Hersfelöes Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für -ea Kreis Hersfeld
Nr. 160 Sonnabend, den 11. Juli 1925
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Das Wichtigste.
— In der Pariser Kammer fand wieder eine erregte Marokkodebatte statt, die bis tief in die Nacht dauerte. Die neuen Marokkokredite wurden schließlich mit großer Mehrheit genehmigt.
— Wenngleich die Behauptung, im Reichstage sei bereits ein Kompromiß in der Zollfrage zustandegekommen, verfrüht ist, so hat es doch den Anschein, als werde man sich auf der Basis der gleitenden Zölle einigen.
— Die französische Besatzung hat in den Städten Kaiserslautern und Landau unerhörte Wohnungsanforderungen gestellt, die unmöglich zu erfüllen sind.
Unsere schwedischen Freunde.
Von Dr. Konrad ©Bring.
Noch sind des Festes Tage der 250-Jahrfeier von Fehr- bellin nicht verrauscht, da erdröhnen von Kiel und Swine- münde her die Salutschusse schwedischer Kriegsschiffe. Me Weltgeschichte hat auch hier Feinde zu Freunden verwandelt. Der Besuch des Schwedengeschwaders ist uns mehr als ein Akt zwischenstaatlicher Höflichkeit, trotzdem wir schon lange nicht mehr die Optimisten von 1913 sind. Die Lehren von 1914 waren bitter genug.
Was ist uns Schweden? Das nordische, stannnoerwandte Germanenvolk war eine der wenigen Nationen, die im Weltkrieg eine korrekt neutrale Haltung bewahrten. Als der Krieg ausbrach, setzte sich die Volksstimmung unverhohlen für Deutschland ein. Alan war sich in Schweden vollkommen darüber klar, daß Deutschland das Bollwerk der gesamten germanischen Zivilisation gegen russisch-asiatische Halbkultur sei. Wäre Deutschland von der russischen Dampfwalze zer- tSj»».Ä
Mitteln ein, gebrauchte die übelsten Verleumdungen und gewann bald große Teile des schwedischen Volkes, insonderheit der Sozialdenwkratie. Die Rechtspartei, besonders aber die sogenannten Aktivisten, bewahrten ihre Sympathien für die deutsche Sache, trotz der Müngelhaftigkeit des deutschen Aufklärungsdienstes. Die Friedensbedingungen von Versailles kühlten bald alle. Idealisten gründlich ab, und die alte Freundschaft für Deutschland erwachte allenthalben von neuem. Zahllos sind die Sympathiebeweise der Schweden in den letzten Jahren gewesen: Erholungsbedürftige Kinder und Studenten sind in großen Scharen hinübergewandert, zahllose Liebesgaben und Unterstützungen nach Deutschland gesandt worden. Leider sind die Ungeschicklichkeiten der Propaganda des alten Deutschlands unter der Republik eine Zeitlang mit verstärktem Eifer weitergepflegt worden. Die Einreiseerlaubnis wurde Dielen Schweden oft genug auch für wenige Wochen verweigert, während der galizische Zustrom beängstigende Formen annehmen konnte. Während die französische Literatur ganz Schweden überschwemmte, wurde auf deutsche Bücher ein untragbarer Ausfuhrzoll gelegt und diese nie wiederkehrende Agitationsmöglichkeit der Jnflatwndzett verständnislos unbenutzt gelassen.
