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Reisfelder Tageblatt

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hersfeiöer Kreisblatt"

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels

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Nr. 117

Mittwoch, den 20. Mai

1925

Das Wichtigste.

Große Aussprache im Reichstage über die -Rede des Reichsaußenministers Dr. ©trefe- mann.

Frankreich versucht die Nichtzahlung seiner Schulden auf die angebliche Nicht­einhaltung der Verpflichtungen Deutsch­lands zurückzuführen.

In P o m m e r n ist ein riesiger W a l d d r a n d ausgebrochen.

Sursum corda!

Eine Himmelsahrtsfestbetrachtung.

Empor die Herzen! Wer hat die Macht, uns also zu mahnen? Zwingt uns das Leben nicht in die Tiefe, dorthin, wo der Tod uns umdroht? Brechen wir nicht alle auf halbem Wege matt und mutlos zusammen? Wer nimmt all den Staub und all die Last von unserer Seele, wer leiht ihr Schwingen, daß sie auffahren kann mit Flügeln, wie Adler, der Sonne entgegen?

Ist's nur unsere Sehnsucht, die uns vorwärts treibt und aufwärts zieht? Goethe antwortet uns durch Mignon:Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!"

Wir Armen!Ach, an der Erde Brust sind wir zum Leide da." Wer brächte dauernd die Stimmung auf, die Hölty preist:O, wunderschön ist Gottes Erde und wert, darauf vergnügt zu sein!" Können wir alle immer in E. M. Arndts Frühlingsfreude einstimmen:Ja, du bist schön und golden, Mutter Erde, schön in deinen rosigen Abendlocken, duftig in deines Erwachens Silberschimmer, bräutlich und züchtig."'-

So wahr das empfunden ist, so ist es doch nur Wahn, in der erwachten Natur mit ihrem Duft und Schimmer, mit ihrem Grünen und Blühen, mit ihrem Glanz und Glück

Wer ihre Launen und Tücken, ihre Schauer und Schrecken, ihre Gewaltsamkeit und ihren Wechsel kennt, der wird sein Sehnen sicherlich nicht bei ihr gestillt finden. Und wenn Schiller recht hat, daß die Elemente das Gebild von Menschen­hand hassen wer wollte sich wohnlich da einrichten, wo alles wankt und weicht und wechselt?

Nein, unsere Parole lautet: Sursum corda! Höher hinauf die Herzen, vom Hier und Drunten zum Dort und Droben!

Und nun erst diese Menschen auf dieser Erde! Wie wenige sind es wert, daß man ihnen das Herz weiht! Wie viele haben uns enttäuscht, wie wenige blieben uns treu! Urteilt Heine zu scharf, wenn er die Menschenerde einem Toll­haus oder einem Krankenhaus vergleicht? Was ist aller Menschen Freundschaft, was sind dieser Erde Güter? Eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter!

Und nun gar erst wir selbst! Ist nicht das Natürliche, das Sinnliche in uns, ja, ist nicht der Mensch selbst nach Nietzsche das, was überwunden werden muß? Sehnen wir uns nicht in den besten Stunden unseres Lebens von uns selbst los?Ich bin ein Mensch da bist du was Rechtes!"

Wollen wir mehr sein als Erderzeugte und Naturgebun- dene, so müssen wir alle unsere Himmelfahrt halten.

Wir streben mit all unserer Sehnsucht vorwärts. Wir kommen aber nicht vorwärts, wenn wir nicht aufswärts uns führen lassen.

Wer ist der starke Magnet, der uns von allem triige- rischen Erdenglanz, von allem vergänglichen Menschenglück, schließlich und vor allem von uns selbst hinweg zu sich zöge in den Himmel"?

Kein anderer kann es sein als der, der sein heiliges Leben für uns opferte, als der Auferstandene, der durch des Todes Türen brach und auffahrend gen Himmel rms des Himmels Pforten erschloß und dort die vielen Hütten des Friedens bereitete.

Ist das Mystik oder gar nur Mythos? Nein, es ist mehr als beides: es ist die heroische Lebensbewährung des Geistesfürsten ohnegleichen, es ist das entscheidende Ereignis der Weltgeschichte, es ist ein Stück Himmelsgeschichte in diesem trüben, traurigen, todgebundenen Erdendasein.

Nun erst'hat die Mahnung Halt und Recht: Sursum corda! Nun ist einer da, der uns anzieht, weil er uns hinanzieht, über alles Irdische, Menschlich-Allzumenschliche hinweg, aus den Fesseln unseres natürlichen Ichs zur Frei­heit unseres höheren Selbsts. .

