Kersfelöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt"
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels
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Nr. 124
Freitag, den 29. Mai
1925
Das Wichtigste.
— Im Reichstage verteidigte Neichswehvmimfter Dr. Geßler den Etat des Reichswchrnnnistermms und verwahrte sich aufs schärfste gegen den Borwurf geheimer Rüstungen.
— In später Abendstunde des Mittwoch wurde der deutsch-spanische Handelsvertrag vom Reichstag mit überwiegender Mehrheit angenommen..
— Die Söhne Kutiskers sind gegen Sicherftellung aus der Haft entlasten worden. Ivan Kutisker befindet sich nach in der CharitL und ist noch nicht vernehmungsfähig.
Wie wird für unsere Krießerivaisen gesorgt?
Don Wilfried D i e h a r d.
Jahre sind seit dem Weltkrieg vergangen; Schweres hat unser Volk überstanden. Wer aber denkt noch an die Opfer des Krieges? Zwei Millionen deutscher Männer haben ihr Herzblut für ihr Vaterland geopfert, haben für uns, für das deutsche Volk ihr alles dahin gegeben. Haben wir dadurch unsern Toten gegenüber nicht eine riesige Dankesschuld ab- zutragen?
In fremder Erde ruhen sie und können nicht mehr für ihre Familie, für ihre Kinder sorgen. So ist es eine Ehren-- Pflicht des deutschen Volkes, diese Sorge zu übernehmen.
Eine der bedeutsamsten Stätten solcher Fürsorge ist das Potsdamsche Waisenhaus, das am 1. November v. I. sein 200jähriges Jubiläum feierte. Der Stifter, König Friedrich Wilhelm I., und Friedrich der Große haben hier ein Werk höchster Menschenliebe geschaffen. In diesem ehemaligen Militär-Waisenhaus fjaben Generationen von Soldatenwaisen, Jungen und Mädchen, eine zweite Heimat gefunden.
Die beste Fürsorge waltet hier. Man ist durchaus bestrebt, den neuzeitlichen Forderungen der Wissenschaft zu genügen, ohne das Wertvolle des PotsdamsHen Geistes, hat, die Zöglinge"auf Körper, Geist und Gemüt hin zu beobachten, muß seine Freude haben. Der kindliche Tätigkeitsdrang wird ohne Zwang in fröhliche Arbeit umgeleitet; unter den Kindern sowie zwischen den Kindern und Lehrern herrscht der Ton herzlichen Einvernchniens, sei es beim Spaziergang, in der Schule oder beim Spiel.
Was diese Anstalt geleistet hat, kann man an den ehemaligen Zöglingen sehen. Diele sind zu stattlichen Stellungen gekommen und nennen sich mit Stolz ehemalige Zöglinge der Anstalt.
Das Potsdamsche Waisenhaus besitzt eine eigene Anstalts- schule. In acht auffteigenden Klassen wird ein Unterricht erteilt, der über das Ziel einer Volksschule hinausgeht. Geregelte Tageseinteilung, Hilfsklaffen für geistig Schwächere, sorgfältig ausgebildete Lehr- und Erzichungskrüfte machen dieses Ziel erreichbar.
In der Form von freiwilliger Teilnahme an Sonder- kursen in englischer und französischer Sprache, in Literaturstunde, im kaufmännischen Rechnen, in Stenographie, in Gartenkunde, im Sport, im Handfertigkeits- und Werkunterricht, in Musik wird jedem Zögling die Möglichkeit einer seiner Eigenart entsprechenden weiteren Ausbildung geboten.
' Dieser Sonderunterricht spielt sich nicht in den sonst be- stchenden Klassen ab, sondern ist so angeordnet, daß die Schüler ohne Rücksicht auf ihr Alter ihren besonderen Neigungen folgen können.
Seit etwa einem Jahre liegt die Leitung der Anstalt in zivilen Händen. Der jetzige Direktor ist ein bewahrter Schulmann. Die oberste Verwaltung führt das Direktorium in Berlin, das einen Zweig des preußischen Ministeriums für Bolkswohlfahrt bildet. Lein Chef ist der preußische Minister für Volkswohlfahrt.
Wenn auch die einstmals unter den Hohenzollern reiche Stiftung jetzt nur noch einen Teil ihrer Einkünfte hat, so hat doch der preußische Staat in Anerkennung ihrer erzieherischen Bedeutung ihr die Mittel zufließen lassen, die sie zu ihrer Unterhaltung braucht.
