SersMer Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt'
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Nr. 174
Dienstag, den 2ö. Juli
1925
Das Wichtigste.
— England hat in einem Schriftstück, das nach Paris abgesandt ist, seine Auffass ung zur deutschen Sicherheitsnote niedergelegt. Der englische Botschafter in Paris wird Briand persönlich Erläute- rungen geben.
— Die spanisch-französische Marokko» konferenz ist beendet. Primo de Rivera und Marschall Petain sind in Tetuan zusammengetroffen, um die gemeinsame Aktion gegen die Rifkabylen vor- zubereiten.
— Wie verlautet, erklärte Eoolidge, daß Amerika an- der Sicherheit Europas mitarbeiten wolle. Zu der in Aussicht genommenen Sicherheits- konferenz in Brüssel will Loolidge einen Nicht- offiziellen Beobachter entsenden.
Ehamberlam zum Gicherheiispaki.
London, 27. Juli. In einer Rede in Birmingham erklärte der englische Außenminister Austen Cham- berlain u. a. zu der deutschen Antwortnote über den Sicherheitspakt folgendes: „Offen gestanden bin ich etwas enttäuscht darüber, daß die deutsche Antwortnote so gehalten ist, daß meines Erachtens weitere schriftliche Meinungsäußerungen ganz unvermeidlich werden, anstatt, daß die Vertreter der beteiligten Länder sich zu einer persönlichen Aussprache versammeln konnten, um eine allseits befriedigende Vereinbarung zustandezubringen. Ich erkenne jedoch an, daß die Note von dem Wunsche diktiert ist, die Vorschläge für einen gegenseitigen Sicherheitspakt weiter zu fördern. Ich bin der festen Zuversicht, daß die Regelung der Sicherheits- frage und die Behebung dieses Gefühls der Furcht vor einer künftig drohenden Gefahr, die den Weltfrieden wiederum er- 4^Mr|M^w ^t^Mtob^ W t denjenigen Nationen hervorrufen wird, die von dem Pakt, an dem sich die englische Regierung beteiligen will, unmitteb bar berührt werden, sondern eine fühlbare Erleichterung in der ganzen Welt. Ich hoffe, daß dann auch andere Völker angesichts der ihren Weltteil bedrohenden Gefahren sich veranlaßt sehen können, das Beispiel der westlichen Großmächte erfolgreich nachzuahmen. Schon die Anregung zu diesem Meinungsaustausch, die bloße Tatsache, daß ein derartiger Vorschlag von Deutschland ausging und von den Alliierten begrüßt wurde, hat ein merkliches Nachlassen der bis dahin vorhandenen Spannung bewirkt. Die Räumung des Ruhrgebietes und der drei Sa n ktion sstä d te ist im Gang oder steht bevor, und wenn Deutschland, wie ich boffe, ehrlich und reibungslos die restlichen Forderungen der i Alliierte« in der Entwaffnungsfrage erfüllt, so werden die Alliierten ihrerseits veranlassen, daß Köln zusammen mit der ersten Zone des besetzten Gebietes von fremden Truppen befreit wird. Die Unterstützung Englands ist notwendig, um die schwebenden Verhandlungen zu einem erfolgreichen Ab- schlutz zu bringen. Von mancher Seite hat man sich dagegen gewandt, daß wir die bestehenden Grenzen zwischen Frankreich und Belgien einerseits und Deutschland andererseits in irgendeiner Form garantieren wollen. Aber es muß betont werden, daß die Unverletztbarkeit (sanctity) dieser Grenzen die Grundlauge unseres eigenen Schutzes bildet. Es stände in unserer Macht durch Uebernahme der Garantie für dieses Friedensabkommen Frankreich und Belgien ebenso wie Deutschland ein Maß von Vertrauen zu vermitteln, das diese Mächte in einem Vertragswert, an dem wir nicht beteiligt sind, nie finden könnten."
