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HersMer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den kreis hersfei-

Nr. 165 Freitag, den 17. Juli 1925

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Das Wichtigste.

Nachdem das Aufwertungsgesetz im Reichs­tag in dritter Lesung angenommen wurde, liegt die Ent­scheidung nunmehr bei dem Reichspräsi­denten. Es ist anzunehmen, daß Reichs- päsident von Hindenburg seine Zustimmung geben wird.

Das Reichsamnestiegesetz ist dem Reichsrat zur beschleunigten Erledigung zugegairgen.

Die R i f k a b y l e n haben gegen die Franzosen einen neuen großen Erfolg errungen. Sie haben einen Vorort von Taza erobert und beherrschen so die Bahnlinie nach Fez. ........

Am Krankenbett der deutschen Wirtschaft.

Das Wirtschaftsleben Deutschlands zeigt ein doppeltes Gesicht, von vorne betrachtet macht es den altgewohnten Ein­druck deutscher Rührigkeit in wirtschaftlichen Dingen, jedoch genauer besehen bietet der Ianuskopf der deutschen Wirt- chaft auf seiner Kehrseite das Bild eines beispiellosen Nie­derganges und Zerfalls.

Allein der Hirrweis, daß unser Steinkohlenbergbau, der zu den Kernindustrien der Wirtschaft zählt, völlig danieder- liegt, ist Beweis genug, daß in Deutschland eine Absatzkrisis ohne Vergleich ihre verheerenden Einflüsse ausroirft. Wir wissen ferner, daß die Reichseisenbahn, die schließlich die Pulsader des Verkehrs und der Wirtschaft vorstellt, im Frie­den eine der höchstrentierenden Betriebsforomen bildete, trotz ihrer Tarifpolitik aber bereits auf der Stufe der Unren- tabilitüt und VerkehrÄosigkeit angelangt ist. Wo aber erst der Verkehr zu stocken beginnt, dort ist es auch um die Ge- sun-dheit der Wirtschaft bereits geschehen. Keine Schönfärbe­rei kann die feststehende Tatsache einer schweren Erkrankung der Wirtschaft aus der Welt reden oder gar bringen. Selbst der Hinweis auf unsere Ein- und Ausfuhrziffern, bei denen die Einfuhrzahlen in beängstigender Weise anschwellen, wo- durch eine fortschreitende besorgniserregende Verschuldung Deutschlands an das Ausland infolge Passivität unserer Handelsbilanz erkenntlich wird, vermag uns noch zu täuschen.

Ein Rohstoffe verarbeitendes Land wie Deutschland muß allerdings stets in starkem Maße importieren, aber es muß auch exportieren und sogar mehr, als es einführt, sonst ergefst es ihn:, wie allen Leuten, die mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen. Alle Importe müssen bezahlt werden, entweder mit Geld oder mit Waren, die wir ausführen. Hinkt der Export hinter dem Import, dann entsteht Verschuldung an das Ausland. Der starke Devisonabfluß, den unsere Reichs- bank in jüngster Zeit zu verzeichnen hatte und mit dem sie jetzt als ständigem Faktor zu rechnen hat, gibt schwer zu den- ken. Eine Wirtschaft, deren Kredit einemHungertuche" ver- zweifelt ähnlich sieht und unter künstlichen Porwänden ge­sperrt und verweigert wird, ist krank, sogar sterbenskrank! Mag auch die Reichsbank mit ihren Goldmillionen ein Schein- bilderborgten" Glanzes vorstellen, die fünf Milliarden im Umlauf befindlicher papierener Zahlungsmittel, die sie kaum noch verschweigen kann und denen nur knapp 20 Prozent effektive Golddeckung gegenüberftcht, so daß sie nur 20 Pfen­nig Goldwert der Reichsmark darstellen, sind keinesfalls ein Beweis für strotzende Gesundheit.

