Hersfelöer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für öen kreis Hersfeld
Nr. 126 Dienstag, den 2. Juni 1925
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Das Wichtigste.
— Es besteht sie MöglichlLeft, daß die KontroH- noto Ende dieser Woche an Deutschland überreicht wird.
— Nach englischen Meldungen verharrt die eng. lische Regierung auf ihrem Standp unkt in der Sicherheitsfragel während von den Franzosen d^ Beschränkung des Garantiepakts auf die deutschen Westgrenzen in Erwägung gezogen wird.
— Bon Amundsen ist bisher keine Nachricht da. Leider ist das Wetter in der Polarzone umge- schlagen.
Spaniens Machtstreben.
Bon Wilfried Diehard.
Immer mehr wird das Mittelmeer zum Brennpunkt der europäischen Politik. Beherrscht schon Spanien durch sein Bündnis mit Italien den Zufahrtsweg Frankreichs zu seinen Kolonien, so ist ein kriegstüchtiges Spanien mit seinen wichtigen Häfen und Küsten im Mittelmeer, wie nach dem Atlantik, ein äußerst wichtiger Faktor.
Die Großmächte England und Italien haben mit richtigem Blick die Macht des erwachenden Spanien erkannt. Das einzige Eingangstor vom Mittelmeer nach dem Ozean, Gibraltar, läuft meilenweit längs des spanischen Bodens. Die Ozeanküsten Spaniens besitzen vortreffliche Häfen, Ausfalltore gegen die Weltstraßen ins Mittelmeer, nach Südamerika und Afrika. So fanden im Frühjahr die großen englischen Flottenmanöver in den spanischen Gewässern, bei Mallorca, statt, und fast jeden Monat kommen italienische Kriegsschiffe zum Besuch in spanische Häfen.
Im Augenblick besitzt Spanien keine Kriegsflotte von Bedeutung, kann sich als Seemacht überhaupt nicht mit England, Frankreich oder Italien vergleichen, aber jeder dieser Staaten sähe seine Mittelmeerstellung gefährdet, wenn Spanien zu ihm in Opposition tritt.
Krieg Ende des vorigen Jahrhunderts, der Spanien seine Kolonien kostete, barg den Kern zu seinem ganzen Unglück. Innerer Parteihader gab dem Lande als bedeutende Macht einen vernichtenden Stoß.
Der Weltkrieg änderte vieles und brächte eine gewisse nationale Einigung des spanischen Volkes, nämlich auf strikteste Innehaltung der Neutralität. So entwickelten sich von dem Zeitpunkt an für die Nation wieder außenpolitische Ziele. Als Dogma wurde der Paniberismus geprägt, d. h. Vereinigung mit Portugal und geistige Hegemonie des Mutterlandes über die spanischen südamerikanischen Staaten. Die Verwirklichung dieses Gedankens wäre die Wieder- erstehung des spanischen Weltreiches.
Vorläufig ist Spanien auf lange Zeit durch den Rifkrieg gebunden. Unverantwortlich wurden die Kräfte und Mittel nach Marokko geworfen und vergeudet, so daß Spanien vor dem Zusammenbruch stand.
Im entscheidenden Augenblick nahte jedoch der Retter, General Primo de Rivera, «richtete durch einen Staatsstreich die Militärdiktatur und ermöglichte so eine Sammlung der nationalen Kräfte. Es war für Spanien ein Glück, daß gerade zu der Zeit, zu der in der Heimat die Demoralisation über die Marokkoangelegenheit auf einem kritischen Punkt angelangt war, Abd el Krini sich gegen die Hauptschiirer des Aufstandes, die Franzosen, wandte. Ganz neue außenpolitische Probleme sind jetzt für Spanien gegeben. Nicht"nur, daß Spanien in Marokko außerordentlich entlastet ist, sondern auch die Meerengenfrage und die Stellung Spaniens in Nordafrika gewinnen außerordentlich an Bedeutung.
Auch das Verhältnis zu Frankreich tritt deutlicher zu Tage. Wenn Frankreich glaubt, daß Spanien nur deshalb mit ihm ein Bündnis abschließt, weil es jetzt in Not ist, befindet es sich in einem Irrtum. Spanien wird es den Fran- zofen nicht vergessen, daß diese in seiner größten Not den Rifleuten Waffen und sonstiges Material geliefert haben.
