HersMer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Mnzeiger Dr -en Kreis Hersfeld
Nr. 161 Montag, den 13. Juli 1925
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Das Wichtigste.
— Nach einer belgischen Meldung werden die belgischen Besatzungstruppen zwischen dem 15. und 2 5. Juli das Ruhrgebiet räumen und in ihre belgischen Garnisonen zurückkehren.
— Ueber die deutsche Antwort auf Briands Sicherheitsnote fand eine Mini st erbe sprechung statt. Die deutsche Note wird voraussichtlich in den näch- stenTagenabgesandt werden!.
— Wie verlautet, 'besteht zwischen Dr. Eckener und Amundsen Einvernehmen über einen Nordpol- f l u g mit einem Z e pp e l i n l u f t s ch i f f. Es ist anzuneh- men, daß Dr. Eckener und Amundsen demnach st eine Besprechung haben werden.
Die deutsche Zuckerindustrie und -er Verfailler Vertrag.
Ueber die verheerenden Folgen des Versailler Diktat- friedens für unser gesonntes deutsches Wirtschaftsleben, insbesondere aber für die davon am schwersten betroffenen weniger bemittelten Volksschichten, sind sich leider weite Kreise der Bevölkerung keineswegs in allen Teilen völlig im klaren. Gelegentlich der großen Zuckerindustrie-Ausstellung im Juni d. 3. in Magdeburg sind eine Reihe von wirtschaftlichen Tatsachen in die Oeffentlichkeit gedrungen, die als Beweis dafür aufzufassen sind,, wie sich allein in einem einzigen großen deutschen Industriezweige die Folgen dieses verhängnisvollen Friedensvertrages gleichzeitig zum Nachteile der gesamten deutschen Wirtschaft ausgewirkt haben.
Beginnen wir zunächst mit der Verlustliste der deutschen * Zuckerindustrie, diese wird durch folgende Zahlen illustriert. Hier sehen wir, daß zuletzt vor dem Kriege im Jahre 1913/14 im alten, nicht durch spätere (Gebietsabtretung geschmälerten Reichsgebiete die Zuckerrübenanbaufläche 533 000 Hektar betrug, infolge der erpreßten Gebietsverluste, besonders an die Polen und Elsaß-Lothringen an Frankreich, verringerte sich daher die Anbaufläche wesentlich, diele
~~>»Mi****^^ von 351 000 Hektar, was einer Verringerung gegen den Frieden von etwa 30 Prozent entspricht. Bor dem Kriege befaßten sich in Deutschland 341 Fabriken mit der Zuckergewinnung, in der Betriebszeit 1924/ 1925 betrug dagegen deren Zahl nur noch 265. Allein 47 Fabriken sind in Deutschland seit Beendigung des Krieges aus wirtschaftlichen Gründen eingegangen, 29 Fabriken gingen mit den Gebietsabtretungen verloren. SonachFist der Ver- luftausfall an Fabriken mehr als 25 Prozent des Friedensbestandes. Vor dem Kriege erzeugte man in Deutschland etwa 27 Millionen Doppelzentner = zu 100 Kilogramm, im letzten Jahre aber nur 16 Millionen Doppelzentner Zucker, das entspricht einer Minderung, von genau 33% Prozent trotz allgemeiner Steigerung des Verbrauches.
Der Rückgang der Durchschnittserzeugung je Zuckerfabrik betrug sonach 16 Doppelzentner, also etwa 20 v. H. der Friedenserzeugung. Trotz der verringerten Erzeugung ist jedoch der Zuckerverbrauch in Deutschland, nach dem Kopf der Bevölkerung gerechnet, erneut auf die Friedenshöhe von 20 Kilogramm gestiegen, und wir waren sogar in der Lage, nicht unerheblich große Mengen Zucker im Werte von etwa 100 Millionen Mark in das Ausland auszuführen, während allerdings die Friedensausfuhr einst das Doppelte betrug.
