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Hersfelöer Tageblatt

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Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfels

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Nr. 143

Montag, den 22. Juni

1S2S

Das Wichtigste.

Am Sonnabendvormtttag trat das Reichs- f a b i n e 11 zu einer Sitzung zusammen, in der über die Sicherheitsnote und den Schlußbericht der Interalli­ierten Militärkommission beraten wurde.

In Köln und München fanden große Jahr- tausendfeiern der Rheinlande statt, die in der For­derung nach der Freiheit der Rheinlande ausklangen.

Nach den bisher vorliegenden Berichten nehmen die englischen Dominions scharf gegen den fran­zösischen Paktvorschlag Stellung.

Die deutsche Politik und Sowjet-Rußland.

In Sowjetrußland sieht man in sehr gereizter Stimmung arif alle Schritte, die Deutschland außenpolitisch unternimmt. Nachdem alle Versuche gescheitert sind, Deutschland zu bolsche- wisieren,, und auch keine Hoffnung mehr besteht, daß es ge­schehen könne, steht Rußland noch immer von allen anderen Mächten isoliert va.

Sowjetrußland verlangt von uns, die wir ihm durch den Rapallovertrag etwas näher getreten sind, daß wir mit ihm die Isolierung von der kultivierten Welt teilen. Da Tschitscherin diese Politik nicht nur uns gegenüber treibt, fonbem jedem anderen gegenüber, der sich Sowjetruß­land näher» will, kann man hierin wohl die Ursache er­kennen, weshalb die sowjetrussische Politik aber auch gar keine Freunde erringen kann.

Die Zuspitzung des Verhältnisses Englands zu Sowjet­rußland macht die Moskauer Machthaber völlig nervös. Auf Deutschland hatten sie ihre ganze Hoffnung gesetzt, und nun mußten sie sehen, daß Deutschland, ohne erst Rußland zu fragen, iLivpanoige oajrttie unrernnnun.

Schon die Annahme des Dawesplanes durch Deutschland

hatte in Rußland verstimmend gewirkt, da in ihm die Mög­lichkeit gesehen wurde, daß eine allgemeine europäische Be­ruhigung eintreten könnte, kommunistischer Weizen aber nur in einem unruhigen Staatsgebilde blühen kann.

Sowjetrußland ist in der angenehmen Lage, die Zeit Zeit sein zu lassen. Gänzlich abgelegen von der europäischen Politik, kann es alles an sich herantreten lassen. Anders Deutschland. Wir sind von einem Ring von erbitterten Feinden umgeben, von denen jeder gewillt ist, Deutschland zu vernichten. Für Deutschland treibt die Zeit, Deutschland muß handeln.

Wenn wir uns auch darüber klar sind, daß der Sicher- Heitspakt in der von Frankreich vorgesehenen Form eine Unmöglichkeit für Deutschland ist, so muß sich Rußland aber auch darüber klar sein, daß dieser sich in keiner Form gegen seinen Staat richtet. Die Nervosität der Sowjetmachthaber müssen wir deshalb wohl da suchen, daß sie annehmen, der ganze Sicherheitspakt sei von England inspiriert und wir träten damit in die englisch-antirusstsche Front ein.

Aus dieser Annahme heraus hat Tschitscherin auf dem Rätekongreß eine Rede gehalten, daß Sowjetrußland sehr leicht Deutschland bei weiterem Befolgen seiner jetzt begonne­nen Politik sehr kühl begegnen und der sowjetrussischen Po­litik eine andere Richtung geben könne. Er deutet ferner eine russisch-polnisch-französische Allianz an.

Auf jeden Fall ist es Tatsache, daß zwischen Moskau und Warschau eifrig verhandelt wird, daß besonders die polnische Industrie aus leicht begreiflichen Gründen durch ein Bündnis mit Rußland zu einer Beruhigung zwischen beiden Ländern zu kommen sucht. So sehr wir diese Tatsache auch beachten müssen, ist sie auf die Dauer doch kein Grund zur Beunruhigung; dazu ist Rußland zu sehr auf die polnische Industrie angewiesen, als daß es auf die Dauer auf das aus feinem Körper gerissene Polen verzichten könnte.

