein für dir B?ri->b>,»a»n' n

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kriegszeit müssen heute weit größere Mengen an Lebens­mitteln und Rohstoffen nach Deutschland eingeführt werden, was andererseits die Bedingung auferlegt, die verstärkte Ein­fuhr durch mindestens entsprechende Ausfuhr wettzumachen. Die Ausfuhr aber ist in allererster Linie von der Leistungs­und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie abhängig. Und damit kommen wir auf den wunden Punkt in unserer Wirtschaft. Hier ist Deutschland ganz außerordentlich ge­schwächt. Die Produktionskosten, der maßgebende Faktor der Wirtschaftlichkeit und Konkurrenzfähigkeit der Industrie, sind erheblich höher als es der Wiederaufbau unserer Wirt­schaft vertragen kann, und es bedarf zäher Arbeit und harter Anstrengung, um deutschen Erzeugnissen den Weltmarkt wieder zu erschließen. Geradezu niederschmetternd muß es wirken, wenn wir erfahren, daß unsere Ausfuhr, die 1923 gegenüber dem Vorkriegsstände nur 52 Prozent betrug, 1924 sogar auf 50 Prozent heruntergegangen ist. Mangel an flüssigem Betriebskapital, Kreditnot und die gegenüber dem konkurrierenden Ausland noch überaus hohen Geldsätze sind der Grund zu diesem traurigen Stand der deutschen Ausfuhr. Der Inlandsmarkt wiederum ist bei der ge­schwächten Kaufkraft der breiten Bevölkerung auch nicht in der Lage, stärkend und fördernd auf die Wiedergesundung einzuwirken.

Die Alliierten, die unsere deutsche Wirtschaft für uner­schöpflich halten und sie nach Belieben belasten zu können glauben, weisen nun immer auf die unversehrten Produk- tionsgüter Deutschlands hin und vornehmlich Frankreich setzt dem die zerstörte Industrie Nordfrankreichs in reichlicher Aus­nutzung verantwortungsloserPropaganda gegenüber. Dazu ist einmal zu bemerken, daß nach französischen Angaben selbst von der Zerstörung der Fabrikanlagen in Nordfrankreich längst keine Rede mehr sein kann, ja, daß vielmehr der Wie­deraufbau Anlagen geschaffen hat, die den Vorkriegszustand bei weitem übertreffen; zum zweiten, daß die Beurteilung der deutschen Sachgüter falsch ist. Sachgüter sind völlig wertlos, solange sie nicht durch Erträge bestimmt sind, die aus ihnen durch Arbeit herausgeholt werden können. Kurzsichtige und Urteilslose werden sagen, daß während der Inflationszeit Riesenmengen von Papiergeld in Sachgüter umgewandelt worden sind und daß bei geschickter und günstiger Anlage der Papiermark große und bleibende Werte geschaffen worden sind. Gewiß ist davon ein gut Teil Wahrheit, denn wir wollen gar nicht verkennen, daß manche Gemeinde sich Güter geschaffen hat, zu denen sie bei geordneten Geldverhältnissen nie gelangt wäre. Aber sehen wir uns die Kehrseite an. Wie sicht's denn mit der Schaffung von Sachgütern in unserer Industrie aus? Hier ist während der Inflation eine Auf­blähung von Sachgütern, Fabrikanlagen und bergt, erfolgt, die wirklich keinen gesunden Kern hat. Wenn heute der Aktienindex auf taunt mehr als ein Drittel des Vorkriegs- index zurückgegangen ist, d. h. der Wert der Industriepapiere heute nur einen Bruchteil dessen von 1913 darstellt, so ist das nicht zuletzt der Ausdruck der Sachwerte, wie er sich aus der Abschätzung der gegenwärtigen und künftigen Erträgnisse ergibt. Wir sind nach dem Kriege nicht mehr das glückliche Volk, das von seinen Renten, b. I). von den Fruchten seiner früheren Arbeit leben kann, nur eigene Arbeit kann uns wieder zum Aufstieg verhelfen. Wir haben kaum etwas worauf wir aufbauen können. Es gilt eine neue Basis zu schaff fen, die den heutigen veränderten Verhältnissen in Deutsch­land angepaßt ist. Mehr denn je ist unsere junge Rock-kriegs­

