Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 155
Montag, den 6. Juli
1925
Das Wichiig-e.
— Die Städte Ge lsen k irch en und R e ck l i n g - hausen haben von der Besatzungsbehörde Mitteilung erhalten, daß die Räumung demnächst erfolgen werde.
— Präsident Eo o li d ge sprach in einer nationalen Versammlung über die Sicherheitsverträge und Amerikas moralische Unterstützung der Alten Welt.
— In den deutsch-französischen Wirt- schaftsverhandlungen sind die Aussichten auf den Abschluß eines m o du s vivendi durch die neue französische Note wieder wesentlich verschlechtert.
Die deutsche Wirtschaft in Rot!
Täglich gehen Nachrichten ein, die von Stillegungen der Zechen im Ruhrbergbau berichten, von umfangreichen Ar- beiterentlassungen und zum mindesten größeren Einschränkungen der Bergwerksbetriebe. Die Krise im Ruhrbergbau und überhaupt im rheinisch-westfälischen Industriegebiet hat ihren Höhepunkt erreicht. Zu Tausenden sind Bergarbeiter unbeschäftigt. Das Elend, das zu bemessen nur imstande ist, wer selbst in dem vom gelben Schwefelrauch erfüllten Industriegebiet geweilt hat, ist kaum noch zu überbieten. Es drängt sich uns die Erinnerung an jene Tage auf, als nach dem jähen Abschluß des Krieges die deutschen Truppen zurück- fluteten und durch die rheinisch-westfälischen Gebiete zogen. Damals waren die Schienenstränge belagert von hohläugigen, hungrigen Menschen, denen das Elend auf der Stirn geschrieben stand und für die Arbeit und Entbehrung das ewige Einerlei oes Tages waren. Nur, wer diese Bilder noch in seinem Gedächtnis hat, wer das graue Elend in der Industriegegend zu beurteilen versteht- der kann sich vorstellen, welche große Gefahr diesem Gebiet jetzt wieder bevorsteht, wo der Bergbau zum Stillstand zu kommen droht.
Die Halden sind hoch aufgetürmt, und Vorrat ist geför- J&it hinaus reicht und eine Weiterför- derung unmöglich macht. Der Förderkorb-WMMMMWMW bittert kehrt der Bergmann in sein Heim zurück, wo ihn das graue Elend erwartet. Es ist kein Pessimismus oder Schwarz- sehertum, wenn die Dinge hier so düster dargestellt werden. Es ist die bittere Wahrheit, die wir uns vor Augen halten müssen, um immer wieder zu erkennen, welche tiefen Wunden uns der Krieg geschlagen hat und wie furchtbar Teile der Bevölkerung unter den Folgen des Versailler Vertrages, des Londoner Abkommens und ähnlicher Knechtungsverträge zu leiden haben.
Doch für die Wahrheit sollen nicht leere Worte, sondern Zahlen sprechen. Die Haldenbestände bei den Ruhrzechen betrugen im Mai bis zu 9,5 Millionen Tonnen, oder in Geldwert umgerechnet entsprechen sie einem Kapital von 150 Millionen Mark. Feierschichten mußten eingelegt werden, wurden dann aber vermindert, indem man größere Arbeiter- entlassungen vornahm, die allein in einem Monat über 10 000 Arbeiterkräfte umfaßten und weiterhin noch m viel größerem Umfange erfolgen müssen. Im Bergrevier H a t - t i n g e n ist die Zahl der Bergarbeiter von 14 000 auf 8000 gesunken, im Revier Mitten von 15 000 auf 9000.