Wenn man es auch nicht Schadenfreude nennen kann, so rührt sich keine Hand, um den Franzosen zu helfen. Im Gegenteil tritt in der spanischen Presse eine immer schärfer werdende antifranzösische Tendenz hervor. Noch dazu, wo Frankreich als Gegenpol zum Paniberismus die Losung des Panlatmismus, und zwar mit sichtlichem Erfolg, prägt.
Es setzt dem spanischen Streben das Schlagwort entgegen „Von Bukarest bis Buenos AiresI", natürlich unter französischer Vormundschaft. So betreibt Frankreich für diesen Gedanken eine ausgedehnte Kulturpropaganda. Die Franzosen «ranstalten in jedem Jahr einen „Kongreß der lateinischen Presse", der in Rom, Paris, Lissabon stattfand und in diesem Jahre in Buenos Aires abgehalten wird. Die Verhandlungssprache ist aber nicht die lateinische, sondern die französische. Auf jeden Fall wird Madrid in großem Bogen umgangen.
Sehr beachtet muß werden, daß die von Europa abgekehrten südamerikanischen Länder, besonders Peru, Evlum- bien usw. sich sehr eng an das Mutterland Spanien anlehnen. Das machtvolle Band der gemeinsamen Sprache, die Ueber« lieferung von Jahrhunderten, das spanische Blut, das den füb» amerikanischen Broden getränkt l^rt, sind die bestenGrundlageN
für spätere Zeiten. Südamerikanische Gelehrte und Iourna- listen besuchen häufig Madrid, und die Reden, die dabei gewechselt werden, zeigen deutlich das Wohlwollen gegenüber Spanien.
Ein ganz besonderes Zeichen der Freundschaft der südamerikanischen Republiken zu Spanien sind die Auszeichnungen, die sie dem spanischen König Alfonso zukommen- ließen, der übrigens nicht nur in seinem Lande, sondern auch in Südamerika sehr beliebt ist.
Solange jedoch die Marokkoangelegenheit auf Spanien lastet, kann es an die Verwirklichung seiner Ideale nicht denken. Es wird deshalb Frankreich nicht den Gefallen tun, seiner schönen Augen wegen sich in erneute Abenteuer zu stürzen.
Londons Standpunkt in der Sicherheitsfrage.
❖ London, 2. Juni. Das britische Kabinett hat die verschiedenen Fragen geprüft, die sich aus dem in Beantwortung der deutschen Vorschläge von Frankreich ausge- arbeiteten Entwurf einer Note über die Sicherheitsfrage ergeben. Die Angelegenheit ist nunmehr so weit gefördert worden, daß es jetzt möglich ist, der französischen Regierung gewisse Vorschläge zu machen, und es besteht die Hoffnung, daß als Ergebnis dieser Vorschläge demnächst eine Mit- teilung nach Berlin gesandt werden sann, die die Grundlage für ein diese Frage betreffendes Uebereinkommen unter den Alliierten darstellen wird. Wenn diese Hoffnung erfüllt ist, so darf die französische Antwort als Ansicht der Alliierten betrachtet werden. Diese Auffassung gründet sich allerdings auf die Hoffnung und den Glauben, daß Frankreich Me von England vertretenen Ansichten anrwhmen wird. Die fran- zösische Regierung hat der englischen Regierung Erklärungen hinsichtlich der genauen Bedeutung gewisser Teile des Notenentwurfs, die noch nicht klar waren, übermittelt. Das englische Kabinett ist über die Stellungnahme, zu der es gelangt ist, völlig einer Meinung. Es kann als sicher angenommen werden, daß England noch immer seinen Stand- Punkt aufrechterhält, wonach die Erörterung eines weitläufigen oder unbegrenzten Planes abzulehnen sei, und daß es für einen begrenzten und beschränkten Man,. LÜrtrittt Bt-s^m den Dominions nicht unterbreitet werden; aber die Ueberfeersgierungen sind selbstverständlich über die verschiedenen Vorschläge, die Frankreich gemacht worden- sind, unterrichtet worden.
