Reisfelder Tageblatt
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Hersfelösr Kreisblatt'
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS
Nr. 180 Dienstag, den 4. August 1925
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Das Wichtigste.
. —Die unhaltbaren Zustand e in Flüchtlings- uoevgairgslager in Schneidemühl werden von dem polnischen Gesandten in Amerika geschickt zu deutschfeindlicher Propaganda ausgenutzt.
— Die Behandlung der Danziger Post, affäre durch den Völkerbund ist derart skandalös, daß man an die Objektivität dieser Entschei- dungsstelle nicht mehr glauben kann.
— Die Lage in Marokko wird für die Fran - zo sen imm er sch wieriger, da die TruppenAbd el Krims dauernd im Vorrücken sind-
Der Gärungsprozeß im britischen Weltreich.
Die Zentralregierung des britischen Weltreiches wird von^ einer politischen Sorge in die andere gestürzt. Sehr ernst zu nehmen sind die innerpolitischen Schwierigkeiten Englands. , Die Krise im englischen Kohlenbergbau scheint doch für die englische Wirtschaft schwere Folgen zu haben. Vorläufig ist an keine Beseitigung der Notlage der englischen Industrie gu, denken. In Zukunft wird sich im englischen «nterljaufe eine starke Opposition gegenüber den gewaltigen Rüstungsbestrebungen des englischen Kabinetts Baldwin bemerkbar machen. Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle poli- tischen Bestrebungen der heutigen Zeit, eine allseitige Ab- rustung auf der Welt herbeizuführen und damit friedliche Verhältnisse in Europa und auf der ganzen Erde zu erreichen wenn die englische Regierung mit einem ungeheuren Rustungsprogramm vor die Oeffentlichkeit tritt. Mit Recht ist int englischen Unterhaus von den Opposttions- rednern betont worden, daß England heutzutage keme ernstlichen Gegner mehr zu fürchten hat. Die deutsche Flotte liegt in Scapa Flow begraben. Gegenüber Japan und Amerika reicht die englische Armada in ihrem -^Hi^W-ÄR1 ”ii%""iifetfT"I"" "".'. IM»« LMt^Dijch hsnh। sichtrgt, große Unterseebootbauten ausführen zu lassen. <SttgT tand ist aber seitens Frankreich nicht zur See, sondern in der Luft bedroht. Es wäre also verständlich, wenn England seine Luftstreitkräfte in starken: Maße ausbauen und ver- mehren würde.
Im britischem Weltreich gärt es überall. Zu den innerpolitischen Schwierigkeiten kommen noch viel ernster'zu nehmende außenpolitische. Man kann nicht glauben, daß die Verhältnisse in Irland zu einer gewissen Stabilität gesonnten sind. In der irländischen Freiheitsbewegung ist nur eine kurze Atempause zu verzeichnen. Wer den irländischen Volkscharakter kennt, der weiß, wie zähe der irländische Menschenschlag in der Verfolgung seiner politischen Interessen ist. Ueber kurz oder lang ist mit dem Ausbruch neuer Unruhen in Irland zu rechnen. Sehr interessant ist es, daß der indische Nationalistenführer Ghandi aus seiner bisher gewahrten politischen Reserve heraus politische Aktivität entfalten will, Der Kampf des indischen Volkes um die indische Souveränität scheint damit in ein Stadium gekommen zu sein, wo die indischen Parteien mehr Aggrefsiv-Politik treiben wollen. England kann politische Kämpfe in Indien schwer vertragen, da es vollauf mit der Sicherung der Grenzen Indiens nach Norden gegen Sowjetrußland beschäftigt ist.
In den letzten Wochen ist es offenbar geworden, daß der Wirtschaftskampf des chinesischen Riesenreiches sich ausschließlich gegen England richtet. Nein zahlenmäßig betrachtet stehen in Asien ungefähr über 700 Millionen Asiaten in Kampfstellung gegen die Vormachtstellung Britanniens int Fernen Osten. Die Weltmachtstellung des englischen Reiches im Fernen Osten scheint erschüttert. Für die deutsche Politik ist es von Wichtigkeit, daß der französische Botschafter in Peking nicht gewillt ist, mit den englischen Politikern in Asien durch Dick und Dünn zu gehen. Frankreich verlangt also gewissermaßen für eine Unterstützung der englischen Politik in China europäische Kompensationsobjekte. In diesem Fall würde Deutschland wieder der leidtragende Teil sein. Die französische Unterstützung in China muß England durch Nachgiebigkeit in der europäischen Sicherheitsfrage erkaufen.
