Hersfelöer Tageblatt
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Hersfel-er Kreisblatt^
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels
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Nr. 119
Sonnabend, den 23. Mai
1925
Das Wichtigste.
— Die französisch-englischen Verhandlungen über den Sicherheitspakt dauern an. Das englische Memorandum liegt in Paris zur Prüfung vor.
— In Stuttgart wurde am Himmelfahrtstage das Haus des Deutschen Auslandinstituts eröffnet. Reichsaußenminister Dr. Strefemann hielt eine Rede über Deutschlands Wiederaufbau.
— Die Note der Alliierten über Deutschlands Abrüstung wird nach Pariser Meldungen i m Laufe der kommenden Woche in Berlin überreicht werden.
Der Kampf gegen eigene Waffen
Die Kämpfe in Marokko nehmen einen für Frankreich recht bedrohlichen Charakter an. Soweit die französische Zensur, die ja in hinreichend bekannter Art ein großes Geschick im Vertuschen der Wahrheit besitzt, Nachrichten vom marokkanischen Kriegsschauplatz durchläßt, sieht die Lage für die Truppen des Generals Lyautey nicht sonderlich roste es scheinen sogar ernste Schwierigkeiten zu entsteh!
fig an. Ja,
es scheinen sogar ernste Schwierigkeiten zu entstehen, die in der französischen Heimat ziemliche Unruhe aufwirbeln. Die Kammern interessieren sich brennend für die Ereignisse in Marokko, man scheint nichts Gutes dort zu wittern, man interpelliert den Ministerpräsidenten und verlangt die Wahrheit über die Sachlage. Frankreich hat wieder eine große Sorge mehr. Hinzu kommt, daß zur Fortführung des Marokkofeldzuges neue Mittel angefordert werden, was dem Finanzminister, der doch ernstlich sich mit einer gründlichen Sanierung der französischen Finanzen befaßt, sicherlich nicht sehr gelegen kommt. Hier verlangt Amerika mit Entschiedenheit die Rückzahlung der französischen Schulden, dort geht das Geld hinaus für den neuen Krieg in Marokko. Finanzsorgen sind ernste Sorgen, um so mehr in einem Lande, das seit Beginn des Krieges auf Kredit lebt und dabei kein Maß
lüsternen Franzosen: Die rein militärische Lage in Marokko bedeutet für das französische Heer eine grobe Enttäuschung. Es ist eitel Staunen und Entsetzen darüber, daß die Rif- kabylen so ausgezeichnet bewaffnet und geführt sind. A b d el Krim, der Führer der marokkanischen Truppen und der Spiritus rector des ganzen Aufstandes, ist ein moderner Mann. Er hat aus dem Weltkriege feine Lehren gezogen. Er weiß, mit welchen Mitteln ein moderner Krieg geführt werden muß, und deshalb fehlt es ihm nicht an Flugzeugen und schweren Geschützen. Die Ironie des Schicksals aber will es, daß diese Waffen, die Abd el Krim gegen die Franzosen wendet, zum größten Teil selbst sanzösischen Ursprungs sind, soweit sie nicht die Spanier auf ihrem Rückzüge zurückgelassen haben. Es ist je kaum noch ein Geheimnis, daß Frankreich, als Spanien in schwere Kämpfe mit den Rifkäbylen erwickelt war, dafür Sorge trug, daß.den Rifleuten dauernd Waffen zugeführt wurden. Jetzt sieht sich Frankreich von seinen eignen Waffen bekämpft und muß die Folgen seines hinterhältigen Handelns gegenüber Spanien am eigenen Leibe spüren. Die marokkanischen Truppen sind außerdem nicht unerfahren in der Handhabung der modernen Kampfmittel; sie haben eine gute Schule dafür gehabt, und ihre Routine ist reichlich groß. Frankreich selbst war ihr Lehrmeister, der seine-unerschöpflichen Reserven an Menschenmaterial im Kriege gegen Deutschland aus Marokko bezog. Hier auf dem europäischen Kriegsschauplatz haben die Marokkaner gründliche Kampferfahrung in der modernen Kriegführung gesammelt, Frankreich hat ihnen ja stets an den gefahrvollsten Stellen der Front Gelegenheit zur Ausbildung gegeben. Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Was die Marokkaner gelernt haben, das verwerten sie nun gegen ihren Lehrmeister.
