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yersfelöerTageblatt

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HersfelSer Kreisblatt'

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

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Nr. 176

Montag, den 3. August

1625

Das Wichtigste.

Die Räumung des Ruhr gebiete ist völlig durchgeführt. Das Schicksal der Sanktious - st ä d t e ist no ch ungewiß.

In Schneidemühl sind neue Scharen von deutschen Optanten aus Polen «»gekommen. Das Slend der Vertriebenen ist groß.

Die französische Marokkofront ist,an ver­schiedenen Stellen durchbrochen.. Die Frage des Nachschubs französischer Truppen nach Marokko wird lehr schwierig, Frankreich wirbt neuerdings Freiwillige. , ,

Unsere litauischen Nachbarn.

Litauen wird vielfach als eines der jüngsten, erst von der Entente Gnaden möglich gewordenes Staatsgebilde an- gefchen. In Wirklichkeit entstand ein gefestigtes, litauisches Staatswesen bereits unter der Dynastie der Lutuwer um 1290. . Die Machtentfaltung des litauischen Staates, der selbst in den Ordenskämpfen seine Selbständigkeit in zähem Verteidigungskrieg bewahrte, in bem sich der Orden, trotz mancher Einzelsiege verblutete, ließ aber eine Entwicklung emireten,- die für den Bestand des Litauertums eine Gefahr wurde. Litauen hat schon im 14. und 15. Jahrhundert das erleben müssen, was sich im russischen Reich in der Revolution 1905 auswirkte. ,

Polen und Litauen sind vor der Vereinigung aus gemein­samer Jnteressenpolitik dem Orden gegenüber nie gute Freunde gewesen. Der grundverschiedene rassische Charakter beider Rationalitäten führte vorher zu Jahrhunderte hindurch währenden Kämpfe zwischen ihnen, in denen der ungleich tapferere Litauer meist Sieger blieb und immer wieder Jahrzehnte hindurch Tausende von polnischen Gefangenen ins Land brächte und sie in den weiten, menschenleeren Ge­genden ansiedelte. So bestanden schon bei Unterzeichnung des "Vemetnfcyasisvertrages grope pvimfche Spra«-u^ neben den weißruthenischen im litauischen Staate.

Die russische Vergewaltigungspolitik richtete sich nach Ein­verleibung beider Länder, namentlich um das polnische Groß- magnatentüm für sich zu gewinnen, mehr und mehr gegen Litauen. Unter der russischen Herrschaft des vorigen Jahr­hunderts wurde allerdings das Polentum und feine Agi­tation stark eingeschränkt, aber auch die Litauer hatten nicht minder unter der russischen Bevormundung zu leiden. Ein großer russischer Beamtenapparat wurde aufgeboten, um vor . allem Steuern einzutreiben. Der härteste Schlag traf jedoch die Litauer durch das Verbot der Verwendung lateinischer Lettern für den Druck litauischer Schriften. Das war, prak­tisch genommen, eine absolute Unterdrückung des litauischen Schrifttums und Pressewesens überhaupt.

Aber gerade diese Verbote schufen eine starke Reaktion unter der litauischen Bevölkerung, in der nun mehr und mehr das Rationalgefühl erwachte. Und wie der Ausländs­deutschen größtenteils die Inländer an Heimatstolz und Nationalgefühl übertreffen, so waren es auch die nach Ame­rika ausgewanderten Litauer, die immer neue Geldsendun­gen für das litauische Schrifttum nach Tilsit aufbrachten.

Auf Grund der Volkszählung von 1897 wohnten im Gou- gernement Kowno 1019 774 Litauer, 139 618 Polen, 212 028 Juden, etwa 110 000 Groß-, Klein- und Weißrussen, 21762 Deutsche und 35 188 Letten. Im Gouvernement Wilna betrug die Zahl der Litauer 1897 279 877 gegen 130 054 und 202 374 Juden. Hätte nicht der russische Statistiker aus durch­sichtigen Gründen noch eine große Zahl Litauer einfach zu den Weißrussen gerechnet, so würde sich das Verhältnis sehr stark zugunsten Litauens verschieben. Die polnischen Ansprüche auf Wilna, die immer wieder Grund zu Plänke­leien zwischen Polen und Litauern geben, und bem Völker- bundrat so manche VerlegenlM bereiten, sind also, wenn wirklich von einem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das wir Deutschen ja zur Genüge kennen lernten, die Rede wäre, völlig ungerechtfertigte.

