Hersfelöer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfeld
Nr. 151 Mittwoch, den 1. Juli 1925
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Bas Wichtigste.
— Der Inhalt der neuen Botschafternote überdieKnebelungder deutschen Luftschiffahrt liegt imWortlautvor.
— Die Debatte, die sich im englischen Unterhaus an den Mißtrauensantrag Macdonalds anschloß, endete mit einem Vertrauensvotum für die Re- gierungBaldwin.
Llnerhörte Knebelung der deutschen Luftfahrt.
Der Wortlaut der Note der Botschasterkonferenz.
❖ Berlin, 1. Juli. Die Note der Botschasterkonferenz über die Beschränkungen des deutschen Luftfahrzeugbaues, die am 24. Juni dem deutschen Botschafter in Paris llber- geben wurde, lautet:
„Herr Botschafter!
In Beantwortung des Wunsches der Deutschen Regierung hat der Ausschuß der Botschasterkonferenz für die Begriffsbestimmungen die Einwän-e gehört, die die deutschen Sachverständigen über die etwaige Mänderung der Bestimmungen für die Unterscheidung ziviler und militärischer Lufffahrzeuge vorgebracht haben.
Heute habe ich die Ehre, Euerer Exzellenz mitzuteilen, daß die Botschasterkonferenz im Verfolg dieser Anhörung die neue Fassung der Begriffsbestimmungen abschließend festgesetzt hat; ich bitte Euere Exzellenz, den Wortlaut hierunter entnehmen zu wollen. Die alliierten Regierungen bleiben überzeugt, -aß diese Regeln von der Deutschen Regierung gewissenhaft befolgt werden.
Genehmigen Sie usw. (gez.) B r i a n b."
Die der Note beigefügten „Neuen Regeln zur Unterscheidung zwischen ziviler und m i l i -
Flugzeuge schwerer als Lust:
Regel 1: Jeder Einsitzer mit mehr als 60 PS Motorleistung wird als militärisch, somit als Kriegsgerät angesehen.
Regel 2: Jedes Flugzeug, das ohne Führer fliegen kann, wird als militärisch, somit als Kriegsgerät angesehen'. Regel 3: Jedes Flrrgzeug, das gepanzert oder irgendwie geschützt oder zur Aufnahme irgendeiner Bewaffnung, Geschütz, Torpedo oder Bomben eingerichtet ist, wird als Militärflugzeug und deshalb als Kriegsgerät angesehen.
Ieöe Ueberladevorrichtung, die gestattet, die Motorleistung zu erhöhen, oder jede Anordnung, die die Anpassung ziviler Flugzeuge an militärische Zwecke erleichtert, und jedes Flugzeug oder jeder Motor, die mit einer derartigen Vorrichtung oder Anordnung versehen sind, werden als militärisch, somit als Kriegsgerät angesehen.
Folgendes sind die Höchstgrenzen für alle Flugzeuge schwerer als Luft; alle, die diese Grenzen überschreiten, werden als militärisch somit als Kriegsgerät angesehen.
Regel 4: Gipfelhöhe voll beladen 4 km.
Regel 5: Geschwindigkeit voll beladen in 2 km Flughöhe 180 km/h (wenn die Motoren mit Vollgas laufen unb somit die Höchstleistung abgeben).
Regel 6: Die mitnehmbare Höchstmenge an Oel und Brennstoff (beste Sorte Flicgerbenzin) darf 0,8l™/v kg/PS nicht überschreiten; dabei bedeutet V — die Geschwindigkeit des Flugzeuges voll beladen und mit Vollgas in 2 km Höhe. Regel 7: Jedes Flugzeug, das eine Ladung von mehr als 900 kg einschl. Führer, Motorwart und Instrumenten zu tragen vermag, wird, wenn die Grenzen der Regeln 4, 5 und '6 erreicht sind, als militärisch, somit als Kriegsgerät angesehen.
Luftschiffe, deren Gasraum die folgenden Zahlen überschreitet, werden als militärisch, somit als Kriegsgerät angesehen.
I. Starrluftschiffe 30 000 mh
II. halbstarre Luftschiffe 25 000 m8,
। x III. unstarre Luftschiffe 20 000 m3.