Nicht minder ist aber die rein außerdeutsche Welt- Rohr zu ck er - Erzeug u n g in die Höhe gegangen, 1914 standen sich noch Rüben- und dlohrzuckererzeugung mit ins- gesamt 18 Milliarden Kilogramm wie 50 : 50 gegenüber, heute wie 33% Prozent zu 66% Prozent. Der Rohrzucker hat bei fast gleichgebliebenem Weltverbrauch an Zucker iiberhaupt im Gegensatze hierzu die Höhe von 13 Milliarden Kilogramm Erzeugung erreicht. Diese gewaltige Steigerung des Rohrzuckerverbrauches muß ebenfalls, auf Kriegskonto verbucht werden, da Deutschland zum Teil auch sein großes englisches Absatzgebiet für Rübenzucker verloren hat. Eine weitere bemerkenswerte Kriegsfolge ist aber unbedingt der verringerte landwirtschaftliche Hektarertrag des deutschen Zuckerrübenanbaus, er ist non 318 Doppelzentner auf 279 Doppelzentner Zuckerrüben für den Hektar zurückgegangen, das ist ungefähr 12 v. H. Dieser Ausfall trifft die Landwirtschaft um so schwerer, da sie hierdurch auch einen erheblichen Ausbeute- ausfall erleidet. Die Gründe liegen auf der Hand, denn der Krieg und seine Folgen, besonders aber die herrschende Kreditnot, erschwerten den sachgemäßen Anbau der Rüben auf gut vorbereitetem und richtig gedüngtem Boden.
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß der Ertrag der beutfd)en Zuckersteuer unseren ehemaligen Feinden als „^Reparationsleistung" verpfändet ist. Die Zuckevsteuer erbrachte .vor beut Krieg 180 Millionen M. bei einer Bevölkerung von 67 Millionen Köpfen, so entfiel demnach auf den Kopf etwa 2,50 M., oder auf die fünfköpfige Familie 12,50 M. im Jahr. Die heutige Steuer zugunsten unserer früheren Feinde beträgt dagegen auf den Kopf der Bevölkerung 3,40 Mark und auf die Familie 17 M., insgesamt jedoch 220 Millionen. Bei Berücksichtigung unserer inzwischen cingetretenen völligen Verarmung stellt gerade diese Besteuerung eine um gcheuerliche Belastung der Verpesten der Armen zugunsten unserer habgierigen Feinde dar.
Ministerbesprechung über die deutsche Antwort aus die Sicherheitsnote.
Die vor allem in der ausländischen Preffe immer wieder austauchenden Meldungen, die davon sprechen, daß die bevor- stehende deutsche Antwort am Briand bereits abgesandt sei, oder die den Inhalt dieser Note kennen wollen, eilen sämtlich den Tatsachen voraus. Der letzte Beschluß über die Antwortnote ist noch nicht gefaßt. In den späten Abendstunden des Frettag fand eine Mnisterbesprechung statt, die sich Dorr wiegend mit außenpolitischen Fragen beschäftigte, und in der auch über die deutsche Antwort gesprochen wurde. Der Reichsinnenminister Schiele, der zurzeit in Königsberg weilt, konnte am dieser Besprechung nicht teilnehmen. Ein Termin für die Absendung der Note steht noch nicht endgültig fest, die Absendung ist jedoch binnen kurzem zu erwarten. Außerdem wurde in der B nisterbesprechung die Frage erörtert, ob die Stellungnahme des Reichskabinetts zu dem Grundlagen der gegenwärtigen außenpolitischen Bestrebungen, vor allem zu den Sicherheits- verhandlungen «nd zu dem deutschen Memorandum vom 9. Februar, nochmals durch einen Kabinettsbeschluß erhärtet werden soll. Zu einem endgültigen Beschluß ist man in dieser Mnisterbesprechung auch über diese Frage noch nicht gelangt.
Die Luftfahrtnote vor dem Parlament.