Sie englische «ussaffung zur teutschen
Gicherheitsnoie in Paris
- Paris, 27. Juli. Die englische Botschaft In Paris teilt mit, baß die britische Regierung ihre Auffass Mg M deutschen Note über den Sicherheitspakt nach Paris über, mitte« habe und daß demnächst der englische Botschafter in Paris, Lord Creme, Briand seine persönlichen Erläuterungen zu der englischen Rote machen werde.
Der britische Ministerpräsident Baldwin erklärte in einer Rede vor der konservativen Partei, daß in der Sicher- Hettsfrage noch manche Punkte zu lösen seien und daß die Wichtigkeit der Frage eine beschleunigte Prüfung dieser gan- zen Angelegenheit erfordere. Die Verhandlungen über die B dürften in keinem Moment abreißen und man müsse mühen, die normalen Verhältnisse in Europa wieder eilen. Es lasse sich allerdings nicht leugnen, daß bis zur völligen Befriedung Europas noch ein weiter Weg sei. _ Nach einer Meldung aus Paris scheint sich Amerika
neuerdings doch wieder für den Sicherheitspakt interessieren zu wollen. Obwohl E o o l i d g e kürzlich mehrfach erklärte, Amerika sei an der Sicherheitsftage völlig unmterreffwrt, so verlautet jetzt wieder, daß er zu einer demnächst in Brüssel stattfindenden Konferenz wegen des Sicherheitspaktes einen nichtoffiziellen Beobachter entsenden werde. Zu dieser Mel- dung stimmen die Berichte über ein Interview, daß Coolidge mehreren Zeitungsvertretern gab, und in dem er erklärte, daß er nicht verabsäumen werde, um seine Mitarbeit für die Befriedung Europas zur Verfügung zu stellen, natürlich nur, soweit es im Rahmen der von Amerika festgelegten internationalen Politik möglich sei. Coohbge wird, einer Londoner Meldung zufolge, demnächst den amerikanischen Botschafter in Belgien, Willia m P h i l i p p s, empfangen. Man bringt diesen Empfang in Zusammenhang mit der Absicht Eoolidqes, bei der Sicherheitskonferenz in Brüssel einen amerikanischen Vertreter zu haben. .
Der Londoner „Observer" widmet einen längeren Aussatz der deutschen Antwortnote über den Sicherheitspakt und nennt sie eins der klügsten Dokumente, die man seit Jahren gesehen habe. Trotzdem fragt sich, das Blatt, ob die Rote nicht viel zu weit über das nächstliegende Ziel, nämlich den wirklichen Abschluß des Sicherheitspaktes, hinausgehe. In Paris werbe man bei dem genauen Studium der Note von Tag zu Tag mißtrauischer. Die Erklärungen des deutschen Reichsaußenministers feien zwar meisterhaft in Ton und Form, zeigen aber deutlich, daß man den Sicherheitspakt nur als Punkt auf einer Linie betrachte, an deren Ende eine ganz andere Absicht Deutschlands zu erkennen sei. Der „Ob- serv-r" will aus den Worten Stresemanns das deutsche Be- streben lesen, mit Rußland möglichst enge diplomatische Be- ziehunoen aufrecht zu erhalten. Dem entspräche auch die Weigerung Deutschlands, sich ein Durchmarschrecht durch deutsches Gebiet gefallen zu lassen, denn damit wolle man einen Angriff Rußlands auf Polen erleichtern und den polnischen Bundesgenossen, wie Frankreich, es unmöglich machen, Polen schnelle Hilfe zu schicken. Gerade der ^at Polen sei geeignet, zwischen England und Frankreich ernste Differenzen hervorzurufen und die beiden Alliierten von ein» ander zu trennen. Wenn Stresemann die Frage der allgemeinen Weltabrüstung in seiner Note forderte, so Jet er da- nur wieaerum zu weu w< _-----r^-.- den Fragen. Er halte die Erörterung dieser ebenso übereilt wie die Forderung auf eine Beschleunigung _ der Räumung des Rheinlandes. Gewiß sei England daraus bedacht, das Rheinland möglichst bald zu räumen, aber eine vorzeitige Erörterung dieser Frage könne nur das Mißtrauen Frankreichs geoenüber Deutschland stärken. Gerade kos französische Mißtrauen werde die Ursache sein, daß der große Plan eines Paktes der Weltmächte zu keinem Ergebnis führe. Die Franzosen schneit nun einmal nicht von dem ArgWipn los, daß sie durch den Sicherheitspakt auf irgendeine Weise in eine Falle gelockt werden sollten.