Diese Marktverhältnisse sowohl für Kohle wie für Eisen- und Stahlerzeugnisse treffen zusammen mit der überaus kritischen Zuspitzung der finanziellen Lage. ©as Geld ist knapp und teuer. Fällige Zahlungen werden mit großer Verspätung, wenn überhaupt geleistet, und die großen Industriewerke kranken an einer Geldnot, die zu beheben noch kein Ausweg gefunden ist. Dort, wo ausländische Kredite die Auf- rechterhaltung der Betriebe ermöglichen, zieht ebenfalls eine drohende Gefahr herauf, da die Termine für die Ruckzahlungen näher rücken und diese Rückzahlungen den Industriellen meist nicht möglich sind. All das teuer aufgenommene Geld ist verbraucht, und mehr und mehr verschlingt der Betrieb, ohne auf der anderen Seite derartige Gewinne „herauszu- bringen, die zur Abdeckung der Schulden nötig waren. Die Betriebe aber, die einmal den Termin zur Ruckzahlung ihrer Kredite nicht haben einhalten können, werden schwerlich tm Ausland neue Kredite bekommen, und es bleibt kein anderer Ausweg, als den Betrieb zu schließen und die Belegschaften zu entlassen. .. .. „ _
Ein Beispiel von der Geldnot möge die Firma.K r u p p i n E s s e n geben, die in großem Umfange zum Verkauf von Grundstücken gezwungen ist, um auf diese Weise flüssige Geldmittel zu beschaffen. Es ist klar, daß dieser Weg, wie ihn Krupp einzuschlagen gezwungen ist, keineswegs als nachahmenswerter Ausweg anzusehen ist. Die Verhältnisse, wie sie uns hier im rheinisch-westfälischen Industriebau entgegentreten, lassen sich leicht auch bei anderen Zweigen der Industrie nachweisen. Es macht sich eben zurzeit wieder eine derartige Geld- und Kreditnot bemerkbar, daß es nicht wenige Stimmen gibt, die heute schon wieder das Gespenst der In- flation an die Wand malen. Wenn diese Schwarzseher immerhin zu weit in ihren Folgerungen gehen, so muß doch ge« sagt werden, daß der Begriff Inflation, wie wir ihn heute auffassen, durchaus abhängig ist von den Verhältnissen, wie wir sie vor der Stabilisierung der Mark kennengelernt haben. Wir haben eben eine Inflation erleben müssen, die nicht zu übertreffen war, vielleicht würden wir aber, hätten wir jene Zeit nicht durchgemacht, die heutigen Verhältnisse schon als beginnende Inflation bezeichnen müssen. Wenn
wir heute Lohnerhöhungen um 10 bis 30 und mehr Prozent haben, die natürlich eine entsprechende Preissteigerung nach sich ziehen, so sind das kaum noch gesunde wirtschaftliche Ver- Hältnisse, und es muß jedem überlassen bleiben, die Bezeichnung für derartige wirtschaftliche Schwierigkeiten zu finden.
Es ist hier nicht der Ort, untersuchen zu wollen, wo die eigene Schuld Deutschlands an dieser schweren Wirtschaftskrise zu suchen ist. Das eine aber steht fest und wird uns mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen geführt, daß Deutschland Hei den gegebenen Verträgen und der wirtschaft- lichenlichen Knebelung durch die Alliierten niemals zum Wiederaufbau gelangen kann. Es muß zu einer Revision der Verträge kommen, weil man eine Großmacht, wie wir es doch auch heute noch darstellen, nicht bewußt zugrunde richtet, und letzten Endes liegt es ja im Interesse der anderen europäischen Mächte selbst, Deutschland nicht als Wirtschaftsfaktor auszuschglten; dazu sind die Beziehungen in der Wirtschaft von Land zu Land zu eng, als daß einer der Faktoren rücksichtslos beseitigt werden könnte. Dr. M.
Coolidge über die Sicherheiisfrage.
Moralische Unterstützung Amerikas.
4 - Cambridge (Massachusetts), 6. Juli. In einer Rede bei einer patriotischen Feier sagte Präsident C o o l i d g e die moralische Unterstützung der Vereinigten Staaten für Sicherheitsverträge zur Erhaltung des Friedens in Europa zu. Mit diesem Versprechen verbcnid er den Hinweis, daß man nur unter dieser Voraussetzung von Amerika eine weitere Mitarbeit an dem finanziellen Wiederaufbau der Alten Welt erwarten könne.