Die Anstalt ist jetzt eingekeilt in ein Knabenhaus, ein Mädchenhaus und ein Kinderhaus. Im letztgenannten befinden sich Knaben von 6 bis 9% Jahren unter weiblicher Pflege. Die Mädchen haben drei technische Lehrerinnen als Erzieherinnen; jede der 12 Abteilungen des Knabenhauses mit den Knaben von 9% bis 14 Jahren steht unter Betreuung eines Lehrers. , ,
Der wöchentliche Küchenzettel mit ferner nahrhaften und wohlschmeckenden Kost steht unter ständiger ärztlicher Kon- trolle. Für Krankheitsfälle ist ein eigenes Lazarett mit 60 Betten, einem Arzt und zwei Schwestern vorhanden.
In den großen Ferien werden die Kinder, soweit sie nicht zur Mutter oder zu Verwandten fahren, als Gäste zur Sommerfrische untergebrocht. Bis ins Rheinland, ins Riesen- gebirge, nach Ostpreußen geht die Reise.
In kirchlicher Beziehung bildet die, Anstalt eine eigene Gemeinde mit eigenem Pfarrer und schöner, großer Kapelle, die ihr der letzte Kaiser erbauen ließ. Zu dem allen bietet die Stadt Potsdam mit ihren vielen Erinnerungen an eine große Vergangenheit und mit ihrer herrlichen Umgebung empsüng- lidjen Kinderherzen unendliche Anregung
Zweifellos gibt es viele Mütter und Vormünder von Krisgerwaisen, die glücklich wären, ihre Kinder und Mündel in solcher Erziehung aufwachfen lassen zu können, aber nur die Anstalt und die'Wege zu ihr nicht genügend kennen. Auf Grund der Stiftungsurkunde können nur Kriegerwaise r Aufnahme finden, und zwar in Potsdam nur die evangelisä^en, die katl)»ttschen dagegen im Haus „Nazareth" in Höxter in Westfalen. Die Kinder werden jederzeit und vom 6. bis 13. Lebensjahre ausgenommen und verbleiben bis zur Einsegnung. Die gange Erziehung mit Unterricht, Verpflegung und vollständiger Bekleidung ist unentgeltlich; nur die Waisenrente muß an die Anstalt gezahlt werden.
Möchten viele zum Wohle der Waisen dieser Anregung folgen.
Deutscher Reichstag.
68. Sitzung, Donnerstag, 28. Mai.
Am Regierungstisch: Reichswehrminister Dr. GeßIer.
Präsident Lobe eröffnet die Sitzung um 11 Uhr 20 Min.
Zunächst werden zwei zurückgestellte Abstimmungen beim Haushalt des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vorgenommen. Zur Annahme gelangen zwei Anträge Müller-Franken (Soz.), zum Zwecke der Erneuerung und Ergänzung ihrer Schiffe den Treibnetzfischereien einen langfristigen Kredit zu mäßigem Zinsfuß in Höhe von drei Millionen Reichsmark zu gewähren sowie für Zwecke der Kinderspeisung aus den Ueberschüssen der Reichsgetreidestelle fünf Millionen Reichsmark bereitzustellen.
Die Aussprache beim Haushalt des Reichswehrministeriums wird darauf fortgesetzt. Verbunden damit werden die Interpellationen über das Unglück auf der Weser.
Reichswehrminister Dr. Gestler nimmt sofort das Wort. Er erinnert an die Bedenken, die wegen der Höhe der Forderungen für unsere Wehrmacht in der Debatte laut geworden sind, und stellt fest, daß die Zahlen, die Gliederung, die Ausrüstung und die Bewaffnung des Heeres durch den Vertrag von Versailles bestimmt sind. Der Minister weist darauf hin, daß der Offiziersberuf so wenig an Reiz biete, daß es sehr schwierig sei, tüchtige Offiziere in der Wehrmacht zu halten, weil die Beförderungsmög-
SMM
Ausrüstung werde kein übermäßiger Aufwand getrieben. Der Minister hebt dann hervor, das? wir, statt einer Abrüstung, in der ganzen Welt ein ständiges Rüsten sehen. Die stehenden Heere seien heute stärker, als sie 1914 waren. Die Hauptaufgabe der Reichswehr sei auch nach dem Versailler Diktat der Schutz unserer Grenze». Gegen einen vernünftigen Pazifismus habe niemand etwas einzuwenden, auch das Offizierskorps nicht. Die Politik der Reichsregierung sei friedfertig; nur ein Verrückter könne in dieser Zeit an Krieg denken. Auch der Reichspräsident, der doch ein militärischer Fachmann ersten Ranges sei, habe sich in diesem Sinne ausgesprochen. Solange nicht die allgemeine Abrüstung da sei, müßten wir eine Reichswehr haben, wie sie unseren militärischen Bedürfnissen entspricht. Von „geheimen Rüstungen" könne keine Rede sein. Davon zu sprechen, sei Torheit. England habe abgerüstet, es gebe aber allein für seine Luftflotte mehr aus, als unser ganzer Etat beträgt. Wir dürfen ja moderne Kampfmittel gar nicht herstellen. Wir sind, gern bereit, internationale Sicherheitsverein- barungen für den gegenseitigen Schutz der Grenzen ab- zuschlieszen. Solange das nicht geschieht, hat der Reichs- wehrminifter die Verpflichtung, mit der Reichswehr dafür zu sorgen, das? Deutschland nicht zum Kampfplatz oder zur Etappe fremder Heere werde. Es ist richtig, so betont der Minister, daß wir im Herbst 1923 Zeitfreiwillige eingestellt und die total erschöpfte Munition bis zu der durch den Versailler Vertrag gegebenen Grenze ergänzt haben. Wie wenig geheim das war, geht daraus hervor, daß ich damals im Kabinett beantragte, diese Dinge offiziell der Entente mitzuteilen.