Noch sind die Folgen der Marokkoaffäre für Frankreich unabsehbar. Schon regen sich Stimmen, die von dem Wanken der Regierung Painlsvo wissen wollen, die diesen Krieg in unverantwortlicher Weise heraufbeschworen hat. Die eine Lehre aber können unsere lieben Nachbarn schon jetzt aus ihrem Marokkokrieg ziehen: Nicht alle Völker lassen sich all die Herausforderungen und Rücksichtslosigkeiten der französischen Generale, ob sie Foch oder Lyautey heißen, gefallen. Leicht kann der Bogen überspannt werden. Auch die französische Macht hat ihre Grenzen, und gefährlich ift's, eine Machtprobe anzustellen. , Dr- M*
Um die englisch-französische Verständigung in der
Garantiepaktsrage.
Wie der Pariser „Matin" erfährt, ist der Fragebogen der englischen Regierung zur französischen Antwort auf das deutsche Sicherheitsangebot am Donnerstag am « t Orfay überreicht worden. Das Auswärtige Amt habe jofort mit der Beantwortung des Memorandums begonnen und werde in allen Punkten die gewünschte Aufklärung geben, um die Verständigung in der Sicherheitsfrage zu erreichen. Da eine persönliche Begegnung zwischen den Außenministern nicht in Frage komme, sei mit langwierigen Verhandlungeii zu rechnen. Die Frage des Garantiepaktes habe sich einerseits durch die RHe Strefemanus, andererseits durch die Reden Mus-
solinis vor dem Senat schwieriger Maltet, und es sei nicht zu leugnen, daß sich die „Atmosphäre" geändert habe.
Die wichtigsten Punkte des Chamberlainschen Memorandums.
Der diplomatische Korrespondent des Londoner „Daily Telegraph" faßt die wichtigsten Punkte des Memorandums Ehamberlains folgendermaßen zusammen: England würde damit einverstanden sein, daß die Zulassung Deutschlands zum Völkerbund mit gleichen Rechten und Pflichten eine Bedingung für das Inkrafttreten des vorgeschlagenen Westpaktes sei, ferner, daß ein solcher Vertrag keine Schwächung der Vertragsklausel einschließlich der deutschen östlichen und südlichen Grenze im Gefolge haben dürfte.
Auf der anderen Seite könne England jedoch weder di- rektnochindirekteineVerquickungdesWest-
Paktes mit östlichen Wünschen zugeben, wodurch es in Kriegsverpflichtungen im östlichen Europa verwickelt wurde, noch könne es zugeben, daß durch irgendwelche neuen Bestimmungen Artikel 19 des Völkerbundpättes, der sich auf die Vertragsrevision durch die Völkerbundversammlung bezieht, oder'Artikel 80 des Versailler Vertrags, wonach der Völkerbund die österreichisch-deutsche Wiedervereinigung durch einmütige Abstimmung sanktionieren könne, beseitigt werden solle. Man empfindet es in London als wünschenswert, daß die Note nicht zwei verschiedene Auslegungen, nämlich einmal eine französische und zum zweiten eine interalliierte, erhalten solle. Der schwierigste Punkt, über den das britische Mini- sterium zu entscheiden habe, sei die Frage, welche Haltung die britische Regierung einnehmen wolle, falls zwischen Deutschland und einem der östlichen Alliierten Frankreichs ein Krieg ckusbräche und Frankreich auf das Recht des Durchmarsches Anspruch erhebe, um seine Verbündeten zu unterstützen. Nach Pariser Nachrichten hält Briand die These aufrecht, daß die Erenzklausel der Friedensverträge auf keinen Fall unter die Gerichtsbarkeit des Artikels 19 des Völkerbundpaktes falle.
Englische Rückfragen in Paris.
Die Pariser Blätter melden aus London, daß die britische Regierung nach der Prüfung des französischen Ant-
unkte, die nach Ansicht der britischen Regierung noch einer Aufklärung bedürfen, sind die folgenden:
1. Was ist unter einem fakultativen Schiedsspruch zu verstehen?
2. Welche Auslegung gibt die französische Regierung dem Artikel 19 des Völkerbundpaktes, wonach der Völkrr- bundesrat ermächtigt ist, die undurchführbar gewordenen Verträge von Zeit zu Zeit zu überprüfen. (Zu beachten ist, daß der französisch nach London übermittelte Antworientwurf keine Anspielung auf Artikel 19 enthält.