Ohne Verständigung in der Ahrüstungsfrage ein neuer Weltkrieg.
$• London, 27. Juli. Vor dem politischen Institut in Williamstown hat Sir Frederic Maurice über das Ab- rüstungsproblem gesprochen. Er stellte fest, daß ein neuer Weltkrieg unvermeidlich sei, wenn sich die Staaten Europas über die Entwaffnung nicht verständigen würden. F r a n k- reich, Rußland, Italien und Polen setzten unaufhörlich ihre Rüstungen fort. Wenn die Verständigung in der Abrüstungsfrage fehlschlagen sollte, werde es dahin kommen, daß die europäischen Staatsmänner durch Militärdiktatoren ersetzt würden.
Die Räumung vsrr Essen.
^ Essen, 27. Juli. Am Sonntag erfolgte der Abzug von drei Batterien mit je drei Geschützen des französischen Artillerieregilneuts 25 aus Essen. Damit ist äs erstes öffentliches Gebäude der Stadt das Gymnasium in Bredeney von ber Besatzung völlig geräumt. Nachdem dann mittags die Trikolore eingezogen worden war, verließ auch die letzte Bat- terie mit dem Rest der M.'-schaffen Brc. >). Die Truppen wurden aus bem Bahnhof Essen-Süd mit dem Marsä;zie> Landau verluden. Um 3 Uhr nachmittags besichtigte eine Kommission von Stadtvertretern das freigewordene Gymnasium, dessen Innenausstattung größeren Schaden davon getragen hat. Mit allen Kräften wird in den nächsten Wochen an den Wiederaufbau der Schule her- angegangen werden, so daß voraussichtlich der Lehrbetrieb nach den Herbstferien wieder ausgenommen werden taun. Sie Räume legen in ihrer derzeitigen Beschaffenheit ein beredtes Zeugnis der zweieinhalbjährigen Besetzung ab. Der Abzug dieser Artillerieabteilung ging ohne jede Reibung mit der Bevölkerung vor sich. Die Be- !satzungsbehörde hat die Gemeindeverwaltungen in Kenntnis Igefeit daß sie die bei der Besatzung abgelieferten Privat- waffen (die als Kriegswaffen geltenden wurden ausdrücklich
ausgeschlossen) gegen Aushändigung der seinerzeit von den deutschen Behörden erteilten Empfangsbescheinigung und gegen eine von der Polizei ausgestellte Vollmacht wieder in Empfang nehmen könnten. Der Oberbürgermeister fordert daher im Verwaltungsbezirk Essen (6tabt und Land) die Inhaber der Empfangsbescheinigungen auf, in der Zeit vom 28. Juli bis 4. August 6. I. die Empfangsbescheinigungen gegen Quittung nach Ausstellung einer Vollmacht a^uliefern.
Generalstreik im Gaargebiet.