Regel 8: a) Ueber die Fabriken, die Luftfahrtgerät irgend welcher Art herstellen, sind Listen zu führen; die Deutsche Regierung hat dem Garantiekomitee Nachweise der Einfuhr (einschl. der Durchgangseinfuhr) und der Ausfuhr für alle Flugzeuge und alles Luftfahrtgerät mit allen Ein- zelheiten, die das Komitee verlangt, zu beschaffen.
b) Ueber alle Flugzeugführer und Flugschüler und alle Flugzeuge (einschl. der zur Ausfuhr gebauten), fertig- gestellten oder im Bau, sind Listen zu führen.
C) Alle Listen sind in der Form zu führen, die das Garantiekomitee verlangen kann; sie werden von der Deut- schen Regierung vierteljährlich den: Komitee übergeben.
c) Um zu vermeiden, daß das Garantiekomitee ein neues Luftfahrzeug- oder Motormuster nach dem Bau zerstören muß, sind ihm die Unterlagen zur Festlegung der Merk- male dieses Gerätes vor Banbeginn einzureichen.
Regel 9: Die Zahl der Flugzeuge und Motoren unt die Menge des Luftfahrtgeräts einerseits, die Zahl der Flug
zeugführer und Flugschüler andererseits, darf den angemessenen Bedarf der Zivilluftfahrt in Deutschland, wie er vom Garantiekomitee festgesetzt wird, nicht übersteigen.
Die Räumung des RuhrgebietS.
$ Paris, 1. Juli. „Paris Soir" teilt mit, daß die französisch-engsischen Vorbesprechungen zur Räumung des Ruhrgebietes jetzt zu Ende geführt worden sind. Das fran- zösisch« Kriegsministerium ist ermächtigt worden, die zur Durchführung der Räumung nötigen Maßnahmen zn beschließen.
Wie „Havas" berichtet, ist Marschall Petain auf seiner InspMionsreise in Koblenz eingetroffen.
Reue Brutalitäten der Besatzungstruppen in der Pfalz.
- Pirmasens (Pfalz), 1. Juli. Von einer im Dorfe Obersimten Quartier beziehenden Abteilung farbiger Infanterie wurden der Gerber Wilhelm Steiner und der Fabrikarbeiter Otto Fiedler durch den befehlshabenden französischen Offizier in der brutafften Weise mißhandelt, weil sie die französische Fahne nicht grüßten. Steiner erhielt einen Schlag auf den Kopf, Fiedler einen Fußtritt in den Unterleib und einen Faustschlag auf die Brust, so daß er rücklings zu Boden stürzte. Steiner ist ein Krüppel, der nur eine Hand hat, und Fiedler befindet sich schon längere Zeit wegen eines schweren Leidens in ärztlicher Behandlung. Eine Grußpflicht der Bevölkerung gegenüber der französischen Fahne besteht nicht.
Zu den französisch-deutschen Industrie-Verhandlungen.
■£ Paris, den 1. Juli. Die französische Presse meldet, daß die französische und die deutsche Schwerindustrie sich zu einem Kartell zusammengeschlossen haben. Das „Journal des Debüts" ist jedoch ermächtigt, diese Meldung zu dementieren. Zwischen den beiden Industrien sei lediglich ein provisorisches Abkommen getroffen worden, das sich auf die Einfuhr einer bestimmten Menge von Metallprodukten
Das Abkommen erst nach Unterzeichnung Des oeulsly-sran- zösischen Wirtschaftsvertrages in Kraft.
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Beratungen zwischen der deutschen und der französischen Wirtschaftsdelegation.
Paris, 1. Juli. Die deutsche und die ftanzösische Wirt- schaftsdelegation halten wieder jeden Tag mehrstündige Beratungen ab. Eine neue deutsche Note mit Angaben über die äußersten deutschen Zugeständnisse ist bisher nicht überreicht worden. Allgemein herrscht der Eindruck vor, daß eine definitive Klärung nunmehr endgültig, spätestens bis zum zehnten Juli, eintreten muß.
Englands wirlfchaflliche SSwierigMen.
Eine Rede Bald wins im Unterhaus.