- Wie steht überhaupt England gegenüber den politischen Verhältnissen auf dem Kontinent? Die moderne Entwicklung der Technik und Zivilisation zwingt England zu Wegen neuer Politik. England kann keine Isolationspolitik mehr betreiben. In einer Zeit, wo man im Flugzeug oder per Schiff in wenigen Stunden nach London fahren kann, wo man mit Geschützen vom europäischen Festlande 80 Kilometer weit den englischen Boden mit Granaten bestreichen kann, ist Englaich zu einem Festlandstaate geworden. Das Schicksal des englischen Reiches ist in Ankunft eng mit dem Europas verknüpft. Wir dürfen nicht mehr daran glauben, daß England eine Politik betreibt, das Gleichgewicht in Europa zu sichern. Das Schwergewicht der imperialistischen Politik bet Gegenwart ist infolge der Erweiterung der geographischen und wirtschaftspolitischen Dimensionen nach dein Stillen Ozean verlegt worden. England kann heute gegen Frankreich, das in Europa eine militärische und politische Vor- Machtstellung innehat, nicht Deutschland irgendwie ausspielen Tiber dennoch ist es richtig, wenn man sagt, daß die Interessen
Englands in der Gegenwart dieselben sind wie die Europas. Durch wirtschaftliche, geschichtliche, kulturelle und politische Beziehungen wie durch die militärischen Errungenschaften des Krieges ist England zu einem europäischen Festlandstaate gemacht worden. England empfindet die französische Vor- machtstellung in Europa als drohende Gefahr, wenn auch die englischen Politiker in der Oeffentlichkeit das Gegenteil betonen. Es kann gegenwärtig nicht so, wie es möchte, sich mit den akuten politischen Fragen Europas befassen. Die weltpolitischen Sorgen der englischen Regierung nehmen ihre geistige Intensität voll in Anspruch, Es wird Aufgabe der Deutschen sein, daß wir unter Ausnutzung der zentralen Lage Deutschlands darauf achten, daß Deutschland bei der Entscheidung über die Sichtung des europäischen Konfliktstoffes des Jahres 1925 nicht ausgeschaltet wird, sondern unter energischer Wahrung seiner Interessen Deutschland wieder die Weltstellung erringt, welche es 1914 innegehabt hat.
Die Rechtslage in der Optantenfrage.
^ Berlin, 3. August. Reichsaußenminister Dr. Strese- mann führte über die Rechtslage in der Optantenfrage das Folgende aus: „Während deutscherseits seit Jahren der Standpunkt vertreten worden ist, daß die beiderseitigen Optanten zwar das Recht, nicht aber die Pflicht haben, ihren Wohnsitz in den Staat zu verlegen, für den sie optiert haben, ist polnischerseits geltend gemacht worden, daß die Optanten zur Abwanderung verpflichtet sind. Bei den sogenannten Wiener Verhandlungen über die Staatsangehörigkeits- und Optionsfragen im August v. I. hat diese Meinungsverschiedenheit eine große Rolle gespielt. Sie ist aber bedauerlicherweise durch den Schiedsspruch des Präsidenten Kaeckenbeeck zuungunsten Dxutschlands entschieden worden. Im Verlaufe der weiteren Verhandlungen war es der deutschen Delegation also nur möglich, für eine Einschränkung des Kreises der Optanten und für möglichst günstige Abwanderungsbedingungen einzutreten. Das Ergebnis ist festgelegt in bem schon genannten Wiener Abkommen vom 30. August 1924. Nach diesem Abkommen ist ein Optant zur Abwanderung nur dann verpflichtet, wenn er von der deutschen oder polnischen Regierung eine schriftliche Abwanderungsaufforderung er- jenigen Personen, die für Deutschland optiert hatten, die Ab- wanderungsaufforderung zugestellt. Daraufhin hat sich sechstverständlich auch die deutsche Regierung zu dem gleichen Schritt entschließen müssen. In den von ihr versandten