Hersfelöer Tageblatt
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hersfelöer Kreisblatt"
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Nr. 127
Mittwoch, den 3. Juni
1925
Das Wichtigste.
— In Straßbürg haben P a i n l e v 6 und ® o u = movg ue^Reden gehalten, in denen sie dem Elsaß zahlreiche Versprechungen machen.
.. .— Die englische Presse behandelt ausführlich die äußersten Zugeständnisse, die England an Frankreich in Fragen des Sicherheitspaktes machen kann.
— Amerika hält Deutschland für vollkom- men ab gerüstet und würdo sich bei eventuellem Scheitern des Garantiepaktes möglicher, weise auf die Seite Deutschlands stellen.
Die bedrohlichen polnischen Rüstungen.
Von Dr. Konrad Döring.
Die seitens des polnischen Staates in letzter Zeit vorgenommenen Rüstungen beginnen die Aufmerksamkeit der ganzen Welt zu erregen. Durch eine große Militärdebatte im polnischen Parlament sind interessante Einzelheiten über Polens Kriegsvorbereitungen bekanntgeworden. Danach über- steigt die Zahl der gemusterten Rekruten bei weitem den Bedarf. Die Kriegsindustrie konnte die Herstellung von Gewehren im letzten Jahre verdoppeln, im laufenden Jahr wird sie diesen Fabrikationszweig vervierfachen. Im gleichen oder noch schnelleren Tempo geht die Erzeugung von Artilleriegeschossen vor sich. Auch der Bau von Flugzeugen macht rapide Fortschritte, ebenso die Herstellung von Giftgasen. In einer Unterredung mit einem Vertreter des „Matin" hat der polnische Kriegsminister Sikorski betont,' daß Polen augenblicklich über 45 Divisionen, in zwei Jahren vielleicht gar über 70 Divisionen aetfiijie,
^.«MwwöoetteH» -von-30E000 'Mikitn 4 Millionen Soldaten auf die Beine bringen könne. Das Rekrutierungskontingent für 1925, das nicht weniger als 170 000 Mann betrügt, wurde im Parlament sogar mit den Stimmen der Sozialisten angenommen, deren Hauptsprecher den urpolnischen Namen Liebermann führt. Wie stark die sogenannten Grenzschutz- korps sind, also der Mannschaften, die unmittelbar zum Einfall in Ostpreußen, Litauen usw. bereitstehen, ist nicht ersichtlich. Fest steht aber, daß Polen für diese Riesenrüstungen die Summe von 700 Millionen Sloty ausgibt.
Wir haben einst im Weltkriege in unseliger Verblendung das Dismarckwort vergessen: „Wer Polen befreit, macht sich Rußland dauernd zum Feinde und Polen niemals zum Freunde." Man fiel bei uns auf die polnischen Versprechungen, ein Freiwilligenheer von mehreren hunderttausend Mann auf die Beine bringen zu wollen, gerade in dem Augenblick hinein, als aussichtsreiche Vorbesprechungen zum Abschluß eines deutsch-russischen Sonderfriedens an einem neutralen Ort im Gange waren. In diese Verhandlungen platzte die Nachricht von der neuen Selbständigkeit Polens hinein, und das Schicksal Deutschlands sowie der Ausgang des Zarenreiches waren besiegelt. Die polnischen Freiwilligenkorps erschienen dann aber nur in sehr verdünnter Auflage, und beim Friedensschluß zeigte sich Polen beinahe noch niederträchtiger und raubgieriger als die Hauptmatadoren des Feindbundes selbst. Seitdem ist Polen unser erklärter und offener Widersacher, der im Falle eines Konflikts totsicher stets auf feiten unserer Gegner zu finden sein wird.