^ London, 1. Juli. Im englischen Unterhaus« wurde am Montag über den Mßtrauensantrag MacDonalds verhandelt. MaeDonald begründete seinen Dintrag selbst und wies auf die besorgniserregende Arbeitslosigkeit in England hin, für die die Regierung nichts getan habe. 3m Gegenteil würden die Industrie geschädigt, die Markte beschränkt und die Arbeitslosigkeit vermehrt. Bei der Gelegenheit brächte er seinen alten Plan von der wirtschaftlichen Einigung mit Sowjetrußland wieder aufs Tapet. Er erklärte, daß Tausende von Männern und Frauen Arbeit finden würden, wenn man Rußland in den Bereich des Ucberseekreditplanes brächte. Auf die Ausführungen MacDonalds erklärte B a l d- w i n, es sei notwendig, nach neuen Lösungen des schwierigen Problems zu suchen. Heute gäbe es in England über ein- undeinviertel Million Arbeitslose. Ein Mehr von 228 000 gegen das Vorjahr. Die Arbeitslosen stammten hauptsächlich aus dem Bergbau, der Eisen- und Stahlindustrie und bem Schiffsbau. Auch in der Tuchindustrie herrsche große Arbeitslosigkeit. Dagegen müsse man sich an die Vorkriegszeit mit ihrem Auswandererstrom erinnern, wo fünf Jahre hindurch durchschnittlich 200 000 Menschen jährlich auswandern mußten. Diese Zahl sei in den letzten Jahren auf ca. 130 000 gefallen. Alan müsse nebenbei das allmähliche Wachsen der Bevölkerungsziffer betrachten. So bitter es auch sei, daß beinahe 11 Prozent der Bevölkerung ohne Arbeit sind, so müsse man in Anbetracht der früheren Auswanderung und ihres jetzigen Zurückgehens an die 90 Prozent der im Berufs- leben Stehenden denken. Man dürfe sich nicht einem schwarzen Pessimismus hingeben. Eine allmähliche Besserung im Handel sei unverkennbar. Die Preise haben sich nicht ernstlich verschlimmert. Der Premierminister wandte sich energisch dagegen, daß die englische Außenpolitik in den letzten Jahren etwas dazu beigetragen hätte, das europäische Chaos zu vcr- größer». England habe vielmehr alles getan, um den Wiederaufbau Oesterreichs, Ungarns und Deutschlands zu fördern. Gerade jetzt bemühe sich die englische Regierung, auch die Lage Westeuropas im Interesse des Friedens zu befestigen. Baldwin erinnerte an den Sicherheitspakt. Bei Er- folgkrönnnq der Bemühungen wäre ein Meilenstein auf die- fern langen, mühseligen Wege erreicht worden. Damit würde auch der Wirtschaft'«:» Dienst erw den worden sein. Im
Innern müsse man in der Modernisierung der Wirtschaft weiter fortfahren. Die Ausnützung der Elektrizität müsse weiter ausgebaut werden. Was die Kreditschwierig- k e i t e n anbelange, so seien sie von der politischen Unsicherheit abhängig. Baldwin gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß eine der ersten Wirkungen des Abschlusses eines Sicherheits- paktes ^mischen Frankreich, England, Belgien und Deutschland sei, daß in den Kreditverhältmssen eine Besserung ein- trete. Die größte Schwierigkeit liege in den zunehmenden Beschränkungen, die fremde Länder gegen England richteten. Er sehe einen großen Vorteil für England darin, wenn ganz Europa den Freihandel annehme, doch dazu sei die Zeit noch nich gekommen. Die Zukunft eines Landes läge in der Entwicklung der Industrie, die sich die Wissenschaft in erhöhtem Maße in den Dienst stellen muß. England fei heute nicht mehr das Land, das für die Welt fabriziert. Diese beherrschende Stellung Englands sei dahin, und es komme jetzt darauf an, durch die Güte der Ware und billige Produktionsmethode der britischen Industrie einen neuen Markt zu gewinnen.
Der von der Arbeiterpartei eingebraetjte Mißtrauensantrag gegen die Regierung wurde vom Unterhaus mit 373 gegen 143 Stimmen abgelehnt.
Englands Kampf gegen den Bolschewismus. Chamberlain im Kreuzfeuer.