Sowjetrußland muß schon gestatten, daß Deutschland seine Politik nach seinen eigenen Belangen einstellt. Daß eine Trübung in das deutsch-russische Verhältnis gekommen ist, hat sich Rußland selbst zuzuschreiben. Die Hoffnungen, die es uns mit dem Rapallovertrag gemacht hat, sind restlos an dem starren Festhalten an dem bolschewistischen Wirt- schaftssystem gscheitert. Die Opfer, die Deutschland wirt- schaftspolitisch gebracht hat, sind nutzlos vertan. Für uns hat der Rapallovertrag nur noch seine politische Bedeutung, daß er der erste selbständige Schritt des unter der Feindbund, knute gehaltenen Deutschland war. Dieser Schritt mußte ge- tan werden, um vom Objekt der Launen der Alliierten wie­der zum Subjekt zu werden.

Der Sinn des Rapallovertrages war also, daß Deutsch­land seine politische Selbständigkeit in der Welt wieder be- kam. Moskau ist auch seine eigenen Wege gegangen, wenn es in seinen Kram paßte. Genau dasselbe muß es aber Deutschland zubilligen. Beide Länder sind aufeinander an- gewiesen, wie selten zwei Staaten. Wenn aber ehrliche Freundschaft bestehen soll, muß jeder der beiden Kontrahen- ten die Eigenheiten des anderen achten.

Kabinettsrai über die Gicherheiisnote.

- Berlin, 22. Juni. Am Sonnabend vormittag trat in der Reichskanzlei das Reichskabinett zu einer Sitzung zusam­men, um die dringenden außen- und innerpolitischen Ange­legenheiten zu behandeln. Anschließend daran fand eine Ministerbesprechung statt. Den Hauptgegenstand der Be­sprechung bildete die Sicherheitsnote und der Schlußbericht der Interalliierten Militärkommission. Von innerpolitischen Fragen wurde über den Stand der Zollpolitik berichtet. Die Regierung beabsichtigt eine Zusammenstellung des in letzter Zeit eingetroffenen Notenmaterials der Alliierten, das vor­aussichtlich in dieser Woche zur Veröffentlichung kommt.

Eine Stellungnahme der Reichsregierung zu der fran­zösischen Sicherheitsnote kann erst nach eingehender Beratung und Beschlußfassung des Kabinetts erfolgen, und insofern muß die Meldung desP e t i t P a r i s i e n", daß die deutsche Reichsregierung in einem Fragebogen die französische Re­gierung um Aufklärung über gewisse Punkte der französischen Antwortnote vom 16. Juni gebeten habe und das Schriftstück bereits in Paris bearbeitet und mit dem Antwortentwurf nach Berlin zurückgesandt worden sei, als Falschmeldung zurück­gewiesen werden. Den Grund zu dieser Pariser Meldung konnte vielleicht eine Unterredung des Reichsaußenministers mit dem Berliner französischen Botschafter gegeben haben, in der Dr. Stresemann erklärte, daß noch viele Punkte in der französischen Note der Aufklärung bedürften.

Das Echo der Sicherheitsnote.

^ In englischen Kreisen ist man nach der ersten Zurückhaltung über die französische Sicherheitsnote wieder sehr optimistisch und hofft, daß es der englischen Regierung gelingen werde, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Es wird zwar nicht bestritten, daß der Pakt in der von den Alliierten vorgesehenen Form viele Angriffsflächen biete, doch käme es auf das Ganze und nicht auf Einzelheiten an.

Haupt jedes Symptom eines ehrlichen deutschen Willens zur Verständigung mit offener Freude begrüßt, wird auf der anderen Seite der englischen Politik immer wieder der Vor- wurf gemacht, daß die Richtlinien der äußeren Politik nach dem Kriege, insbesondere das Fallenlassen des Bündnisver­trages von 1919 den französischen Chauvinismus genährt und die französische Nervosität gesteigert habe.

Nach einer Mitteilung von Reuter besteht in unter­richteten Kreisen Englands nicht die Neigung, zu dem Gelb­buch besondere Erläuterungen zu geben. Es wird jedoch be­sonders darauf hingewiesen, daß England als Mitglied des Völkerbundes dessen Satzungen als bindend ansehe. Im übrigen werde Groß-Britaunien keine Verpflichtungen über- nehmen, die über die bisherigen Hinausgingen. Englands Ziel sei es, niemals in einen Krieg einzugreifen, in dem seine Interessen nicht gewahrt würden, und die Mächte, zwischen denen eine kriegerische Verwicklung möglich sei, zur Unter« Zeichnung eines besonderen garantiegeschützten Paktes zu ver­anlassen.

