Hersfelöer Tageblatt
Hersfelöer Kreisblatt"
Amtlicher Mnzeiger für den kreis Hersfeld
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Nr. 105 Mittwoch, den S. Mal 1S2S
Das Wichtigste.
— Der tschechische Außenminister B e n e s ch wird dem- nächst in Wien eintreffen, um sein Intrigenspiel gegen den Anschluß Oesterreichs an Deutschland fortzu- setzen.
— Staatssekretär von Trendelenburg, der zurzeit in Berlin weilt, gab einen kurzen Ueberblicküber denStand der deutsch-französischen Wirt- schaftsverhandlungen und sprach die Hoffnung aus, daß noch bis Ende dieses Monats wenigstens ein Provisorium zustandekommt.
— Bon französischer und spanischer Seite wird ein um - fassender Angriff gegen die Rifkabylen in Marokko vorbereitet.
Tausendjahrfeier der Rhrmlande.
Das Rheinland rüstet zu einer imposanten Kundgebung: es wird in diesem Jahre das Jubiläum seiner staats- rechtlichen Verknüpfung mit dem übrigen Deutschland feiern, die sich zum tausendsten Male jährt. Auch in normalen Zeiten hätte ein solches Jubiläum lauten Widerhall in den Herzen aller gesunden — unter den gegenwärtigen Verhältnissen kommt dieser Feier tiefe symbolische, ja aktuell-politische Bedeutung zu. Denn nun wird aus der Gedenkfeier, aus dem historischen Jubiläum ein weithallendes Bekenntnis der Rheinlande zum Deutschen Reiche, ein Treueid der Rheinländer zu ihrem größten Vaterlande. Das Rheinland ist immer noch in Gefahr. Ist auch der Separatistenrummel vorüber, niemand bürgt dafür, daß der außenpolitische Kurs in Frankreich nicht eines Tages wieder die alte Richtung einschlägt. Die vertraglich vorgeschriebene Räumung Kölns ist nicht durchgeführt, der Ver- tragsbruch nicht begründet worden. Kann dieses Schicksal nicht auch dem gesamten Rheinlande blühen? Im Bewußtsein dieser unsicheren Lage drängt es das Rheinland Ä^^ zu geben.
Fast alle größeren Städte am Rhein bereiten irgendwelche Feste und Veranstaltungen vor. Im Vordergrund stehen die Iahrtausendausstellungen, durch welche versucht werden soll, der Bevölkerung des Rhein- landes einen Ueberblick über die Kulturgeschichte seiner Heimat zu geben. An der Spitze marschiert auch hier wieder Köln. Diese Stadt, welche in den letzten Jahren einen starken Aufschwung genommen und riesige Projekte verwirklicht hat — man denke nur an Messe, Stadion, Musikhochschule und Grüngürtel! —, betreibt auch die Vorbereitungen für seine Iahrtausendausstellung mit staunenswerter Großzügigkeit. In den großen Ausstellungshallen auf dem Deutzer Ufer wird über ein Vierteljahr hindurch, vom Mai bis August, eine planvoll aufgestellte Sammlung der wichtigsten Kultur- denkmäler des Rheinlandes, soweit sie transportabel sind, zu sehen sein. Aus Museen und Privatsammlungen, aus Kirchen und Klöstern werden die Ausstellungsgegenstände herbeigeschafft. Rheinpfalz, Eifel, selbst Frankfurt, alles, was zum Rheinland gehört, soll vertreten sein. Schiff, Auto und Eisenbahn sind im Dienste dieser Sache tätig. Neben der historischen soll auch die gegenwärtige Kultur gebührend zu Wort kommen, so daß man einen Einblick in die zeitgenössischen schöpferischen Kräfte des Rheinlandes erhoffen darf. —