Ich bin für die körperliche Ertüchtigung der Jugend, aber nicht für Soldatenspickerei. Zeitfreiwillige werden nicht mehr ausgebildet. Der Minister weist darauf hin, daß die größte See- resvorlage in Frankreich von Herriot und seinem Linkskartell ge- macht worden sei. Daraus ergebe sich wieder, daß Republik und Demokratie zwar friedlich, aber nicht defaitistisch sind. Wir vor- letzen nicht den Versailler Vertrag, aber wir wollen auch wicht auf das verzichten, worauf wir nach diesem Vertrage Anspruch haben. Wir werden ehrlich an jedem System der Abrüstung und Verständigung mitarbeiten, aber das Opfer der dcutschen Freiheit darf keiner sor- der».
Der Minister erklärt weiter, daß er sich zu dem Mißtrauensvotum nicht äußern wolle, und fügt hinzu: „Wenn Sie mich aber einmal los sind, kriegen Sie mich auch nicht mehr wieder." (Heiterkeit.) Er stellt dann fest, daß das Heer ein Heer der Republik ist Wir sind stolz aus unsere militärische Vergangenheit, aber die Liebe zu der neuen Staatsmann kann nich: befohlen werden Pflichtgefühl und Ehrbegriff und Vaterlandsliebe müssen im Heere gepflegt werden dann kommt das andere von selbst Sie müssen dafür sorgen, so wendet sich der Winifter dann an den Reichstag, daß die Republik im deutschen Volke Gcmütswcrte bekommt, wie die Monarchie sie gehabt hat. Diese Gemütswerte können aber ebenfalls nicht ve- >oi,len werben. Mängel bestehen noch an Heere, aber sie sind seine Gefahr für die Republik
Abg Dr. Bred« lWirtsch Ver ) erkennt die Tätigkeit bee Wehr minister» und seines Mitarbeit-, dusch im ,;n
Abg Loibl (Bayer. Dp.): Leider verhindere die Entente die Rückkehr zu den Idealen des alten Dolksheeres und der allgemeinen Wehrpflicht. Das Fehlen dieser Erziehungsinstrumente mache es notwendig, auf anderem Wege die Jugend zu ertüchtigen. Die Tradition der ruhmreichen alten Armee müsse auch in der Reichswehr gepflegt werden. Gesinnungsschnüffelei dürfe nicht vorkommen.
Abg. von Ramin (Völk. Der.) erklärt, das Verhalten der Entente beweise, daß das Selbstbestimmungsrecht der Völker nur eine Kriegslist war. um Deutschland in der schamlosesten Weise zu betrügen. Oberstes Gesetz müsse die nationale völkische Entwicklung sein. Die Wehrmacht wolle dem Staate nicht zum Profit dienen.
Damit schließt die allgemeine Aussprache.
In einer persönlichen Bemerkung erklärt Abg. Lipinski (Soz.), daß sich die Beschuldigungen der früheren sächsischen Regierung gegen die Reichswehr keinewegs als haltlos erwiesen hät- ten. Die sächsische Regierung fei auf ihr Material ohne ausrei- chende Antwort der Reichsregie,rung geblieben. Dagegen fei gegen Dr. Zeigner und sozialdemokratische Zeitungen die einen Teil des Materials veröffentlicht hatten, das Landesverratsverfahren eingeleitet, aber nicht durchgeführt worden.