Wie kommt es aber nun, so muß man sich fragen, daß trotzdem manche Zrveige unserer Wirtschaft blühen und ge- deihen? Man verweist auf den enormen Verkehr der Luxus, autos in unseren Straßen und auf mancherlei sonstige Er­scheinungen des unverkennbaren _ wirtschaftlichen Auf» 1 chwungs. Der private Reiseverkehr in diesem Sommer, der angebliche Rückgang der Avbeitslosenziffern, die enormen SteuerüberschUsse des Reiches müssen ferner als Beweis dazu herhalten, daß es uns gut erginge, daß wir es nur nicht wahr haben wollten. Ein Blick auf -die Börse mit ihren fallenden Aktienkursen unserer feinsten Industriepapiere be­lehrt uns jedoch eines anderen. Die Konkursliste, das An- schwellen der sogenannten Reichsindexziffern reden ebenfalls eine zwar stumme, aber nicht minder deutliche Sprache der schleichenden Wirtschaftskrisis. Wer sich über alle diese Dinge mit der 120-Kilometergeschwürdigkeit seines Luxuskraft- wu-gens hinwegzusetzen sucht, mag damit wohl glauben, das er das Klügste getan habe. Damit allein ist aber der Allge­meinheit keinesfalls genützt. Die Wirtschaft ist der Jung­brunnen eines Volkes, wenn man diesen Jungbrunnen in ein Schaustück, nach Art eines Springbrunnens umwandelt, dann mag dies für das Auge eine kurze Freude sein, für das Herz aber ist es kein Labsal, sondern nur eine Qual. Des­halb müssen wir dafür Sorge tragen, daß der heute künstlich verstopfte Jungbrunnen wieder sein Wasser für alle hergibt und es nicht zum trügerischen Schein nur gen Himmel sendet. Das Wasser muß laufen; wo es anfängt zuspringen", ver­fällt die Wirtschaft in Not und Tod.

Das Aufwertungsgeseh angenommen.

^ Berlin, 16. Juli. Der Reichstag hat in dritter Lesung das Aufwertungsgesetz in der von den Regierungsparteien vorgeschlagenen Kompromißfassung mit 280 gegen 197 Stim­men angenommen. Der Versuch der Opposition, das Inkraft­treten des Gesetzes auf zwei Monate hinauszuschieben, ist nach der Annahme der von den Regierungsparteien beantrag- ten Dringlichkeitserklärung, als erledigt anzu- sehen. Daraufhin hat auch der Reichsrat, dem unmittelbar nach Abschluß der Rechstagsverhandlungen das Gesetz vor­gelegt wurde, auf Erhebung eines Einspruches verzichtet und ebenso wie die Reichstagsmehrheit das Gesetz für dringlich erklärt. Das Gesetz wird nunmehr den Reichspräsi­denten vorgelegt, von dessen Entscheidung das Ju- krafttreten abhängig ist.

Der Reichspräsident hat auf Grund des Ar­tikels 72 der Reichsverfassung die Möglichkeit, sich für den einen wie für den anderen Antrag zu entscheiden. Es ist das erstemal, daß der neue Reichspräsident in die Lage kommt, in dem Gang des parlamentarischen Betriebes eine Entscheidung fällen zu müssen. Wie wir erfahren, empfing der Reichspräsident im Laufe des Donnerstags den Reichs­kanzler und den Reichsjustizminister, um sich eingehend über die Sachlage zu informieren. Die Verlängerung der dritten Steuernotverordnung ist abgelaufen, so daß hinsichtlich des Aufwertungs- wie des Anleihegeseßes im Augenblick ein juristisches Vakuum besteht. Dieses Vakuum: hat aber nur eine rein theoretische Bedeutung, da in kürzester Zeit eine klare Rechtslage geschaffen sein dürfte.

Berlin, 16. Juli. Nach einer heute abend 10 Uhr veröffentlichte« amtlichen Mitteilung hat der Reichspräsident die beiden vom Reichstage zur Regelung der Auswertung beschlossenen Gesetze »oUs

Jndustrieverkreker bei dem Reichskanzler.

Um das Finanzausgleichsgefetz.

