Hersfelöer Tageblatt
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Funks )ZV.
Nr. 116
Dienstag, den 19. Mai
1925
Das Wichtigste.
— Nach den letzten Meldungen des Bergamtes hat die Grubenkatastrophe auf der Zeche Dorstfeld 44 Tote und 25 Verletzte gefordert. Es steht jedoch zu befürchten, daß noch mehrere Verletzte ihren Wunden erliegen.
— Im Haushaltausschuß des Reichstages erließ der Neichsfinanzminister von Sch lieben eine ernste Mahnung zur Sparsamkeit, da sonst die Finanzen des Reiches gefährdet werden könnten.
— Auf dem marokkanischen Kriegsschauplatz ist die Lage für die Franzosen weiter ernst. Man erwartet eine große Offensive Abd el Krims.
Der deutsche Rhein.
Es ist ganz gleich, ob man den deutschen Rhein aus persönlicher Anschauung heraus kennengelernt hat oder nur aus Berichten, Bildern und Liedern ihn hat preisen hören — der Deutsche, das deutsche Volk liebt den Rhein mit jener tiefen Innigkeit, welcher nur der Deutsche fähig ist.
Der Rhein ist deutsch. Er war im Mttelalter das Zentrum deutscher Kunst und Kultur. Bei Köln fand 1152 jenes prächtige, prunkvolle Schaufest statt, zu dem Kaiser Friedrich anläßlich seiner Krönung zum Kaiser der deutschen Nation alle deutschen Stämme gerufen hatte.
Nun hat sich das deutsche Volk wieder gerüstet, um auf allen Gebieten deutscher Kultur, Kunst und Wissenschaft den Rhein zum Mittelpunkt des Glanzes deutschen Wollens zu machen. Hinter uns liegen bittere Jahre. Aber deutscher Geist läßt sich nicht unterkriegen. Am Rhein erstand die Nibelungensage und schenkte Deutschland alle die prachtvollen Reckengestalten, die der deutschen Jugend, dem deutschen Volke Sinnbilder deutschen Charakters, der deutschen Seele, geworden sind. Siegfriedsmenschen verzagen nicht, auch wenn die ganze Welt dagegenstünde. Die Welt braucht das deutsche Volk nicht zu fürchten-, wohl aber jene unfaßbaren, im
geehrt von jeher. Um die deutsche Frau beneidet uns das Ausland. Das deutsche Volk darf auf seine Frauen stolz sein, und es ist bei weitem nicht Ueberschätzung, daß im deutschen Liede der deutschen Frau die gebührende Stellung geschaffen worden ist.
Am Rhein wohnt ein arbeitsfreudiges Volk. Da ist es zu verstehen, wenn nach des Tages Plagen und Mühen dem Frohsinn sein Recht gegönnt wird. Das Volk am Rhein ist ein sangesfrohes, lebenslustiges Volk.
Die Trümmer so mancher Ortschaft, mancher Burg weisen darauf hin, daß die Bevölkerung am Rhein schwere Zeiten durchgemacht hat. Die nahe Nachbarschaft des kriegerischsten Volkes der Erde hat ihre Spuren hinterlassen. Mölac, Ludwig der Vierzehnte, Napoleon I. sind Namen, die von Deutschen allein mit einem Gefühl von Haß ausgesprochen werden können und deren am deutschen Volke begangenen Frevel unvergeßlich bleiben sollen.
Der Rhein war deutsch und soll es ewig bleiben. Wenn auch das Rheinland in der Gegenwart die lästige, verhaßte Fremdherrschaft der Franzosen ertragen muß, so wie jetzt wird es bestimmt nicht bleiben. Die Zahrtausendfeier der Rheinlande wird und soll -der Welt zeigen, welche schöpferische Kraft im deutschen Volke vorhanden ist. Der politische Frühling des deutschen Volkes ist im Anbruch.
Nicht wie das französische ist das deutsche Volk im Niedergang begriffen. Unsere Kultur nimmt einen gewaltigen Aufstieg. Von diesem Aufstieg der deutschen Kultur soll die Zahrtausendfeier der Rheinlande ein Bild geben. Möge sie eine Heerschau der im deutschen Volke schlummernden Kräfte sein! Möge und darf es einst heißen: -Winterstürme wichen dem Wonnemond! A—o.