wirtschaft durch schlechte Konjunkturen oder bergt. schweren Rückschlägen ausgesetzt, und wir müssen harte Arbeit leisten, um der Wirtschaft Risikorücklagen zu schaffen, die sie vor plötzlichem Ruin schützen. Es bedarf noch ungeheurer Kraft­anstrengungen und umfassender Produktionssteigerungen aus allen Gebieten des Wirtschaftslebens, um wieder eine sichere Grundlage zu schaffen, die fest genug ist, um die schweren Lasten, die wir als Folgen des Krieges auf uns genomnien haben, zu tragen.

Hindenburg mahnt zur Einigkeit.

Der Reichsblock, Ortsgruppe Hannover, verunstaltete am Dienstag abend eine große öffentliche Kundgebung für die Kandidatur Hindenburg, zu der der Feldmarsch all persönlich erschienen war. Nach einer Begrüßungs­ansprache nahm als Hauptredner des Abends Staats - minister a. D. Hergt das Wort. Er führte u. a. aus: Vor uns steht noch der letzte Sonntag, der die Kundgebung des Hannoverschen Volkes für ihren Feldmarschall brächte, der Tag, an dem fünfhundert Gesandte aus allen deutschen Gauen hierhergekommen waren, um sich persönlich davon zu über­zeugen, ob sie bei der Ausstellung Hindenburgs die rechte Lösung gefunden haben. Sie gehen nun als Apostel für Hin­denburgs Sache hinaus in die Lande und treten für unsern Hindenburg ein mit dem Bewußtsein: Wir haben für unset politisches Schiff jetzt den Grund gefunden, der seinen Anker sicher hält. Wir kennen Hindenburg. Deshalb lieben wir ihn, und weil wir ihn lieben, deshalb wühlen wir ihn. Wir haben das Bwußtsein, daß hier zum ersten Male wieder eine

große Volkseinheit

wiederhergestellt wird, eine Volkseinheit, wie vor zwei Jah­ren, als der Ruhr widerstand begann. Unserem Hindenburg kann kein Mensch den Vorwurf eines Parteimenschen machem Hindenburg ist sein eigenes Programm

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greift, wenn Not am Mann ist. Das sind die Aufgaben des Reichspräsidenten.

Der rechte Geist, nicht das Programm tusss.

Sieben Jahre lang hat man sich bemüht, das deutsche Volk vergessen zu lassen, daß es eine große Vergangenheit hat. Er soll unser Symbol sein. Er weiß, daß ohne die Arbeiterschaft nie ein Volk mit Erfolg regiert werden kann Er ist auch ein Symbol des inneren Friedens und des Ausgleiches der Gegensätze auf parteipolitischem Gebiete. Und über alles steht die ganze hervorragende Persönlichkeit. Die Persönlichkeit eines Mannes, der wie Bismarck mit der ganzen Leidenschaft seines Herzens empfindet und dem Volke der Führer sein kann.

Nachdem stach die Vertreter einiger vaterländischer Ver­bände und Organisationen Treueerklärungen für den Feld­marschall abgegeben hatten, ergriff

Hindenburg

selbst, von der Versammlung mit lautem Jubel begrüßt, das Wort und erklärte:

Der WahIkanlpf nähert sich seinem Ende. Da ist es mir ein Bedürfnis, allen meinen herzlichen Dank auszu- sprechen für die Liebe und für das Vertrauen, das Sie mir in diesen Tagen bezeugt haben. Sollte ich gewählt werden, so werde ich, wie schon manches Mal in meinem Leben, meine Pflicht tun. Aber auch wenn ich nicht gewählt werden sollte, so bitte ich Sie, mit mir vereint weiter dahin wirken zu wollen, daß die deutsche Einigkeit, das deutsche Recht und die deutsche Freiheit bei uns wider heimisch werden. So fordere ich Sie, wie so oft schon an dieser Stelle, abermals auf, dies zu bekräftige« mit dem gemeinsamen Rufe: Unser teures deutsches Vaterland Hurra."