Die Gelder für die polnischen Rüstungen sind bisher großenteils aus den Kassen der Franzosen geflossen. Diese Quelle wird von jetzt ab aber spärlicher fließen. Der französische Zehnsousrentner hat Riesensummen im Osten von al° tersher festgelegt, Beträge, von denen er wahrscheinlich nichts meist wieder zu sehen bekommen wird. Das weiß man in Frankreich ganz genau und möchte auf gute Art los von den ewigen Anzapfungen und Pumpversuchen- von Nationen, die da lä-bas irgendwo in Halbaffen liegen und deren Namen man in Frankreich manchmal kaum aussprechen kann. Darum rüstet Polen jetzt mit Hochdruck, um noch möglichst viel Such- werte an Kriegsmaterial" und ausgebildete Mannschaften unter Dach und Fach zu haben. Diese Situation hat der Kriegsminister Sikorski auch zugegeben und erklärt: „Wir müssen eine zahlreiche Armee haben; denn die Lage dds Landes zwingt uns, eine schnelle Lösung »eines uns aufgedrängten Krieges zu suchen." Der Begriff eines „aufgedrängten Krieges" ist nun überaus dehnbar. Die Polen fühlen sich erfahrungsgemäß schon „zum Kriege gedrängt", wenn ihre Briefkästen in Danzig an gefaßt werden. Darum sind uns diese Rüstungen Polens im höchsten Grade verdächtig. Angesichts unserer Wehrlosigkeit selbst einem Gegner zweiten Ranges, wie Polen, gegenüber zeigt sich die ganze Sinnlosigkeit des Dersailler Diktats in hellstem Lichte. Polen ist stets der ärgste Unruhestifter Osteuropas gewesen , und darin den Franzosen im Westen gleichwertig. Es befindet sich zurzeit wieder in einer Art kriegerischen Rausches, der sich zwar seit Jahren dort in jedem Frühling einstellt, diesmal aber besonders starken Umfang anzunehmen scheint. Man schreit nach der „Befreiung" Ostpreußens und Danzigs und raffelt drohend mit dem Säbel. Und wenn auch der Kriegsminister und die Hetzparlamentarier den Mund,reichlich vollnehmen, wenn auch die zahlreichen fremdstümmigen Bestand- teile des polnischen Heeres für den Ernstfall eine Bedrohung
in den e igenen Reihen darstellen und Massendesertionen sowie übelste Folgeerscheinungen der polnischen Luderwirtschaft allenthalben auftreten würden, bleiben die polnischen Rüstungen eine bedrohliche Erscheinung. Von ihnen kann leicht ein Funke in ein Pulverfaß springen, dessen Explosion sich weithin furchtbar ausdehnen kann. Ob Polen aus einer derartigen Katastrophe lebensfähig herauskommen wird, ist zweifelihaft; denn hinter dem gefräßigen polnischen Wolf steht ewig drohend der russische Bär.
Englands äußerste Zugeständnisse.
❖ London, 3. Juni. Die englische Presse beschäftigt sich in erster Linie wieder mit den Verhandlungen über das Sicherheitsabkommen, und die Times widmet der Frage einen neuen langen Leitartikel. Darin heißt es, die französische Regierung habe die englische Auffassung offiziell willkommen geheißen, obwohl sie vorher in der Presse kritisiert worden sei, weil sie nicht genau mit den französischen Erwartungen und Ansichten übereinstimme. Es sei jedoch ein hoffnungsvolles Zeichen, daß die englische Antwort offiziell willkommen geheißen wurde. England könne nicht mehr tun als es angeboten habe. Eine erneute und specifizierte Garantie der Grenzen durch Deutschland, Frankreich, Belgien, vielleicht auch durch Italien und natürlich durch England wäre eine Regelung, die den Frieden in Europa garantieren würde. England habe enorme Opfer im Kriege gebracht, um. die Grundprinzipien des Friedens zu verteidigen. Was die östlichen Grenzen anbetreffe, an denen Frankreich besonders durch sein Bündnis mit Polen und der Tschechoslowakei interessiert sei, könne England „keine andere Abmachung eingehen als die, welche im Friedensvertrage von Versailles und durch den Völkerbund niedergelegt sei". Die englische Regierung sei bereit, sich mit Frankreich, Deutschland und anderen Mächten in der Garantie der westlichen Grenzen zu verbünden.
Die Lösung, wie^sie England findet,
verpflicht^ sich in keiner Weise hinsichtlich der Ostgrenzen, es sagt aber, daß Frankreich selbstverständlich sich nach Völkerbund und Friedensvertrag richten dürfte. Das heißt in anderen Worten, Frankreich dürfe Polen zu Hilfe eilen, wenn Polen durch Deutschland angegriffen wird. Bleibt die Frage, wer zu entscheiden hätte, ob Deutschland oder Polen die ^Angreifer sind, denn wenn Polen angreift, darf Frankreich nicht zu Hilfe kommen. Ueber diesen Punkt ist zwischen London und Paris viel debattiert worden. Während England auf dem Standpunkt steht, daß derVölker- bundzuentscheidenhabe,werdieangreifen- de Partei war, steht Frankreich auf b em Standpunkt, daß es selb st diese Entscheidung treffen dürfe. Wie eine solche französische Entscheidung unter allen Uniständen ausfallen dürfte, ist klar genug.