Nur wo Himmelfahrt ist, ist Freiheit, Friede, Freude.

Aber wo ist der Himmel? Ach, daß wir nach der ganzen Anlage unseres Geistes an Raum und Zeit gebunden sind, solange wir hier auf Erden leben! DasOben', nach dem uns der Himmel weist, ist kein höherer Ort, ;andern eine höhere Art; er ist die Ueberwindung des Scherns durch die Wahrheit des Seins, er ist Ewigkeit anstatt der Zeit.

Der geistige Himmel, in den wir Christo nachfahren sollen, ist die wahre Heimat unserer Seele, ist der Zielpuntt unseres nicht mehr erdgebundenen Geistes, ist die weltuber- legene Seinsweise unseres höheren Selbsts.

Wie die Musik uns eine neue Welt erschließt, so erschließt uns Christus den Himmel, wo die verklärten Geister des Ewigen Ehre rühmen-

Gibt es so etwas? Oder ist's nur ein Traum, ein Wahn- gdbilde irregeleiteter Sehnsucht? Ist Himmelssehnsucht Opium, Narkose, Ekstase, der Erschlaffung folgt?

Sie hat >it alledem nichts das geringste zu tun. Sie ist aller Weisheit letzter Schluß-, alles gesegneten Wirkens Anfang und Antrieb. , , t

Nur wer Himmelfahrt hält, stellt sein Leben auf den Fels und Weg heiliger Verantwortung, ewiger Verpflichtung, seliger Freiheit.

Er wird los von allen niederziehenden Gewalten, von allen sinnlich-dämonischen Mächten; er gelangt in die Atmo- sphäre des Ewigen und Heiligen. Und er braucht keinen Ikarusflug mit wächsernen Flügeln zur Sonne zu wagen, um mit gebrochener Kraft ins Meer der Verzweiflung zu stürzen.

Er hat einen Führer und Freund, der den Weg zum Himmel weiß und weist, ihn voranschreitet und alle die an seine sichere Hand nimmt, die ihre^ Herzen zu ihm erheben und ihre Hände nach ihm ausstrecken.

Das ist die Bedeutung und Kraft von "Himmelfahrt". Und darum: Sursum corda! Empor die Herzen!

Dr. Koehler.

Uebergaöe der Abrüstungsnote.

Eine französische Zeitung erklärt, daß die Abrüstungsnote an Deutschland wahrscheinlich Mitte dieser Woche überreicht werden wird.

England, Frankreich und Deutschland.

Der geschäftsführende Ausschuß der Vereinigung Frank- reich-Großbritannen verunstaltete zu Ehren des ehemaligen englischen Schatzkanzlers Sir Stöbert Hörne ein Essen. Nach Begrüßung durch den Vorsitzenden Senator Ionnart ergriff S i r R o b e rt H o r n e das Wort und erklärte, man wundere sich in Frankreich, daß Großbritannien Deutschland sobald in die gemeinsame Behandlung der Geschäfte wieder eintreten desüLiü.Weil dle ^ranMen uud

genau kenne«. Man müsse daher die Annüherung erleich­tern und die Unwissenheit bekämpfen. Die Umstände seien für eine engere Annäherung übrigens günstig. Er wünscht sodann eine engere Annäherung von England und Frank­reich auf wirtschaftlichem Gebiete. Als Beispiel hierfür be­handelte er die Beteiligung der britischen Schwerindustrie an der Kombination, die im Begriffe sei, durchgefuhrt zu werden oder schon durchgeführte worden sei, nämlich Zwilchen dem Eisenerz diesseits des Rheins und der Kohle jenseits des Rheins. Auf diese Weise werde eine Gemeinsamkeit der deutschen, französischen, englischen und belgischen Interessen geschaffen, die fruchtbar sein könne.

Prüfung der Garsntiepaktnote in London.

Das englische Kabinett wird die Antwort Briands auf die deutschen Sicherheitsvorschlüge prüfen. Wie derDaily Telegraph" schreibt, handelt es sich zuerst darum, ob dem Quai d'Orsay Aenderungen vorgeschlagen werden |oUen oder nicht. Nach Ansicht einiger Minister werde eine Abänderung des französischen Textes durch England gleichbedeutend mit ber Uebernahme der Verantwortlichkeit dafür sein. Anderer- seits werde die Auffassung vertreten, daß die Folgen sehr ernsthaft wären, wenn die französische Antwort in einer Form abgesendet werde, die die Fortführung der Verhanolungen unmöglich mache, zumal man augenblicklich keine andere Mög­lichkeit sehe, eine andere Lösung der europäischen Frageher- beizuführen. Vielleicht werde sich das Kabinett darauf be- schränken, sich über die genaue Bedeutung und Auslegung gewisser Fragen in der Note Klarheit zu verschaffen.