In Frankreich dagegen wird das französische Gelb­buch ausführlich kommentiert; in den Vordergrund geschoben wird die Aeußerung des englischen Außenministers Cham­berlain in seinem Brief vom 8. Juni, daß der dlheinpakt nicht zu einer unüberwindlichen Schranke für Frankreich werden dürfe, und kein Schuldnerstaat sich auf den Pakt be­rufen dürfe, um den Folgen seiner Verfehlungen zu entgehen. Daraus fonftruieren derTemps" und dasJournal des Däbats" für Frankreich die Anerkennung des Durchmarsch­rechts durch die Rheinlandzone für den Fall von Verwicklun­gen im Osten.

Die p o l n i s ch e P r e s s e , die mit Spannung der Ver­öffentlichung der französischen Sicherheitsnote entgegensah, ist ziemlich enttäuscht; denn sie vermißt vor allem Frankreichs klare Stellungnahme zu der Frage eines Streitfalles terri­torialer Art, bei dem es sich um eine Aenderung der polnischen Westgrenze handeln könnte. Polen steht auf dem Standpunkt, daß jede Diskussion seiner Grenzen unzulässig und unter Um­ständen ein Kriegsgrund sei. Man hofft indessen, daß es Frankreich gelingen werde, eine ihm genehmere Fassung des Sicherheitspaktes zu erreichen.

Nach einer Meldung aus W a f h i n g t o n ist im Weißen Haufe im Namen des Präsidenten Coolidge eine Erklärung abgegeben worden, daß die Vereinigten Staaten keinerlei Ver­pflichtungen im Zusammenhang mit einem europäischen Sicherheitspakt übernehmen würden. Sie würden auch nicht als Treuhänder für die Erfüllung der deutschen Verpflichtun­gen austreten können.

Chamberlain berichtet über Genf.

London, 22. Juni. Das englische Kabinett ist an diesem Montag Abend zusammengetreten, um den Bericht A u st e n L h a m b e r l a i n s über seine Genfer Reise ent- gegenzunehmen und über die Regierungserklärungen zu be­raten, die am Mittwoch im Unterhaus« abgegeben werden sollen.

Die englischen Dominions gegen den Sicherheitspakt.

$ London, 22. Juni. Den vorliegenden Nachrichten zufolge scheint die Ansicht der britischen Dominions fast aus­nahmslos gegen den vorgeschlagenen Sicherheitspakt gerichtet zu sein. Daily Expreß benutzt das Material zu einem Generalangriff auf die Chamberlainsche Außenpolitik. Die Montreal Gazette erklärt, daß es nicht Sache der Australier, Südafrikaner und Kanadier sei, die Brückenköpfe am Rhein oder die Ausgänge Zentraleuropas zur See zu kontrollieren. Die EapTimesin Südafrika erklären, daß Chamberlain sich augenscheinlich zu der Auffassung bekenne, daß die lebenswichtigeren Interessen für das britische Reich in Europa lägen. Sein Hauptcharakteristikum, seine Loyalität gegenüber Frankreich, sei an sich lobenswert, aber sie sei in hohem Grade zur Irreführung geeignet, wenn sie den Haupt­teil der britischen Außenpolitik bUde. Wenn auch Lhamber- lain das Kabinett überzeugt habe, daß seine Espenlaub-Politik die richtige Politik für Großbritannien sei, so dürfe er doch nicht erwarten, daß die Regierungen der Dominons dieser Politik mit anderen Gefühlen gegenüberständen als mit einem absoluten Skeptizismus. In ähnlichem Sinne äußert sich auch der in Neuseeland erscheinende Auckland Star.

Die Beratungen über die Zollvorlage.

-£ Berlin, 22. Juni. Reichskanzler Vr. Luther und Reichsernährungsmimster Graf Kanitz empfingen am Freitag abend die Vertreter der Regierungsparteien und be­sprachen mit ihnen die Erledigung der Zollvorlage. Die Zoll­vorlage wird an diesem Montag im Reichstag besprochen und dann an den Ausschuß weiter geleitet werden. ________

Kölner Zahrtausendfeier.

