hersfelöer Tageblatt
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Hersfel-er Kreisblatt^ [
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Nr. 122
Mittwoch, den 27. Mai
1925
Das Wichtigste.
— Die franzö fischen Erläuterungen zu )em Antwortentwurf auf den deutschen Sicherheits- sorschlag sind in London überreicht. Nach Aus- Ässungen englischer Blätter bestchen zwischen Frankreich und England unüberbrückbare Gegensätze.
. „— Im Rheinland macht sich neuerdings eine Verschärfung der Gewaltherrschaft der Franzosen bemerkbar, die man als Antwort auf die Jahrtausend feiern anzusehen hat.
— Dem Reichstage liegt eine Denkschrift der Reichsregierung vor, in der die Gründe dargelegt sind, d i e e i n e E r h ö h u n g d e r B e a m t e n g e h ä l t e r a i ch t e r m ö g l i d) e n. -
Sparen.
2IH denen, die da von dem unüberzeugbaren Optimismus genarrt sind, daß Deutschland die finanziellen Schäden des Krieges und die schwere Krise der Inflation längst überwunden hat und sich längst auf dem aufsteigenden Aste befindet, muß das Ergebnis des Haushaltsausschusses des Reichstages eine bittere Enttäuschung bereiten. Es hegt einmal im Charakter des Deutschen, daß er sich gern von einem Optimismus leiten läßt, ohcke sich die Mühe zu geben oder den Mut zu besitzen, den Tatsachen offen ins Auge zu schauen. Optimismus ist sicherlich eine gute Sache, und wohl dem, der Schweres und Häßliches mit einem gefunden Optimismus schnell zu überwinden vermag. Aber gesund muß der Optimismus fein, d. h. er soll nicht vor der Wahrheit der Tatsachen zurückschrecken und zielbewußt und unbeirrt an der Wiedergutmachung der Schäden arbeiten.
Das gilt auch für das deutsche Volk im allgemeinen. Große Volkskreise leben in den Tag hinein, ohne Ueberlegunq, ohne Ausblick auf die Zukunft. Dieser Sorglosiakeck^LL^.
'sonnchdEchrl, beigemischt, ergibt die Charaktereigenschaften eines biederen Durchschnittsdeutschen. Wie oft haben wir gerade jetzt, da, die Aufwertungsfrage von allen Seiten beleuchtet und die gemachten Vorschläge mit Erbitterung be- fchdet werden, Forderungen hören müssen, die geradezu ins Phantastische sich versteigen. Fast schien es, als wollte der eine den anderen mit der Höhe seines Aufwertungsvorschlages aus dem Felde schlagen. Daß all den Geschädigten, die ihr Vermögen bis auf den letzten Pfennig hingegeben und verloren haben, geholfen werden muß, darüber besteht nirgends mehr ein Zweifel. Grenzenloses Elend hat die Inflation als Folge eines verlorenem Krieges gerade über die Besten unseres deutschen Volkes gebracht, und es ist Zeit und dringende Notwendigkeit, daß diesen Aermsten der Armen geholfen wird. Diese Einsicht ist wohl allen Parteien ohne Unterschied Gemeingut.
Leider hat diese Angelegenheit aber eine recht dunkle Kehrseite. Um den zahllosen Geschädigten zu helfen, muß das Reich Riesenfummen aufbringen, Summen, die auch heute noch, wo wir mit dem festen Begriff der Reichsmark wieder zu rechnen uns gewöhnt haben, eine vierstellige Zahl darstellen. Sind sich aber auch alle, die die „Wiedergutmachung des Unrechtes" kategorisch fordern, klar darüber, was das bedeutet? Woher soll das Reich die Mittel nehmen? Haben wir denn schon wieder vergessen, daß wir ein armes, aus- gepovertes Volk sind, dem unsere Feinde das Mark aus den Knochen saugen, um uns völlig den Garaus zu machen? Haben wir denn schon wieder die fast imaginären Zahlen vergessen, die die Reparationen in diesem und den folgenden Jahren uns kosten? Der deutsche Volkskörper liegt noch in schwerem Fieber und vermag nur langsam aus der schweren Krise sich zu erholen. Ueber diese Wahrheit wollen wir uns doch nicht hinwegtäuschen; wir müssen die Tatsachen klar erkennen, um das Unrecht einzusehen, das wir begehen, wenn wir heute kritiklos Forderungen zur Aufwertung und Ent- schädigung stellen, die einfach unerfüllbar sind, weil dem Reich die nötigen Geldmittel dazu fehlen.