Englische (Stimmen zur Entwaffnungsfrage.
Die Daumenschraube für Deutschland.
Die Entwaffnungsnote und die Sicherheitspaktverhand- lupgen finden in den englischen Regierungsblättern keine Erwähnung. Dagegen beschäftigen sich die liberalen Blätter mit diesen Fragen. „Westminster Gazette" betont, daß die Forderungen der Alliierten in der Entwaffnungs- frage dem französischen Standpunkt zu viel Konzessionen ma- chen, besonders in der Einschränkung der Sicherheitspolizei und des Abbaues von Fabriken. Diese Forderungen gingen über das, was man als vernünftig bezeichnen könnte, weit hinaus. Es sei möglich, daß Chamberlain dem französischen Standpunkt zu sehr nachgegeben habe. Sehr viel schärfer sprechen sich die linksliberalen „Daily News" in einem „Die gepanzerte Faust" überschriebenen Artikel aus. Die im Laufe dieser Woche an Deutschland zu überreichende Note sei nach allen vorliegenden Berichten ein Dokument von außerordentlicher Härte. Es werde für die öffentliche Meinung in Europa und Amerika unmöglich sein, sich ein klares Urteil über die Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit der Forderungen zu bilden, weil die Alliierten den wichtigsten Teil des Berichtes der Militärkontrollkommission, o'uf welchpm diese Forderungen beruhen, nicht mit veröffentlichen wollen. Wenn nicht endgültig feststünde, daß Deutschland die Dertragsbestim-
mungen im wesentlichen nicht erfüllt habe, dann müsse es für den Standpunkt der Alliierten sprechen, wenn man den detail- lierten Bericht veröffentlicht, um die Rechtmäßigkeit der neuen Forderungen zu beweisen. Unparteiische Beobachter in Deutschland sind der Meinung, daß die Mehrheit der deutschen Politiker und die große Mehrheit des deutschen Volkes eine freundschaftliche und ernsthafte Regelung der Frage wünschen, und daß man bereit wäre, in dieser Hinsicht Opfer zu bringen. Es wäre aber ein großes Unglück, wenn man diese guten Absichten dadurch erdrosseln wolle, indem man den Eindruck schaffe, daß die alliierten Forderungen nicht endgültig sind und daß Deutschland fortgesetzt in der Daumen- schraube gehalten werden soll. Man dürfe hoffen, daß wenig, stens die Mantelnote im versöhnlichen Ton gehalten wird, aber daß sie auch gleichzeitig in klarer und unzweideutiger Sprache zum Ausdruck bringt, daß nach Erfüllung der Bedingungen die Alliierten ihrerseits ihre eigenen Verpflichtungen ohne weitere Winkelzüge getreulich und schnell ausführen werden.
Die alliierte Abrüstungsnote wird voraussichtlich Mitt- woch oder Donnerstag nach Berlin gesandt. Die bisherige Verzögerung fei auf die Tatsache zurückzuführen, daß, wäh- rend die britische Regierung in Anbetracht der weitreichenden Natur der alliierten! Forderungen nicht wünschte, daß die Sprache der Alliierten allzu streng sei, die französische Re. gierung bestrebt sei, den Anschein zu vermeiden, daß sie Zugeständnisse mache, die der französischen öffentlichen Meinung nicht willkommen sein würden. Kein Zeitpunkt, auch nicht ein bedingter, werde für die Räumung der Kölner Zone er- wähnt, weder in der Note selbst noch in der angehefteten Liste von Forderungen. Dies werde nach Ansicht mancher das Gefühl der Enttäuschung vermehren, das, wie man glaube, durch die alliierte Note in Berlin verursacht werden wird.
Marschall Foch über die Lage in Deutschland.
Wie aus Venedig berichtet wird, hat Marschall Foch, der sich in Italien aufhält, in einem Interview zur Lage in Deutschland und Europa nach der Wahl Hindenburgs erklärt, daß man an die persönliche Loyalität des neuen Staatschefs wegen des auf die republikanische Verfassung abgelegten Eides
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der Parteien, die ihn gewählt hatten, zu wachen. Marschall Foch habe sich offen gegen eine Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland ausgesprochen. Die Verträge müßten unversehrt, angewandt werden. Man dürfe keine Teilreviston vornehmen, die die Gesamtheit der Verträge ernstlich bedrohen würde. Es wäre indessen zweckmäßig, eine wirtschaftliche und Zollunion zwischen den Nachfolgestaaten der ehemaligen österreich-unga- rischen Monarchie zu bilden mit der Bedingung, daß die An- gliederung Oesterreichs an Deutschland unbedingt untersagt bliebe. Bezüglich der Derüschland vorgeworfenen Verfehlun- gen gegen die Entwaffnungsklauseln habe Marschall Foch erklärt, solange die Alliierten am Rhein« blieben, werde jeder Revanchegedanke Deutschlands ausgeschaltet sein.