3. Die englische Regierung wünscht die Haltung Frank- reichs für den Fall einer Angliederung Oesterreichs an Deutschland in Erfahrung zu bringen.
Im übrigen behaupten die Blätter übereinstimmend, daß in der Sitzung des englischen Kabinetts Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Mitgliedern, namentlich zwischen Chamberlain und Amery, hervorgetreten seien. Der Londoner Vertreter des „Petit Parisien" behauptet, die 9luf= fassung des britischen Kabinetts lasse sich wie folgt umschreiben: Chamberlain sei bereit, der französischen Auffassung beizupflichten, wonach die Unterzeichnung des Garantiepaktes vom Völkerbund ausgehen müsse. In gleicher Weise stehe der englische Außenminister auf dem Standpunkt, daß der Garantiepakt eine Ergänzung zu den Artikeln 42, 43 und 44 des Versailler Vertrages bezüglich E n t m i I i t a r i« sierung der Rheinlande darstellen müsse und zu keiner der sonstigen Bestimmungen des Vertrages in Widerspruch treten dürfe. Die britische Regierung erkläre sich außerstande, die Aufrechterhaltung der deutschen Ostgreuzen zu garantieren oder Frankreich für den Fall zu unterstützen, daß dieses auf Grund von nach dem Versailler Vertrag eingegangenen Verpflichtungen in einen Konflikt mit Deutschland verwickelt werde.
Außenminister Chamberlain hat inzwischen ein Zirkularmemorandum für die Kabinettsmitglieder fertiggestellt, in dem der englische Standpunkt näher präzisiert wird. Das Memorandum ist in drei Abschnitte geteilt, deren erster die historische Entwicklung der politischen Lage m Europa behandelt, die zum deutschen Angebot des Garantie- paktes geführt haben. Im zweiten Abschnitt gibt Chamberlain seine eigenen Ansichten zu der Frage kund und bespricht im dritten Teil die Frage vom grundsätzlichen Standpunkt aus. Großbritannien müsse ein friedliches Einverständnis mit Frankreich erstreben, da die Interessen beider Lander eng miteinander verknüpft seien. Die Exzesse der französischen Politik, die die Stabilität des europäischen Friedens gefährden, könnten nur gemildert werden durch ein gutes Einvernehmen unter den Verbündeten und nicht durch politischen oder ökonomischen Druck. Andererseits müsse es aber Großbritannien vermeiden, irgendetwns.unter dem Drucke Frankreichs zu tun. Es wird sodann die Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund erortert. Weiter behandelt das Memorandum die Lage, die sich aus dem französischen Krieg in Marokko ergeben hat, msbeAndere im Hinblick auf eine mögliche Überschreitung derspam- schen oder internationalen Grenzen durch die franzopuegen Truppen. Was die E n t w a f f n u n g s f r age an langt.je wird daraus hingewiesen, daß die Note an die muuatiiae
Kommission zur Verbesserung einiger Punkte zurückgesandt' worden sei. Unter den Forderungen, die Deutschland gestellt wurden, errege insbesondere die Entwaffnung der Polizei- kräfte und ihre Unterbringung in private Quartiere einige Bedenken.
Muffolim über den Sicherheitspakt.
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Mussolini nahm in seiner Rede vor dem Senat, in der er zunächst, wie bereits gemeldet, auf den seit einigen Monaten in der europäischen Politik eingetretenen Stillstand hin- wies und sich zur Wahl von Hindenburgs zum Reichspräsidenten äußerte, auch zu kolonialen Fragen Stellung.
Mussolini erklärte: Unsere Beziehungen zu Jugoslawien sind herzlich und ausgezeichnet. Nach einem Hin- :f das in den italienischen Wiederaufbaugebieten Ge- bemerkte Mussolini zu den Ereignissen in Bulgarien: Die italienische Regierung war in Uebereinstimmung mit den Alliierten für das Zugeständnis an Bulgarien hinsichtlich der 10 000 Mann. Ich glaube, daß die bulgarische Regierung jetzt Herr der Lage ist. Zweifellos muß vermieden werden, daß Bulgarien ein Herd des Bolschewismus auf dem Balkan wird. Hinsichtlich der Beziehungen zu Rußland führte Mussolini aus: Es besteht kein Zweifel über die Zweckmäßigkeit der von der italienischen Regierung befolgten Politik der Anerkennung der Sowjets. Selbst die bolschewistischen Führer geben zu, daß das kommunistische Experiment vollkommen gescheitert ist. Ich muß mit aller Loyalität erklären, daß die Haltung der diplomatischen Vertreter Rußlands und selbst die seiner Handelsattaches in Italien bisher vollkommen korrekt war, und ich hoffe, daß es in der Zu-
kunst dabei bleiben wird.