£ Berlin, 16. Juli. Reichskanzler Dr. Luther empfing am Mittwoch Vertreter des Reichsverbandes der Deutschen Industrie. Es handelt sich bei dem Besuch der In­dustrievertreter um Klarlegung der Wirtschaftslage der In­dustrie gegenüber den: von den Länden: bekämpften Finanz- ausgleichsgesetz der Reichsregierung. Die Industrie richtet an die Reichsregierung die dringende Bitte, das Finanzaus- gleichsgesetz um jeden Preis durchgubringen und andere Wünsche der Länder und Gemeinden abzulehnen. Die Ver­treter weisen darauf hin, daß bei den Ländern und Geuwin- den äußerste Sparsamkeit notwendig und dazu eine innere Derwaltungsreform unerläßlich sei.

Der Entwurf eines Amnestiegesetzes dem Reichsrat zugemiesen.

$ Berlin, 16. Juli. In der Vollsitzung des Reichsrates erklärte der Staatssekretär des Reichsjustizmimsters, I o e l, daß ein vom Reichsjustizministerium aufgestellter Entwurf eines Amnestiegesetzes den: Reichsrat zugewiesen und auch den Länderregierungen abschriftlich mitgeteilt worden sei. ^Mit Rücksicht auf die Geschäftslage des Reichstages, der vor Sseinct Vertagung den Entwurf noch verabschieden müsse, , werde darauf Wert gelegt, daß der Reichsrat schon am näch- | sten Montag die Vorlage in den Ausschüssen und im Plenum: ! abschließe. Die Ausschüsse des Reichsrates werden zu diesem Zweck am Montag vormittag, das Plenum am Dienstag nachmittag zusammentreten. Die Vorlage über die Aende­rung der Pochtschutzordnung wurde mit 46 gegen 18 Stim­men angenommen. Die Vorlage über die ibereinbarung mit Frankreich über den Warenaustausch zwischen Deutsch­land und dem Saarbeckengebiet und der Gesetzentwurf'über die Konsulargerichtsbarkeit in Aegypten wurde in erster und zweiter Lesung genehmigt.

Gewerbliche Mittelstandskredite für das besetzt« Gebiet.

£ Berlin, 16. Juli. Die Verhandlungen des Reichs- wirtschaftsminisseriums über den gewerblichen Mittel­standskredit für das besetzte Gebiet stehen vor Dem Abschluß. Die Deutsche R e i ch s p o st stellte auch für diesen Kredit wie vor einiger Zeit für den allgemeinen Mittelstandskredit, die Gelder zur Verfügung. Die Reichspost kann aber nach den Vorschriften, die der Verwaltungsrat der Post über die Anlegrmg der Postscheckgelder getroffen hat, Darlehen nicht an einzelne Gewerbetreibende, sondern nur an Staatsbanken geben. Demgemäß übernimmt im vorliegenden Falle die Preußische Staatsbank die Kredite von der Reichs- poft und leitet sie ihrerseits an die bekannten drei Spitzen- or^anisationen (Preußische Zentralgenossenschaftskasse, Dres- deaer Bank-Genossenschaftsabteilung und Deutsche Giro­zentrale) zur Weitergabe an die örtlichen Kreditgesellschaften usw. weiter. Es ist zwecklos, daß einzelne Gewerbetreibende

uno Deren urgantiartonen tm Belegten cv>ei)iete, Die an den Krediten teilhaben wollen, sich mit Darlehnsgesuchen an die Deutsche Reichspost wenden. Auch sonst sind alle Gesuche von Privaten um Darlehen, insbesondere auch um Hypo­thekendarlehen nach den erwähnten Vorschriften der deut­schen Reichspost über die Geldanlegung von vornherein aus­sichtslos.

Beginnend« Räumung von Hattingen.

4 Haltingen, 16. Juli. Sämtliche Zivilangehörige der französischen Besatzung haben die Stadt Hattingen verlassen und sind nach Ludwigshafen abgereist. Das hier liegende französische Bataillon des Infanterie-Regiments 97 soll gleichfalls Ende der Woche nach Ludwigshafen abtranspor- tiert werden. Die letzten Privatquartiere der Franzosen, so- wie die letzten Offizierskasinos sind der Stadtverwaltung wieder übergeben wordem Man rechnet mit dem Truppen­abzug Ende dieser Woche. . ,

0egen das Meinlandabkommen.

