Hersfelöer Tageblatt hersfelüer Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für -en kreis Hersfelö i»^W^^^^^»^^^^^»—«MMMM^M
Nr. 184 Sonnabend, den S. August 1925
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Das Wichtigste.
— Der Reichstag hat eine Entschließung angenommen, scharf gegen die polnischen Optanten in Deutschland vorzugehen und den deutsch enOp- tanten jede mögliche Hilfe zuteil werden zu lassen.
— Die französische Regierung lehnt es ab, die spanisch-französischen Friedensbe- b e d i n g u n g e n z u veröffentlichen, da sie den Zeitpunk taugenblicklichfürsehrungeeignet hält.
— Die englischen Arbeiter beabsichtigen, die Waren aller der Länder, die imstande sind, billiger zu produzieren und deren Arbeitszeit sich ni ch t nach den Washingtoner Abmachungen richtet, zu boykottieren. Der Beschluß richtet sich in erster Linie gegen D euts ch land.
Wirtschaftliche Katastrophenpolitik.
Unsere Wirtschaftspolitik, die zu fortschreitender Minderung des deutschen Exportes und Absatzes und zu einer allmählichen Lahmlegung des ganzen Wirtschaftslebens führen muß, verpflichtet uns, die Wirtschaft, die Parlamente und insbesondere die öffentlichen Verwaltungen aus ihrer geistigen Erschlaffung aufzurütteln. Es ist hoch an der Zeit, daß Maßnahmen getroffen werden, um Schlimmes von der deutschen Wirtschaft abzuwenden.
Die deutsche Landwirtschaft bietet zurzeit vielen Arbeitern Beschäftigung, die zum Herbst jedoch wieder beschäftigungslos werden und die Zahl der Arbeitslosen erheblich vermehren, die leider dauernd noch Zufluß aus der Industrie, insbesondere aus dem Bergbau, erhalten. Zunehmende Arbeitslosigkeit "bedeutet aber verminderte Kauf- und Steuerkraft.
Im deutschen Reichstag gehen zurzeit Beratungen vor sich, deren. Ergebnisse die Entwicklung der deutschen Wirtschaft aufs stärkste beeinflussen müssen.
Bei der Vorlage über die Getreidezölle braucht man eigenilsch kaum noch etwa', zu fahren; so daß die kommende Zollbelastung hierdurch schon im voraus eskoniptiert wurde. Von den Weltmarktpreisen haben die deutschen Getreidepreise eine gänzlich abweichende Richtung eingeschlagen. Während die Weltmarktpreise im letzten Monat erheblich gefallen sind, ist in Deutschland eine Befestigung zu konstatieren, so daß sich gegenüber dem Mai in Deutschland für Weizen eine etwa 13prozentige, für Roggen eine fast LOprozentige Verteuerung gegenüber dem Weltmarktpreisstand ergeben hat. Diese Entwicklung ist um so wichtiger, als nach den Berechnungen des statistischen Reichsamts der Anteil von Brot und Mehl an den Kosten der gesamten Lebenshaltung etwa 15 bis 16 v. H. ausmacht, der Brotpreisindex selbst im Reichsdurchschnitt schon etwa auf -150 stand. Bei den von der Landwirtschaft verlangten Mindestzöllen für Vieh und Fleisch, die nach deren Wünschen eine Verteuerung um etwa 40 v. H. gegenüber den geltenden Viehpreisen ergeben würden, würde es sich ähnlich verhalten. Dabei ist zu berücksichtigen, daß einem jährlichen Fleischverbrauch von 52 Kilo pro Kopf der Bevölkerung vor dem Kriege ein Verbrauch von 21,8 Kilo im Jahre 1923 und von 41 Kilo im Jahre 1924 gegenübersteht.