Die zur Erschließung des Landes völlig ungenügenden Eisenbahnverbindungen, das gänzliche Darniederliegen des Schul- und Bildungswesens auf dem platten Lande waren die Ursache dafür, daß der litauische Bauer mehr oder weni­ger Analphabeth blieb und viel zu weltfremd dahinlebte, um sein politisches Schicksal beeinflussen zu können.» Das Li- tauertum war tasüchlich in eine gewisse Lethargie versunken, aus der es erst erwachte, als es sich in der deutschen Be- satzungszeit regen und betätigeN durfte. Der Litauer hat gezeigt, daß es ihm möglich war, fein Volkstum wieder zu gewinnen. Der Nationalstolz, der Gedanke an feine große Vergangenheit und nicht zuletzt die Kampfstellung gegen das Polentum und den Bolschewismus sind es, die alle litauischen Kräfte zusammenschweißen und neben der Pflege des Schul- ivesens vor allem an der Errichtung und Ausbildung einer Wehrmacht arbeiten lassen.

Zwar versucht die Entente mit allen Mitteln, das Heft in der Hand zu behalten, und die schon während des letzten Kriegsjahres sehr ungleiche deutsche Politik, die in den ersten Jahren nach der Revolution geradezu ungeschickt operierte, hat die Anbahnung eines gesunden deutsch-litauischen Ver­hältnisses erschwert.' Aber schon hat der Litauer erkannt, daß die Alliierten dem polnischen Ränkespiel besonders in der Wtlnafrage nichts Positives entgegensetzen können, weil

Frankreich seinen Vasallenstaat weitgehendst schützt. Weiter erkennt der Litauer mehr und mehr die deutsche Tüchtigkeit.

Litauen ist ein wichtiges Absatzgebiet für die deutsche Industrie. Zur Erschließung des Landes und für strategische Zwecke braucht es Eisenbahnen. Die Landwirtschaft wird um so mehr Geräte und Maschinen benötigen, je mehr der litau­ische Bauer erzogen wird, nicht bloß wie bisher nur einzelne Teile seines Landes zu bebauen und andere, die er nicht dringend für seinen eigenen Bedarf braucht, brach liegen zu lassen, sondern möglichst viel Produkte zu erzeugen. Anderer­seits .ist Litauen für feine Flachs- und Holzausfuhr und um viele andere Produkte abzufetzen, auf Deutschland als Ab­nehmer angewiesen.

Beide Länder sind vom polnischen Größenwahn bedroht, Litauen führt einen erbitterten Kampf gegen den Bolschewis­mus. Je tatkräftiger Deutschland hier feine Unterstützung leiht, ein desto treuerer Bundesgenosse wird Litauen werden. Die Interessen beider Rationen sind in vieler Hinsicht die gleichen. W. M.

Die Ruhrräumung vollzogen.

£ Essen, 1. August. Die letzten französischen Truppen haben am Freitag nachmittag mit klingendem Spiel das Ruhrgebiet ««lassen und sind in der Richtung Landau und Germersheim (Pfalz) »erlaben worden. Damit ist das Ruhr- gebiet mit A u s n a h m e> i r Sanktionsstädte voll­ständig geräumt.

Belgien und die Garantiepakifrage.

^ Paris, 1. August. In einem Memorandum- zu der deutschen Antwort vom 20. Juli, das dem Quai d'Orsay über­mittelt wurde, stellt die belgische Regierung nach einem Brüsseler Telegramm desE ch o d e s P a r i s" grundlegend fest, daß der geplante Garantiepakt soweit wie möglich dem Genfer Protokoll angepaßt werden müsse. Die belgische Re- ^^^^^LaM^^n^w^ickierunasvak^rößereWirkunger- ziele, wenn zu be