Nun noch eine kurze Erläuterung der g e s ch i ch t l i - chen Begründung dieser Feier. Das Rheinland war ja seit grauen Zeiten rein germanisches Land und hatte vor tausend Jahren bereits eine hochentwickelte Kultur und eine große Geschichte. Bedeutende Städte, so Köln, Trier, Mainz, Worms und Speyer waren aus Römerlagern entstanden, und das Christentum hatte von hier aus seinen ersten Weg in die deutschen Lande genommen. Im Laufe der Völkerwanderung erhoben sich auf den Trümmern der römischen Provinzen germanische Königreiche. Einige Jahrhunderte später schuf Chlodwig das Frankenreich. Die Karolinger breiteten es aus und führten es zu höchster Macht. Mittelpunkt dieses Reiches war das Rheinland: Karl der Große residierte am liebsten in Aachen. Doch diese Schöpfung zerfiel wieder, und die Enkel Karls des Großen teilten im Vertrage von Verdun die Erbschaft in drei Teile. Das war im Jahre 843. Das Rheinland fiel größtenteils zum „Mittelreich", das sprachlich und kulturell bunt zusammengewürfelt war: es umschloß Italien, Burgund, das ganze linke und einen Teil des rechten Rheinufers. Dieses Gebilde, in der Folgezeit mehrfach geteilt, blieb ein Streitobjekt zwischen dem rein germanischen Ostfranken- und dem rein romanischen Westfrankenreich. Nach harten Kämpfen vereinigte jedoch Heinrich I. die germanischen Teile des.„Mittelreiches" mit dem übrigen Deutschland. Durch diese Tat erst gestaltete er das o st f r a n k i s ch e zum deutschen Reich. Nach dieser Neuregelung, die im Jahre 925 ihren Abschluß fand, war ine deutsche Westgrenze mit der germanischen Sprach- und -Kulturgrenze nahezu identisch: der nationale deutsche Staat wir gelassen. Diese Bindung der deutschen Westmark an das übrige Deutschland wurde nur einmal für etwa 20 Jahre durch fremde Macht gelöst; innerlich jedoch ist sie stets feftgebheben. Und wenn das Rheinland in diesem Jahre das Jubiläum seiner staatsrechtlichen Vereinigung mit - dem Deut; chen Reiche feierlich begeht, so hat dies vor allem den Sinn, daß laut vor aller
Welt bekanntwerden soll: Rheinland ist deutsches Land und will es immer bleiben!
Für dieses Wort bürgt auch die Rede des Reichskanzlers Dr. Luther auf dem pfälzischen Pressefest. Dr. Luthers Worte haben im Rhein-lande nicht ihre Wirkung verfehlt. Er hat es wieder einmal klar und deutlich über den Rhein schallen lassen, daß die Rheinlande deutsch sind und daß das deutsche Volk ein Anrecht auf die Befreiung hat. Noch immer stehen fremde Truppen unter Mißachtung des Versailler Vertrags im Rheingau, noch bestimmen französische, belgische und eng. lische Behörden das Wirtschaftsleben in deutschen Gauen. Wir dürfen und werden nicht eher vichen und wollen es laut in alle Welt hinausrufen, daß dem deutschen Volke schweres Unrecht geschieht. Die deutschen Rheinlande gehören zum Reich, kein anderes Land hat ein Anrecht auf sie. Genug der Versklavung! Deutsche, erhebt laut eure Stimme zur Anklage über die Versklavung deutscher Brtzder am Rhein, sorgt, daß das große Jahr in der rheinischen Geschichte nicht ein schwarzes Blatt wird. Fordert die Freiheit der rheinischen Gaue, auf die sie nach einer tausendjahr gen Geschichte und sogar nach dem Knechtschastsvertrage von Versailles alles Recht haben.
Die deutsch-französische« Wirtschaftsverhandlungen.