^Berlin, 12. Juli. Im Reichstagsausschuß für Verkehrsaugelegenheiten stellten nach Anhörung eines Vertreters des Verkehrsministeriums die Ab- georbneten Schmidt-Hannover (btn.) und Engber- ding (D. Vpt.) folgenden Antrag: „Die neue Note der Botschasterkonferenz über den deutschen Lustfahrzeugbau bedeutet eine durch keine Vertragsbestimmung begründete ungeheuerliche Fesselung der deutschen Luftfahrt und damit einen Rückschritt in der mitteleuropäischen Verkehrsent- jaatofaB£*Mfr^ i OW«W«' E-NM-' rung zu ersuchen, möglichst umgehend vor dem Ausschuß über die so geschaffene Lage Auskunft zu geben."
Der englische Kriegsminister in Köln.
❖ Köln, 12. Juli. Der englische Kriegsminister Sir Worthington Evans ist in Köln eingetroffen. Er be- sichtigte die britischen Besatzungstruppen. An der Parade nahmen der französische und der britische Oberkommissar und zahlreiche Offiziere der Besatzungstruppen teil.
Abzug der Belgier aus dem Ruhrgebiet.
Brüssel, 13. Juli. Die „Agence beige" meldet: Die zurzeit im Ruhrgebiet befindlichen Truppen werden zwischen dem 15. und 25. Juli in ihre belgischen Garnisonen zurückkehren.
Die französischen Besatzungstruppen in Geldnöten.
■£ Paris, 13. Juli. In einer Besprechung der Armee- kommission wurde Painleve darauf aufmerksam gemocht, daß die Rheinarmee mit materiellen Sorgen zu kämpfen habe. Man wies darauf hin, daß das Leben im besetzten Gebiet sehr teuer sei, da von den Mannschaften die Zahlung in Goldmark verlangt werde und auch die Transporte seit dem Aufhören der Regie in Goldmark bezahlt werden müßten.
Die Aussichten -es Gichechsitspaktss.
^ London, 13. Juli. „Saturday Review" schreibt zu dem gegenwärtigen Stand der Sicherheitspaktverhand- lungen, obwohl der Sicherheitspakt Gefahr laufe, zu einer parteipolitischen Angelegenheit in Deutschland zu werden, könne man doch nicht annehmen, daß dies so unglückliche Folgen haben werde wie seinerzeit in den Vereinigten Staaten, als der Völkerbundpakt eine parteipolitische Angelegenheit wurde. Die deutsche Antwort werde zwar die Dis- kussion nicht sehr viel weiter fördern; jedoch eine Antwort, die weiter keine Bindungen enthielte, aber sofort geschickt uferde, sei wertvoller, als eine liebenswürdige Antwort zu einem Zeitpunkt, in dem sich die öffentliche Meinung in Frankreich schon gebUdet habe. Einige Kabinettsmitglieder in England seien immer noch recht optimistisch und glaubten, daß die Verhandlungen weit genug gefördert werden könnten, um einen Antrag Deutschlands auf Zulassung zum Völkerbund vor dem Zusammentritt der Völkerbundversammlung am 7. September zu ermöglichen. Das werde jedoch nur dann möglich fein, wenn alle deutschen politischen Parteien sowie die Par-
seien in anderen Ländern ihre persönlichen Wünsche vor den größeren Interessen des Friedens zurückstellen.
Eine sozialdemokratische Interpellation zum deuffchen Sicherheitsmemorandum.
Berlin, 13. Juli. Die so zial demo kratische Reichstagsfraktion hat eine Interpellation eingebracht, in der sie gegenüber der Behauptung des Grafen Westarp in einem Artikel der „Kreuzzeitung", daß es sich bei dem deutschen Sicherheitsmemorandum um eine unverbindliche Anregung des Außenministers handele, die Regie- rung fragt, ob sie die deutschen Angebote noch als bindend erachte. Die Fraktion fragt ferner, wie die Reichsregierung angesichts dieser Behauptung des Führers der größten Re- .gierungspartei eine erfolgreiche Außenpolitik zu führen gedenke.