■$■ London, 1. Juli. Im englischen Unterhaus teilte Winterton mit, daß fortwährend in Indien und an den Grenzen bolschewistische Propagandaversuche gemacht würde», die durch die kommunistischen Führer in Rußland offen befürwortet würden. Sir Alfred Knox fragte Chamberlain, ob er sich angesichts der Tatsache, daß die Unruhen in China durch Agenten einer anderen Regierung gefördert und verschärft würden, zu irgendwelchen Aktionen entschlossen habe, um die Einstellung derartiger Tätigkeit herbeizuftihren. Chamberlain erwiderte, die Anfrage greife auf politische Probleme von großer Weite über, die man nicht in Frage und Antwort behandeln könne. Auf die erneute Frage Knox', ob die Regierung in dieser Angelegenheit keine Vorstellungen erheben werde, erklärte Chamberlain, er habe keine MiMMM^
man wirklich nicht mittels Frage und Antwort behandeln töne. Die Frage Sir William Davisons, ob es nicht in den Bestimmungen des englisch-russischen Handelsabkommens ausdrücklich heiße, daß die russische Botschaft die Propaganda gegen das britische Reich einstellen soll, beantwortete Chamberlain dahin, daß es sich in China nicht um eine Propaganda gegen das britische Reich, sondern gegen das gesamte diplo- matische Korps handle. Im weiteren Verlaufe der Unter- Haussitzung fragte Locker Lampson, welche Schritte von der britischen Regierung unternommen wurden, um die Wiedererstattung von Verlusten, die britischen Untertanen in Ruß- land erlitten hätten, von der Sowjetregierung zu erreichen. Chamberlain antwortete, daß es bisher nicht möglich gewesen sei, irgendwelche wirksamen Schritte zu tun. Auf die Frage Locker Lampsons, ob Chamberlain nicht glaube, daß die Zeit gekommen sei, um eine Regierung abzulehnen, die ihre Schulden nicht anerkenne, erteilte Chamberlain keine Antwort.
Völkerbundgerechtigkeit.
Die Klagen der natio nalen Min derheiten.
❖ Berlin, 1. Juli. Von zuverlässiger Seite hört der Genfer Mitarbeiter eines Berliner Blattes, daß der Völker- bundrat in seiner letzten Zunitagung einen Beschluß gefaßt habe, der sich gegen Deutschland richte. Dieser Be- schluß betrifft Klagen der nationalen Minderheiten, die vor den Völkerbund gebracht werden. Der bisherige Zustand ist, daß über solche Beschwerden ein Dreimännerkollegium be- findet, das aus dem jeweiige» Vorsitzenden und zwei weiteren Mitgliedern des Bölkerbundrates gebildet ist. Das neue Statut, das in der letzten Tagung des Völkerbundrates ganz in der Stille entworfen und beschlossen worden ist, s ch l i e ß t von der Mitgliedschaft jene Staaten aus, die an den nationalen Minderheiten interessiert und Nachbarn jener Staaten sind, aus denen nationale Minderheiten ihre Zuflucht zum Völkerbund genommen haben. Nicht ausgeschlossen von der Mitgliedschaft an dem Dreimännerkolleglüm sollen aber jene Mächte sem, die mit einem Staat, dessen nationale Minderheit klagt, durch ein Bündnis eng verbunden sind. ---------
Schurman gibt die Ansicht Amerikas wieder.
£ New Dork, 1. Juli. Associated Preß meldet aus Washington, daß in Amtskreisen wenig Neigung bestehe, die A n s p r a ch e d e s B o t s ch as t e r s S ch u r m a n n gelegentlich der Ueberreichung seines Beglaubigungsschreibens zu kommentieren, da man anscheinend annehme, daß die Welt die Worte des Botschafters als eine Widerspiegelung der unbedingten Haltung der amerikanischen Regierung auf. fasse. Vor seiner Abreise nach Europa hätte Schurman Gelegenheit gehabt, mit dem Präsidenten Coolidge und dem Staatssekretär für Auswärtiges, Kellog, die europäische Lage eingehend zu besprechen. Er wäre somit in der Lage, mit größter Genauigkeit deren Ansichten über die europäische Lage wiederzu.qeben. ____