Erst vor kurzem hat der Reichsfinanzminister S ch l i e - den in seiner Rede im Reichstag auf die schwierige Finanzlage des Reiches hingewiesen und für bie, Sparsamkeit im Reichshaushalt unwiderlegbare Gründe angeführt. Jetzt finden diese Mahnungen zur Sparsamkeit ihre Bestätigung in den: Ergebnis der Untersuchungen des Haushaltsausschusses des Reichstags. Der Ausschuß hält die stillen Rücklagen im Etat, die ohnedies nur in ganz bescheidenem Umfange vorhanden sind, für sachlich gerechtfertigt. Er hält es für seine Pflicht, alle beteiligten Stellen darauf aufmerksam zu machen, daß zwischen Einnahmen und A u s g a b e n des Etats jetzt schon so große Spannungen geschaffen worden sind, daß bi der weiteren Vergrößerung des Etats eine Unterbilanz und damit die Gefahr eintreten wird, daß das Reich nicht mehr in der Lage ist, seine öffentlichen Aufgaben zu erfüllen. Der Ausschuß schließt seine Gutachten mit der ernsten Warnung vor Ueberspannung der Ausgaben und vor leichtfertigem Abbau ver bisherigen Einnahmen. Wenn eine Störung des Gleichgewichts im Haushalt vermieden werden soll, so ist äußerste Sparsamkeit geboten.
Mögen diese Mahnungen im deutschen Volke nicht unbeachtet verhallen. Nur ein sparsames Volk findet den sicheren Weg zum Wiederaufstieg. Dr. M.
Ein neuer Grund für sie Verschleppung der KontroÜnole.
£ Paris, 27. Mai. Die Botschafterkonferenz tritt nicht vor Freitag oder Sonnabend zusammen. Die Pariser Blätter legen besonderen Nachdruck auf die Feststellung, daß die erneute Vertagung nicht auf Mei- nungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten zurückzu- führen sei. „Echo de Paris" gibt für die Vertagung folgende Begründung: Barthon habe erklärt, daß die Reparations- kommission vor der Beschlußfassung in der Räumungsfrage gehört werden müsse, weil die Besetzung der Rheinlande auch als Garantiemaßnahme für die Durchführung der deutschen Reparationsverpflichtungen erfolgt sei. Die Reparations- kommission werde daher offiziell darüber beschließen, ob Deutschland seine fämflidjen Verpflichtungen erfüllt habe.
Die französischen Erläuterungen zu dem Antwortentwurf in London übereicht.
❖ Paris, 27. Mai. Der Londoner französische Botschafter hat Austen Chamberlain die ergänzenden Erläuterungen zu dem ftanzösischen Antwortentwurf auf das deutsche Sicherheitsangebot übergeben. Die Blätter weisen aus- führlich auf Meinungsverschiedenheiten innerhalb des britischen Kabinetts hin, woraus es sich auch erkläre, daß die englisch« Regierung immer wieder Rückfragen stelle. In der Hauptsache handele es sich um die Paragraphen 19 und 80 des Völkerbundpaktes. Ein Teil der Presse, besonders „Journal des Debüts", gibt rückhaltlos zu, daß der französische und der englische Standpunkt ni.cht unerheblich voneinander abwichen.