Wir Deutsche sollten die Freundschaft mit Schweden setzt mit allen Mitteln pflegen. Umgeben von Haßerfüllten, mehr oder minder offenen Feinden, sollten in erster Reihe Behörden und führende Wirtschaftsstellen alles Erdenklickse tun, um die Bande zwischen ben beiden Milanen möglichst eng zu knüpfen. „
Beim Besuch der schwedischen Flotte denken wir mit Freuden an das tatkräftige Eintreten Schwedens für die Anerkennung der Gleichberechtigung Deutschlands und dessen Wiedereintreten in den Verkehrskreis der Volker. Wir erinnern uns, daß sich in diesem LandeMäiiiier zusammen- gefunbeit haben, die mit Energie die Luge von der Kriegsschuld Deutschlands bekämpften, und daß es schwedische Männer und Frauen innren, die gegen die Ruhrbesetzung und die Besudelung des deutschen Bodens durch farbige Franzosen auf getreten sind. Hier feien nur die Immen Sven Heb in und Erzbischof Söderblomgenannt. Wir gedenken der Stellungnahme Schwedens anlaylia) der Eeparätistenskandale unb vergessen nicht, daß es ein Schwede ist, Professor Gaffel, der mutig seit Jahren gegen die wucherische Auspressung Deutschlands an die wirtschaftliche Vernunft der Welt appelliert. Mr rufen in unser Gedächtnis zurück, daß sich vor 1% Jahren in Stockholm em Ausschuß aus den hervorragendsten Personen der Wissenschaft, der Kunst und Kirche, des Handels und der Industrie gebildet hat, der in ganz Schweden durch Schriften und Ver- Sammlungen gegen die Besetzung deutschen Gebietes Der- wahrung einlegt. Gewiß kann man hierbei im Zeitalter des sacro r ’Coismo unbesorgt bekennen, daß Schweden auch um seiner -öst willen einer Wiederaufrichtung und wirtschaft lieben Erholung Deutschlands bedarf. Diese Uebereinstim. mung der Belange aber verstärkt nur die Empfindungen rassenmüßiger Zusammengehörigkeit. Beide sönnen mr Deutschland und Schweden Bande schmieden, die keine feinte liche Intrige zu zerreißen vermag.
Gleitende Zölle?
$ Berlin, 11. Juli. Die verschiedenen Gerüchte und Blättermeldungen über ein angeblich im Reichstage zustande gekommenes Zollkompromiß eilen den Tatsachen voraus. Me Beratungen zwischen dem Reichskanzler nnd den
Vertretern der Fraktionen über diese Frage werden zwar dauernd weitergeführt, und es gewinnt auch immer mehr den Anschein, als ob ein derartiges Kompromiß vor- aussichtlich auf der Basis der gleitenden Zölle zustande kommen werde, jedoch ist ein Abschluß dieser Verhandlungen noch nicht erzielt und im Augenblick schon um deswillen nicht zu erwarten, weil man selbst- verständlich erst das Ergebnis der gegenwärtig im Gange befindlichen Enquete abwarten wird, ehe man zu bindenden
Beschlüssen gelangen kann.
Die deutsch-französischen Jndustrievereinbarungen.
Kein Inkrafttreten vor dem 15. September.
4- Essen, 11. Juli. Nach der Vertagung der deutsch- französischen Verhandlungen bis zum 15. September ist von den Industriellen, die an dem deutsch-französischen Industrieabkommen beteiligt sind, vereinbart worden, daß vor dem 15. September dieses Abkommen keineswegs in Kraft treten, in der Zwischenzeit aber eine Dauerberatung der Angelegenheiten, soweit es sich um die Tarifsätze handelt, fortgeführt werden soll. Die Ausfuhrziffern der einzelnen Länder sind nunmehr endgültig festgelegt. Es entfallen zur Ausfuhr nach Deutschland von dem 1750 000 Tonnen Gesamtkontin- gent auf die Saar 742 240 Tonnen, auf Luxemburg 427 280 Tonnen und auf Französisch-Lothringen 530 300 Tonnen. Die Mengen werden, nach der jeweiligen Schwankungszahl der deutschen Rohstahlgemeinschaft (zurzeit 25 Prozent) festgelegt.
Ministerpräsident Grabski, für die von der Ueber« schwemmungskatastrophe Betroffenen sei eine Hilfsaktion des Staates unbedingt notwendig. Zugleich fei die Frage der Unterstützung Oberschlesiens durch den Staat akut geworden. Oberschlesien müsse in die Lage gesetzt werden, die Verschärfung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland zu überstehen. Er bat das Parlament, ihm die entsprechenden Vollmachten zu erteilen, weil für diese Ausgaben keine Deckung vorhanden sei, und betonte, daß er Oberschlesien und den von der Ueberschwenunungskatastrophe Betroffenen gegenüber schon Verpflichtungen eingegangen sei. Falls der Sejm die nötigen Mittel für die staatliche HUfs- aktionen verweigere, müsse er daraus die nötigen Konsequenzen ziehen.