Um Elsaß-Lothringen.
❖ Paris, 3. Juni. In Straßburg haben große Feier- lichkeiten stattgefunden, auf denen politisch bedeutsame Ansprachen gehalten wurden. Doumergue hat in seiner gestrigen Rede erklärt: „Zur Aufrechterhaltung des äußeren Friedens ist unermüdliche Wachsamkeit am Platze, solange wir nicht die absolute Gewißheit haben, daß die Urheber des letzten Weltkrieges von keinem Revanchegedanken mehr erfüllt sind, solange die feierlich unterzeichneten Verträge nicht loyal erfüllt werden. Was so viele Völker längst begriffen haben, wird jetzt endlich von dem Volke eingesehen werden, das an Hand einer 50jährigen Erfahrung feststellen mußte, daß das Herz Elfaß-Lothriu'gens trotz aller heftigen Bedrückungen unveränderlich französisch geblieben ist." (?) Painlevä hielt auf dem Bankett des Straßburger Generalrates eine Rede, die wegen der bestimmten Zuffcherung im Hinblick auf die Ver- waltungsreform 'beachtenswert ist. „Es werden keine Maß. nahmen ergriffen," sagte PainlevS, „ohne daß die Vertreter Elsatz-Lothringens jedesmal zu Rate gezogen werden. (?) Der Unterstaatssekretär der Ministerpräsidentschaft wird stets Ihren Anregungen und Ratschlägen ein williges Ohr leihen. Die zweite Versicherung. die ich Ihnen geben kann, ist die, daß der beratende Ausschuß sehr bald gebildet wird, in dem durch die Art seiner Zusammensetzung alle Meinungen zum Ausdruck kommen werden. Die Sicherung Frankreichs ist unerläßliche Bedingung, ohne die das Schicksal unserer elsäs- sischen Grenzmark uns stets mit Unruhe erfüllen wird." Painlevck beteuerte weiter, Frankreich würde nicht zur Wiedererlangung Elsaß-Lothringens zu den Waffen gegriffen, (?) sondern die Wiedergutmachung des geschehenen Unrechts von der Zeit erwartet haben, wenn es nicht angegriffen wäre. Painlevä schilderte die Unterredung vorn September 1917, in der der englische Ministerpräsident ihm das Versprechen erteilte, daß Großbritannien den Krieg bis zur Befreiung der beiden Provinzen fortführen werde. Lloyd George hatte gerade im Unterhause erklärt, daß er persönlich die Forderung Frankreichs auf RUckerlangung Elsaß-Lothringens be- greife und billige. Diese Worte hatten damals in Frankreich große Erregung hervorgerufen, und er habe den britischen Ministerpräsidenten um eine sofortige Zusammenkunft ersucht. die Anfang Oktober in Bologne stattfand. „Die Stunde war sehr kritisch.. Die russische Front brach zusammen, und im Osten holten die Deutschen zu ihrer größten Offensive aus. Weder Lloyd George noch ich waren im un ■ klaren über ü i e schweren Gefahren, von
denen die Sache der Alliierten bedroht war, um so mehr hielt ich es für notwendi g, daß unwiderrufliche Worte gesagt wurden. Der französische Ministerpräsident verlangte von Lloyd George die feierliche und öffentliche Zusage, daß Großbritannien die Waffen erst nach Rückerlangung Elsaß-Lothringens nieder, lege. Ich erinnere mich noch an die letzten Worte Lloyd Georges, wie er mein Ehrenwort verlangte, daß wir Großbritannien nie darum ersuchen werden, das gegebene Versprechen zurückzunehmen. Wie beunruhigend und enttäuschend die Wechselfälle der internationalen Politik auch sein mögen, so will ich doch ausdrücklich meinen Glauben an die Zukunft der europäischen Zivilisation beteuern. Muß die Linie, die Frankreich und Deutschland trennt, stets eine bedrohte Grenzlinie sein? Elsaß-Lothringen könnte durch sein Genie zu der gegenseitigen Verständigung der beiden großen Völker beitragen. Ein Tag wird anbrechen, der vielleicht näher ist, als Sie glauben, wo die Völker in der Er- kenntnis der bitteren Lehren des Krieges die Schranken des Egoismus und des Haffes zwischen sich fallen lassen werden, wo wieder das Gmie befruchtet, nicht um des Krieges willen, sondern um zusammen zu arbeiten in der Bezwingung der widerspenstigen Materie."