Paris, 2. Juni. Der britische Botschafter Lord Crew« hat am Quai d'Orsay eine neue Note der britischen Regierung zum Sicherheitspakt überreicht.
Wie die Pariser Blätter melden, ist die englische Note in der Garantiepattfrage in sehr freundschaftlichen Aus- drücken gehalten. Es werde der Erwartung Ausdruck gegeben, daß sich die französische Regierung mit der Garantie für die West grenzen zufriedengeben werde und die Garantievertragsverhandlungen einen normalen Verlauf nehmen. Offiziell werden folgende Meinungsverschiedenheiten zugegeben: Frankreich sei der Auffassung, daß der Abschluß des Rheinlandpaktes im Rahmen des Völkerbundes geschähen müsse, während England die Vermittelung des Völkerbundes für unwesentlich hatte. Frankreich sei nicht an dem sogenannten Westpalt interessiert und wolle sich die Möglichkeit eines Eingreifens für den Fall sichern, daß Deutschland einen seiner Verbündeten angreife. England sei aber gegen ein Ein- greisen in einen kontinentalen Konflikt, abgesehen von dem Fall, daß ein Angriff auf die neutralisierte Rheinlandzone erfolge. Man hofft, daß sich bei der Aussprache in Genf eine Annäherung der beiden Stand- pünkte ergeben werde. Die Blätter beurteilen den Stand der französisch-englischen Garantie- vertragsverhandlungen pessimistisch. „Echo de Paris" hält es für besonders bedenklich, daß sich nach bestimmten Auskünften Belgien der englischen Auffassung nähere. Briand habe versucht, den für West- europa in Aussicht genommenen Garantiepakt auf Osteuropa anzuwenden. Das habe die englische Antwortnote vereitelt, indem sie unzweideutig erkläre, daß die englische Regierung nur einem Garantiepakt für Westeuropa bettreten wolle. Sie stelle ausdrücklich fest, daß sie eine begrenzte Auslegung der Artikel 19 und 20 des Völkerbundpaktes sowie eine Erweiterung der Artikel 42, 43 und 44 des Versailler Vertrages nicht zulassen könne.
Der französische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt: Wahrscheinlich wird die französische Regierung in der Frage des Sicherheitspattes keinen weiteren Schritt unternehmen, bevor Briand nicht Gelegenheit gehabt hat, mit Ehamberlain und Benesch auf der Völkerbundrats- tagMg in Genf die Probleme zu erörtern. Es liegt auf der Hand, daß die Entscheidung, die von der französischen Regierung gefordert wird, ein Problem von sehr heiklem Charakter aufmirft, und es ist noch zu früh, mit Sicherheit zu sagen, welcher Weg verfolgt werden wird.
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England für Abschluß eines Fünfmächtepakts.
^ London, 2. Juni. Wie der „Daily Telegraph" berichtet, berührt die englische Antwort in der Garantiefrage trotz ihrer beträchtlichen Länge nicht alle von Briand aufgeworfenen Fragen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil einige gänzlich außerhalb des Rahmens eines Paktes lägen, an dem Großbritannien und das britische Reich mög
licherweise teilnehmen könnten. Der Hauptzweck der englischen Mitteilungen an Frankreich fei, zu erklären, daß die englische Vorstellung von einem Sicherheitspakt von der französischen völlig verschieden sei. Man sei der Auffassung, daß der von den Dominien gemachte Vorschlag, einen Fünf- mächtepakt abzuschließen, ein Maximum bedeute, über das England unter keinen Umständen hinausgehen könne.
Uebergabe der Kontrollnote Ende der Woche?
^ London, 2. Juni. Wie Reuter erfährt, wird, wenn die NoteanDeutschland von der Botschafterkonferenz gebilligt ist, ihre Uebersetzung, die Drucklegung und die Korrektur noch geraume Zeit in Anspruch nehmen, so daß es nicht sehr wahrscheinlich ist, daß sie vor Ende dieser Woche
in Berlin überreicht werden wird.
Frankreichs Erwartungen in Köln.