Ab- wanderungsaufforderungen ist jedoch ausdrücklich vermerkt, daß das Deutsche Reich von dem Recht, die Abwanderung zu verlangen, nur deshalb Gebrauch gemacht, weil polnischerseits die Abwanderung erzwungen wird." Nach den Schätzungen der deutschen Behörden werden von der Abwan- derungspflicht zum 1. August etwa 20 000 deutsche Optanten in Polen betroffen. Von diesen ist bereits eine Anzahl abgewandert, ohne die zwangsweise Abschiebung abzuwarten. Die deutsche Regierung hat auch nach bem Zustandekommen des Wiener Abkommens nichts unversucht gelassen, um in Verhandlungen mit der polnischen Regierung den Kreis der abwanderungspflichtigen Optanten einzuschränken. Diese Verhandlungen sind so gut wie ergebnislos geblieben, und da Polen bereits die Abwanderung seiner Optanten aus Deutschland organisiert hat, verschiedene Eisenbahnziige mit polnischen Optanten Deutschland bereits verlassen haben und Polen auch die Wohnungen der deutschen Optanten beschlagnahmt hat, so muß leider mit aller Bestimmtheit damit ge- rechnet werden, daß Polen alle noch dort befindlichen deutschen Optanten zwangsweise abschiebt. Nun wird von polnischer Seite behauptet, die deutsche Regierung verhalte sich bei der Organisierung des Abtransportes der deuffchen Optanten aus Polen völlig passiv, "Um hierdurch Skandale zu provozieren. „Diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage. Die deutsche Regierung hat zwar in diplomatischen Verhandlungen im Interesse der deutschen Optanten bis zum letzten Augenblick alles versucht, um Polen zur Zurücknahme des Ausweisungsbefehls zu veranlassen, gleichzeitig aber in klarer Erkenntnis des polnischen Geisteszustandes bereits seit Mo- naten die Vorbereitungen für die Abwanderung der deuffchen Optanten aus Polen getroffen. Die deuffche Regierung hat alles getan, um in der Frage der Optanten zu einer den Grundsätzen friedlichen Zusammenlebens zwischen den Völ- kern und der Humanität entsprechenden Lösung zu kommen.
Wenn nun trotz unserer bis an die Grenze dep Möglichen gegangenen Bemühungen die Welt das traurige Schauspiel mittelalterlicher Austreibung Tausender von Familien von Heim und Herd erleben muß, so liegt die Schuld daran wahrhaftig nicht bei uns!”
Wie die deutschen Optanten in Polen schikaniert wurden.
^ Schneidemühl, 3. August. Schon Wochen vor der ^Aus- weisung wurden die deutschen Optanten auf das schärfste bewacht. In Stadt und Land war neben starken Polizeiaufgeboten viel Militär stationiert. Die fanatische Hetze und die Wut gegen die Deuffchen kannte keine Grenzen. Die polnischen'Geschäftsleute weigerten sich vielfach, an Deutsche Waren abzugeben. Deutsche Landarbeiter wurden durch allerlei Bedrückungen von ihren Arbeitsstätten vertrieben. Dafür wurden galizische Arbeiter eingestellt, die fast immer
für die kärglichste Bezahlung arbeiteten. Die polnischen Behörden taten das ihrige, den Optanten den Abschied von der Heimat zu erleichtern. Unerträgliche Steuern zwangen viele dazu, Hab und Gut zu verschleudern. Der Abtransport der Optanten wurde in der rigorosesten Weise durchgeführt. Männer, Frauen und Kinder wurden in schon überfüllte Abteile hineingedrängt. Auf schwangere Frauen, junge Mütter -und Kranke wurde keine Rücksicht genommen. Während der Fahrt wurden die Flüchtlinge von dem polnischen Zugpersonal, das sich über die Not und das Elend lustig machte, in gemeinster Weise beschimpft unb behandelt. Die Lage der Optanten im Durchgangslager in Schneidemühl, möge sie auch nicht an* genehm sein, ist im Vergleich zu den letzten Tagen in Polen rosig zu nennen.
Deutschfeindliche Propaganda.