Paris in Erwartung der deuffchen Antwort.
Paris, 13. Juli. Die deutsche Antwort auf die fron- zösische Sicherheitsnote wird in dieser Woche in Paris erwartet.
Die Vertreter der Beamtenorganisationen bei dem Reichskanzler.
Keine Erhöhung der Bezüge möglich.
^ Berlin, 11. Juli. Reichskanzler Dr. Luther hat im Beisein des Reichsfinanzministers von S ch l i e b e n die Vertreter der Beamtenorganisationen und der behördlichen Angestellten empfangen. Die Vertreter der Beamtenorga» nisationen legten eingehend die wirtschaftliche Notlage insbesondere der unteren Klassen bar. Sie baten den Reichskanzler, noch vor Verabschiedung des Reichshaushalts eine Erhöhung der Beamtenbezüge vorzu- nehmen. Reichskanzler Dr. Luther erklärte namens der Regierung, daß er leider keine Möglichkeit.sehe, eine Erhöhung der Bezüge in Aussicht zu nehmen, daß aber die Befoldungsfrage dauernder Gegenstand der Fürsorge der Reichsregierung bleiben werde.
Berlin, 12. Juli. Ein Berliner Mittagsblatt weiß davon zu berichten, daß Kapitän Roald Amundsen an Dr. Eckener die telegraphische Anfrage gerichtet habe, wann und wo er mit ihm zusammentreffen könne. Dr. Eckener hat inzwischen an Amundsen einen Brief gerichtet, in dem er nähere Mitteilungen über den Stand des Zeppelinnorb- polflugplanes gemacht und Amundsen vorgeschlagen hat, innerhalb der nächsten 14 Tage in einer norddeutschen Hafen- stadt sich zu treffen. Es ist anzunehmen, daß auch der Amerikaner Ellsworth an der Besprechung teilnimmt.
Weiter wird aus derselben Quelle berichtet, daß der Bau eines Nordpolzeppelins so gut wie gesichert ist Wie es heißt, wollen sich vor allem die deutschen Arbeiter an der Finanzierung des Luftschiffbaues beteiligen. So sollen die sozialistischen, christlichen und Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften planen, von jedem ihrer eingetragenen Mitglieder 30 Pf. Beitrag zu erheben. Fernerhin sollen auch die Arbeitgeberverbände bereit sein, einen Bettrag zu geben, und ebenso die Industrieverbände. Schließlich wollen auch die deuffchen Städte und Kommunen mit einem Betrag von je 2 Pf. pro Kopf ihrer Bevölkerung zu dem Werke beitragen.
Dasselbe Blatt teilt mit, daß sich die Baukosten nach endgültigem Voranschläge auf 4,5 Millionen Mark belaufen werden, Bau und Expedition dagegen auf 7 Millionen Mark. Es heißt, daß Dr. Eckener von amerikanischer Seite und anderen ausländischen Quellen schon geldliche Unterstützung angeboten sei.
Auf Befehl der Unterdrücker.
^ Frankfurt a. M., 13. Juli. Am Sonntag sollen sich anläßlich einer von der Rheinlandkommission zugelassenen Gründungsfeier des Sängergaues Oppenheim einige unbedeutende Vorkommnisse ereignet haben, die von französischer Seite als „Unbotmäßigkeiten" angesehen wurden. Infolge- dessen sind jetzt alle Festlichkeiten, die in Stadt und Kreis Oppenheim geplant waren, darunter auch die 700-Iahrfeier der Stadt Oppenheim, verboten worden. Ferner hat die Bevölkerung Oppenheims Befehl erhalten, sogar die Fahnenstangen von sämtlichen Häusern z« entfernen, wodurch es der Bevölkerung unmöglich gemacht werden soll, zu flaggen.
Belgien und Rußland.
- Brüssel, 13. Juli. Der belgische Außenminister Van- dervelde ist aus Paris nach Brüssel zurückgekehrt. Er