Frankreichspolitische" Schulden.

DerTemps" glaubt zu wissen, daß die französische Regie­rung in spätestens 14 Tagen Großbritannien und best Ver­einigten ©taten einen genauen Plan zur Bezahlung der Kriegsschulden unterbreiten wird. Das Blatt nimmt mit auf­fälligem Nachdruck gegen jede geschäftsmäßige Einschätzung des Schuldenproblems Stellung. Es würde eine schreiende Un- oerechtigkert bedeuten, so erklärt das Blatt, sollte man me Schuld, die Frankreich für die gemeinsame Sache während des Krieges aufnaüm, anfordern, ohne der Nichterfüllung (?) der deutschen Reparationsverpflichtungen Rechnung zu tragen. Die Gerechtigkeit erfordere zum mindesten eine Re- viderung der Kriegsschuld, entsprechend der Verminderung der deutschen Rcxarationsschnlü, die Frankreich notgedrungen unter dem gemeinsamen Druck Englands und der Vereinigten Staaten habe zugestehen müssen. Schließlich würde es den Gipfel der politischen Unmoralität bedeuten, wenn Frankreich von den Allierten mit weniger Wohlwollen und Großmut be­handelt würde, als man selbst Deutschland gegenüber (?) an den Tag lege.

Deutscher Reichstag.

6 3. Sitzung Dienstag. 1 9. 5. 2 5.

Nach Beginn der Reichstagssitzung teilt Präsiden! Lebe mit daß der Deutsch-Hannoveraner Supers neu in den Re.a)s:ax em- ßctrcten sei.

Am Regierungstisch befinden sich der Reichskanzler Dr. Luther und der Außenminister Dr, Stresemann.

In der großen politischen Aussprache, die beim Haushalt des Auswärtigen Amtes und der Reichskanzlei stattfindet, ergreift als erster Redner der Sozialdemokrat Breitscheid das Wort. Nachdem er sich kurz mit den Ausführungen Dr. Stresemanns beschäftigt hat, geht er auf die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten ein. Er meint, durch diese Wahl habe das politische Gesicht Deutsch- lands ein verändertes Aussehen erhalten. Nicht klar sei es ihm, mit welchem Recht Hindenburg den überparteilichen Charakter seiner Präsidentschaft betone, da er doch Mitglied der Deutsch­nationalen Volkspartei sei. Er stößt bei diesen Worten auf starken Widerspruch auf der rechten Seite des Hauses. Dann widmet er Ebert einen warmempfundenen Nachruf und behauptet, daß Ebert, obwohl er Sozialdemokrat gewesen sei, stets als Reichspräsident überparteilich gehandelt habe.

Für die Sozialdemokratie sagt er dem verfassungsmäß ge­wählten neuen Präsidenten die erforderliche Achtung und Ehr­erbietung zu. Sicherlich habe, fährt Breitscheid fort, Hindenburg den Eid in ehrlicher Ueberzeugung geleistet. Man könne nun auch den Gedanken in sich tragen, die Verfassung auf verfassungs­mäßigem Wege zu ändern. Theoretisch sei das ganz richtig; aber die Voraussetzungen fehlten hierfür. Als Breitscheid nunmehr vor­gehalten wird, daß auch die Sozialdemokratie mit der Verfassung nicht zufrieden sei, meint er, die jetzige Republik sei erfüllt mit kapitalistischem Geiste. Sie müsse in eine Republik des arbeiten­den Volkes umgestaltet werden.