£ New Park, 3. August. Die polnische Ausweisungs- frage wird in Amerika nach wie vor stark beachtet. Unverkennbar ist, daß die öffentliche Meinung mehr auf feiten Polens steht. Da die Berliner Regierung, von Amerika aus gesehen, sich nicht regt, um das Ausland aufzuklären, trägt Deutschland an dieser Auffassung die Mitschuld. In New Pork gab beispielsweise der Geschäftsträger Polens^ eine tange Erklärung ab, die allseitig abgedruckt wurde, offiziell« deutsche Erklärungen blieben dagegen vollständig aus. Die äußerst geschickte Erklärung des polnischen Gesandten gipfelte darin, daß Polen das Recht zu den Ausweisungen auj Grund des Versailler Vertrages zusteht. Es feien Verhandlungen unter den Auspizien des Völkerbundes in dieser Frage vorausgegangen. Die betroffenen Deutschen und die Reichsregierung hätten bereits seit Jahresfrist gewußt, was ihnen bevorstände, denn der von Deutschland und Polen anerkannte Schiedsrichter hätte einen Schiedsspruch gefällt, auj Grund dessen das Wiener Uebereinkommen zwischen Deutschland und Polen zustande gesammelt sei. Dieses Uebereinkommen besage, daß Deutsche Polen und Polen Deutschland verlassen müßten, falls diese nicht bereit seien, die Nationalität des betreffenden Landes anzunehmen. Polen, das seit Jahren mit der Ausweisung gerechnet habe, habe 'stärk diese' Erklärüngn^imerttmw^W^^^vWipWem die Zusammenhänge der deutschen Ostgrenzen weiß, wirkt, wird am besten durch einen Artikel des deutschfeindlichen „Herold" erhellt, den das Blatt unter der Ueberschrift: „Deuffchenausweisungen in ein neues Licht gerückt" bringt. Erst an diesen Artikel hängt die maßgebende Zeitung Meldungen aus Berlin Wer Schneidemühl an. Der geschaffene ungünstige Eindruck wird durch in sämtlichen Berliner Meldungen vorhandenen Anspielungen über Mißverhältnisse in Schneidemühl und das Versagen deuffcher Organisationen noch verschärft.
Um die polnische postZone
im Danziger ^fen.
£ Danzig, 3. August. Die „Danziger Neuesten Nach- richten" und die „Danziger Zeitung" hatten in ihren Ausgaben vom 1. August Sonderberichte ihrer Vertreter in Genf gebracht, die davon sprachen, daß es den Anschein hat, als ob die nach Danzig gesandte Kommission des Völkerbundes einen bereits gefaßten Plan unter einem indirekte:: polnischen Druck abzuändern versucht wäre. Von zuständiger Stelle erfahren wir hierzu, daß bereits in Danzig unmittelbar nach Besichtigung des Hafens von der Mehrheit der Kommffsion ein Plan zur Abgrenzung des Hafens für die polnische Post kurz umrissen worden ist. Eigenartigerweise begab sich die Kommffsion des Völkerbundes nach Beendigung ihrer Aufgabe nach Warschau, wo sie vom polnischen Postminister empfangen wurde. Es dürfte außer Zweifel stehen, daß sie bort von polnischer Regierungsseite in Danzig feindlichem Sinne beeinflußt worden ist. So gut wie sicher ist jedenfalls, daß nach ihrein Eintreffen in Genf, wo die Schlußberatungen gepflegt werden sollten, von bem-bärtigen polnischen Vertreter ein gewisser Druck auf sie ausgeübt worden ist Anders kann man es sich nicht erklären, daß es nötig war, noch zwei Tage hindurch, am 31. Juli unb 1. August, ausgedehnte Verhandlungen zu pflegen, obgleich, vie gesagt, der Plan für die Abgrenzung des Danziger ^afengebiets am Schluß des Aufenthalts der Kommffsion in Danzig so gut wie feststand. Das Vertrauen, das.manche Kreise immer noch in den Wert des Völkerbundes setzen, »ürste durch diese Arbeit hinter den Kulissen sehr erschüttert werden. Wenn nicht einmal eine besonders entsandte Kommission von Sachverständigen ein objettives Urteil frei von jeder Beeinflussung zu fällen imstande ist, wie soll man dann an die Mission und die Gerechtigkett des Völkerbundes noch glauben können?