4- Saarbrücken, 27. Juli. Nachdem die Saarregierung in dem Lohnkonflikt zwischen Bergarbeitern unb der Berg- Werksdirektion eine Vermittlung abgelehnt hat, ist in einer stürmisch verlaufenen Revierkonferenz der Bergarbeiter- spitzenorganisationen im ganzen Saarbergbau die General- strcikparole ausgegeben worden. Damit hat die Krise im Saargebiet eine'Entwicklung angenommen, die für das ge- samte Wirtsachstsleben von schwersten Folgen sein muß. Es handelt sich um etwa 74 000 Bergarbeiter, die nunmehr vollständig der allgemeinen Wohlfahrtsfürsorge anheimfallen, nachdem schon in den letzten Wochen teilweise nur drei Schichten mit 45 Frank Wochenlohn verfahren worden sind. Durch Verhandlungen haben die deutschen Behörden für die im Trierer, Birkenfelder und Pfälzer Gebiet wohnenden Bergleute eine gewisse Vorsorge getroffen. Einer großen An- zahl von Familien werden bei einem Tagesverdienst von nicht viel mehr als einer Mark nach Abzug der Steuern und so- zialen Lasten schon längst Unterstützungen zugewiesen. Die Entsendung von Mordnungen nach Genf hat bei dem Hun- derttägigen Bergarbeiterstreik zu Beginn der Ruhraktion 1923 keinen Erfolg gezeitigt. Die Richtbeantwortung verschiedener bringenber Petitionen ist ebenfalls in keiner Weise geeignet, die berechtigte Erbitterung der Bergarbeiter zum sozialen Frieden zu führen. Das^ noch im Saargevret stättätll^le hu«- zösische Milttär hat eine größere Anzahl von Panzerwagen demonstrativ auffahre« lassen. Auch die neutrale Regierungs- kommission stellt dem französischen Bergfiskus ihre eigene be- waffnete Macht zum Schutze der Gruben zu Verfügung, weshalb bereits zahlreiche Belegschaften die Einfahrt verweigert haben. Die französischen Grubenverwaltungen haben bereits mitgeteilt, daß die erforderlichen Spezialkohlenmengen^ nicht weiter geliefert werden können. Infolgedessen werben in der Hüttenindustrie zahlreiche Betriebseinschränkungen notwen- big, so daß für Mitte der Woche auch größere Entlassungen von Hüttenarbeitern bevorstehen.
Die neue Maske des Separatistenhelden Matches.
^ Köln, 27. Juli. In diesen Tagen machte die Presse darauf aufmerksam, daß der frühere rheinische Sonderbund- lerführer Matthes zusammien mit eurer Mitarbeiterin, einer Frau Hübiier van Geldern, in Straßburg ein Korrespondenzbureau aufgetan habe unter dem Namen: „Bureau Kosmopolit". Matthes bietet deutschen Redaktionen Berichte aus Elsaß-Lothringen und Frankreich über die Schlachtfelder und Friedhofsanlagen Nordfrankreichs an. Frau Hübner van Geldern, die geistig geschicktere der beiden, versteht es ausgezeichnet, eine MeIdung so in frisieren, daß nur ein durch Verdacht geschärftes Auge die Tendenz zu erkennen vermag, die nach wie vor ben französischen Interessen dient. Die deutschen Zeitungen seien deshalb vor einem Abschluß mit dem Bureau Kosmopolit gewarnt. _______
Sowjetruffische KonzeffiouSpolitik.
E i n e R e d e T r o tz k i s. —«
^ Moskau, 27. Juli. Trotzki hielt vor der deutschen Arbeiterdelegation eine Rede über die Konzessioiispolitik der Sowjetregieruiig, in ber u. a. erklärte: Infolge der abwac tenden Haltung der ausländischen Kapitalistengruppen in die wirtschaftliche Bedeutung der Konzessionen im Rahnien der Sowjetwirffchaft verhältiusmäßig gering. Die Erfolge des raschen wirtschaftlichen Aufbaues veranlassen die Sow- jetregierung keinesfalls dazu, die Bedeutung von Konzessionen zu unterschätzen, vielmehr ist die Regierung gerade in Anbetracht dieser wirtschaftlichen Erstattung zu einer weit- gehenden Heranzichung von Auslandskapital geneigt. Sie erwartet davon eine Beschleunigung der okononnschen En - Wicklung der Sowjetunion. Die Koiizessionen im Leim-Gebiet und die Harrivian-Konzessionen dürften eine neue Periode lebhafterer Konzessionspolitik eröffnen. Mögen die Aus- länder, welche Konzessionen erhalten wollen, bedenken, daß die Bedingungen umso günstiger sein werden, je ftuher sie sich darum bewerben. 'Allerdings werben die Konzessions- betriebe in der Gesamtheit der SowjetwirMast niemals die Hauptrolle spielen, sondern stets eine untergeordnete Stellung einnehmen.