$ Köln, 22. Juni. Am Freitag nachmittag fünf Uhr fand im festlich geschmückten Messehof unter ungemein starker Beteiligung der Bevölkerung die offizielle Kölner Iahr- tausendfeier statt. Unter den Gästen bemerkte man zahlreiche tagsabgeorLmete. Auch Karbinal-Ertzbischof Dr. Schulte war erschienen. Die Feier begann mit einem^festlichen Prä­ludium für Orchester und Orgel von Richard Strauß. Darauf hielt Oberstudiendirektor Dr. Meyer die Festrede. Er gab einen historischen lieberblick über ine bewegte tausendjährige Geschichte des Rheinlandes und über die wechselvollen Schick- sale, die es im Laufe der Jahrhunderte durchlebt hat. Der Redner erinnerte an die Auflösung des Univerfalreiches Karls des Großen durch den Vertrag von Verdun im Jahre 843 und an die schließliche Angliederung Lothringens an das oftflänkische Reich im Jahre 925, die für die Geschichte und die weitere Entwicklung des damaligen Deutschen Reiches von der allergrößten Wichtigkeit gewesen sei. Das rheinische Land habe in den vergangenen Jahrhunderten nicht nur durch den Zwang der Geschichte, sondern auch durch die innere geistige Haltung seines Volkes und durch die unbeirrbare Kraft sei­nes politischen Freiheitsgefühls wertvolle Errungenschaften der europäischen Völkergemeinschaft auch bem Osten des deut­schen Vaterlandes gebracht. Der Redner gedachte weiter der Programmschrift Ernst Moritz Arndts vom Jahre 1813:Der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze", in der er den Rhein und seine beutfdje Geschichte pries, und die er mit dem bedeuffamen Satze abschloß:Dieses Ehrwürdigste, dieses Deutscheste darf nicht französisch werden." Was die geschichtliche Erinnerung und die Poesie des Rheins im Symbol der Kaiserkrone aufleuchten ließ, sei weder in den Stürmen und 9iöten des Weltkrieges noch im Chaos der Re­volution verlorengegangen. Die Rede schloß mit der Mah­nung, dem Heimatlande treu zu bleiben. Die Treue zu un­seren Vätern und zu unserem Volke sei der letzte Stolz, der letzte Halt, die letzte Ehre, das letzte Recht, das wir besitzen. Hierauf sang die ißerfammtung stehend das Deutschlandlied. Den Schluß bildete der letzte Satz aus der Neunten Sinfonie von Beethoven mit dem Schlußchor über Schillers Ode an die Freude.

Im G ü r z e n i ch fand am '.benb das Festmahl aus Ein­laß der Iahrtausendfeier statt Oberbürgermeister Dr. Ade­nauer begrüßte die Vertreter der Reichs- und Staats- vegierung, der Länder, der Provinz, die Vertreter des Pro­vinz iallandtages und die Vertreter der Religionsgeiellschaf- ten. Er führte dann weiter aus: Es wäre nicht richtig, die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage durch öffentliche Be­sprechung all der Fragen, die sich aus bem, gegenwärtigen Notenwechsel ergeben, zu schildern, ehe das Reichskabinett und die verantwortlichen Vertreter des deut: chen Volkes dazu Stellung genommen haben. Ein Wort aber muß ich heute noch dazu sagen: Wir Rheinländer tragen Ketten. Wir in der Kölnischen Zone tragen diese Ketten nach unserer et­lichen Ueberzeugung zu unrecht. Aber das eine rufe ich Ihnen, die Sie' verantwortlich für die Entscheidungen sind, die jetzt getroffen werden, zu; und ich weiß mich darin einig mit dem überwältigenden Teil meiner engeren Landsleute: Schmieden Sie keine neuen Ketten freiwillig für DeutMand. Lieber wollen wir die Ketten, die wir jetzt tragen, noch so lange weiter tragen, bis Recht und Gerechtigkeit, auf deren Sieg wir unerschütterlich bauen, uns diese Ketten abnimmt. Sie wissen, daß ich immer ein Freund einer Verständigung Ä