Ueber den Stand der deutsch-französischen Wirtschaftsver» Handlungen erfahren wir von unterrichteter Seite: Bei sei- nem nur kurzen Aufenthalt in Paris hat Stantssekrtär von Trendelenburg mit dem französischen Handelsminister Chaumet Richtlinien für die Angleichung der von beiden Seiten vorgelegten Warenlisten ausgearbeitet, die jetzt in Unterkommissionen zur Verhandlung stehen. Staatssekretär oon Trendelenburg mußte sich auf bringendes Anraten der Aerzte wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes wieder nach Berlin be-geben; er beabsichtigt aber, nach Paris zurückzukehren, sobald die Verhandlungen der Unterkommis- sionen eine abschließende Vollsitzung ermöglichen. Die bereits Anfang April ausgetauschten Warenlisten sind in den beider- dieses Provisorium schon einen organischen Uebergang zum Definitivum darstellen wird, muß abgowartet werden. Was die Zollgrundlagen angeht, so verhandelt Deutschland auf der Grundlage der die große Zollrevision vorbereitenden kleinen Zolltarifvorlage, Frankreich auf der Grundlage einer kleinen Zwischenvorlage, die etwa 50—60 Positionen vorsieht. Deutschland ist nicht so sehr an der Höhe der französischen Zollsätze, als an der Beteiligung der Diskriminierung des deutschen Handels interessiert. Wenn die ftanzösische Regierung den: Parlament eine Einigung mit Deutschland auf der Basis der Zwischenzollvorlage vorweisen kann, ist anzunehmen, daß diese Vorlage im Parlament keinen Schwierigkeiten begegnet. Man hat den Eindruck, daß unter der Führung des neuen Handelsministers Chaumet die ftanzösische Delegation die Verhandlungen intensiver betreibt als bisher.
Die Tatsache« stimme«, nur die Schlußfolgerung nicht.
Der Berliner Souderbericksterstatter des Pariser „Matin" füllt zwei Spalten mit Betrachtungen über die moralische und wirtschaftliche Wiederaufrichtung Deutschlands. Herr Sauer- wein äußert sich in zweifelhaften Ausdrücken über deutsck)es Können und deutsche Organisation. — Was die Stimmung gegenüber Frankreich anlange, so glaubt Sauerwein, ein völliges Schwinden der Abneigung gegenüber Frankreich seststsüen zu können. In den Thea- tern würden französische Stücke gespielt, ftanzösische Filme würden in den Kinos gezeigt, und in einem großen Berliner Hotel hätten mehr als 700 Personen 20 Mark für den Platz bezahlt, um die letzten Schöpfungen eines großen Pariser Schneiders bewundern zu können. Der französische Botschafter wäre anwesend gewesen. Vor drei Monaten wurde solch ein Schauspiel noch allgemeine Entrüstung hervorae- rufen haben, so meint Sauerwein. Die gehässige Stimmung habe vollständig nachgelassen. (?) Deutschland sei ein Land, das der Zukunft vertrauensvoll entgengensehe.
Die Hetze gegen Deutschland.
General Morgan, der frühere britische Delegierte bei der interalliierten Militärkommission hielt vor Militärschriftstellern und Offizieren einen Vortrag über das Sicherheits- problem. Er benutzte die Gelegenheit, um aus seinen angeb- lichen Erfahrungen heraus die Behauptung aufzustellen, Deutschland habe keine der Klauseln über die Verringerung der Mannschaftsbestande durchgeführt (!) Ein Garantiepakt sei sinnlos, solange Deutschland nicht abgerüstet habe.
Erweiterung der Regierungsbasis in Preußen.
Der interfraktionelle Ausschuß des Preußischen Landtages hielt am Montag eine längere Sitzung ab, in der er sich mit der politischen rüge beuchte. Außer dem Ministerpräsidenten nahmen der Innenminister Severing mrd der Finanzminister Dr. Hoepker-Bschokf teil. Man war sich darin einig, daß, ivemr'dle ^Regierung am Freitag ein Vertrauensvotum er- teilte, alsbald in Äerchandlunaen über die Frage, wie in an das Kabinett auf eine breitere Grundlage stellen könnte, emzutreteri sei.