Deutschenhaß!
^ Bern, 3. Juni. Von einem Südtiroler erhalten wir beachtenswerte Mitteilungen über die italienische Unterdvük- kungspolitik. Der Gewährsmann schreibt, das Ziel der italienischen Politik in Südtirol sei, die mögliche Reibungsfläche zwischen Italien und Deutschland innerhalb einiger Jahre durch eine unerbittliche Italianisierungspolitik gegenüber den 250 000 Deuffchen zum Verschwinden zu bringen^ d. h. Südtirol den deutschen Charakter zu nehmen. Hierzu diene d i e F ö r d e r u n g d e r, E i n
gewährt würden/sowie die Schulpolitik, die die deutsch- sprechende Lehrerschaft überall aus den Schulen entfernt. Denjenigen Südtirolern, die im Auslande Schulen besuchen wollen, würden die Pässe verweigert. Die Folge dieser Schulpolitik sei die Ver- nichtung von etwa 400 Volksschulen. Die deutsche Lehrer- 'und Lehrerinne,childungsanstalt in Südtirol sei aufgehoben, wodurch der Nachwuchs von Lehrern, die die deutsche Sprach« beherrschen, unterbunden wurde.
Amerika hält Deutschland für abgerüstet.
^ New Park, 3. Juni. Eine Meldung des „Inter- national" aus Londoner diplomatischen Kreisen erklärt, die diplomatischen Kreise Amerikas würden auch fernerhin in ihren Berichten zum Ausdruck bringen, daß Deutschland abgerüstet sei. Amerika würde, wenn der Sicherheitspakt an Frankreich zerschelle, gewiffermaffen sich auf Deutschlands Seite stellen, denn ein weiterer Druck in der Abrüstungsfrage vermehre Deutschlands ökonomische Belastung und seine innerpolitischen Schwierigkeiten.
Eine Bittschrift des deutschen Grundbesitzes in Lettland an den Völkerbund.
£ Genf, 3. Juni. Der deutsche Grundbesitz in Lettland, der von der lettischen Regierung durch das Agrargesetz 1920 enteignet wurde, hat an den Völkerbund eine Bittschrift gerichtet, in der gegen das Verhalten der lettischen Regierung energischer Protest eingelegt und um das Gutachten des Haa- ger Gerichtshofes gebeten wird. Der deutsche Grundbesitz beruft sich dabei auf die von der lettischen Regie- rung vor dem Völkerbund abgegebenen Versprechen, allen ihren Staatsangehörigen, gleichviel welcher Nationalität, Sprache oder Religion sie seien, die gleicheBehand- lung vor dem Gesetz zuteil werden zu lassen. Das Agrargesetz der lettischen Regierung, das einen minori- tätenfeindlichen Charakter trage, verfolge zwar ein soziales Ziel, aber um es zu erreichen, seien tiefgehende Unterschiede zwischen der lettischen Mehrheit und der deutschen Minder- Heit gemacht worden, die mit sozialen Gesichtspunkten nichts gemein haben. Die Enteignung der im Besitz der Minoritäten befindlichen Güter wurde restlos durchgeführt. Der deutsche Besitzer darf nicht mehr besitzen als 50 Hektar, während die lettischen Güter ohne weiteres mehr betragen dürfen. Dem deutschen Gpundbesitz in Lettland sei damit jede Existenzmöglichkeit genommen, da der ihnen zugeteilte Grundbesitz von 50 Hektar aus dem wertlosesten Teil (!) des ehemaligen Besitztums bestehe und eine Bewirtschaftung des geringen Umfanges wegen, wie die Erfahrung lehrt, mehr kostet, als sie einbringt. Der Bittschrift des deutschen Grundbesitzes sind zwei Gutachten von namhaften internationalen Gelehrten beigefügt.
Vollsitzung des Reichsrais.
£ Berlin, 3, Juni. Am 5. Juni findet eine Vollsitzung des Reichrats statt, deren Tagesordnung u. a. enthält: 1. Ent. Wurf eines Gesetzes über den Handels- und Schiffahrtsoertrag zwischen dem Deutschen Reiche und dem Vereinigten Königreiche von Großbritannien und Irland; 2. Entwurf eines deutschen Auslieferungsgesetzes; ferner: Anrechnung einet