Garantie der Völkerbundstaaten hinzukomme. Vandervelde wünscht, daß in den Sicherungspakt eine Zusatzklausel ausge­nommen wird, nach der die vertragschließenden Mächte sich verpflichten, in jedem Falle von einer Kriegserilärung ab- zusehen. Der Grundsatz der Schiedsgerichtsbarkeit werde da­mit in noch höherem Maßstabe als im Genfer Protokoll zur Anwendung kommen. Der Brüsseler Vertreter desE d) o d es Pawi s" weist zum Schluß darauf hin, daß Belgien sich mehr und mehr an den Völkerbund wie an eine Rettungs- planke anklammere, und deshalb könne man annehmen, daß die nächste Genfer Sitzung auf die Definierung und die Moda­litäten des Garantiepaktes einen größeren Einfluß haben werde. Die belgische Regierung bereitet eine Denkschrift vor, die in zwei Wochen veröffentlicht wird und sämtliche an der Frage des Garantiepaktes ausgetauschten Schriftstücke enthält.

Wie der diplomatische Korrespondent desD a i l y Te­legraph" berichtet, hat Vandervelde der englischen Regierung eine Antwort auf die ihm gesandte Abschrift der britischen Randbemerkungen zur deutschen Sicherheitsnote übermittelt.

Frankreich spekuliert aus Englands Nachgiebigkeit.

d" London, 1. August. Zu den vielen, sich meist wider- sprechenden Nachrichten von den deutsch-ftanzösischen Ver­handlungen über die Sicherheitsnote kommt eine neue des LondonerManchester Guardian", der zu berichten weiß, daß sich zurzeit die Juristen beider Länder damit be- fassen, zwischen der ftanzösischen und deutschen Auffassung von den Befugnissen des Völkerbundes einen Ausgleich her­zustellen. Im französischen Lager rechnet man bereits wieder damit, England breitzuschlagen und zu einem Ko mpr o m nach französischem Ge- schmack zu veranlassen. Die ftanzösischen Diplomaten hoffen, Chamberlain ihren Vorschlägen geneigt zu machen. Sollte er aber wider Erwarten auf seinem Standpunkt fest behar­ren, so würde B r i a » d seinen Einfluß geltend machen, selbst nach London reisen, um dort mit Chamber- lain in persönlicher Konferenz eine Einigung zustande zu bringen. Immerhin glaubt man in Paris, daß s o s ch n e l l eine Einigung unter den Alliierten nicht zust a n d e kommen wird, und daß es wohl Oktober oder gar November werden kann, ehe man mit den deutschen Ver­tretern zu einer Konferenz zusammenkommt.

Genehmigung der Handelsverträge mit Amerika, Norwegen und Griechenland'.

$ Berlin, 1. August. Der H an d e1s p o l i t i s ch e . Ausschuß des Reichstages genehmigte ohne tuek n äche Debatte in erster und zweiter Lesung: den Gesetzentwues

über den Freundschasts-, Handels- und Konsularvertrag zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Ame­rika, den Entwurf eines Gesetzes über das Abkommen mit Norwegen, wegen Einführung eines Vertragszollsatzes für gewisse norwegische Fischkonserven in Del vom 11. April 1925 und das deutsche Handelsabkommen mit Griechenland.

Zu dem Handelsabkommen mit Norwegen fand eine Entschließung des Abg. Fürst B i s m a r ck (Dnat.) Annahme, die die Reichsregierung ersucht, darauf hinzuwirken, daß die Exportabgabe in Norwegen aufgehoben werden möge,

Coolidge über die Stabilität Europas.

Die Notwendigkeit des Sicherheitspaktes.

^ London, 1. August, Wie derTimes"-Korrespondent aus Washington berichtet, ist Präsident Coolidge der Mei­nung, daß die Stabilität in Europa ohne internationale Ab­kommen, wie beispielsweise den Sicherheitspakt, nicht erlangt werden könne. Er wünsche, die Sicherheitspaktverhandlungen zu fördern, ohne indessen in irgendeiner Weise Partei zu er­greifen. Er glaube nicht, daß eine politische Stabilität ohne wirtschaftliche Stabilität erreicht werden könne; er würde stets auf der Fundierung der europäischen Kriegsschulden bestehen.

Das Elend der vertriebenen Opianien.