Der Reichslandbund für den landwirtschaftlichen Kleinbesitz.
^ Berlin, 11. Juli. Vom Reichslandbund wird mit- geteilt: Wie beim Presseempfang des Reichslandbundes die Ausführungen des Landbundpräsidenten in der Forderung gipfelten, die Ergänzung der zur Beratung stehenden Zollvorlage durch den Schutz der Vieh-, Obst- und Gemüsezucht herbeizuführen, so wurde auch in einer Absprache zwischen beut Präsidenten des Reichslandbundes und den Landbundmitgliedern des Reichstages der einmütige Wille festgestellt, für diese Forderungen einzutreten. Der Reichslandbund er- wartet von der Regierung und den Parteien, daß die durch den K l e i n b e s i h betriebenen intensivsten Formen _ bei landwirtschaftlichen Produktion in der Zollvorlage gleichfalls den gebührenden Mindestschutz erhalten.
Ein Treugelöbnis der rheinischen Bauern.
- Königswinter, 11. Juli. Ein Fest dumpfer bracht« west über 1000 Angehörige aus allen Teilen des Rheinlandes nach Königswinter, um in echt rheinischer und vaterländischer Art das diesjährige Bundesfest des Rheinischen Landbundes im Zusammenhang mit der Feier der tausendjährigen Zugehörigkeit der Rheinlande zum Deutschen Reich zu begehen. An den Reichspräsidenten von Hiudenburg wurde ein Telegramm gesandt, in dem L' ^„Wir rheinischen Bauern geloben am heutigen Tag« noch einmal unverbrüchliche Treue zum Deutschen Reich und zum Lande Preußen. Wir werden in der Bekundung dieser Treue nicht wankend werden, sondern unentwegt, komme, was kommen mag, als echteDeutsche und preußisch- Unter t a n e n' freudig unsere Pflicht hin, in der festen Zuversicht, daß die Sonne der Freiheit bald w i e d e r s ch e i n e n und sich in unserer blanken Pflugschar widerspiegeln wird."
Das ReichSschulgesetz vor dem Kabinett.
^ Berlin, 11. Juli. Wie wir erfahren, chrt der Reichs- minister des Innern den Entwurf eines Gesetzes zur Aus- führung des Artikels 146 Abs. 2 der Reichsverfassung unb
über die Erteilung von Religionsunterricht in den Volksschulen (sog. Reichsschulgesetz) dem Reichskabinett zur Beschlußfassung vorgelegt.
Brutalitäten der französischen Besatzung.
Unerhörte Wohnungsanforderungen.
£ Kaiserslautern, 11. Juli. Die französische Besatzungs- behörde hat von der Stadtverwaltung Landau die sofortige Bereitstellung von 45 Wohnungen für Verheiratete und von 1 5 möblierten Wohnungen für Ledige gefordert. Me großen Wohnungsanforderungen an Kaiserslantern, wohin ein französisches Ar- meekorps aus dem Ruhrgebiet verlegt werden soll, betragen 88 Wohnungen verschiedener Größe, darunter zwei Villen für Generäle, und 16 möblierte Wohnungen. Ferner ist für die französisch Vor- nnd Mittelschule die Stellung eines Gebäudes mit sechs Räumen verlangt worden, weil das französische Bezirkskommando ganz für Bureauzwecke verwendet werden soll. Schließlich wird die Bereitstellung einer Gendarmeriekasern« mit Wohnungen für zehn Familien, drei Bn» reanräumen nnd einem Stall für acht Pferde gefordert. Me StM Kaiserslautern hat den Befehl erhalten, bis z«m 11. I u l i zu berichten, welche Maßnahmen sie getroffen hat, um die Wohnungen bereitzustellen. Die Stadtverwaltungen von Kaiserslautern und Landau sind bei der außerordentlich großen Wohnungsnot in diesen Städten nicht in der Lage, diesen großen Anforderungen der französischen Besatzungs- mächte zu entsprechen, zumal alle Bemühungen des Rerches, durch Herstellung von Besatzungsbauten eine Entlastung des Wohnungsmarttes herbeizuführen, durch die ständig steige«» den Ansprüche der Besatzung an Wohnungen fast völlig zu- nichte gemacht worden sind.