Wichtiger noch sind die Beschlüsse des Steuerausschusses des Reichstages, nach denen am 1. April 1926 die Mieten mindestens 100 v. H. der Friedensmiete betragen müssen. Von der Friedensmiete sollen dabei jährlich 15 bis 20 v. H. für den Wohnungsneubau zur Verfügung gestellt werden. Dem allgemeinen Finanzbedarf bleiben außerdem mindestens 20 bis 30 v. H. der Friedensmiete Vorbehalten. Wenn man dazu noch in Betracht zieht, daß zur Verzinsung der aufgewerteten Hypotheken und wegen der gestiegenen und noch steigenden Preise zur Unterhaltung der Häuser weitere Hundertteile der Friedensmiete aufgeboten werden müssen als bisher, so kann man sich leicht ein Bild von der Höhe der künftigen Mieten machen.
Eine derartig starke Verteuerung der gesamten Lebenshaltung durch Steigerung der. Mieten und der Preise für die allerwichtigsten Lebensmittel kann nicht ohne jeden Aus- gleich zum Einkommen getragen werden. Diese Verteuerungen müssen unzweifelhaft schwere Lohnkämpfe auslösen und eine Steigerung der Löhne nach sich ziehen. Auf der anderen Seite jedoch erklärt die deutsche Wirtschaft, daß sie nicht mehr in der Lage sei, weitere Lohnsteigerungen zu gewähren, da sie auf den: Weltmarkt vielfach schon jetzt wettbewerbsunfähig wäre. Die steigende Zahl der Arbeiterentlassungen, die immer mehr zunehmende Stillegung von Betrieben und die er- schreckende Steigerung der Lagerbestünde, vor allem bei den Gruben, reben freilich eine besondere Sprache. Bei der Reichsregierung und auch bet den Parteien scheint vielfach der Ernst unserer wirtschaftlich schlechten Lage nicht erfaßt zu werden, sonst wäre bei die en wichtigen Zoll- und Steuer- fragen eine solche Haltung einfach nicht erklärlich.
So unerläßlich es ist, im Interesse der Landwirtschaft wie unter handelspolitischen Gesichtspunkten die Frage der Agrarzölle gründlich zu prüfen, so unbedingt notwendig ist es auf der anderen Seite, einen etwa als unumgänglich anerkannten Schutz auf das geringst mögliche Maß zu lurschrün- ken; so notwendig ist es auch, der Wohnungsnot durch Neu
bauten mittels staatlicher Maßnahmen abzuhelfen, und so gerechtfertigt es erscheint, die Inhaber alter Wohnungen hierzu beitragen zu lassen, und so sehr auch von einer Belebung des Baumarktes günstige Anregungen für die ganze Wirtschaft zu erwarten sind, so wenig kann es begründet werden, eine Sondersteuer, wie sie die Hauszinssteuer darstellt, dazu zu benutzen, um den öffentlichen Körperschaften eine verschwenderische Ausgabenwirtschaft zu ermöglichen. Es scheint vergessen zu sein, daß wir den Weltkrieg verloren haben und so verarmt sind, daß wir nur noch etwa die Hälfte unseres früheren Volksvermögens besitzen, sonst würde sich nicht der Aufgabenkreis, vor allem der der Gemeinden, gegenüber der Vorkriegszeit so erheblich erweitert haben. Wir müssen also in unseren Ausgaben uns zeitgemäße Einschränkungen auferlegen. Auch muß immer wieder darauf hingewiesen werden, wie unverantwortlich vielfach von den Ge- meinben mit ihren Einnahmen gewirtschaftet wird. Es wird höchste Zeit, daß hier ernstlich Abhilfe geschaffen wird.
Alsdann wird es möglich sein, die gesamte Steuerlast in der für die schwer ringende Wirtschaft notwendigen Weise herabzusetzen und der Gesundung entgegenzuführen.
Eine Entschließung zur Optantensrage.
£ Berlin, 7. August. Die Reichstagsdebatte über die Optantenfrage wurde abgeschlossen, und unter Zurückstellung aller anderen Anträge wurde einmütig von allen Parteien mit Ausnahme der Völkischen und der Kommunisten folgende Entschließung angenommen:
„Der Reichstag protestiert gegen die von der Regierung der Republik Polen rücksichtslos verfügten Ausweisungen.