Schneidemühl, 1. August. Die von den Polen in rotester Weise vertriebenen deutschen Optanten strömen in immer größerer Zahl über die deutsch« Grenze. Waren in den vergangenen Tagen täglich mehrere hundert Menschen nach Schneidemühl gekommen, so hat die Zahl am Sonnabend mittag ihren Höhepunkt erreicht. In den letzten 24 Stunden sind nicht weniger als 3000 Flüchtlinge, und allein während der Nacht weitere 1600 in Schneidemühl eingetroffen.

Leider sind die deutschen Behörden. diesem unerwarteten - IStaTauj^än^^

laden und in den großen Flugzeughallen, die ihnen als vor­läufige Unterkunftsstätten dienen müssen, untergebracht. Dort müssen die Beklagenswerten Hausen, bis weitere Hilfe ihnen zuteil wird. Aber auch schon reichen diese Riesen- Hallen nicht mehr, und es müssen öffentliche Gebäude zur Unterbringung in Anspruch genommen werden. Schneide- mühl macht heute den Eindruck eines Kriegsgefangenenlagers mit all feinem Elend, wie wir es von jenen Lagern zur Ge­nüge noch kennen. Nur ein Strohlager und einige Decken stehen den Vertriebenen zur Verfügung. Kinder, Männer und Frauen sind zusammen untergebracht. Nur den nötig­sten Hausrat haben die Flüchtlinge mitnehmen können. Da das Hab und Gut zumeist in Polen verkauft ist, sind sie mittellos.

Don Schneidemühl aus sollen die Vertriebenen verteilt und ihnen möglichst Arbeit verschafft werden. Fürs erste wird ihnen als Wegzehrung eine gewisse Summe Geldes zu- gewiesen. Die, spärlich zur Verfügung stehenden Helfer neh­men sich in geradezu aufopfernder Arbeit der Armen an und versuchen ihr Möglichstes, um ihnen ihr schweres Los zu erleichtern. Leider sind auch Krankheiten nicht ausgeblieben, und es sind bereits sogar einige Todesfälle zu beklagen. Auch Erkrankungen an der Ruhr wurden festgestellt, die aber dank der sofortigen Isolierung der Erkrankten zu keiner Epidemie ausarteten. Ein sehr schweres Los ist den Kindern und Säuglingen beschert, von denen auch bereits einige starben.

Es ist zu erwarten, daß noch weitere Scharen von Ver­triebenen über die deutsche Grenze fliehen werden, und es bleibt Aufgabe der deutschen Behörden, dem größten Elend der vom Schicksal zu hart Betroffenen schnell und möglichst erfolgreich zu begegnen. denn schließlich handelt es sich um Deutsche, die deutsches Wesen und deutsche Kultur in wider­rechtlich entrissenen Landgebieten tapfer verteidigten und auch die größten Opfer nicht scheuten. . , .

Hilferuf der Optanten an den Reichspräsidenten.

Schneidemühl, 1. August. Die in den Flüchtlings­lagern untergebrachten deutsche» Optanten haben an den Reichspräsidenten und die Reichsregierung folgendes Protesttelegramm abgesandt:Viele hundert deutsche Op­tanten, durch polnische Willkürherrschaft von Haus und Hof vertrieben, erheben gegen die menschenunwürdige Behand­lung, die ihnen zuteil geworden ist, flammenden Protest und bitten den Herrn Reichspräsidenten und die Reichs- regierung, die unhaltbare Lage der Flüchtlinge mit allen Mitteln zu bessern, scharfe Gegenmaßnahmen gegen die in Deutschland befindlichen Polen durchzuführen, insbesondere die gleiche Anzahl Polen unter genau denselben Be- dingungen sofort aus Deutschland auszuweisen.

Der Tag der schwarzen Schmach für Polen.

Warschau, 1. August. Der 1. August, der Tag der gegenseitigen Ausweisung der Optanten, wird als Tag der schwarzen Schmach für Polen bezeichnet, da an dem Optauten- Austausch lediglich der polnische Wille schuld sei. Sachlich denkende Polen befürworten bei den Behörde» die Zurück­ziehung der Deutschenansweisungen im letzten Augenblick. Manche Anträae sind mit Sunberten von Unterschriften ver-