Der RrichSblock in Köln.

In einer großen Wahlversammlung des Reichsblocks in Köln sprach der Reichstagsabgeordnete Dr. Gilde m e i st e r über Sinn und Ziel der Präsidentenwahl. Er führte dabei aus, daß es in den sieben Jahren der.Amtszeit des neuen Reichspräsidenten gelingen, müßte, den A b s ch l u ß nute r die Rev olutioN zu setzen. Heute gchc es nicht darum, das Werk Bismarcks für überwunden zu erklären, sondern das Werk Bismarcks zu erfüllen. Durch die Aufrollung der Schuldfrage am Niederbruch des Vaterlandes sei das Volk an seiner eigenen Geschichte irre geworden. Wie wir die Lasten gemeinsam getragen hätten. so müßten wir auch die Schuld gemeinsam tragen. Die Größe eines Volkes wäre davon abhängig, wie es sein Unglück zu tragen wisse. Für den zweiten Wahlgang galt es, einen Mann zu suchen, auf den jeder als auf ein Sinnbild deutscher Treue blicken kann. Von Hindenburg dürfen wir sagen, daß wir in ihm diesen Mann gefunden haben. Das Zen- t r u m, führ der Redner fort, habe der S o z i a l d e m o - kratie für ihre 8 Millionen Stimmen für die Wchl des Reichspräsidenten die Regierung in Preußen aus - g e h ü n d i g t. Die Entscheidung in diesem Wahlgang sei für unser politisches Leben von der größten Bedeutung.

Tirpitz spricht in München für Hindenburg.

Großadmiral v. Tirpitz sprach in München in zwei Versammlungen über die Kandidatur Hindenburg. Er führte aus, in erster Linie fei die Erhaltung der

Reichseinheit notwendig, nicht im un italischen Sinne Der Weimarer Verfassung, sondern im tiefsten Sinne Bis- marcks. Die französische internationale Richtung, die Marx mit dem Zentrum und der Sozialdemokratie vertrete, führe nicht zu der Erneuerung Deutschlands, son. dern zur Auflösung. Man behaupte, der Feldmarschall sei zu alt. Er kenne auch Herrn Riarx und wünsche, man könnte dem ganzen Volke einmal diese beiden Männer gegenüber- stellen. In einem solchen Falle, glaube er, würden sich nicht wenige eines Lächelns über die Behauptung einer größeren Leistungsfähigkeit des Herrn Marx erwehren können. Die Entscheidung für Hindenburg würde die Stellung Deutsch­lands in der Welt mit einem Schlage ändern; denn der Be- weis wäre erbracht, daß die Kräfte, die in Deutschland noch gesund geblieben sind, wieder die Oberhand bekommen haben gegenüber den internationalen Utopien und rein klassenkämp» ferischen Gesinnungen. Anständigkeit, Würde Und Ehrlichkeit im Staatswesen würden zurückkehren in unserem Lande. Wir würden in kurzer Zeit der Welt gegenüber nicht mehr als ein sich selbst zerfleischendes Volk dastehen und würden damit aufhören, bloßes Objekt unserer Feinde zu sein. Freunde würden aus der ganzen Welt uns zuströmen, sobald sie uns als sicheren Faktor für ihre Interessen wieder ein- setzen könnten. Das gelte auch für einen großen Teil unserer bisherigen Feinde.

Ein Aufruf von Frauen des Reichsblocks.