Breitscheid beschäftigte sich im ferneren Verlauf seiner Rede mit der deutschen Außenpolitik. Die Wiederherstellung Deutsch­lands im alten Rahmen seine Illusion. Eine wirkliche Befrie- durg Europas im Westen sei nötig. Der Sicherheitspakr müsse an­genommen werden, auch wenn Deutschland ane trenne, daß Elsaß- Lothringen zu Frankreich gehöre. Dadurch aber habe Deutschland ein Recht, sich gegen die übrigen französischen und belgischen An­nexionsbestrebungen am Rhein zu wehren. Die Stellung der So- zialdeinokratie zu den Ostgrenzen sei klar. Seine Partei sei keines­wegs der Meinung, daß diese Grenzen gerecht wären. Sie könnten auch nicht von Dauer sein. Sie bildeten eine Gefahr für bett Frieden Europas. Trotzdem würde die Partei keine Politik unter­

werde und der dort gerecht handeln würde. Mit Rußland wolle Deutschland in Frieden und Eintracht leben, das würde die deut­sche Politik aber nicht hindern dürfen, die Auseinandersetzung mit dem Westen im deutschen eigenen Interesse zu entscheiden. Der Redner kommt dann noch einmal auf die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten zu sprechen. Nach der Wahl Hindenburgs laut« die sozialdemokratische Parole: Nun erst recht RepublikI Die So­zialdemokratie habe bei der Präsidentenwahl mit anderen Parteien zusammengearbeitet, trotzdem sei sie mit diesen Parteien nicht ver­heiratet. Wer die Wege der Sozialdemokratie beschreiten wolle, die aüf die vereinigten Staaten Europas hinlausen, sei den Sozial- demokraten willkommen.

Dann ergreift der deutschnationale Abgeordnete Graf Westarp das Wort.

Einleitend beschäftigt sich Graf Westarp mit den Ausführungen des Außenministers Dr. Stresemann, dessen wirtschaftlichen Teil man wohl allgemein unterschreiben könne, aber das Urteil Strese- manns über die allgemeine politische Lage scheine ihm doch etwas zu optimistisch zn sein. Wir hätten jetzt wohl eine Atempause, aber schwere Sorgen bedrückten uns, wenn wir daran dächten, was 1926 und in den folgenden Jahren werden solle, wenn man allein in Betracht zöge, daß wir 2500 Millionen in jedem Jahr« aufbringen müßten. Von dem in London so viel gepriesenen Geiste der Der- ständigung und Versöhnung sei bisher wenig zu bemerken. Wenn wir an die Ruhr denken, so denken wir gleichzeitig an den 16. August, und daß die jetzt noch aufrechterhaltene Besetzung ein schreiendes Unrecht ist. Mas wir von England in den letzten Iah- ren erlebt haben, sei nicht das Verhalten eines Gentleman. Er müsse den Bedenken des Außenministers durchaus zustimmen, daß eine weitere Verzögerung der gegebenen Räumungszusage kritische Folgen zeitigen könne; denn die Zusage der Räumung zum 15. August sei ein integrierender Bestandteil des Londoner Ab­kommens.

Graf Westarp beschäftigt sich nunmehr mit der ausstehen den neuen Kontrollnote. Bitter bemerkt er, diese Note werd kaum Anlaß zu Enttäuschungen geben. Bei der Prüfung de neuen Forderungen sei er derselben Meinung wie der Reichs außenminister. Gewiß werde man in jeder Hinsicht an die Not der besetzten Gebiete denken. Andererseits würden di besetzten Gebiete aber nicht verlangen, das Deutschland auch alle unmöglichen Forderungei an nehmen müsse. Deutschland müsse verlangen daß diese Kontrollen ein Ende nähmen. Der Ver sailler Vertrag gebe der Entente hierauf kein Recht mehr. N o 6 immer sei die Kölner Zone nicht geräumt. Nebel dem kriegerischen Ueberfall auf das Ruhrgebiet sei der Tag bei Nichträumung des Ruhrgebietes und der Kölner Zone als einei der Tage des schwersten deutschen Elends anzusehen. Die Ententc sage, sie wolle die Gebiete nicht räumen, ehe Deutschland «nt- rbaffnet sei. Vier Monate seien seit der Generalinspektion ver- flössen; Deutschland seien aber die Anklagepunkte noch nicht mit geteilt worden. Die Welt könne daraus erkennen, wie sehr bei Entente das Matrial für die Anklagen fehle. Die Brüder unt Schwestern im besetzten Gebiet hätten Deutschland die Treue ge­halten. In England hätte man sich über die Kundgebungen er­regt, die anläßlich der Zahrtausendfeier des Rheinlandes zum Ausbruch kamen. Gewiß seien diese Kundgebungen für England unbequem, sie schlügen an das Gewissen der Welt. Deutschland wisse aus dem Rheinland, wie die Bewohner die Schmach emp­finden, daß der Tag der Jahrtausendfeier unter fremden Bajo-