Der französische Antwortentwurf in der Garantie- paktfrage.
„Petit Parisien" weist darauf hin, daß der französische Antwortentwurf «uf das deutsche Garantieangebot auf alle Diplomaten einen günstigen Eindruck gemacht habe. Er ent- halte den Vorbehalt, daß die Uebernahme der Verpflichtung zur Sicherung der Westgrenzen nicht die Außerkraftsetzung der Abmachungen Frankreichs mit Polen und der Tschecho- slowakei zur Folge haben könne, und gebe weiterhin die Vor- aussetzungen an,'unter denen zu den vertraglichen Bürgschaften noch Zusatzgarantien hinzutreten könnten. Außecd-m werde unzweideutig zum Ausdruck gebracht, daß Frankreich kein Feilschen um die deutsch-polnischen, deutsch-tschechischen und öst erreichisch-tsche- chisch-deutschen Grenzen drüben werde (!). Zum Schluß dementiert „Petit Parisien" die Pressemeldungen, nach denen die Inkraftsetzung des Garantrepaktes wegen der Richt- erfüllung der Abrüstungsklauseln nicht vor Anfang kommenden Jahres zu erwarten fei. Die Kölner Besetzung unddieAusnahmeDeUtschlandsindenBölker- b u n d seifen zwei voneinander g e t r en n t e D i n g e. Die französische Regierung werde letzten Endes ihr Verhalten von dem Deutschlands abhängig mache«.
Wie Frankreich den Sicherheitspakt auffaßt.
Die bevorstehende Rede des Reichsaußenministers S t r e s e m a n n über die außenpolitische Lage wird in Paris mit großer Spannung erwartet. Man glaubt, Stresemanns Rede werde Erläuterungen zu verschiedenen Punkten des deutschen Sicherheitsvorschlages enthalten. Diese werden jedoch nichts an dem bereits fertiggestellten Text der fran- zösischen Antwortnote ändern. Die französische Antwort sei derart redigiert worden, daß ein Umgehen der wichtigen Fragen völlig ausgeschlossen sei. Nach Ansicht führender Männer, die den Inhalt der Antwort Briands kennen, bilde diese Antwort ein politisches Dokument größter Wichtigkeit. Frankreich erklärt zwar seine Zustimmung zum Abschluß eines Sicherheitspaktes, doch wird klar ausgesprochen, daß die im Friedensvertrag festgelegten Ostgrenzen Deutschlands ebenso unantastbar und unveränderlich sein müssen wie die Westgrenzen. Die Verpflichtungen Frankreichs gegenüber Polen und der Tschechoslowakei werden durch den Sicherheitspakt
keineswegs geschmälert. Falls Frankreichs Hilfe von Polen oder der Tschechoslowakei benötigt werden sollte, würde der Sicherheitspakt, der zwar die Grenzüberschreitung durch Truppen im Westen unmöglich macht, Frankreich nicht daran hindern, Truppen nach dem Osten zu entsenden. Eine Wiederholung des Versailler Vertrages ist der Sicherheitspakt nicht, da diese überflüssig wäre; er ist lediglich eine Ergänzung der Garantien für die Sicherheit im Westen wie im Osten. Der Wortlaut der französischen Note schließt jede Verhandlung aus, wenn Deutschland nicht von vornherein erklärt, daß es außer den Westgrenzen auch die deutsch-polnischen, tschechoslowakischen und österreichischen anerkennt.
Die Kleine Entente zur Frage des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland.
Vertretern der Presse erklärte der jugoslawische Minister
N i n t s ch i t s ch, daß sich die Konferenz der Kleinen Entente mit der Frage des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland beschäfigen mußte. Die Konferenz beharrte auf dem Stand- Punkt des status quo. Ueber die zur Ausstellung einer gegen den Bolschewismus gerichteten Front wurde nicht verhandelt, da in dieser Frage jeder Staat selbständig vorgehe. Nin- tschitsch betonte die engen freundschaftlichen Beziehungen der Kleinen Entente zu Italien.