Lr gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß durch eine solche Verletzung unveräußerlicher Menschenrechte dem Frieden der Welt nicht gedient wird. Der Reichstag fordert die Reichsregierung auf, auch weiterhin alle möglichen Gegenmaß- regeln zu ergreifen, um die polnische Regierung von der Fortsetzung einer so verderblichen Politik abzuhalten und mit allen Kräften für das und die Zukunft der ver^
Die «usweisung polnischer Optanten aus Deutschland.
Lüneburg, 7. August. Die Ausweisung der polnischen Optanten aus Deutschland, die eine Vergeltungsmaßnahme für die Ausweisungen Deutscher aus Polen ist, wurde im Regierungsbezirk Lüneburg fast reibungslos durchgeführt. Nur in Wilhelmsburg sind noch einige Auszuweisende, die mit Gewalt abgeschoben werben sollen.
Ausweisung eines deutschen Führers aus Polen.
£ Bromberg, 7. August. Der Hauptschriftleiter der Tageszeitung „Deutsche Rundschau", Gotthold Starke, ist von der polnischen Regierung als Optant ausgewiesen worden, obwohl er-die polnische Staatsangehörigkeit besitzt. Die polnische Regierung schreitet also dazu, eigene Staatsangehörige deutschen Stammes, die ihr politisch unbequem sind, auszuweisen. Die deutschen Behörden in Polen sind angewiesen worden, schärfsten Protest gegen diese Gewaltmaßnahme zu erheben und die Rücknahme der Ausweisung zu verlangen.
Boykott der Danziger Messe durch die polnischen Kaufleute.
■£ Posen, 7. August. Der Vorstand des Verbandes polnischer Handelsgesellschaften hat in einem Rundschreiben seine Mitglieder aufgefordert, die Danziger Messe zu boykottieren. Es wird darauf hingewiesen, daß der bisherige teilweise Boykott schon insoweit gewirkt habe, als die Messe verschoben werden mußte. Verschiedene große Zeitungsverlage haben sich gegenseitig verpflichtet, keine Inserate für die Danziger Messe in ihren Zeitungen aufzunehmn.
Baldwin verteidigt sich vor dem Ltnter Hause.
- London, 7. August. Ministerpräsident Balbwin verteidigte sich in einer sehr bedeutsamen Rede vor dem Unter- Hause. Er führte aus, daß die Regierung nicht anders habe handeln können, wenn sie es nicht zum Generalstreik im Kohlenbergbau kommen lassen wollte. Ein Bergavbeitetfheil hätte der Wirtschaft einen Schaden von Hunderten von Millionen gebracht; die Regierung habe sich daher entschlossen, den Bergbau durch staatliche Geldmittel zu unterstützen. Das gesamte Kabinett habe diesem Schritt einmütig ^gestimmt. Die Regierung sei sich über die große Bedeutung dieses Schrittes völlig klar. Nur im Zeichen des Arbeitsstiedens könne die englische Industrie für das stark übervölkerte England produktiv arbeiten. Wenn die Regierung nochmals von den Arbeitnehmergewertschasteu herausgefordert wurde, dann würde er den Arbeitern erklären, daß ein« Minderheit in
einem freien Staatswesen nie die Gesamt^it zwingen sönne, sich ihren Wünschen unterzuordnen. Erst wenn das gesamt« Volk hinter einer starken Regierung stehe und sich selbst gegen Hebelgriffe einer Attnder Heft schütze, könnten die anarchifti- schen Kräfte zum Schweigen gebracht werden. Nach Baldwin sprach MacDanald, der baraitf Hinwies, daß die Regierungs- unterstützuna dazu diene, um den Grubenbesitzern ihren bisherigen Verdienst zu erhalten. Die von der Regierung zugesagten Subventionen hätten die Lage gerettet; denn die Arbeiterschaft hätte sich unter keinen Unsständen eine Lohnherabsetzung gefallen lassen. Er hofft, daß in den nächsten Monaten eine Klärung der wirtschaftlichen Lage Englands herbeigeführt werde. Nur die geschlossene Haltung aller Industriearbeiter habe sich bei der Regierung und den Arbeitgebern durchsetzen tönen er». Llo yd George unterzog die Re- gierungsvolitik im Raum» der Liberalen einer scharfen Kritik. Eine Umerstützung von zehn Millionen Pfund wäre keines- wegs Ausreichend; bald würde eine höhere Summe verlangt werde« Eine unbegrenzte Unterstützung des Bergbaues bringe die größten Gefahren. ._^^.».^-. —
Die englischen Arbeiter gegen die deutsche Konkurrenz.