„Wenn die Völker der Alten Welt einander mißtrauisch gegenüberstehen," erklärte er, „so mögen sie gegenseitig« Verträge zu ihrer Sicherheit abschließen. Wenn auch Amerika sich des Eingehens politischer Verpflichtungen, an denen es kein politisches Interesse hat, enthalten wird, so werden derartige Vertrüge doch stets die moralische Unterstützung unserer Regierung und sicher auch den Beifall der össentlichen Meinung der Welt finden, schlössen haben, so mögen' sie feierlich beobachtet werden, welche Opfer es auch koste. Die Völker der Alten Welt regelten die weit schwierigeren Reparationsfragen, und sie sind im Begriff, ihre Schulden an uns zu fundieren. Weshalb können sie sich nicht über die Bedingungen für einen beständigen Frieren einigen un ddas internationale Vertrauen und den internationalen Kredit im vollen Umfange wiederherstellen. Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, die jetzt nicht ausgeglichen werden können, und wenn es unvorhergesehene Verhältnisse gibt, so mögen diese in Zukunft durch Methoden des Schiedsspruchs und richterlicher Entscheidung beigelegt werden. Die Welt hat es mit dem Kriege und mit der Gewalt versucht und dabei den größte» Mißerfolg gehabt. Die einzige Hoffnung auf Erfolg liegt in einem auf Gerechtigkeit gegründeten Frieden.
New Park Times beschäftigt sich mit der Rede des Präsidenten Coolidge und führt u. a. aus, Coolidge habe Anspielungen über den ideellen Lohn gemacht, den die Völker finden würden, wenn sie den von ihm aiigedeuteten Weg gehen würden, er habe aber außerdem nicht unterlassen, auch des materiellen Lohnes Erwähnung zu tun. Der Präsident habe die Frage aufgeworfen, auf welcher Grundlage denn sonst die Neigung für eine Finanzierung zum Wiederaufbau Europas gestellt werden könnte. New Pork Times erklärt, dies sei praktischer Idealismus, dessen Bedeutung für Amerika von den europäischen Staatsmännern jetzt im ganzen Umfange gewürdigt werde. Aufs neue habe der Präsident den Völkern die' einzige Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit Amerika, die sie erwarten könnten, auf diese Weise angedeutet.
Das englische Oberhaus zu den auswärtigen Angelegenheiten.
£ London, 6. Juli. Im englischen Unterhaus fand ei« Kabinettsrat statt, in dem, wie verlautet, fast alle auswärtigen Angelegenheiten behandelt wurden. Im besonderen wurde das chinesische Problem erörtert. Es wurden die allgemeinen Richtlinien für die Regierungserklärung im Ober. Haus bei der Debatte über auswärtige Angelegenheiten festgelegt. Der Sprecher der Regierung wird sich bei dieser Ge-" legenheit nicht nur mit dem Sicherheitspakt, sondern auch mit der Läget m ferne nOsten, wahrsclMinlich auch mit den britischen Beziehungen zu Moskau, beschäftigen.
England und die deutsche SicherheitSpolitik.
Die Furcht vor einer deutsch-russischen An - Näherung.
£ London, 6. Juli. In maßgebenden Kreisen in Lon- bon herrscht gegenwärtig eine gewisse Beunruhigung, da es ntd)t möglich erscheint, ein klares Bild über die Entwicklung Der deutschen Paktpolitik zu gewinnen. Die Berliner Ve- richterstatter der englischen Blätter bringen eingehende Be- liebte über die angebliche Streicmannkrise und folgern daraus nachteilige Rückwsrürngen auf die Paktpolitik. Der „Managest er ©««rHan" betont im Gegensaß zu anderen
Blättern die Möglichkeit einer Stärkung der Stellung Luther- und meint, daß die im August zu erwartenden Derhandlun- gen lediglich einen Meinungsaustausch über den Sinn der französischen Antwort bringen würden. Andererseits herrscht in London Nervosität wegen des angeblich von Sowjetruß- land aus Deutschland ausgeübten Druckes. Man verzeichnet jedes Symptom, das als Beweis für eine deutsch-russisch« Annäherung ausgelogt werden könnte, obgleich der bisherige Verlauf der deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen eine beruhigende Wirkung ausgeübt hat.
Neue Schwierigkeiten bei den Pariser Wirtschasisverhan-lungen.
Eine neue Note der französischen Delegation.
- - Paris, 6. Juli. Havas verbreitet über die französisch - deutschen Handelsvertragsver- Handlungen die Nachricht, daß die beiden Delegationen demnächst in einer Vollsitzung die endgültige Aufstellung der Liste vornehmen werden, damit die Stellungnahme der beiden Parteien klar zum Ausdruck komme. Nach der gleichen Agentur soll französischerseits über den weiteren Verlauf der Verhandlungen eine optimistische Auffassung vorherrschen, da nur noch in vier Punkten Meinungsverschiedenheiten bestünden, namentlich was Farbstoffe und Weine anbetreffe.