Dr. Müller-Meiningen verteidigt sich.
vr. Ernst Müller-Meiningen, der bekanntlich aus der Demokratischen Partei wegen seiner Stellungnahme für die Wahl Hindenburgs ausgeschlossen worden ist, oer- öffentlicht folgende Zeilen: „Erst jetzt erhielt ich die Flugblätter der schwarzroten Koalition zur Reichspräsidentenwahl, die, in Thüringen verbreitet, sich auch mit mir Armen, schon so oft Totgesagte »beschäftigt haben. Es ist unglaublich, was Port dein Volke über meine Haltung im Weltkriege wieder ein. mal alles vorgelogen wurde. Was ich „im August 1918' besonders verbrochen haben soll, ist mir und allen Kundigen schleierhaft, zumal ich schon im Herbst 1917 in einer weitverbreiteten Broschüre über meine Haltung in der sogenannten Annektionsfrage und in der Frage der sogenannten Frie- densresolution völlige Klarheit geschaffen habe, die meine damaligen fortschrittlichen Wähler im Meininger Land in Ver. sammlungen ausdrücklich gebilligt hatten. Also: Alle« Schwindel! Schließlich noch die eine Bemerkung: Merkwürdig, daß man einem „politisch Toten" noch im Dezember 1924 (!), also bei der Wahl, eine sehr aussichtsreiche Spitzen- kandidatirr für den Reichstag anbot und ihm danach sogar vorwarst, daß der betreffende Wahlkreis infolge der Ablehnung durch mich nicht zurückerobert worden sei! Höchst ni«rk- wüvdig! Alle Verleumdungen machen midj nicht anders, als ich war und geblieben bin — seit 1898, als mir zum ersten Male die Ehre zuteil wurde, das deutsche Volk im Reichstag zu vertreten. Ich trete ehrlich und offen fü r meine Ansicht ein; mag sie dem einen gefallen oder dem anderen nicht.
Dr. Ernst Müller-Meiningao.
Die Schuld an dem Eisenbahnunglück im Polnischen Korridor.
Ein weiteres Todesopfer.
Noch immer ist die Ursache des Eisenbahnunglück, bei Stargard nicht aufgeklärt. Die Polnische Telegra- phenagentur meldet: „Die Untersuchung des Eisenbahn- ÄilhM
wurden bisher zwei Personen verhaftet, die der Beteiligung an dem Verbrechen verdächtig sind." Gegenüber dieser bestimmten Aeußerung der offiziösen Agentur muß festgestellt werden, daß die ministerielle Untersuchungskommission Immer noch am Orte des Unglücks weilt. Sie ist sich also über die Ursache der Katastrophe noch nicht schlüssig geworden. Warschauer Blätter melden, daß am Tatorte Werkzeuge gesunken worden seien, die vom Gut Kokoschken, das in der Nähe liegt, stammen sollen. Nach Erklärungen des Gutsverwalters sollen die Werkzeuge Ende vorigen Monats gestohlen morden sein. Ferner will man ein geheimnisvolles Auto gleich nach dem Passieren des vorhergehenden Zuges auf dem Wege zur Eisenbahnstrecke gesehen haben. Das Auto soll dort eine zeitlang gestanden haben. Alle diese Gerüchte sind bisher von keiner amtlichen Stelle bestätigt worden. An der Be- feitigung der Trümmer wird auf der Unfallstelle immer noch gearbeitet. Es dürfte noch einige Zeit dauern, bis das zerstörte Gleis freigelegt worden ist und wieder benutzt werden kann. Von der polnischen Gisenbahubehörde ist die Belohnung für die Aufklärung des Unglücks auf 50 000 Zloty er- höhhworden. Auch der KaufmannSegor aus Riga ist inzwischen im Dirschauer Krankenhaus gestorben.
An der Stelle des Eisenbahnunglücks im Polnischen Korridor.
Höfle-UntersuchungSauSschuß.
Der Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtags zur Prüfung der Durchführung des Strafverfahrens gegen den verstorbenen Reichsministers Dr HöfI« fegte am Dienstag vormittag seine Verhandlungen fort
Bor Eintritt in die TagesorDnung wird vorn Vorsitzenden Dr. Seelnumn (Dn.) die Frage der Vereidigung der Zeugen -ur