London, 7. August. Der Vorstand der englischen Ar- beiterpartei beschäftigte sich in einer Sitzmuz mit der Einfuhr billiger ausländischer Erzeugnisse zum Nachteil der englischen Industrie. Es wurde beschlossen, bei der Arbetterschaft daraus hinzuwirken, alle eingeführten Waren, die unter schlechteren Arbeitsbedingungen als in England produziert würden, zu boykottieren. Dieser Beschluß richtet sich vor allem gegen Deutschland, da die englische Arbeiterpartei der Ansicht ist, daß Deutschland infolge niedrigerer Löhne und schlechterer Arbeitsbedingungen billiger produzieren könne als die englischen Unternehmungen. Der Boykott soll nur dann in Kraft treten, wenn die Möglichkeit besteht, die- ^ti^ygmg^^^np^^j^iyyayLSeyxirfcgmmla-. treten und diesen Beschluß bestätigen. In: September soll er der Parteikonferenz zur Hinnahme empfohlen werden. Der Boykott soll auch über die Waren der Länder verhängt werden, in denen die Arbeiter eine längere Arbeitszeit haben, als im Washingtoner Abkommen vorgesehen sei. „
Botschafter von Hoesch bei Briand.
£ Paris, 7. August. Botschafter von Hoesch ftattete Briand einen Besuch ab und hat in einer halbstündigen Unterredung schwebende Fragen zur Sprache gebracht. Briand legte Wert darauf, vor seiner Aussprache mit Chaniberlain durch den deutschen Botschafter einige neue ergänzende Angaben über die Stellungnahme Deutschlands zu erhalten. Herr von Hoesch hat bei der Unterredung auch der Genugtuung Deutschlands über die bevorstehende Räumung Düsseldorfs, Duisburgs und Ruhrorts Ausdruck verliehen (?).
Der Meinungsaustausch über die Antwort an Deutschland.
Paris, 7. August. Nach übereinstimmenden Informationen wird Bandervelde vorläufig nicht nach London reisen. Er befinde sich augenblicklich zur Erholung in einem Bade, werde aber, sobald es sein Gesundheitszustand erlaube, nach London fahren. Me weiter bestätigt wird, werden nur Berthelot und die juristischen Sachverständigen Leger und Fronrageot Briand begleiten, so daß also nur das Sicherungs- problem zur Sprache tomme. Nach dem „Petit Journal" ist der französische Antwortentwurf fertiggefteHt. Ueber den Inhalt sei zwar nichts bekannt, es stehe aber fest, daß Briand in zwei grundlegenden Fragen nicht nachgeben werde: In der bedingungslosen Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und in der Zuläffigkeit eines französischen Eingreifens zugunsten Polens und der Tschechoslowakei im Falle eines deutschen Uebergriffs. Wenn Briand die Zustim - mung Chamber I ain s zu bem Antwort- entwurf erhalten habe, werde der Quai d'Orsay noch in einen Meinungsaustausch mit Belgien, Italien und Japan eintreten und gleichzeitig auch Polen und die Tschechoslowakei auf dem Laufen den halten. Erst nach Abschluß dieses Meinungsaustausches werde die französische Antwortnote der Reichsregierung zugestellt.
Die Stellung der Sowjetregierung zu Frankreich und dem Garantiepakt.
Paris, 7. August. Krassin gab der Ueberzeugung Aus- druck, daß die franzMch-russifcheu Schuldenverhandlungen bald zu einem greifbaren Ergebnis führen würden. Wäh- rend |eines Moskauer Wyentchüts habe er sich bemüht, möglichst viel Bestellungen nach Frankreich mitzubekommen, habe aber die Feststellung machen müssen, daß die russische Handelsvertretung durch das burcaufratifebe Verhalten der fron« Zäpfchen Behörden stark gehemmt werde. Weiter trat Krassi«