Hierzu erfahren wir, daß im Laufe der zwischen Staatssekretär Dr. Trendelenburg und Handelsminister C h a u m e t geführten Verhandlungen sich gezeigt hat, daß noch ein großer Ab st and zwischen den beiden Auffassungen besteht. Man habe sich besonders in den für den deutschen Export wichtigen Fragen noch nicht einigen können. Die ftanzösische hat der deutschen Delegation vier Listen übermittelt, die in der deutschen Wirtschaftsdelegation zu starken Bedenken Anlaß gaben. Dr. Tren- delenburg wird demnächst eine Besprechung mit Handelsminister Chaumet haben, bei der sich ergeben wird, ob überhaupt noch die Möglichkeit besteht, die Verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg fortzusetzen und sie so rechtzeitig zum Ab- ,ILlüß -iü bringen, daß Abkommen moch^mor- den beider- ~ Fassung der französischen Notehat die ArisWen für den " Abschluß eines modus vivendi wieder sehr verringert.
Verhandlungen über das deutsch-französische Jndustrieabkommen.
- Düsseldorf, 6. Juli. Im Stahlhof traten die Vertreter der deutschen, französischen, luxemburgischen und Saargebiet-Industrie zusammen, um über die Einzelheiten des bekannten deutsch-französischen Industrieabkommens zu beraten. Die Verhandlungen, bei denen es sich um eine ganze Reihe komplizierter Fragen handelt, nahmen, wie verlautet, einen guten Verlauf. Sie werden demnächst fort- gefetzt werden.
Deutschland, Osteuropa und die Weltlage.
Ein Vortrag Prof. Hoetzsch' in Kiel.
- Kiel, 6. Juli. Auf Einladung des Vereins deutscher Studenten in Kiel hielt der Reichstagsabgeordnete, Prof. Dr. Hoetzsch in der Aula der Kieler Universität einen Vor trag über Deutschland, Osteuropa und die Weltlage. Der Vortragende kennzeichnete die wirtschaftliche und politische Le- bensfähigkeit der durch den Versailler Vertrag im Osten und Süden Deutschlands entstandenen kleinen Staaten. Polen sei ein Staat, der in seiner politischen und nationalen Zersplitterung trotz guter wirtschaftlicher Voraussetzungen weder eine selbständige Politik noch eine eigene Volkswirtschaft zu gründen vermöchte. Redner hält eine Stärkung Polens durch Anschluß an die Kleine Entente für ebenso unmöglich, wie die Bildung der oft besprochenen Donauföderation. Deshalb könne auch das Sechsmillionenvolk Deutschösterreichs in seiner jetzigen Form nicht bestehen bleiben. Wirtschaftliche Notwendigkeiten würden früher oder später den Anschluß an DeutMaud erzwingen, auch gegen den Willen der Gegner. Die Türkei werde erst dann in der Politik eine Rolle spielen, wenn sich das Streben Rußlands nach dem Mittel- nieer und damit der alte russisch-englische Gegensatz wieder bemerkbar mache. Aus eigener Anschauung sei dem Redner trotz der großen Mängel und Schwächen der bolschewistischen Herrschaft die Gewißheit geworden, daß Rußland ein Staat sei, mit dessen politischen Auswirkungen Deutschland und die Welt unbedingt rechnen müsse. Das Interesse an der Ein- stellung Rußlands sei erstmalig durch seine Verträge mit Japan und China in den Brennpunkt der Weltpolitik gerückt worden. Dem Vorbild Japans werde Amerika folgen müssen. Durch das Eingreifen Amerikas in die europäischen Verhältnisse, das mit dem Dawesvertrag den Einfang nahm, werde die durch den Versailler Vertrag erzwungen« Statik der europäischen Verhältnisse ins Wanken kommen. . .
Französische Schandjustiz.
❖ Landau, 6. Juli. Vor dem französischen Kriegsgericht in Landau kam der Fall Mono, der auch zu einer Jnter- pellation tm baoetiidym Landtag geführt hat, zur Verhandlung. Die Anklage argen den 83jährigen Lnidwirt Kart M ö r« v sr» Sigm des Bürgermeisters in Ranschbach»