£ London, 2. Juni. Unter der Ueberschrift: „Frank- reichs Erwartungen in Köln" schreibt der „Manchester Guardian", daß das Erstaunen in Paris über die halbamtlichen Erklärungen in London, wonach Deutschland seinen Verpflichtungn bis Ende September nachgekommen sein dürfte und alsdann mit der Räumung Kölns begonnen werden würde, nicht gering sei. Man erkläre, daß die Frage des Datums der Räumung noch nicht aufgeworfen sei. Deutschland würde nur gesagt, was es unterlassen habe oder was es noch zu tun habe.
Die Rheinlandkommission fordert Abbau der Solinger Polizei.
£ Solingen, 2. Juni. Auf Verfügen der interalliierten Rheinlandkommission soll die staatliche uniformierte Polizei in Solingen abgebaut werden. Zwölf Beamte stehen bereits abmarschbereit. Sie werden Solingen verlassen, wenn die Verhandlungen, die zwischen der Regierung in Köln und der interalliierten Kommission geführt werden, sich zerschlagen
Vertrauensvotum für Painlevs. "^^ Die Marokkopolttik der Regierung gebilligt.
£ Paris, 2. Juni. Am Freitag wurde über die Vertrauensfrage für das Kabinett Painlevs in der französischen Kammer abgestimmt. Wie bereits berichtet, waren in der Marokkodebatte schwere Angriffe gegen Painlevs gerichtet worden, die die Regierung veranlaßten, die Vertrauensfrage zu stellen. Die Abstimung ergab eine Mehrheit von 537 gegen 29 Stimmen zugunsten der Regierung., das bedeutet, daß die gesamte Kammer mit Ausnahme der Kommunisten der Regierung das Vertrauen aussprach.
Die Lage für die Franzosen in Marokko nach wie vor ernst.
Das in Fez veröffentlichte offizielle Kommunique über die Lage in Marokko besagt: Die Lage im Westen von Fran- zösisch-Marokko ist ruhig. Gewisse Rifleute haben sich nach Ajdir begeben, um Instruktionen einzuholen. Im mittleren Frontabschnitt ist die Lage unverändert. An verschiedenen Stellen haben neue Einbrüche des Feindes stattgefunden, wobei auch ein französischer Posten umzingelt und ein weiterer erfolglos angegriffen worden ist. Bei Aketalsa sind feindliche Verstärkungen eingetroffen. Eine Abteilung von Rifleuten in Stärke von 250 Mann hat am 27. Mai im Nordwesten von Uezza die Beni Su Pahi angegriffen. Dieser Angriff ist von dem Stamm unter französischer Artillerie- unterstützung zurückgewiesen worden. Der Feind hat neun Tote auf dem Schlachtfelde zurückgelassen. In der Gegend von Kiffane sind die Telephonverbindungen zerstört worden. Der Feind hat ein starkes Feuer auf die dort liegenden französischen Posten und die den Franzosen treuen Stämme eröffnet.
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Milliardenkredite für den Marokkofeldzug.
Paris, 2. Juni. Die für die Marokko-Operationen von der Regierung beantragten Zusatzkredite belaufen sich auf insgesamt 31 ‘700 000 Francs. Ein entsprechender Antrag ist der Kammer zugegangen.
Die Eröffnung der Münchener Verkehrsausstellung 1925.
£ München, 2. Juni. Auf der Theresienhöhe in München wurde Sonnabend vormittag die Deutsche Verkehrsausstellung 1925 feierlich eröffnet. Unter der großen Zahl der Gäste befanden sich von Der Reichsregierung die Minister Dr. Geßler, Krohne und S t i n g l, ferner die gesamte bayrische Regierung und die Ministerpräsidenten von Württemberg und Hessen. Für die österreichische Regierung war der Sektionschef Hirt anwesend. Die Eröffnung wurde nngeleitet durch ein Festspiel, das die Urelemente versinn- ülä lichte. Dann folgte eine Ansprache des Präsidenten der Ausstellung, Staatsministers Frank, woran sich die Rede des Ministerpräsidenten Dr. Held schloß, in der er die kulturelle und völkerverbindende Bedeutung des Verkehrs würdigte