Die tschechischen Blätter beschäftigen sich neuerdings eingehend mit der Anschlußfrage Oesterreichs an Deutschland und mit den von österreichischer Seite gegen den tschechischen Außenminister Dr. Benesch gerichteten Angriffen. Das Blatt „Narodny Politika" schreibt: „Es ist natürlich unmöglich, das wir uns mit einem Großdeutschland, das uns zu dreiviertel umgeben würde, einverstanden erklären könnten." Man rechnet in Deutschland wohl mit der Unterstützung durch England, vielleicht auch Amerika, aber dieser Druck reicht nicht aus gegen den Widerstand der mitteleuropäischen Mächte." Das Organ des Ministers Dr. Benesch, die „Präger Presse", schreibt: „Die tschechische Regierung anerkannt die Loyalität der österreichischen Regierung und ist sich bewußt, daß dies« mit den Kreisen, die ihre Angriffe gegen Dr. Benesch richten, ^HM^IWWMWNWMWNWWMj
Die Olmützer Narodni Zednota, der berüchtigte Tschechisie- rungsverein, feiert am 28. Juni seinen vierzigjährigen Be- stand. Aus diesem Anlaß sammelt er einen Millionenfonds zur Stärkung der tschechischen Minderheiten im deutschen Gebiet. Bis jetzt sind darauf 66 000 Kronen eingezahlt worden
Englands Kampf gegen Sowjetrußlanh.
Die Londoner Arbeiterzeitung, Daily Herald, meldet, angeblich aus privater, zuverlässiger Quelle, die britische Regierung habe ihren Alliierten vorgeschlagen, eine gemeinsame Note an die Sowjetregierung zu senden, in der die absolute Verleugnung der Kommunisten und die Ausweisung der Hauptführer aus Moskau gefordert wird.
Im englischen Unterhause wird das Arbeitermikglied Ben S m i t h die Anfrage an Chamberlain richten, ob er Verhandlungen mit der französischen und mit anderen Regierungen geführt habe, um gemeinsam die diplomatischen Beziehungen mit Rußland abzubrechen. Der diplomatische Korrespondent des Daily Herald erklärt, die Meldung könne nicht überraschen, da ihr viele Vorzeichen vorangingen. Englands Botschafter und Gesandten hätten überall eine sowjetfeindliche Propaganda betrieben. Chamberlain habe bei der Balkan- Entente gegen Rußland gearbeitet. Man werde jetzt im Baltikum und auf bem Balkan diese Arbeiten wieder aufnehmen. In Warschau haben bereits Konferenzen der Minister und Generalstäbler stattgefunden. Ebenso in Warschau habe Eng- land die Ersetzung des Generals Sikorski durch Pilsudski betrieben. In Berlin habe England erklärt, die Wahl Hindenburgs würde keinen Einfluß auf die schwebenden Verhandlungen ausüben, wenn Deutschland sich an dem antirussischen Plane beteiligte.
Das Grubenunglück auf der Zeche Dorstfeld.
Bisher 44 Tote und 25 Verletzte.
Nach den letzten Feststellungen vom Montag mittag hat sich die Zahl der Toten auf -er Zeche „„Dorstfeld" auf 44 erhöht. Vermißt wird noch der Abteilungsleiter des hauptsächlich betroffenen Reviers. Die Zahl der Verletzten stellt sich auf 25, da sich jetzt auch die Leute gemeldet haben, die zuerst nach Hause gegangen sind. Unter ihnen befinden sich noch zwei Schwerverletzte. Das Unglück hätte ohne die Sicherung durch das Gesteinstaubverfahreu einen unübersehbaren Umfang annehmen können, da in den sechs Steigerrevieren, in welche die Flammen hätten hinein» schlagen können, etwa 400 Mann beschäftigt waren. Die Untttsuchung durch die Bergbehörde und die Grubensicher- Heitskommission hat Montag morgen begonnen. Die Ursache der Explosion des Sprengstoffmagazins konnte bisher nicht ermittelt werden.
Ministerialdirektor Haßfeld ist auf der Unglücksstell« ein getroffen. _.___