Bezüglich des Sicherheitspaktes sagte Mussolini: " ' habe den Wortlaut der von der französischen Regierung
Ich habe den Wortlaut der von der französischen Regierung entworfenen Antwort an Deutschland erhalten. Es ist ein sehr wichtiges Schriftstück, das die Haltung der französischen Regierung präzisiert. Der Gesichtspunkt der italienischen Regierung ist folgender: Die Regierung ist für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, und auch dafür, daß erlaub einen ständigen Sitz im
müssen der Garantiepakt zu Fünfen und andere etwaige Garantiepakte meiner Ansicht nach im gegebenen Augenblick unter die Aegide des Völkerbundes gestellt werden, dem Deutschland angeboren würde. Nicht nur die Rheingrenze, sonder» auch die Brennergrenze muß garantiert werden. Ich muß noch in diesem Zusammenhang die Stellungnahme der italienischen Regierung zu der in Oesterreich und Deutschland betriebenen Propaganda für den An
schluß Oesterreichs an Deutschland präzisieren. Diese Propa- gauda ist nicht statthaft. Die deutsche Regierung hat selbst erklärt, daß sie diese Anschlußfrage nicht aufwerfen will. Andererseits ist die Propaganda sehr lebhaft. Italien könnte niemals einen solchen offenkundigen Vertragsbruch dulden, wie es der Anschluß Oesterreichs an Deutschland wäre. Dieser Anschluß würde eine paradoxe Lage schaffen, indem es gerade Deutschland sein wurde, das als einzige Nation sein Gebiet und seine Bevölkerung durch Bildung des mächtigsten Blocks in Mitteleuropa vermehren würde. Die österreichische Regierung ist mit ihren Beziehungen zur italienischen Regierung sehr korrekt und verfolgt eine freundschaftliche Politik, aber es ist sehr peinlich, namentlich, wenn man sich der Beweise von Großmut Italiens gegenüber Oesterreich erinnert, gewisse Feldzüge der Presse und der öffentlichen Meinung zu erleben, bei denen das gefordert wird, was wir Ober-Etsch nennen, und was so bleiben soll, weil wir die Vrennergrenze als etwas Unwiderrufliches ansehen. Die italienische Regierung wird sie um jeden Preis verteidigen.
lehungen zur italienischen Re- »erfolgt eine fteundschaftlich«
Die österreichische Preffe zur Rede Mussolinis.
Die Senatsrede Mussolinis gegen den Anschluß Oesterreichs findet in allen österreichischen Blättern ein lebhaftes Echo. Allgemein wird die Wichtigkeit der Rede anerkannt und darauf -verwiesen, daß man den Eindruck habe, daß Mussolini gegen Windmühlen kämpfe, indem er feierlich Südtirol als dauernden, unverlierbaren Besitz Italiens in Anspruch nehme. Man verweist darauf, daß Mussolini im vorigen Jahre versichert habe, daß er an der Grenze eine zufriedene Bevölkerung wissen wolle, und daß er die Deutschen in Südtirol als ernste, arbeitsame und gebildete Leute kenne. Übt Versprechungen in dieser Hinsicht habe es allerdings nicht gefehlt, aber ihre endliche (Erfüllung würde mehr gelten als ein Garantiepakt. Das „Neue Wiener Tageblatt" erklärt, daß Italien an den Deutschen in Südtirol ein schweres Unrecht begehe. Was die Regierung Mussolini den Deutschen in Südtirol antue, sei die' Folge eines Wortbruches. Mussolini lege keinen Wert darauf, eine Politik des Rechts zu machen, sondern zeige sich offen als Gewaltpolitiker.
Uebergabe der Abrüstungsnote nächste Woche.
Wie der diplomatische Mitarbeiter der Londoner „W e st - minster Gazette" berichtet, wird die Antwortnote der Alliierten in der Abrüstungsfrage in der nächsten Woche dem deutschen Botschafter in Paris ausgehändigt werden. Die Note werde folgende Forderungen aufstellen:
1. Umbildung des deutschen Generalstabes,
2. Vollständige Umstellung der deutschen Munitions- fabriken;