In der Einzelaussprache fordert Abg. Künstler (Soz.) Reform der Fürsorgeeinrichtungen für die Angehörigen der Reichswehr.
Beim Kapitel Pionierwesen fragt Abg. Hünlich (Soz), was geschehen fei. um Katastrophen wie das Deltheimer Reichewehrunglück in Zukunft zu vermeiden.
Reichswehrminister Dr. Gestler erklärt, daß eine endgültige Klärung der Ursachen des Unglücks erst durch die demnächst statt- findende Verhandlung in Minden möglich fei. Die Vorschriften für derartige Uebungen seien gleich nach der Katastrophe einer Nachprüfung unterzogen und geändert worden. In den neuen Bestimmungen komme hauptsächlich der Unterschied zwischen Kriegs- und Friedensübung stärker zum Ausdruck.
Abg. Neubauer (Komm.) ist der Meinung, daß bei dem Unglück die Leichtfertigkeit eine große Rolle gespielt habe. In der Sicherheit der Soldaten herrsche große Rücksichtslosigkeit.
Abg. Brüninghaus (D. Dp.) weist darauf hin, daß man in der Trauer um die unglücklichen Opfer einig fei. Es sei aber eine politische Gesckmacklosigkeit, den Unglücksfall agitatorisch auszu- r «w uwiww w iMwg» ;■
Damit sind die Interpellationen zum Weserunglück erledigt.
Generalmajor v. Haack teilt gegenüber geäußerten Wünschen noch mit, daß in der Unterbringungsfrage nur übrig bleibe, daß man in der Industrie oder Landwirtschaft etwas finde. Die Unterbringung bestehe, so daß politisch keinerlei Einwendungen zu erheben sind.
Abg. Künstler (Soz.) beantragt Streichung der Mittel für die Beschaffung von Gasmasken.
Reichswehrminister Dr. Gestler erwidert, daß die Reichsregierung in Genf bereits für das Verbot des Gaskampfes ein- getreten fei. Solange ein solches Verbot aber nicht erfolge, müßten auch uns Abwehrmaßnahmen zu Gebote stehen
Der Antrag wird abgelehnt und der Haushalt der Reichswehr entsprechend den Ausschußbeschlüflen in zweiter Lesung angenommen.
Darauf werden die Beratungen abgebrochen
Das Haus vertagt sich.
Nächste Sitzung: Dienstag, 9. Juni 2 Uhr: Marinehaushalt kleine Vorlagen.
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Der Aelteftenrat des Reichstags hat heute beschlossen, daß der Einladung der Rheinlande zur Fahrt nach Köln am 20. Juni nicht von dem ge- sainten Reichstag, sondern nur von einer Deputation von 28 Mitgliedern. in der das Präsidium und alle Parteien vertreten fein ■ werden Folge geleistet werden soll. Im übrigen hielt der Ael- testenrat an dem schon früher festgesetzten Geschäftsplan fest, wonach das Plenum am Dienstag, dem 9. Juni wieder zusammentreten wird.
Ueberreichung der Kontrollnote am kommenden Mittwoch.
^ London, 29. Mai. Wie der diplomatische Korrespondent des "„Daily Telegraph" berichtet, wird die weitere Behandlung ddr Kontrollnote etwa folgenden Verlauf nehmen: Die Reparationskommission werde am Freitag zusammen- treteu, um offiziell festzustellen, ob Deutschland seine Repa- rationsverpflichtungen erfüllt habe. Wenn die Feststellung befriedigend ausfalle, werde die Botschafterkonferenz am Sonnabend zusammentreten, um die Begleitnote an Deutschland, über die man sich endlich unter den Alliierten geeinigt habe, fertigzustellen. Die Note werde dann, wachem sie die endgültige Bestätigung der Regierungen gefunden habe, am Dienstag der nächsten Woche nach Berlin abgesandt und von den alliierten Botschaftern unter Führung Lord d'Wernons am Astttwoch in der Wilhelmstratze überreicht werden. (An Hindernis sei allerdings noch niSglich, weil General Walch auf der Einfügung von ein oder zwei weiteren Verfehlungen bestehe, die von den englischen MUitärsachverstSndigen für wicht wichtig genug gehalten würden.
Neuer Meinungsaustausch zwischen London und Paris.
^ London, 29. Mai. Die Kabinettssitzung in London ist vertagt worden. Wie schon jetzt verlautet, wird das Kabinett der französischen Antwottrwte auch in ihrer neuen Form