4 Der Westausschuß für Rhein, Ruhr, Saar und Pfalz faßte in seiner Sitzung am 7. Juli folgende beachtenswerte Entschließung:

Der Westausschuß für Rhein, Ruhr, Saar und Pfalz, der die großen landsmannschaftlichen Verbände des besetzten Westens in freier politischer Arbeitsgemeinschaft umfaßt, ge- denkt mit innigem Dank der begeisternden Treuekundgebungen des gesamten Rheinlandes anläßlich der Tausendjahr­feier. Er erinnert aber auch zugleich das deutsche Volk an die Notwendigkeit, die ihm bekundete Liebe der Rhein­länder mit den: Bemühen zu beantworten, die Lasten der Besatzung nach Möglichkeit zu erleichtern. Die Quelle aller Leiden der rheinischen Bevölkerung ist das Rheinland­abkommen in seiner jetzigen Fassung. Denn es läßt der absolutistischen Willkür der Rheinlandkommiffion und ihrer Unterorgans gegenüber der nur den: Namen nach vorhande­nen Souveränität des Reiches und gegenüber den Staats- bürger- und Meuscheurschten der PAvatversopen unbe- bigen Behörden, die Parlamente und Parteien sowie die Presse, ihre Anstrengungen zu vereinen, um das jetzige Rhein- lanbabtomnnen durch einen anderen, dem sittlichen Gefühl der Gegenwart mehr entsprechenden Vertrag zu ersetzen: Die dlheinlandkommission und ihre Organe müssen fünftig ge­halten sein, ihre Verordnungen und Verfügungen nicht ohne Anhör«: der deutschen Regierung zu erlassen und bei etwaigen Meinungsverschiedenheiten, die Entscheidung einem neutralen Schiedsgericht zu überlassen.

Englisch« Drohungen.

Um die Ratifikation des deutsch-englischen Handelsvertrages.

4 London, 16. Juli. DerD aily Telegraph" schreibt, die Ratifikation des deutschen Han­delsvertrages scheine in Berlin verzögert, zu werden. Man sehe in Deutschland, daß die Wiedereinftihrung der MacKenna-Zölle in England zuzüglich dep 26prozentigen Reparationsabgabe auf deutsche Exporte eine unerträgliche Belastung für den deutschen Handel darstelle. Man weise darauf hin, daß das Gesetz zum Schutz der englischen Indu- strie ursprünglich dazu geschaffen worden sei, um den Wir­kungen niedriger Währungen auf Kosten der Produttion gewisser Länder entgegenzutreten. Da Deutschland jetzt eine feste Währung habe', könne das Gesetz nicht länger aufrecht erhalten werden. Auf alle Fälle seien, so schließt,der Korre­spondent, alle Vorteile, die England aus dem Handelsver­trag erwachsen könnten, in Gefahr. Es sollten deshalb keine weiteren Anleihen und Kredite von britischen Banken an Deutschland gewährt werden, solange nicht die Lage geklärt und beftledigende Bedingungen für die britischen Expor­teure erlangt worden seien.

Die englisch« Wirtschaftskrise.

Der englische Schatzkanzler verteidigt die britische Finanzpolitik.

4 London, 16. Juli. In einer Rede gelegentlich eines vom Lordmayor gegebenen Festessens verteidigte Chur­chill die M-ederherstellung des Goldstandards und wider- legte die Behauptung, daß durch eine Inflattonspolitik die industriellen und wirtschistlichen Probleme Englands gelöst werden könnten. Durch eine Entwertung der englischen Wäh- rung würden die Exporte zwar gefördert werden; aber, so erklärt Churchill, dies bedeute beispielsweise den Export von großen Mengen Kohlen, um dafür Nahrungsmittel und Roh­materialien, die nam Auslande eingeführt würden, zu be­zahlen. Das fei gleichbedeutend mit der Abgabe von Kohle und anderen Gütern an Ausländer, lediglich um die Be- chüfttgung der Arbeiter aufrecht zu erhalten. Von einer olchen Politik könne man sich keine wirkliä)en Vorteile ver- prechen. Die Entwertungspolitik sei mit verheerenden Re- ultaten von den Zentralmächten angewandt worden, man bemühe sich jetzt mit allen Kräften, sie wieder los zu werden und die Prinzipien der britischen Finanzpolitik anzunehinein