Erregie Kammerdebatte über Marokko.
Scharfe Drohungen der Kommunisten. — Bewilligung «Er Kredite.
der Kommunist Lacht n fest, daß Die Zusatzkreorte, me die Regierung für die Operationen in Marokko verlangt, 183 Millionen Franken betrugen. Cachin wandte sich gegen die Kolonialkriege Frankreichs. Wenn man die Völker unterdrücke, so habe man nicht das Recht, mit ihnen über Demokratie zu sprechen. Die Arbeiter seien gegen einen Krieg in Marokko und würden für die Unabhängigkeit des Rifgebietes eintreten. Sie feien bereit, einen Streik zu organisieren. Zahlreiche Sozialisten würden sich an diesem Streik beteiligen. Die Kommunisten wollten nach Marokko eine Kontrollkommission entsenden, die aus Arbeitern und Bauern zu- sammengesetzt werden soll. Zum Schluß seiner Rede kündigte Cachin an, daß seine Partei die kommunistische Propaganda in Marokko verdoppeln werde. Abgeordneter Fabry von der Opposition erklärte, Frankreich sei angegriffen, und es müsse sich also verteidigen. Frankreich sei niemals in das Rifgebiet eingedrungen. Abgeordneter F a u r e, Kommunist, erklärte, daß die Operationen in Marokko ohne irgendwelche Kriegserklärung begonnen hätten und ohne daß das Land davon unterrichtet gewesen sei. Heute, genau wie im Jahre 1914, sei das Schicksal des Landes in die Hände von einigen Mächtigen gelegt, die den Krieg entfesselt hätten. Abgeordneter V a r e n n e wandte dagegen ein, daß der Lkrieg durch die deutsche Kriegserklärung am 3. August 1914 entfesselt worden sei. Abgeordneter F a u r e antwortete darauf, daß heute bereits eine andere Version über die Ursache des Krieges bestehe. Präsident Painlevs protestiert dagegen lebhaft im Namen des Frankreichs, das soviel gelitten habe. Abgeordneter Eluzel, Sozialist, stellt der Regierung unter lebhafter Bewegung die Frage: „Wohin gehen mir?" Er erklärte, die jetzt geforderten 183 Millionen Zusatzkredite sowie die 380 Millionen, die bereits für die Unterhaltung der Marokkotruppen im Jahre 1925 gewährt worden seien, würden nicht genügen, um die militärischen Unkosten für fünf Monate zu bezahlen. Unter großem Beifall forderte der Redner dann den Rücktritt des Generals Lyauthey. Darauf wurde die Sitzung um 7 Uhr unterbrochen.
Nach Wiederaufnahme der Sitzung um 9.15 Uhr ergriff Abgeordneter Brunet das Wort und erklärte, es bestehe kein Grund, der Regierung bei Beratung der Kredite das Vertrauen zu entziehen, das die Kammer ihr außerhalb dieser Interpellation gewährt habe. Die öffentliche Meinung dagegen sehe mit einem gewissen Mißbehagen den Krieg in Marokko. Aber die Kredite nicht annehmen, wäre nicht das Ende des Krieges, sondern bedeute nur die Fortführung dieses Krieges ins Unendliche. Unter diesen Umständen werde Abd el Krim niemals die Waffen niederlegen. Die Kammer werde heute der Regierung dasselbe Vertrauen entgegenbringen, das sie ihr vor einigen Sagen entgegen- brächte. — Abgeordneter Cardace glaubte, daß Frankreich in Marokko nur die Stämme verteidige, die unter feinem Protektorat stünden, nicht imperialistischen Ideen nachjage. Wenn Frankreich seine Mission in Marokko aufgebe, werde die französische Politik in Algier gefährdet sein. Die französische Kolonialpolitik wäre aber der Stoiber Republik.
Während der Nachtsitzung sprach Ministerpräsident P a i n l e v 6 von der Z u k u n ft d e r m a r o k k a n i s ch e n Angelegenheiten. Er sagte hierüber: Wir haben mit