Eine Reihe von führenden Frauen des Reichsblocks ver- öffentlich einen Aufruf, in dem zur Wahl Hindenburgs auf. gefordert wird. In dem Auftuf heißt es: Er, auf den Mil­lionen Deutsche aller Stände, aller Parteien mit Stolz und Ehrfurcht zu blicken gewohnt sind als auf das unverrückbar feststehende Wahrzeichen deutscher Treue und k e i t; er, dessen Raine als "leüchtenbes^SmnSilö schlichter Mannesgröße in die Geschichte unserer verworrenen Zeit ein. gegraben ist; er, vor dessen unantastbarer Lauterkeit und in schwersten Stürmen erprobter Klarheit des Urteils alle Tadel- sucht und aller Parteizank verschämt verstummen müssen, er tritt in diesen Frühlingstagen wieder als Retter und Einiger, als Verkörperung deutscher Kraft und deutschen Lebenswil­lens vor fein in Ehrfurcht grüßendes deutsches Volk. Dafür wissen wir deutschen Frauen ihm Dank. Seine Taten er­füllten die Welt mit Bewunderung, seine Persönlichkeit zwingt noch heute auch unseren Feinden die höchste Achtung ab. Der geniale Führer im Weltkriege weiß am besten, daß unserem völlig entwaffneten Volk nur Anspannung aller Kräfte, Reinlichkeit in allen Verwaltungszweigen und Er- starkung des deutschen Innenlebens zum Wiederaufstiege ver- helfen können.

Dr. Marx in Koblenz.

Reichskanzler a. D. Dr. Marx hielt in einer zahlreich besuchten Versammlung in Koblenz eine Rede, in der er u. a. folgendes sagte:Wenn jemals ein Gebietsteil des deutschen Vaterlandes seine nationale Treue bewiesen hat, so sind es die besetzten Gebiete, so ist es das Rheinland. Rheinische Treue ist deutsche Treue! Der nationalen Worte werden in Deutschland viele gesprochen; in den letzten Jahren aber hat mehr wie jede andere Bevölkerung Deutschlands die Bevölke­rung der besetzten Gebiete, die Bevölkerung des Rheinlandes, bewiesen, was nationale Tat ist. Die Reichspolitik konnte ja nur eine Stütze und Hilfe sein für das, was an nationalen Kräften hier lebte und wirkte. Reich und Rhein sind nicht ein äußeres Schlagwort, sondern glückliche Wirklichkeit ge­worden. Das Rheinland hat Opfer getragen für das ganze Deusschland, und das ganze Deusschland hat Opfer getragen für das Rheinland. Harte Steuern haben wir erheben müssen aus allen Teilen Deutschlands, um Reich und Rhein zu retten. Harte Not hat das ganze Deusschland getragen, als wir in schwerster nationaler Bedrückung waren, harte Not, doch lohnende Not. Wir leben wieder in der Hoffnung auf eine endgültige Freiheit Deutschlands. Die harten Leiden sind eine Läuterung für unser Volk und unser Vaterland ge­worden. Mehr denn je haben wir den Gedanken des Frie­dens, die Arbeit für den Frieden schätzen gelernt.

Das deutsche Volk, das rheinische Volk will den Frieden Deutschlands, Europas und der Welt. So grüße ich auch das Rheinland und feine Bevölkerung, das Land her Treue und das Land des Friedens. Die Fragen des besetzten Gebietes sind deutsche Fragen, und dem deutschen Reichspräsidenten müssen diese Fragen im besonderen am Herzen liegen. Die Alliierten sind durch Verträge verpflichtet, die besetzten Ge­biete zu bestimmten Fristen zu räumen. Die Räumung der nördlichen Rheinlandzone ist, ohiw daß uns die Gründe der Nichträumung klar mitgeteilt mürben, verzögert worden. Mit Ihnen erwarte ich.'daß in kürzester Zeit nicht nur die nördliche Rheinlandzone, sondern auch das Ruhrgebiet von der Besatzung befreit werben. Die rheinische Bevölkerung hat so oft Zeugnis abgelegt von ihrer politischen Einsicht und Be- sonnenheit. Der Geist, der das rheinische Volk beseelt, wird es die Geduldproben, die es noch zu bestehen gilt, siegreich bestehen lassen bis zu dem Tage, da über dem Rheinland die goldene Sonne der Freiheit unser aller Wunsch auf- gehen wird." .....