Der Inhalt der ftanzösischen Erläuterungen zum Antwort- . entwurf,
Paris, 27. Mai. Nach Londoner Meldungen hat Briand in dem Schriftstück, das In Meurmv EkiMuLLrlLlu. u^ew-eK^e, ven Wunsch zum Ausdru sie fron- zösische Antwort auf das deutsche Garantievertragsangebot die einmütige Auffassung der Alliierten wideffpiegele. „Echo de Paris" faßt den Inhalt des ftanzösischen Memorandums folgendermaßen zusammen: „Briand sei der Ansicht, der Garantievertrag dürfe nur ein Instrument zur Ausführung des Versailler Vertrages sein. Er müsse deshalb die Ausführung der Artikel 42, 43, 44 des Vertrages über die Entmilitarisierung der Rheinlande verbürgen. Durch den ausdrücklichen Vorbehalt, daß die Schiedsgerichtsverträge, die Deutschland möglicherweise seinen Nachbarstaaten im Osten vorschlage, keine territorialen, 1919 vertraglich geregelten Fragen zum Gegenstand haben dürften, suche Briand indirekt zu erreichen, daßdie O st g r e n- zen Deutschlands ebenso wie die West grenzen bc - stätigt würden. Durch die Bedingung, daß Deutschland vor der Unterzeichnung des Vertrages in den Völkerbund eintreten müsse, behalte sich Briand weiterhin die Möglichkeit vor, auf Grund der Artikel 10 und 16 des Völkerbund- paktes Polen und der Tschechoslowakei zu Hilfe zu kommen, falls sie von Deutschland angegriffen würden. (!) Andererseits denke Frankreich nicht daran, Deutschland die Vergünstigung der Artikel 19 und 80 des Versailler Vertrages streitig zu machen, die GebietsönLerun- gen ermöglichten.
Er predigt tauben Ohren.
^-London, 27. Mai. Der vormalige französische Minister und Chefredakteur des Pariser^ „Matin", Henry d e I o u - venel, sagte in einer Rede u. a.: Abrüstung könne nicht erzwungen werden. Die Alliierten hätten mit der Verpflichtung Deutschlands zur Abrüstung heute nicht mehr Erfolg als Napoleon vor hundert Jahren mit der Auferlegung der gleichen Bedingung. Die Abrüstung müsse mit den'Interessen der Völker in Einklang gebracht werden, deren Entwaffnung man wünsche. Abrüstung bilde nicht die Grundlage für die Sicherheit, vielmehr bilde die Sicherheit die Grundlage für die Abrüstung. Wenn ein Angriffslustiger sicher sei. daß er schließlich durch das gemeinsame Vorgehen der Welt geschlagen werden werde, so werde er nicht angreifen. Der Redner, der darauf von den Mißverständnissen bezüglich des Genfer Protokolls sprach und dazu erklärte, daß es keine neuen Verpflichtungen auferlegen wolle, sondern lediglich darauf Hinziele, Undeutlichkeiten zu beseitigen und bestehende Verpflichtungen durch neue Garantien zu verstärken, sagte noch, die Gefahr für Europa liege heute nicht in der Möglichkeit von Zwistigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich, sondern in der Organisierung Asiens durch Rußland gegen Europa. Zum Schluß trat de Iouvenel für eine engere Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und Frankreich in Genf und für die engere Verbindung Westeuropas und der Hälfte der Welt, die vom britischen Reiche vertreten werde, ein.
Der englisch-französische Gegensatz.
£ London, 27. Mai. Die englische Zeitung „West- m i n st e r Gazette" spricht von einer neuen Krise in den englisch-französischen Beziehungen. Der diplomatische Berichterstatter des Blattes schreibt, aus der Antwort Briandc S hervor, daß die Franzosen es ablehnten, daß Dcutfch-
als Mitglied des Völkerbundes das Recht haben fc k,
entsprechend den Bestimmungen der Satzung wegen einer Revision seiner Ostgrenzen zu appellieren. Ferner bestehe Frankreich darauf, daß Deutschland dem Völkerbundrat gegenüber als Verpflichtung anerkennen müsse, Truppen im Kriegsfall freien Durchzug durch deutsches Gebiet zu gewähren. Die britische Auffassung sei, daß das Problem der deutsch-polnischen Grenzen und andere Fragen leichter beseitigt werden könnten, wenn Frankreich das deutsche Angebot eines Westpaktes aufnehmen würde. Großbritannien sei nicht geneigt, Verpflichtungen für die starre Aufrechterhaltung der polnischen Grenzen für alle Zeiten einzugehen. Zur Verzögerung der Lösung der Kölner Frage bemerkt der Korrespondent, die Meinungsverschiedenheiten wegen der Mantelnote der Alliierten an Deutschland bezöge sich darauf, ob nicht gewisse Punkte geeignet sein würden, das Ziel der britischen Politik zu vereiteln, die Abrüstungs- und die Räumungsfrage in Uebereinstimmung mit dem Vertrage zu dem für die Ruhr-Räumung bestimmten Datum zu regeln.
Die französische Gewaltherrschaft im Rheinland.
4- Dortmund, 27. Mai. Aus dem besetzten Gebiet häufen sich in den letzten Tagen Nachrichten, die überein- stimmend besagen, daß die Besatzung ihre Haltung gegenüber der deutschen Verwaltung und der Bevölkerung wieder verschärft. Diese Meldungen stammen vor allem aus französisch besetzten Orten. Diese neue Taktik der Besatzung äußert sich z. B. in der Zunahme überraschender Paßkontrollen, rücksichtsloser Verhaftungen wegen der kleinsten Vergehen gegen irgendwelche Bestimmungen der Rheinlandkommission, von Zeitungsverboten und anderer Schikanen des Militärs gegen die Bevölkerung. Auch die deutschen Behörden haben darüber zu klagen, daß die Mflitärbureaukratie im unvermeidlichen Verwaltungs- verkehr ihre frühere kleinlich» ffafeuaife^
spitzung in der Tatsache liegt, daß den Franzosen das durch die Iahrtausendfeiern ausgedrückte spontane Be■ kenntnis des Rheivlandes zu Deutschland sehr unangenehm ist und die Zunahme des Druckes der Besatzungstruppen als Antwort und Gegenwirkung auf- zufassen sei. Es liegt auf der Hand, daß die durch die Verzögerung der Kölner Räumung ohnehin wieder gewachsene Verbitterung der Bevölkerung durch eine lebhafte Beunruhigung verstärkt wird, besonders in den kleineren Orten im südlichen Teile des besetzten Gebietes, wo die ftanzösischen Delegierten und Militärs am selbstherrlichsten vorgehen.
Deutschland gegen die chemischen Kriegsmittel.
Auf der Völkerbundkons'erenz in Genf.
4* Genf, 27. Mai. In der Sitzung des militärischen Ausschusses der Waffenhandelskonferenz in Genf ist von dem deutschen Vertreter Herrn von Eckhardt eine Erklärung abgegeben worden, daß die deutsche Regierung bereit sei, eine Konvention zu unterzeichnen, die den chemischen Krieg, besonders die Anwendung von Giftgasen, verbietet. — Die Erklärung erregte beträchtliches Auffehen und wurde mit starkem Beifall ausgenommen.
Die Sorgen der Landwirtschaft.
$ Berlin, 27. Mai. Der Hauptausschuß des Preußischen Landtages behandelte am Montag du Vorberatung des Landwirtschaftshaushalts. Berichterstatter Abg. Dr. Hoefch (Dnatl.) begrüßte es, daß für werbende Zwecke mehr Geld ausgeworfen sei. Die Verarmung unseres Volkes zeig«, daß statt 310 Milliarden Kapital wir heute nur noch über nicht 150 Milliarden verfügen. Während früher die Landwirtschaft mit eigenem Gelde arbeitete, müsse sie jetzt fremdeRlittel in Anspruch nehmen, die nur zu außerordentlichem Zinsfüße zu bekounnen seikrr. Besonders ungesund sei das übermäßig
hohe Anwachsen der Personalkredite.
Während in der Vorkriegszeit bei Zentralgenossenschasten'nur 39 Millionen Schulden zu verzeichnen gewesen seien, be- trügen diese jetzt 778 Mllionen. Die Steuern gingen weil über die Kraft der LandwirffckMft hinaus. Der Reinertrag betrage heute auf dem besten Boden nur 35 v. H. der Vorkriegszeit» Eine Verbilligung der Produttion könne nur durch Verminderung 'der Gestehungskosten erzielt werden. Diese betrügen aber z. B. bei den Löhnen 145 Prozent der Vorkriegszeit. Nur eine vernünftige Schutzzollpolitik könne der Landwirtschaft wirksame Hilfe bringen.
Dr. v. Winterfeldt (Dnatl.) erklärte, die Getreide- preise seien erst gestiegen, als das Getreide nicht mehr in den Händen der Landwirte gewesen sei. Die Preisspanne zwischen Erzeugerpreisen und Verbrauä-erpreiscn sei zu groß. Hätte man die Zwangswirtschaft stärker und schneller abgebaut, so wäre die Krisis nicht so groß gewesen.
Abg. Dr. Hermes (Zentr.) führte aus, daß bei allen wirtschaftlichen Maßnahuren von der Passivität unserer Zahlungsbilanz auszugehen sei. Gerade die Landwirtschaft könne zur Akttvierung der Zahlungsbilanz erheblich beitragen.